KONTEXT Extra:
Lindenhof kriegt eine Million vom Land

Das Theater Lindenhof ist ein Unikum in der baden-württembergischen Bühnenlandschaft, ein Regionaltheater in dem nicht einmal 1000 Seelen zählenden Dorf Melchingen, das mit Aufsehen erregenden Inszenierungen, etwa 2016 einem Stück mit syrischen Geflüchteten, immer wieder weit ins Land hinaus wirkt. Seit langem allerdings stehen in dem 1981 gegründeten Theater umfangreiche Umbauarbeiten an, um die Standards für Zuschauer und Schauspieler auf ein zeitgemäßes Niveau zu heben, unter anderem einen barrierefreien Zugang zu gewährleisten.

Für dieses Vorhaben gibt es nun eine Förderung von einer Million Euro vom Land. Am Freitag überreichte Peter Hauk (CDU), Minister für den ländlichen Raum, Lindenhof-Intendant Stefan Hallmayer den Zuschussbescheid. Eine stattliche Summe, Hallmayer ist dennoch "nicht überrascht" über die Höhe. "Wir hatten ja Anträge in bestimmten Höhen gestellt, das ist alles vorbesprochen worden." Schon bisher wird das Theater von den Landkreisen Tübingen, Reutlingen und Zollernalb, der Sitzgemeinde Burladingen und vom Land gefördert, insofern entsprächen auch der Finanzierungsmix für den Umbau dieser Konstruktion. Trotzdem ist der Intendant ungeheuer froh über die jetzt bewilligte Landesförderung, denn immerhin habe es über acht Jahre von den ersten Plänen bis jetzt gedauert, die Umbaufinanzierung sicher zu stellen. "Es hat schon viel Überzeugungsarbeit bedurft", sagt Hallmayer, und auch nach dem Wechsel vom früheren zuständigen Minister Alexander Bonde (Grüne) zu Peter Hauk nach der Landtagswahl 2016 habe man wieder neuen Anlauf nehmen müssen. "Aber wir haben gemerkt, dass von allen Fraktionen eine außergewöhnliche Wertschätzung für das Theater da war."

Nun kann sofort mit dem Bauen begonnen werden, "der Bagger ist schon da", so Hallmayer. An den auf 2,5 Millionen Euro veranschlagten Baukosten beteiligen sich auch die angrenzenden Landreise und die Gemeinde Burladingen, und mit 750 000 Euro Eigenmitteln auch die Stiftung Theater Lindenhof. "Einen Teil davon haben wir schon", sagt Hallmayer, "für einen Teil wollen wir noch Unternehmen als Partner werben." (23.7.2017)


Fahrverbote: Unterstützung aus Bayern

Es wird immer enger für Dieselfahrzeuge. Seit Monaten kämpft Winfried Hermann hinter den Kulissen gegen eine Aushöhlung des Konzepts zur Luftreinhaltung in der Landeshauptstadt und damit auch für Beschränkungen an Feinstaubtagen. Jetzt hat der grüne Landesverkehrsminister Unterstützung ausgerechnet aus Bayern bekommen. Eine „Karte des Grauens“ nennen nicht nur Umweltschützer das Gutachten zur Luftqualität in München. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), so der Vorwurf der Deutschen Umwelthilfe (DUH), hat es über drei Wochen zurückgehalten. Jetzt wurde es publik und offenbart, dass an 260 (!) Straßen im Stadtgebiet der Stickoxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten wird. Darunter sind ein Viertel aller Hauptstraßen oder 123 von 511 Kilometern. An 50 Messstellen liegen die Werte sogar über 60 Mikrogramm pro Kubikmeter. Schon Anfang 2017 - nach einer Klage der DUH - ist der Freistaat nicht nur dazu verpflichtet worden, das Gutachten zu veröffentlichen, sondern auch ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung vorzulegen.

Wie sich die Bilder gleichen: Seehofer und sein Südschienen-Partner Winfried Kretschmann (Grüne) möchten Fahrverbote für Dieselfahrzeuge verhindern. Die Realisten hingegen, darunter vorsichtig auch Münchens SPD-OB Dieter Reiter, halten diese Maßnahme angesichts des Ausmaßes der Luftverschmutzung ohnehin für nur noch schwer abzuwenden. Und Winfried Hermann wiederholt gebetsmühlenhaft, dass Fahrverbote nicht vom Tisch sind. Die EU weiß er an seiner Seite: Am Freitag wurde bekannt, wie die zuständige EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska alle manipulierten Fahrzeuge radikal aus dem Verkehr ziehen will – nicht irgendwann, sondern schon 2018. Zugleich nimmt die Polin die nationalen Prüfbehörden ins Visier und findet klare Worte: Die hätten versagt. (21.7.2017)


Der doppelte Martin

Wo war Martin Schulz am Montagabend? Die "Stuttgarter Zeitung" behauptet, der Kanzlerkandidat sei bei ihr gewesen. Bei "StZ im Gespräch". Die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben, Schulz sei bei ihnen gewesen. Beim "Treffpunkt Foyer". Recherchen von Kontext haben ergeben, dass der Spitzengenosse tatsächlich bei beiden war. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort bei den gleichen Besuchern. Gesagt hat er auch das Gleiche, nur die Überschriften waren anders. Bei der StZ greift Schulz die Kanzlerin scharf an, bei den StN bläst er zur Aufholjagd, und die Chefredakteure dürfen auf den Titelblättern verschieden von vorne gucken. Fritz Kuhn wiederum, der Oberbürgermeister, klatscht in beiden Zeitungen gleich. Es ist einfach immer wieder schön zu sehen, dass eine Gazette so tut als wäre sie zwei. Das ist wichtig, wegen der Presse- und Meinungsvielfalt. (18.07.2017)


Landesregierung zu Fahrverboten: Aus Ja wird Jein

Vier Tage vor dem nächsten Termin am Stuttgarter Verwaltungsgericht in Sachen Feinstaub steigt die Nervosität. "Bei der Diskussion um den Luftreinhalteplan steht der Gesundheitsschutz der Bürger im Vordergrund und das Gebot, die Luft, die wir alle atmen, sauber zu halten", sagt Andreas Schwarz, Fraktionschef der Grünen um Landtag. Und doch muss er zusehen, wie seiner Partei die schärfste Maßnahme, die Möglichkeit, Straßen an Feinstaubtagen für den Verkehr zu sperren, aus der Hand geschlagen wird. Bereits Anfang Juli hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) darüber informiert, dass er streckenbezogene Fahrverbote für rechtlich nicht zulässig hält, wenn durch die Kombination dieser Straßen de facto eine Fahrverbotszone gebildet wird. Dementsprechend sah der Anwalt des Landes jetzt die Notwendigkeit, dem Verwaltungsgericht im Vorfeld des Verfahrens am kommenden Mittwoch mitzuteilen, dass am Instrument der Fahrverbote nicht weiter festgehalten wird.

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will im Kabinett am Dienstag dagegen durchsetzen, im Luftreinhalteplan einen solchen Rückzieher nur für den Fall festzuschreiben, dass die Nachrüstung älterer Diesel-Fahrzeuge jenes Minus an Emission bringt, das auch Fahrverbote bringen würden. "Der Luftreinhalteplan, wie er von beiden Koalitionspartnern und den betroffenen grün- und CDU-geführten Ministerien vorgesehen ist", erläutert auch Schwarz, "macht noch einmal klar: Verkehrsbeschränkungen würde es dann geben, wenn die Nachrüstung verschleppt wird oder nicht die erwartete Wirkung bringt." Und der Kirchheimer Abgeordnete, der die Fraktion seit gut einem Jahr führt, spielt den Ball zurück an Dobrindt: Jetzt sei der Bund in der Pflicht, denn der müsse "dringend alle technischen und rechtlichen Fragen zur Nachrüstung für verbindlich erklären und die Blaue Plakette einzuführen, denn sie ist das beste Mittel, um allgemeine Fahrverbote zu vermeiden". (15.7.2017)


AfD fühlt sich durch bunte Ballons angegriffen

Eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Rektor des örtlichen Schulverbunds sorgt seit gestern erneut für Turbulenzen in Burladingen. In einem Schreiben behauptet ein anonymer Verfasser, im Namen von zwölf weiteren Eltern zu sprechen, die sich gegen eine Luftballon-Aktion der Burladinger Schulen aussprechen. "Letztlich ging es hier um eine politische Aktion, die gegen die AfD gerichtet war", so der Text, das sei ein "klarer Missbrauch der Kinder für politische Zwecke".

Was war passiert? Am 28. Juni hatten sich mehrere Schulen, Kindergärten, das Theater Lindenhof und mehrere Privatpersonen an der Aktion "Burladingen ist bunt" beteiligt. Mit bunten Luftballons warben die Burladinger für Offenheit und Toleranz in ihrer Stadt, die derzeit gegen ihr rechtes Image kämpft (Kontext berichtete), erst recht seitdem der umstrittene Bürgermeister Harry Ebert Sympathiebekundungen für die AfD verlautbaren lässt. An der Aktion beteiligt waren alle drei Rektoren des Schulverbunds. Doch nur gegen Michael Linzner richten sich die anonymen Vorwürfe.

Für den zuständigen Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß in Albstadt ein ungewöhnlicher Fall. Noch nie habe ihn eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde erreicht, so Schultheiß gegenüber Kontext: "So habe ich ja niemanden, dem ich antworten kann." Ungewöhnlich auch, dass das Schreiben an das Kultusministerium in Stuttgart ging, an die beiden Lokalzeitungen und an das Tübinger Regierungspräsidium. Dringenden Handlungsbedarf sieht Schultheiß allerdings nicht. Kein Kind sei gefährdet, auf keinem der Ballons sei gestanden, "gegen die AfD", das ganze habe in der Pause statt gefunden und keiner habe die Kinder gezwungen, einen Ballon steigen zu lassen. Im übrigen sei Linzner seit Jahrzehnten als engagierter und erfolgreicher Lehrer bekannt, der für seine Überzeugungen stehe und kein Blatt vor den Mund nehme. "Interessant ist", schreibt der Schwarzwälder Bote, "dass Michael Linzner am Wochenende bei der Schulentlassungsfeier Kritik an Bürgermeister Harry Ebert geäußert hatte, weil dieser kurzfristig abgesagt hatte."

Die AfD-Landtagsfraktion sah sich heute zu einer Pressemitteilung herausgefordert: "Die Luftballon-Aktion, an der Michael Linzner als treibende Kraft beteiligt war, richtete sich laut anonymem Hinweis gezielt gegen die AfD". Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß sieht auch dies gelassen: "Sicher nutzen das manche nur, um auf sich aufmerksam zu machen." Initiiert hat die Aktion übrigens nicht der Rektor, sondern die Burladinger Bürgerin Tipsy Peucker. (13.7.2017)

Dazu: Rechtsabbiegen in Burladingen, Kontext-Ausgabe 323


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Bunte Illustriertenwelt im Kioskregal. Foto: Joachim E. Röttgers

Bunte Illustriertenwelt im Kioskregal. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 117
Debatte

Die Krakenarme der Medienmultis

Von Ulrich Viehöver
Datum: 26.06.2013
Eine Presselandschaft ist so vielfältig und kultiviert, wie das Volk sie wünscht. Das Traumbild: Am besten sollten in jedem Ballungszentrum Deutschlands von Kiel bis Konstanz mindestens drei bis vier Zeitungen erscheinen, die publizistisch wie wirtschaftlich völlig voneinander getrennt sind. Und jede der wichtigen gesellschaftspolitischen Strömungen müsste vertreten sein. Das wahre Bild sieht anders aus.

Nur Vielfalt kann gewährleisten, dass wir uns gemäß Grundgesetz frei und ungehindert aus verschiedenen Quellen informieren können. Doch von diesem Ideal ist unsere Presselandschaft weit entfernt. Statt Pluralität herrscht öde Einfalt – gedruckt oder im Internet. Großstadtregionen mit zwei oder mehr Medienhäusern, die wirklich miteinander konkurrieren, sind selten geworden. Stattdessen hat sich bei den Mediennutzern nach dem Zweiten Weltkrieg die Meinung verfestigt, Massenmedien müssten möglichst parteipolitisch neutral ("unparteiisch"), wirtschaftlich unabhängig und damit bei allen Themen stets "objektiv" sein – welch ein weltfremder Blödsinn.

Im Mediengeschäft gibt es weder Wunder noch Heilige. Selbst eine Qualitätszeitung kann zwar Nachrichten und Themen nach bestem journalistischem Handwerk ergebnisoffen und aus diversen Perspektiven recherchieren und berichten, aber sie wird niemals auf ihr Recht verzichten können, eine eigene Meinung und Haltung einzunehmen und zu vertreten. Alles andere wäre übermenschlich. Es ist also übler Etikettenschwindel, "unparteiisch", "unabhängig" oder ähnliches sein zu wollen. Sind also die Nutzer ("User") von Massenmedien an Deutschlands trister Presselandschaft schuld, weil sie dieses Märchen glauben? Warum sind sie so uninteressiert, aus möglichst vielen (Meinungs-)Quellen schöpfen zu wollen? Sicher würde ich es mir zu leicht machen, wenn ich die Schuld an der Pressekonzentration aufs Publikum abwälzen würde. Mehr Durchblick bei den Medien wäre zwar vielen Lesern, Hörern, Zuschauern zu wünschen, aber dieser freien Sicht steht vorsätzliches Täuschen und Tarnen entgegen. Großverlage servieren nämlich ihren publizistischen Einheitsbrei in kleinen Portionen mit zahlreich Etiketten (Titeln). "More of the same", wie die Amerikaner dazu sagen.

Zehn Meinungs-Oligopolisten agieren wie Riesenkraken

Der Blick auf einen Pressekiosk täuscht Vielfalt vor, die nicht existiert. Hinter dem bunt erscheinenden Blätterwald stecken in Wahrheit vorwiegend zehn führende Medienhäuser. Sie beherrschen das Milliardengeschäft der Massenmedien – von Zeitungen über Zeitschriften bis zu Hörfunk und Fernsehen.

Bild liegt vorn, am Kiosk und in der Auflage. Foto: Röttgers
Bild liegt vorn, am Kiosk und in der Auflage. Foto: Röttgers

Die Folge dieses Meinungs-Oligopols: So ziemlich jeder Erwachsene kommt regelmäßig mit den mächtigen Meinungsmachern in Kontakt, ohne sie als Ganzes wahrzunehmen. Doch sie alle ziehen ihre Fäden still zur hohen Politik und tief in Lobbyverbände hinein. Wer kennt schon die publizistischen Riesen? Kaum ein Konzern tritt unter dem Namen seiner Besitzer auf. So stehen die fast durchweg von Familien geführten Giganten im Schatten ihrer eigenen Größe – mit Absicht. Diese Pressekonzentration im 80-Millionen-Volk ist peinlich. Und sie nimmt immer schärfere Züge an. Daher ist der Satz von Paul Sethe (1901–1967), konservativer Publizist, Journalist und umstrittener Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) aus den Sechzigerjahren, aktueller denn je: "Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten."

Publizistisch haben heute vermutlich kaum hundert Multimillionäre sowie einige Funktionäre und Spitzenpolitiker der öffentlich-rechtlichen Anstalten das Sagen. Ihr Geld und Einfluss bestimmen die Richtung. So geht der Konzentrationsprozess in der Presse munter weiter! Wie heißen diese Meinungs-Oligopolisten, was sind ihre wichtigsten Publikationen? Im ersten Teil meiner Führung gehe ich bei den großen zwei der Einflussreichen auf Entdeckungsreise: Bertelsmann und Springer. In weiteren Folgen nehme ich unter aanderem die Verlagskonzerne WAZ, Holtzbrinck, Bauer, Burda, DuMont, FAZ, Madsack und Ippen unter die Lupe sowie die nahe liegende Südwestdeutsche Medienholding (SWMH), die zusammen mit der Süddeutschen und der Rheinpfalz-Gruppe weitgehend den süddeutschen Raum dominiert.

Medienmultis sind wie Riesenkraken: Überall reichen ihre langen Arme hinein, saugen und greifen ihre Näpfe gierig den Profit. Feinde halten sie im Würgegriff. Daher zählen sich Politiker lieber zu ihren Freunden, manche fressen den großen Tieren aus der Hand. So sind Bundes- wie Landespolitiker in Aufsichts- und Beiräten zu Diensten, oder sie lassen sich in Stiftungen, Projektgruppen oder Initiativen einer Lobby einbinden. Dafür genießen die Medienhäuser allerlei Privilegien: kein Mitspracherecht des Betriebsrats bei der Einstellung oder Entlassung von Redakteuren, Steuervorteile für Presseprodukte, Privatisierung und Liberalität im Niedriglohnsektor sowie grenzenlos freie Hand bei Privatsendern und deren Programmen. Nur dem ungehemmten Einfluss der Meinungs-Oligopolisten im Medienfilz der Politik sind die geltenden Mediengesetze der Privaten zu verdanken. Dieser Hohn auf eine würdige Medienkultur ohne ethischen Anker hätte nie in Kraft treten dürfen: jede Menge Unterbrecher- und Schleichwerbung (wie im US-Fernsehen), kaum journalistische Auflagen für die Inhalte, dafür seicht mit Sport und Unterhaltung und der Lizenz zum Gelddrucken.

Bertelsmann ruft nach Privatisierung

Die absolute Nummer eins an der Spitze dieser Profiteure heißt Bertelsmann SE & Co. KG a. A. Die Gütersloher stehen weltweit stets in einer Spitzengruppe etwa unter den ersten fünf. Bertelsmann betreibt fast jede Mediensparte und mehr – der Tausendfüßler der Szene: Buchverlage (Random House, darunter Goldmann), Buch- und Musik-Clubs, Printmedien, Druckereien, Kino, Film, Video (z. B.: CLT-UFA, Universum) sowie Hörfunk und Fernsehen im In- und Ausland mit der RTL-Schiene, Vox und N-TV. Doch das Imperium ragt weit über den Medienbereich hinaus. Bertelsmann steckt ebenso hinter Callcentern, besorgt Inkasso- und Adressenmanagement sowie den Warenvertrieb (Logistik) für allerlei Produkte auch außerhalb der Verlage und bietet Internet- und Online-Auftritte an. Auch sogenannte Outsourcing-Dienstleistungen mit Billigarbeitskräfte sind dabei. Hinter diesem Geschäft steckt der Ruf nach Privatisierung, an dessen Erfolg der Riese seit Jahren profitiert. Die Bereiche jenseits des klassischen Verlagswesens beschäftigen bereits die meisten Menschen der rund 100 000 Mitarbeiter in mehr als 40 Ländern.

Wer ahnt schon bei der Lektüre des "Spiegels" oder "Manager Magazins", dass auch diese "linken" Blätter im Einflussbereich der konservativ-pietistischen Verleger aus dem westfälischen Gütersloh liegen? Der Krake hält 25,1 Prozent am "Spiegel" und "Manager Magazin" – gedruckt wie online. Diese Publikationen sind Teil des Riesengeschäfts mit Zeitschriften und Illustrierten. Die meisten bunten Blätter sind in der Hamburger Tochter Gruner + Jahr (G + J) gebündelt, dem größten Zeitschriftenverlag Europas. Mit dem Paket führt der Konzern durch Zeitschriften wie "Stern", "Brigitte", "Gala", "Capital", "GEO", "P. M.", "essen & trinken", "Eltern", "Börse Online", "Sports", "Auto Motor Sport" usw. Neugründungen sind an der Tagesordnung wie u. a. "Park Avenue", "Emotion", "Healthy Living" ... Diverse Online- und Internetaktivitäten werden kräftig ausgebaut. Ein politisch wie gesellschaftlich entscheidender Coup gelang im Geschäft mit dem Privatfunk. Bertelsmann gehören 75,1 Prozent an der RTL-Group, wodurch die Gütersloher auch in dieser Sparte das Sagen haben – national wie international. Gut ein Viertel des RTL-Ablegers kam gerade an die Börse. Nun gebietet der Riese gemeinsam mit der britischen Pearson-Gruppe sowohl über gut zwei Dutzend TV-Sender und zig Radiostationen in Europa als auch über globale Produktionsgesellschaften für Filme und Videos.

Allerdings musste das Imperium auch Federn lassen, Betriebe sowie ganze Sparten aufgeben. So verkaufte der Multi fast alle Fachverlage (Bücher, Zeitschriften, Newsletter) sowie von der "Sächsischen Zeitung" abgesehen alle Tageszeitungen ("Berliner Zeitung", "Dresdner Morgenpost" und "Chemnitzer Morgenpost"). Die mit Pearson verlegte Wirtschaftszeitung "Financial Times Deutschland" (FTD, 50-Prozent-Anteil) wurde Ende 2012 nach hohen Verlusten eingestellt. Dieser Ausstieg ist wieder ein Beleg dafür, dass die Gütersloher wie andere Giganten nicht zögern, einzelne Objekte oder Firmen (Verlage, Druckbetriebe) radikal zu schließen oder zu verscherbeln.

Wie lockt man neue Leser an? Foto. Joachim E. Röttgers
Wie lockt man neue Leser an? Foto. Joachim E. Röttgers

Geht es ums Geld, agieren die Bertelsmann-Erben im Sinne des 2009 verstorbenen Medienmoguls Reinhard Mohn. Der konservative Pietist und Gründerenkel, der den christlichen Verlag nach 1945 zum weltlichen Weltkonzern aufbaute, hegte Rendite-Erwartungen zwischen zehn und 25 Prozent des Umsatzes pro Projekt. Seine Nachfolger übernahmen diese hohe Messlatte. Allen voran "Liz" Mohn, geborene Elisabeth Beckmann. Die frühere Telefonistin achtet streng auf die familiäre Linie im Hause sowie bei der Bertelsmann-Stiftung (diese ist politisch wie medial so einflussreich, dass sie ein eigenes Kapitel wert ist). Die anspruchsvolle "Liz" ist die zweite Frau von Reinhard Mohn. Viele Jahre leistete sich der Großverleger nämlich gleichzeitig zwei Frauen und Familien. Durch diese Parallelität zieht heute die Doppel-Familie Mohn (irgendwie) die Fäden hinter dem Medienmulti.

Auch Springer drängt ins Fernsehgeschäft

Mit deutlichem Abstand auf Bertelsmann folgt die Axel Springer-Gruppe (Berlin/Hamburg). Sein Schwergewicht liegt klar bei den aktuellen Medien, den Tageszeitungen. Der Medien-Mammut ist auch ein Riese bei Anzeigenblättern – von Schleswig bis Bayern dominieren seine Blätter mit dem roten Kopf. In diesen Sparten ist Springer Deutschlands Nummer eins. Namhafte Zeitungen sind "Bild", "Sport-Bild", "Frau im Bild", "Computer-Bild" ("Bild"-Gruppe), "Welt", "Welt kompakt", "Welt am Sonntag", "Hamburger Abendblatt", "Berliner Morgenpost", "B. Z." sowie Beteiligungen an nord- und ostdeutschen Zeitungen. Der gesellschaftliche und politische Einfluss der Springer-Presse spricht aufgrund der Millionenauflagen für sich. Das tägliche Gift wird bevorzugt über die leichte Kost Sport und Unterhaltung verabreicht, inszeniert auf der Bühne "Freizeitwelt". Letztere macht angeblich alle Menschen gleich. Weitere große Zweige Springers sind daher Publikumszeitschriften aus Freizeit und Hobby ("Boot", "Golf", "Tennis", "Ski", "Kino" ...) sowie TV-Blätter ("Hörzu", "Funk Uhr"). Sehr stark ist der Konzern auch bei Frauenblättern ("Bild der Frau" etc.). Hiervon besitzt der Verlag jede Menge. Weitere Stärken sind Druckereien und der Pressevertrieb (Grosso in Deutschland wie in Österreich). Hinzu kommen eigene Film- und Videobetriebe im In- und Ausland. Beteiligungen an Hörfunksendern existieren u. a. in Hamburg, Schleswig-Holstein, Stuttgart oder München. Aus Regionalzeitungen zog sich Springer teilweise zurück (verkauft an die Madsack-Gruppe, Hannover). Andererseits wird die "Bild"-Gruppe bevorzugt forciert, vor allem online. Generell gewinnen etwa Online-Zeitungen mit Nachrichtenvideos gegenüber Printmedien deutlich an Gewicht. Dagegen rutschte der Postzusteller PIN 2008 schmachvoll in die Pleite. Das "Erfolgsmodell" für Billigjobs, das von mehreren Großverlagen getragen wurde, musste zerschlagen werden.

Auch der Springer-Konzern versucht, sein Engagement bei elektronischen Medien (Sat 1-Pro 7) im In- und Ausland stark auszuweiten. Indes, der langwierige Versuch, die TV-Sender-Kette Sat 1-Pro 7 über die Tochter Ullstein (Berlin) seit Anbeginn zu erwerben, scheiterte am Kartellamt sowie an den Marktgegebenheiten. Die Fusionswächter meinten zu Recht, dass es für die freie Meinungsbildung schädlich sei, wenn ein Presseimperium neben Zeitungen und Zeitschriften auch über elektronische Medien Regie führt und in allen Sparten und auf Kanälen die Agenda beherrscht. Warum darf dann Bertelsmann im Medienmarkt nach Belieben zugreifen, wo und wie es gefällt? Das fragt sich auch Springer vehement. Die "Bild"-Macher gaben offenbar vorerst ihr Interesse an Sat 1-Pro 7 auf. Aber ihre Aktion erscheint undurchsichtig, denn Springer bleibt neim Fernsehen dicht am Ball. Gerüchte besagen, dass der "Bild"-Konzern über seine Blätter in der Türkei und Israel Einfluss auf die deutsche Sendekette nehmen könnte.

"Newsroom" – Pressekonzentration, versteckt im Konzern

Wie so oft schwappt wieder eine neue Welle über den Großen Teich herüber, getrieben von Sparkommissaren: Zeitungsgruppen schließen vollwertige Redaktionen oder magern sie kräftig ab. Der Großteil der Blätter entsteht komplett am sogenannten Newsdesk in einer Neudeutsch Newsroom genannten Zentralredaktion. Zur äußeren Tarnung einer Pressevielfalt bleiben die Zeitungstitel ("Köpfe") bestehen. Springer ist ein Pionier der versteckten Spar- und Konzentrationswelle. "Welt", "Welt kompakt", "Welt am Sonntag", "Berliner Morgenpost" wurden 2007 in einem Newsroom zentriert. Dieses Konzentrat, das für die eigene Zeitungsgruppe redaktionell wie eine Presseagentur arbeitet, spart Hunderte von qualifizierten Arbeitsplätzen – journalistischer Qualitätsverlust ist bei dieser Zentralisierung zweitrangig.

Auch Bertelsmann folgt dem Billigkurs. Nach Springer-Vorbild wurden die Redaktionen der Wirtschaftstitel "Capital", "Impulse", "Börse Online" Ende 2008 in einem Newsroom der Zentrale konzentriert und "verschlankt". Das Ende dieser Titel? Diese Pools bedeuten eine Konzentration bei der Auswahl der Nachrichten und Themen nach innen – so verborgen, dass kein Politiker oder Kartellamt warnend den Finger gegen die Zeitungsriesen hebt. Diese heimliche Beschneidung der Informations- und Meinungsfreiheit – immerhin bezahlen die Leser für eine vollwertige Publikation und nicht für einen anonymen Newsroom – bedroht die Gesellschaft. Wer außer Springer und Bertelsmann magert seine Redaktionen ebenfalls leise ab? Denn andere große Pressehäuser sind gefolgt oder folgen. Welche Macht haben die unbekannten Meinungs-Oligopolisten? Die mediale Nestbeschmutzung geht weiter.

 

Die Reihe wird vom Autor in loser Folge fortgesetzt.


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