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Bundestagswahl

Regierungsauftrag für den SSW!

Bundestagswahl: Regierungsauftrag für den SSW!
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Die Bundestagswahl wirft viele Fragen auf: Wieso ist die FDP der Favorit bei Erstwählern? Warum ist der CDU-Kanzlerkandidat zu blöd zum Falten? Und welche Parteien sollen uns jetzt regieren? Deutschlands wichtigster Wahlbeobachter Cornelius W. M. Oettle macht den großen Koalitionscheck.

Ach du heilige Wahlurne, da haben wir ja einen Salat sondergleichen zusammenvotiert. Wo haben Sie denn Wählen gelernt? Dabei waren die Horrorszenarien doch vorab deutlich aufgezeigt worden: "Wer AfD wählt, sorgt für Schwarz-Grün" (Christian Lindner). "Wer FDP wählt, bekommt Rot-Grün" (Markus Söder). "Wer SPD wählt, bekommt Scholz als Kanzler" (Olaf Scholz). Und was Scholz bedeutet, wusste Armin Laschet: Linksrutsch!

Unterm Strich hieß das: Wer FDP wählt, wählt die Grünen. Wer die Grünen wählt, wählt SPD. Und wer SPD wählt, wählt die Linke. Syllogistisch zu Ende gedacht war demnach selbst eine Stimme für Alexander Graf Lambsdorff eine für den Sozialismus. Obwohl also fast alle direkt oder indirekt die Partei der Charismaköniginnen Janine Wissler und Susanne Hennig-Wellsow gewählt haben, ist die Linke nur an der Fünfprozenthürde gelandet. Dem sollte der Bundeswahlleiter mal nachgehen.

Doch egal, wen Sie ursprünglich gewählt haben: Ab jetzt haben Sie keinen Einfluss mehr auf das, was mit Ihrer Stimme angestellt wird, "das ist ja das Geile an der Demokratie" (Elmar Brandt, um 2002). Vor Gericht, auf hoher See und nach der Wahl ist man in Gottes Hand.

Vorweg: Die größte Überraschung und zugleich Wahlsieger mit klarem Regierungsauftrag ist eindeutig der SSW, der Südschleswigsche Wählerverband! Überdies herrscht allerdings nicht Wechsel-, sondern Endzeitstimmung. Manche sprachen von einer Klimawahl, aber die Klimawahlen haben wir längst hinter uns, und wir Trottel haben jedes Mal CDU gewählt. Sogar in diesem Jahr, in dem die Union dermaßen zügellos herumkorrumpiert hat, dass wohl selbst der kalte Kohl nochmal schamesrot geworden ist, finden es immer noch rund 25 Prozent von uns vertretbar, diesem nachweisbar völlig kaputten Gaunerclub an die Macht zu verhelfen. Zum Glück sind unter uns aber noch ungefähr genauso viele Leute, die alle Sinne beisammenhaben und lieber einen Bundeskanzler wollen, der Menschen mit Brechmittel foltern lässt und Steuergeld an Banken verschenkt.

Aber Klimawahl? Awa, Klimawahl isch over. Lassen Sie alle Hoffnung fahren, die Zukunft wird düster, bei den Erstwählern ist die FDP mit 23 Prozent auf Platz eins. Für uns stellt sich nur noch eine Frage: Wem gelingt es, die Apokalypse sozial verträglich zu gestalten? Schauen wir uns an, welche Koalitionsoptionen wir uns eingebrockt haben:

Schwarz-Grün-Gelb – Jamaika

Am brutalsten, aber auch am rasantesten erledigt wäre unsere Gesellschaft zweifellos mit der Jamaika-Koalition. Zwar könnten wir uns die Regierung mit einem Kanzler, der zu blöd zum Falten ist, flankiert von Reichenminister Lindner und Angriffsministerin Baerbock vielleicht eine Weile lang schönkiffen, weil Grüne und FDP die Legalisierung wollen. (Ja, ein Angriffsministerium braucht's. Die Bundeswehr müssen wir wieder irgendwo hinschicken, die hat nach dem abgeschlossenen Afghanistan-Erfolg zu viel Zeit. Und deutsche Soldaten mit zu viel Zeit sind bekanntlich ein innenpolitisches Risiko.)

Gleichzeitig aber träfe der kompromisslose Klimaschutz der Grünen auf die rigorose Weigerung von Union und FDP, entsprechende Maßnahmen gesellschaftlich gerecht zu gestalten. Man hat's ja gesehen: Wie besessen hat die Union dafür gekämpft, dass CO2-Kosten für Öl und Gas nicht zwischen Mieter und Vermieter aufgeteilt werden. Sie hält es für fairer, wenn diejenigen, die monatlich ihr halbes Gehalt an den anderen überweisen, auch noch die Umweltrettung bezahlen. Sonst können Vermieter ja nicht mehr so oft in den Urlaub fliegen. Christian Lindner als Schiedsrichter in derlei Streitereien wird jedenfalls kein Machtwort für ArbeitnehmerInnen, MieterInnen und anderes Gesocks einlegen. Jamaika ist der sicherste Weg, unser Land möglichst bald klimaneutral brennen zu sehen. Eigentlich verlockend. Drücken wir die Daumen, dass die FDP diesmal lieber falsch regiert als gar nicht.

Rot-Grün-Rot – die Kommunismuskoalition

Was haben wir noch? Rot-Grün-Rot? Nee, haben wir nicht, sofern sich nicht noch eine vierte Partei hinzugesellt. (Dein Stichwort, Südschleswigscher Wählerverband!) Der beachtlichen Ähnlichkeit der drei Wahlprogramme zum Trotz wäre aber auch niemand bei Grünen und SPD aufrichtig respektive doof genug gewesen, um sich lukrative Postpolitjobs in der freien Wirtschaft mit linker Politik zu verbauen: niedrigere Mieten, höherer Mindestlohn, Vermögenssteuer, Lobbyregister, früher Kohleausstieg, Tempolimit, weniger Geld für Rüstung und mehr für Rente – aaaaaaaaahhhh! Hören Sie das? Da schreit mein Vermieter. Und Ihr Chef. Und die Aktionäre, für die Sie morgens aufstehen. Diagnose: Herzinfarkt vor lauter Angst, von unserer Arbeit nicht mehr leben zu können. Alle schon auf dem Weg ins Krankenhaus. Die Umsetzung des rot-grün-roten Programms hätte unser Gesundheitssystem überlastet. Gut, dass es diese Koalition nie geben wird. Danke, NATO!

Rot-Schwarz – GroKo remastered

Coole, frische Idee – könnte man ruhig mal ausprobieren!

Schwarz-Rot-Gelb – die Deutschland-Koalition

Ließe man verkabelte Probanden einen Blick auf die GroKo-Politik werfen, so dürfte der Gedanke "Au ja, da hätte ich jetzt aber gerne noch den Wolfgang Kubicki dabei!" wohl eher selten bis gar nie für messbare Hirnstromwellenausschläge auf dem Elektroenzephalogramm sorgen. Insofern sehe ich keinen Regierungsauftrag für die Deutschland-Koalition. Die man übrigens nicht unbedingt Deutschland-Koalition nennen sollte. Gelb ist nicht Gold. Lesen Sie dazu ein Urteil des Bundesgerichtshofs aus dem Jahre 1959: "Die Bezeichnung der Bundesfarben als schwarz-rot-gelb, verbunden mit der sich harmlos gebenden Erörterung, ob 'Gold eine Farbe' sei, stellt das Wiederhervorholen einer der hämischsten Goebbels'schen Kampfparolen gegen die durch die Bundesfarben verkörperten Verfassungsgedanken der freiheitlichen Demokratie dar. Die Redewendung 'schwarz-rot-gelb' hat durch jahrelange nationalsozialistische Hetze die Bedeutung einer bösartigen Beschimpfung des demokratischen Staatssymbols erlangt." Als bösartige Beschimpfung der Demokratie muss man eine schwarz-rot-gelbe Koalition vielleicht nicht gleich bezeichnen, aber, naja, doch, schon.

Schwarz-Rot-Grün – die Kanzlerkandidatenkoalition

Konnten Sie sich bei den Triellen auch nicht entscheiden, weil alle drei so überzeugend waren? So ging's ja den meisten. Aber womöglich müssen Sie das auch gar nicht. Mit Schwarz-Rot-Grün bekommen wir den besten Kopf aus jedem Lager. Wenn aus Triell ein Trio wird. Mit Maybrit Illner und Oliver Köhr als Pressesprecher. Haken: Dieser dreiköpfige Cerberus frisst sich wahrscheinlich sehr bald selbst auf.

Rot-Gelb-Grün – die Ampel-Koalition

Fast so bunt wie die Papageien um Angela Merkel im Vogelpark Marlow. Womöglich war das ihr Wink mit dem Zaunpfahl, eine ornithologische Wahlempfehlung. Gebraucht hätte es diese Aufnahmen aber nicht: Wenn man die Altkanzlerin unbedingt inmitten lustiger Vögel sehen will, tut's auch jedes Gruppenfoto des Bundeskabinetts. Aber zurück zur Ampel. Kontext-LeserInnen wissen von meiner Hoffnung, Christian Lindner eines Tages als SPD-Bundeskanzler zu erleben. Mit der Ampel klappt's – und zwar so: Lindner billigt das rotgrüne Tempolimit, überwirft sich daher mit der FDP, wechselt zu den Sozialdemokraten, sägt Scholz per Misstrauensvotum ab und krönt sich selbst. Jaja, schon gut, ich mach' mal Fenster auf Kipp.

Schwarz-Blau-Gelb – die Bahamas-Koalition

Wuahahaha! Klingt wie ein Witz: Treffen sich Voldemort, Darth Vader und Captain Hook in der Bundesregierung. Zwar ausgeschlossen, aber nicht auszuschließen! Wenn die Union mit dem Rücken zur Wand steht, dreht sie bekanntlich durch. Und wer einen HG Maaßen in den Bundestag hieven wollte, kann doch auch mit der AfD kollaborieren. Die FDP hat's in Thüringen ja schon getan. Und die AfD steht eh Gewehr bei Fuß. Dieses wirtschaftsliberale Bündnis mit Hang zum Ausländerhass wäre die perfekte Pointe eines Wahlkampfes in einem Land mit der peinlichsten Vermögensungleichheit im ganzen Euroraum, wo jedes fünfte Kind in Armut lebt, und dessen einzige Sorge ein Linksrutsch hin zu ausgleichender Politik ist.

Apropos Ausländer: Gut 10 Millionen der hier lebenden durften mangels deutscher Staatsbürgerschaft gar nicht mitwählen, hinzu kommen etwa 13 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Was das unter Berücksichtigung der Wahlbeteiligung für den "Regierungsauftrag" egal welcher Koalition bedeutet, rechnen Sie sich mal schön selber aus, ich bin hier doch nicht der Himbeertoni.

Gedenken wir zuletzt noch aller Parteien, die es nicht in den Bundestag geschafft haben, die folglich für keine Koalition in Frage kommen und deren WählerInnen ihre Stimme einfach so verschenkt, verschwendet, verschleudert, vergeudet und weggeworfen haben. Sie haben Demokratie echt nicht verstanden, was? Ein echter Demokrat stimmt immer nur für die Partei, die in Umfragen vorne ist. Was sonst passiert, sieht man an den Grünen: Gegründet als Kleinpartei und damit unwählbar, zogen sie 1983 in den Bundestag ein, weil damals noch viel mehr Leute Demokratie nicht begriffen hatten. Heute hängt diese Kleinpartei in fast allen denkbaren Koalitionen drin. Shame on you, Kleinparteienwähler. Diese Bundestagswahl war viel zu wichtig, um nicht CDU zu wählen. Kleiner Trost für uns Konservative: Mit Laschet oder Scholz stellen wir in jedem Fall den nächsten Kanzler.


Cornelius W. M. Oettle ist "Deutschlands wichtigster Wahlbeobachter" (Eigenangabe) und Assistent des Abgeordneten Martin Sonneborn im Europäischen Parlament, wo es keine Fünfprozenthürde mehr gibt, weil sie im Jahr 2011 vom Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärt wurde.


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6 Kommentare verfügbar

  • Peter Nowak
    vor 2 Wochen
    Antworten
    Gute Satire zum Wahlergebnis. Nur die Überschrift hätte ich mir noch prägender gewünscht. Regierungsauftrag an den SUV wäre angesichts der starken Rolle der FDP doch passender gewesen.
    Peter Nowak
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