KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Die "Polenaktion" der Nazis

Gestrandet im Niemandsland

Die "Polenaktion" der Nazis: Gestrandet im Niemandsland
|

Datum:

Vor 80 Jahren führten die Nazis von Stuttgart aus die erste Massendeportation württembergischer Juden durch. Wenig bekannt ist, dass es drei Jahre zuvor eine Art Generalprobe gab, die "Polenaktion". Danach mussten Tausende Juden im deutsch-polnischen Grenzgebiet umherirren – ähnlich wie heute Geflüchtete zwischen Polen und Belarus.

Am 28. Oktober 1938 klingelt es bei Familie Helfer in der Stuttgarter Metzlerstraße 1. Polizeibeamte in Zivil stehen vor der Tür, sie suchen Max Helfer. Der 42-jährige Kaufmann ist polnischer Jude. Zumindest rechtlich gesehen. 1896 wird er in der Nähe von Kattowicz geboren, das damals noch zu Österreich-Ungarn gehört und nach dem Ersten Weltkrieg Polen zugeschlagen wird. Helfer ist damit polnischer Staatsbürger geworden, doch nach Krieg und Gefangenschaft will er nicht dauerhaft in seinen Geburtsort zurück, sondern wandert nach Deutschland aus. In Stuttgart-Obertürkheim lässt er sich nieder, heiratet hier, baut mit seinem Bruder Sigmund eine kleine Kaufhauskette mit Filialen unter anderem in Fellbach und Stuttgart-Feuerbach auf, ist bestens integriert.

Dass es nach der Machtübernahme der Nazis 1933 immer schwieriger wird für ihn und seine Familie, dass der Antisemitismus immer aggressiver wird, das versucht er anfangs auszublenden, doch die Helfers haben es schon lange zu spüren bekommen, in immer neuen Schritten der Benachteiligung, Entrechtung und Repression, der bis dato letzte ist ein erzwungener Umzug. Erst am 27. Oktober sind sie in das Häuschen auf der Stuttgarter Gänsheide gezogen, nachdem ihnen ihre vorige Wohnung in der Uhlbacherstraße in Obertürkheim vom Vermieter, einem NSDAP-Mitglied, gekündigt worden ist. Doch nun, am Tag nach dem Umzug, erreichen die Repressalien eine neue Qualität. Max Helfer wird von den Beamten verhaftet. Er steckt sich etwas Waschzeug in eine Aktentasche, von seiner Frau Pauline und seinen beiden Töchtern Sigrid und Ingeborg verabschiedet er sich mit: "Ich komme bald wieder." Es ist das letzte Mal, dass sie sich sehen.

Max Helfer wird in das Polizeigefängnis II in der Büchsenstraße gebracht, mit vielen anderen Gefangenen auf engstem Raum zusammengepfercht. Darunter auch sein Bruder Sigmund sowie der in der Blumenstraße 27 wohnende Kaufmann Moses Zanger und seine beiden ältesten Töchter Recha und Ella. Letztere, die später im israelischen Beer-Shewa unter dem Namen Ruchama Neumann lebt, erinnert sich: "Wir wussten nicht, was weiter sein wird, wir hatten keine Ahnung." Im Polizeigefängnis bleiben sie nicht lange – schon am Nachmittag werden sie zum Bahnhof, von dort in der Nacht zum 29. Oktober in verschlossenen Waggons an die polnische Grenze gebracht.

Die Nazis wollen keinen "Klumpen staatenloser Juden"

Max Helfers Geschichte hat der Journalist Hermann G. Abmayr 2006 für das Buch "Stuttgarter Stolpersteine" recherchiert und aufgeschrieben. Seine Verhaftung und Deportation ist eine von mehreren Tausend am gleichen Tag im nationalsozialistischen Deutschen Reich. Doch wie kommt es dazu? Am 6. Oktober 1938 hat die autoritäre polnische Regierung eine Verordnung erlassen, nach der die Pässe polnischer Staatsangehöriger, die im Ausland leben, ab dem 30. Oktober den Prüfvermerk eines polnischen Konsulats benötigen, andernfalls werden sie ungültig. Der Vermerk – und damit der Fortbestand der Staatsbürgerschaft – kann versagt werden, wenn die betreffende Person seit mehr als fünf Jahren im Ausland lebt. Hintergrund ist, dass die Regierung sowohl die Flucht als auch die Massenausweisung von Juden polnischer Staatsangehörigkeit aus dem Deutschen Reich nach Polen verhindern will.

Das wiederum sorgt auf deutscher Seite für Unruhe. Ernst von Weizsäcker, Staatssekretär im Auswärtigen Amt (und Vater des späteren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker), fürchtet, dass "uns im Wege der Ausbürgerung ein Klumpen von 40–50.000 staatenlosen ehemaligen polnischen Juden in den Schoß fiele". Die, um die es dabei geht, leben meist schon Jahrzehnte in Deutschland, haben keinerlei Beziehung mehr zu Polen, die Jüngeren können nicht einmal die Sprache. Am 26. Oktober erlässt Heinrich Himmler, Reichsführer der SS und Chef der deutschen Polizei, ein Aufenthaltsverbot für polnische Juden, diese müssen nun innerhalb von drei Tagen das Deutsche Reich verlassen. Am gleichen Tag wird der polnischen Regierung ein Ultimatum gestellt, sie solle Inhaber polnischer Pässe auch ohne Vermerk einreisen lassen, andernfalls werde man die polnischen Juden noch vor Inkrafttreten des Gesetzes am 30. Oktober abschieben.

Auf eine Reaktion wird nicht lange gewartet. Am 27. Oktober schon befiehlt Gestapo-Chef Reinhard Heydrich, alle polnischen Juden sofort festzunehmen und in bewachten Sonderzügen nach Polen abzuschieben. Für den Gau Württemberg-Hohenzollern unterweist Joachim Boës, Leiter der im Hotel Silber untergebrachten Gestapo-Leitstelle in Stuttgart, am Abend des 27. Oktober per Funk die Polizeidirektionen in Ulm, Friedrichshafen und Heilbronn: Bis zum nächsten Tag um 16 Uhr sollen alle Juden mit polnischen Pässen ins Stuttgarter Polizeigefängnis eingeliefert werden, und damit das klappt, seien die Maßnahmen "unter Einsatz aller Kräfte der Sicherheits- und Ordnungspolizei und unter Zurückstellung anderer Aufgaben durchzuführen", so der Befehl, und: "Wegen der Kürze der Zeit wird die Festnahme durchweg noch im Laufe der Nacht vom 27. zum 28. Oktober 1938 durchgeführt werden müssen." Mit großer Härte wird dies umgesetzt, und dass es in vielen Fällen so erschreckend reibungslos gelingt, liegt auch an der seit 1935 aufgebauten zentralen Judenkartei.

Ungewissheit und miserable hygienische Bedingungen

Zwischen 15.000 und 17.000 Menschen sind es, die im ganzen Reich verhaftet werden, im Gau Württemberg-Hohenzollern sollen es mehrere Hundert gewesen sein – genaue Zahlen liegen nur für wenige Orte vor. In Stuttgart hatten 1933 noch 225 Juden polnischer Staatsangehörigkeit gelebt, 1938 dürfte es trotz vieler Auswanderungen immer noch eine große Anzahl sein. Mütter mit Kindern unter 15 Jahren sollten vorerst ausgenommen sein, doch scheint dies nicht konsequent gehandhabt zu werden. In den geschlossenen Waggons, in denen die Verhafteten per Eisenbahn zur polnischen Grenze gebracht werden, sind die Bedingungen so schlecht, dass ein neunjähriges Mädchen aus Stuttgart stirbt.

Am 29. und 30. Oktober kommen die Züge am polnischen Grenzort Zbaszyn an, die Ausgewiesenen werden von deutschen Sicherheitskräften in Richtung Grenze getrieben. Die polnischen Grenzbeamten, völlig überrascht, halten sie mit Waffengewalt auf. Zwar kann rund die Hälfte in den kommenden Tagen einreisen, doch mehrere Tausend Menschen müssen im Niemandsland warten oder eher vegetieren. Sie irren oft im Grenzgebiet herum, in den Grenzorten, ohne Lebensmittel, Schlafplätze oder sanitäre Möglichkeiten. "Wir waren drei Nächte auf den Koffern gesessen, mit Decken, auf der Straße", erinnert sich Ruchama Neumann, die damals noch Ella Zanger heißt. "Dann kam eine polnische Familie, sie hat uns eingeladen, bei sich zu übernachten." Die Zangers nehmen an und schlafen auf Säcken in der Küche.

Später werden die Ausgewiesenen in improvisierten Internierungslagern untergebracht, in denen allerdings miserable hygienische Bedingungen herrschen, eine ungewisse Zukunft vor Augen. Erst im Januar stoppt das Deutsche Reich nach heftigen polnischen Protesten die Aktion, und Warschau will im Gegenzug die Deportierten passieren lassen. Manche leben aber noch Monate im Internierungslager – Sigmund Helfer etwa bis Mitte Juli 1939.

Die Ausgewiesenen können noch einmal für einen Monat nach Deutschland zurück, um ihre Vermögensverhältnisse zu ordnen und gegebenenfalls Familienmitglieder nachzuholen. Auch der Stuttgarter Moses Zanger nutzt diese Gelegenheit, löst dabei sein Geschäft auf. "Mein Vater bekam am 15. Juli 1939 eine Einreise nach Stuttgart", erinnert sich seine Tochter Ella. "Am 15. August, zwei Wochen vor Ausbruch des Krieges, musste die Familie Stuttgart verlassen. Sie kamen über Krakau nach Tarnow." Moses Zanger, seine Frau Chana und die drei jüngeren Kinder Cilly, Meta und Salomon überleben den Krieg nicht, werden vermutlich 1942 und 1943 in Tarnow ermordet. Den älteren Töchtern Ella und Recha gelingt die Flucht ins britische Mandatsgebiet Palästina.

Max und Sigmund Helfer kommen zunächst bei ihren immer noch in der Nähe von Kattowicz wohnenden Eltern unter. Wie es weitergeht mit den Stuttgartern, ist wenig bekannt. Sigmund überlebt, weil es seiner deutschen Frau Martha irgendwie gelingt, ihn aus Polen herauszuholen und über die Kriegsjahre zu bringen. Max Helfer dagegen wird, nachdem die Deutschen Polen erobert haben, von den Besatzern inhaftiert. Am 2. Mai 1942 stirbt er im Arbeitslager Biesiedka.

Parallelen zu heute gibt es trotz Unterschieden

Heute irren wieder Menschen im Grenzgebiet zwischen Polen und Belarus umher, und bei allen gravierenden Unterschieden, was die politische Situation in Europa betrifft – einige Parallelen zur jetzigen Situation sind dennoch frappierend. Das Schicksal der gestrandeten Geflüchteten scheint zweitrangig in einem diplomatischen Konflikt, die polnische Regierung spricht von einem "Angriff der Migranten", weder sie noch andere europäische Staaten zeigen eine Bereitschaft, sie aufnehmen zu wollen, sie scheuen humanitäres Handeln, um nicht als erpressbar von Belarus' Machthaber Alexander Lukaschenko zu gelten.

Auch Ende der 1930er gibt es einen großen Flüchtlingsdruck, damals von Jüdinnen und Juden sowie politisch Verfolgten aus dem Deutschen Reich und Österreich. Aus diesem Grund ruft der damalige US-Präsident Franklin D. Roosevelt im Juli 1938 die Konferenz von Évian ein; zehn Tage lang beraten Vertreter von 32 Staaten sowie Hilfsorganisationen im schweizerischen Évian-Les-Bains am Genfer See, wie dem Problem begegnet werden könne.

Das Ergebnis ist niederschmetternd: Kein Staat zeigt sich bereit, seine Aufnahmequoten zu erhöhen, die wenigen Pläne für eine Ansiedlung geflüchteter Juden, etwa an der sowjetischen Pazifikküste oder in der Dominikanischen Republik, erweisen sich als kaum praktikabel. Das Boot, es scheint schon 1938 grundsätzlich voll zu sein, kaum ein Land will sich als Einwanderungsland sehen. Die humanitäre Notlage unzähliger Menschen wird zu einem abstrakten Problem, das es irgendwie zu managen – oder auf die lange Bank zu schieben – gilt. Die Folge ist, dass viele derer, die hätten gerettet werden können, in den Jahren darauf von den Nazis im Rahmen der Shoah ermordet werden.

Generalprobe der Massendeportationen

Von vielen Historikern wird die "Polenaktion" heute als Vorbild für die Massendeportationen von Juden in Konzentrations- und Vernichtungslager gesehen, die rund drei Jahre später starteten, als eine Art Generalprobe der recht reibungslosen Zusammenarbeit von Behörden und Reichsbahn. In Stuttgart fand am 1. Dezember 1941 die erste dieser Deportationen statt, rund 1.000 Menschen wurden nach Riga gebracht. Elf weitere Züge folgten, von insgesamt 2.500 deportierten Frauen, Männern und Kindern aus Württemberg und Hohenzollern überlebten nur wenige. An den 80. Jahrestag dieses ersten Deportationszuges wurde kürzlich in groß angekündigten Veranstaltungen erinnert, und seit 2004 steht am Ausgangspunkt der Deportationen am Nordbahnhof die Gedenkstätte "Zeichen der Erinnerung".

Im Gegensatz zu den späteren Massendeportationen scheint die "Polenaktion" in der Öffentlichkeit nur wenig bekannt zu sein, auch wenn sie ein erster Schritt – und indirekte Vorbereitung – für eine weitere Eskalation der nationalsozialistischen Judenverfolgung war. Unter den 1938 Deportierten waren auch in Hannover lebende Familienmitglieder des 17-jährigen Herschel Grynszpan, der im Pariser Exil lebte. Um auf die jämmerlichen Bedingungen der Menschen im polnisch-deutschen Grenzgebiet aufmerksam zu machen, schoss er am 7. November auf den deutschen Diplomaten Ernst Eduard von Rath, der zwei Tage später seinen Verletzungen erlag. Für die Nazis ein willkommener Anlass, die Pogromnacht vom 9. November zu entfesseln, die den Übergang von Diskriminierung und sukzessiver Entrechtung zur nunmehr systematischen Verfolgung, wirtschaftlichen Ausplünderung und Vertreibung darstellt. Es ist nur noch ein kleiner Schritt zur physischen Vernichtung.

Wie unvorstellbar dieser Zivilisationsbruch trotz aller Warnsignale damals für viele in Deutschland lebende Juden war, scheint heute, da man die Geschichte kennt, nicht immer leicht nachvollziehbar. Noch Mitte der 1930er-Jahre, die Nazis waren längst an der Macht und hatten schon begonnen, ihren Antisemitismus in Gesetze zu gießen, soll Max Helfer laut seinen Töchtern gesagt haben: "Die Leute hier kennen mich alle. Ich bin im Fußballverein. Wir sind per Du. Die tun mir nichts."


Zum Weiterlesen und -schauen:

Hermann G. Abmayr: Max Helfer: Der Fußball-Freund mit dem falschen Pass, in: Harald Stingele und Die AnStifter (Hg.): Stuttgarter Stolpersteine. Spuren vergessener Nachbarn, Markstein Verlag, Filderstadt 2011 (3. Aufl.). Kurzfassung hier.

Karin Andre, Barbara Heuss-Czisch, Jennifer Lauxmann: Die Familie Zanger - eine Stütze der Jüdischen Gemeinde, Text auf der Stolpersteine-Homepage.

Ingrid Bauz, Sigrid Brüggemann, Roland Maier (Hg.): Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2013.

Roland Müller: Stuttgart zur Zeit des Nationalsozialismus, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988.

Paul Sauer, Sonja Hosseinzadeh: Jüdisches Leben im Wandel der Zeit, Bleicher Verlag, Gerlingen 2002.

Filmprojekt „Fragezeichen – Jugendliche im Gespräch mit Zeitzeug*innen des Nationalsozialismus“, DVD erhältlich beim Stadtjugendring Stuttgart. In einem der 25 Filme wird Ruchama Neumann interviewt, die Tochter von Moses Zanger, einige Zitate im Artikel sind dem Gespräch entnommen. Für 2022 ist eine Neuedition der Filme angekündigt sowie eine Homepage, auf der sie online angeschaut werden können.

 

 


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!