Bäuerinnen in Nordkamerun tragen Hirse zum Markt. Fotos: Kosack

Ausgabe 310
Debatte

Den Töchtern die Hälfte der Erde

Von Godula Kosack
Datum: 08.03.2017
In Schwäbisch Hall erarbeiten derzeit Kleinbauernvertreter, Menschenrechtler und Aktivisten aus aller Welt ein Manifest, das die Rechte der Landwirte stärken soll. Zum Frauentag spricht die Soziologin Godula Kosack über Kleinbäuerinnen weltweit. Wir drucken ihre Rede vorab.

Der 8. März wurde im Jahre 1910 von der 2. Internationalen Sozialistischen Frauenorganisation ins Leben gerufen als Kampftag für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern, das Wahlrecht für Frauen und die Emanzipation von Arbeiterinnen und Bäuerinnen. Die Vereinten Nationen erkoren ihn später als Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden. Mittlerweile wird er auch in den hintersten Winkeln der Erde gefeiert. Er ist ein Symbol der Hoffnung, nämlich der Hoffnung, dass Frauen weltweit eines Tages gleichberechtigt und gleich ermächtigt sein werden. Die Hälfte des Himmels, so heißt es, steht den Frauen zu. Wir aber sind hier versammelt, um uns dafür einzusetzen, dass ihnen die Hälfte der Erde zukommt. Davon sind wir zurzeit noch weit entfernt.

Laut Weltbank leben etwa 1,5 Milliarden Menschen weltweit in kleinbäuerlichen Haushalten. Kleinbäuerliche Produktion ist meist wenig produktiv, da es an Zugang zu Technologien mangelt. Deshalb ist kleinbäuerliche Landwirtschaft eng verknüpft mit Armut. So sind 50 Prozent aller weltweit hungernden Menschen Kleinbauern. Aus Mangel an Alternativen ist die kleinbäuerliche Wirtschaft in vielen Entwicklungsländern für einen Großteil der Bevölkerung die wichtigste Erwerbsquelle, insbesondere im subsaharischen Afrika, in Teilen Asiens und Südamerikas.

Ein Teil der Kleinbauern verkauft Überschüsse ihrer landwirtschaftlichen Produktion auf Märkten. Der größere Teil aber betreibt Subsistenzwirtschaft: Es wird lediglich das produziert, was im eigenen Haushalt konsumiert wird. Das bedeutet aber, dass alles, was etwas kostet, unerschwinglich ist. Es gibt kein Geld für Kleidung, für Gesundheit, für Energie, für Haushalts- oder Ackergeräte, und – was besonders schwer wiegt – für Bildung. Wenn die Kinder der Kleinbauern nicht zur Schule gehen können, erwartet sie das gleiche Los wie ihre Eltern.

Frauen gehört das Land nicht, das sie bewirtschaften

Hinzu kommt, dass die Armut weiblich ist: Von den 795 Millionen Menschen, die weltweit unter Hunger und Mangelernährung leiden, sind etwa 60 Prozent Frauen und Mädchen. Der Anteil der Frauen an der landwirtschaftlichen Tätigkeit beträgt weltweit rund 43 Prozent. Frauen aber sind vom Besitz an Land beziehungsweise von der Kontrolle über die landwirtschaftlichen Produkte weitgehend ausgeschlossen. Weltweit sind nur etwa 10 bis 20 Prozent des Landbesitzes in der Hand von Frauen. Ihre Parzellen sind in der Regel kleiner als die der Männer und von geringerer Qualität.

Das steht im Gegensatz dazu, dass in manchen Gegenden bis zu 90 Prozent der Nahrungsmittel von Frauen produziert werden. Diskriminierende soziale Normen und Gesetze sowie auch traditionelle Strukturen und Praktiken halten Frauen vom Landbesitz fern. In vielen traditionellen Kulturen und patriarchalischen Gesellschaften haben Frauen kein Erbrecht.

Nicht viel anders sieht es in der Fischerei und der Aquakultur aus. In den Entwicklungsländern beziehen mehr als eine Milliarde Menschen ihr tierisches Protein hauptsächlich aus Fisch, 800 Millionen Menschen verdienen durch Fischerei und Fischzucht ihren Lebensunterhalt. Ein substantieller Teil von ihnen ist weiblich. Genaue Studien über den Anteil der Frauen in der Fischerei und Fischindustrie gibt es noch nicht. Nach Schätzungen des WorldFish Centre sind 50 Prozent aller in der Fischerei und der damit zusammenhängenden Verarbeitung tätigen Personen in den neun wichtigsten Fisch produzierenden Ländern Frauen. Frauen stellen auch mindestens die Hälfte aller in der Inlandfischerei Beschäftigten in Asien und Westafrika, wobei sie den Fisch zu 60 bis 80 Prozent vermarkten. 60 Prozent der Fischzüchter in Bangladesch sind Frauen.

Genderfragen spielen für die Politik keine Rolle

Trotz dieser großen Bedeutung der Frauen in der Fischindustrie finden Gender-Fragen in der Ausarbeitung von Politik und Strategien für die Entwicklung der Fischerei und der Aquakultur weltweit keine Beachtung. In den leitenden Positionen sind Frauen unterrepräsentiert, sie haben weniger Kontrolle über die Wertschöpfungskette, ihre Aktivitäten sind weniger profitabel, sie haben weniger Zugang zu technischen Geräten und daher sind ihre Fische von geringerer Qualität. Auch sind Frauen von den profitableren Märkten ausgeschlossen.

Was bedeutet dies alles für die Lebensumstände der Frauen?

Jede von Ihnen, die Sie hier aus einer ländlichen Region aus einem fernen Land kommen, könnte jetzt ihre Geschichte erzählen. Ob Sie nun aus einer bäuerlichen, einer Fischerei- oder Aquakultur oder aus einer Hirtengesellschaft kommen: Sie könnten uns berichten, wie Ihr Arbeitstag abläuft, wessen Land Sie bearbeiten, wer über das Produkt Ihrer Arbeit verfügt, welche Rechte und Verpflichtungen Sie haben, welchen Zugang zur Gesundheitsversorgung, wie Sie Ihre gesamte Arbeit bewältigen, auch wenn Sie schwanger sind oder ein Kind an der Brust mit sich tragen, wie Sie schon als Mädchen auf all diese Doppel-, Dreifach-, ja, Vielfachbelastung durch bäuerliche, häusliche, nährende und Kinder versorgende Tätigkeiten vorbereitet wurden, wie kindliches Spiel und Bildung für Sie schon immer ein Luxus war, welchen "Dank" Sie im Alter für all diese Mühen erwarten können.

Ich habe seit 1981 als Ethnologin bei den Mafa in Nordkamerun geforscht. Mich interessierte, welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede zwischen Menschen bestehen, die unter völlig anderen Lebensbedingungen aufgewachsen sind: ich aus Deutschland kommend, einer hoch technisierten Industrienation, und die Mafa aus einer abgelegenen Gegend im Mandara-Gebirge. Ich schicke meine Erkenntnisse gleich vorneweg: Die Gemeinsamkeiten überwiegen die Unterschiede bei weitem.

Allen Frauen geht es darum, genug zu essen und zu trinken und eine wohnliche Behausung zu haben, nicht zu frieren, Mitmenschlichkeit zu erleben, gesund zu sein und gesunde Kinder zu haben, von den Männern respektvoll behandelt zu werden, kurz: Uns allen geht es um ein menschenwürdiges Dasein.

Über die Ernte der Frauen verfügen Männer

Ich lebte bei den Mafa eine Zeitlang mit drei meiner Kinder. Ich nahm an allen Tätigkeiten der Mafa-Frauen teil. Ich schloss Freundschaften. So lernte ich auch die Not der Frauen kennen. Denn viele der Mafa-Frauen haben nicht die Voraussetzungen für ein Leben in Würde.

Der Arbeitstag der Mafa-Frauen beginnt lange vor Sonnenaufgang und endet lange nach Anbruch der Dunkelheit gegen 21 Uhr. Die Männer arbeiten während der Regenzeit ebenfalls auf den Feldern, und während der Trockenzeit bauen sie Häuser oder bessern sie aus. Aber die Arbeitsbelastung der Frauen ist wesentlich höher als die der Männer.

Die allergrößte Ungerechtigkeit besteht allerdings darin, dass die Männer über das Produkt der Arbeit der Frauen verfügen. Die Erde und alles, was aus ihr hervorgeht, gehört den Männern. Töchter heiraten in ein anderes Dorfviertel (oder werden verheiratet), das Land vererben die Männer an ihre Söhne. Eine Frau bleibt immer Fremde in der Familie des Mannes. Nur als Mutter eines erwachsenen Sohnes hat sie ein Recht auf Bleibe in dem Haus, in dem sie ihr Leben lang geschuftet und ihre Kinder aufgezogen hat. Stirbt der Mann vor ihr, dann können dessen Verwandte sie verjagen. Dann muss sie den Bettelstab in die Hand nehmen. Denn auch wenn sie eine verheiratete Tochter hat, darf sie nicht bei ihr leben, denn für den Schwiegersohn ist sie eine Fremde.

Die Frauen empfinden diese große Ungerechtigkeit immer stärker, zumal viele Männer in die Städte abwandern und sie mit der Feldarbeit und Versorgung der Kinder ganz allein lassen. Immer mehr Frauen organisieren sich in Frauengruppen. Auf gemeinsam bewirtschafteten gepachteten Feldern bauen sie zum Beispiel Erdnüsse an, oder sie züchten Schweine, die sie auf dem Markt verkaufen. Das ist ein Einkommen, auf das ihre Männer keinen Zugriff haben.

Fast alle traditionellen Agrargesellschaften, um nicht zu sagen ausnahmslos, sind streng patriarchalisch organisiert. Frauen haben nicht nur keine Landrechte, sondern sie sind auch kaum in ländlichen Organisationen und Institutionen repräsentiert. Die Stimme der Frauen wird daher in den Entscheidungsprozessen über die Landpolitik kaum gehört. Das Gleiche trifft auf die Fischwirtschaft zu. Deshalb ist es von äußerster Bedeutung, dass sich die Frauen organisieren und endlich Gehör verschaffen. Heute am 8. März kann gefeiert werden, um dann mit neuem Mut und Elan die große Aufgabe anzugehen: einen Beitrag zu leisten für die Geschlechtergerechtigkeit im ländlichen Raum. Ihre Töchter werden es Ihnen danken. Ihnen soll die Hälfte der Erde gehören!

 

Godula Kosack ist Soziologin und Ethnologin und Vorstands-Vorsitzende der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes in Deutschland. Sie hat zu Frauen in Afrika, Hexenverfolgung, Patriarchat und Weltbilder geforscht und publiziert, engagiert sich gegen die Beschneidung von Frauen und Mädchen in Afrika und dafür, dass Mädchen in Kamerun die Schule besuchen und eine Ausbildung machen können. Derzeit lebt sie in Leipzig.


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2 Kommentare verfügbar

  • Hugh Mungus
    am 09.03.2017
    Sicher nett gemeint, aber wo kein Rechtsstaat da auch keine Gerechtigkeit. Das mag in Deutschland oder weiteren entwickelten Ländern so möglich sein, jedoch denke ich nicht, dass es in Drittweltländern wo nicht der Rechtsstaat den Ausschlag gibt sondern das "Recht" des Stärkeren gilt, durchsetzbar wäre. Die Situation vor Ort in den Drittweltländern wurde teilweise bewusst so "gestaltet", die Planer sitzen in den Industriestaaten teilweise ganz oben. In meinen Augen müsste man diese Profiteure des Leids anklagen. Aber die kommen meistens ungeschoren davon und können den status quo zementieren.

    Allein wenn man bedenkt, wo die Hilfsmilliarden aus dem Westen am Ende landen wird einem nur noch schlecht. So lange unsere Spenden und Entwicklungshilfe an die lokalen Warlords und Clans verteilt werden wird sich nichts ändern. Das andere große Problem sind die viel zu hohen Subventionen die etwa die EU an die Landwirte zahlt, so können sie die Preise drücken und sind gerade in Afrika konkurrenzlos billig was die Preise anbelangt. Auch das wird in meinen Augen bewusst so gesteuert. Man könnte es ändern, aber das geht nur wenn man will. Und da habe ich bei den Profiteuren doch arge Zweifel, dass sich bei denen die Welt mal nicht nur um sie dreht.
  • Andreas Grzybowski
    am 09.03.2017
    Doch bedenkt ob ES uns gefällt oder nicht: Weder unter denen mit denen wir in den Fragen des Landbaus oder der Tierhaltung in den letzen Jahren gesprochen haben bzw. die draußen auf der Straße waren, sind welche zu finden, die am Ende im Stall, auf dem Feld oder in den Werkstätten lustvoll an die Arbeit gehen, damit die anspruchsvollen Städter und Genießer in unseren "Globalen Dörfern" oder anderswo feiern können.
    Das geschieht nämlich derzeit nicht nur räumlich, sondern auch mental sehr weit entfernt von den hippen Meilen der Großstädte.
    Der ländliche Raum ist eben nicht so schick und interessant. Unsere Bauern kaufen - des Preisdruck wegen - selber meist in Supermärkten ein. Und die Arbeit in den Ställen, auf den Gemüseäckern und Handwerksstätten ist hart!

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