Polizeifotos von Viktor Kunz alias Goss. Foto: ISD

Polizeifotos von Viktor Kunz alias Goss. Foto: ISD

Ausgabe 116
Zeitgeschehen

Tod durchs Fallbeil

Von Hermann G. Abmayr
Datum: 19.06.2013
Traumata leben weiter. Bei den Kindern und Kindeskindern. Carmen Eckardt will das genau wissen. Die Spur führt zu Viktor Kunz, der durch ein Fallbeil in Stuttgart 1943 hingerichtet wurde. Er war ihr Urgroßvater.

Die Dokumentarfilmerin Carmen Eckardt hat schon einige Themen behandelt, die sie gebeutelt haben. Der Holocaust in der heutigen Ukraine, die Rettung der dänischen Juden vor den Nazis oder "Die Nacht von Wildenhagen". Der Film berichtet über Massenselbstmorde in der deutschen Bevölkerung am Ende des Zweiten Weltkriegs. Frauen hatten ihre Kinder und sich selbst kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee umgebracht. Aus Angst und Panik, die von der NS-Propaganda geschürt worden waren. "Ein ganz fürchterlicher Film", sagt Eckardt. "Diese Themen haben mich manchmal monatelang extrem belastet." Und sie habe sich gefragt, "warum tue ich mir das an".

Durch Zufall stieß sie dann auf die Geschichte von Viktor Kunz, ihrem Urgroßvater väterlicherseits. Und auf die ihrer Oma Hella Kunz. Beide sind in der Nazizeit gestorben. Über beide wollte die Familie nie sprechen. Es gab nur einige Gerüchte.

Tiefer Riss durch die Familie

Ihr Vater Wolfgang Eckhardt, Jahrgang 1940, sei instabil gewesen, gebrochen und unfähig, stabile Beziehungen aufzubauen. Mehrmals habe er versucht, seinem Leben eine Ende zu machen, berichtet die Tochter, die ihm immer eine Stütze war. Seine Gewaltausbrüche hätten "nichts mit einer alten preußischen pädagogischen Haltung zu tun gehabt; sie waren impulsgesteuert". Das sei damals nicht ungewöhnlich gewesen. "Die Kinder der Kriegskinder haben in den 60er-Jahren viel Gewalt abgekriegt."

Der "rote Wolfgang" habe wenig Rückhalt in der Familie gehabt, in die er eingeheiratet hatte. Wenn er Chuck Berry oder Louis Armstrong hörte, schrie die Großtante: "Wolfgang, mach die Negermusik aus!" Es ging ein Riss durch die Familie; die der Mutter verachtete die Familie des Vaters. Schmerzlich für die Kinder.

Die Geschichte muss raus. Das spürt Carmen Eckardt. "Viele von uns haben blinde Flecken in ihren Familiengeschichten", sagt sie. "Traumata, die unsere Vorfahren erlitten haben und nie verarbeiten konnten, sind ein Stück weit auch die unseren, die der Kinder und Kindeskinder."

Aber für einen Film war Carmen Eckardt das Thema zunächst viel zu nah, zu persönlich. "Ich wollte keine Nabelschau", sagt sie. "Ich musste erst langsam ein Verhältnis dazu finden, eine Haltung." Schließlich habe sie sich gesagt: "Du beschäftigst dich seit vielen Jahren immer wieder mit diesen Themen, und jetzt kommt die eigene Familie. Sei nicht feige, kneif mal nicht!" So entschied sie sich, das Thema bei Arte und beim WDR einzureichen. Und zwar gerade weil sie so den Zugang der Enkelgeneration zur eigenen Geschichte thematisieren konnte. Nicht mehr die ideologische Außensicht, die in den 60er-Jahren begann. Nicht anklagen, sondern den eigenen, den persönliche Zugang zur Geschichte erzählen.

Vater Wolfgang hatte als eineinhalbjähriges Kind seine Mutter verloren, Hella Kunz. Wieder ein Trauma, das unbearbeitet blieb. Man sprach in der Familie nicht oder nur ganz vage über die Frau. Dann hat Carmen Eckardt herausgefunden, "dass Hella in der Nazizeit die Klappe aufgemacht hat und denunziert worden war". Als hochschwangere Frau kommt sie 1941 in Kassel in Gestapo-Haft und stirbt nach der Entlassung unter ungeklärten Umständen. Ihr Kind scheint sie noch kurz vor dem Tod zur Welt gebracht zu haben, berichtet die Enkelin. "Im Archiv in Kassel habe ich einen Kindernamen gefunden, der ins Hausstandbuch eingetragen worden war." Doch weitere Spuren hat sie nicht gefunden.

"Alle Macht den Räten"

Hellas Mann war Nazi, Hellas Vater, Georg Viktor Kunz, "Hochverräter". Auch Teile seiner Geschichte konnte die Filmemacherin erst in den vergangenen Jahren nach und nach rekonstruieren, und sie ist noch lange nicht fertig damit. "Ich stieß beim Googeln im Historischen Lexikon Bayerns auf den Namen Kunz", erinnert sich die Urenkelin an die erste Überraschung. Er sei 1923 Organisator der Erwerbslosen in der damals von Bayern unabhängigen "Autonomen Pfalz" gewesen.

Schon als Jugendlicher habe sich Viktor Kunz politisch betätigt, findet Eckardt dann heraus – als Delegierter der Sozialistischen Arbeiterjugend und Gewerkschaftsführer. 1914 wird der Kriegsgegner zum Militär eingezogen und agitiert unter den Soldaten für die Revolution. Nach dem Krieg gehört er zu den Gründern der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands, lehnt autoritäre und hierarchische Strukturen, "Führerglauben" und den Parlamentarismus ab und fordert stattdessen "alle Macht den Räten". Er mobilisiert in Ludwigshafen Tausende von Erwerbslosen, ist 1923 Mitbegründer der "Autonomen Pfalz" und fungiert als deren Sozial- und Arbeitsminister. Nach der Zerschlagung des hunderttägigen Rebellenregimes setzt sich Kunz ins Elsass ab.

In der Nazizeit organisiert Viktor Kunz in Frankreich Widerstandsgruppen und Sabotageakte gegen Einrichtungen der deutschen Besatzer. Schon früh stand er auf den Fahndungslisten. Auf der Karteikarte der Geheimen Staatspolizei wird er als "Separatist" geführt. 1942 geht er der Gestapo ins Netz. Roland Freisler, Präsident des Volksgerichtshofs, verurteilt den "Berufsrevolutionär" unter dem Namen "Georg Goss, genannt Kunz" wegen Vorbereitung zum Hochverrat zum Tode. Kunz wird 1943 im Lichthof des Justizgebäudes in der Stuttgarter Urbanstraße mit dem Fallbeil enthauptet, sein Leichnam dem Anatomischen Institut der Universität Tübingen übergeben, wo er mit 15 Prozent Formalin konserviert als Präparat missbraucht wird. Wie die Leichen von rund 500 weiteren Menschen aus Stuttgart, die durch das Fallbeil starben. Bis Ende der 1980er-Jahre standen die Körperteile den Studierenden in Tübingen für Forschungszwecke zur Verfügung. 1990 sind sie im "Gräberfeld X" auf dem Stadtfriedhof Tübingen bestattet worden – fast 50 Jahre nach der Hinrichtung.

Am Ort der Hinrichtung beginnt Carmen Eckardt in dieser Woche mit den Dreharbeiten für ihren Film "Viktors Kopf". Arte und WDR waren zunächst sehr interessiert, sind zwischenzeitlich wieder abgesprungen – der Ansatz sei zu persönlich, das Thema nicht populär genug. So sah sich Carmen Eckardt gezwungen, sich nach einer anderen Finanzierung umzusehen. Sie will den Film auf jeden Fall machen, weiß aber noch nicht in welchem Rahmen und wie aufwendig, denn das hängt vom Geld ab.

Ihr Startkapital hat sie über eine Graswurzel-Plattform "Krautreporter"  bekommen, eine Art Schwarmfinanzierung. Die Plattform will unabhängigen Journalismus fördern. Hier hat Carmen Eckardt ihr Projekt Anfang des Jahres vorgestellt. "Es war sehr mutmachend, dass dann 95 Menschen in nur vier Wochen für meinen Film 7530 Euro zur Verfügung gestellt haben", sagt sie.

Jetzt will die Urenkelin die formale Aufhebung des Todesurteils und eine Rehabilitierung von Viktor Kunz erzwingen. "Eine abstruse Odyssee durch die juristische Welt" zeichne sich ab. Und auch die will sie filmisch begleiten.

 

Das Stuttgarter Bürgerprojekt Die Anstifter begleitet Carmen Eckardt am Mittwoch, den 19. Juni, ab 17:30 Uhr zum Stuttgarter Justizgebäude in der Urbanstraße 20, in dem das Fallbeil stand. 1994 wurde an der Mauer neben dem Treppenaufgang eine Inschrift für die Opfer der NS-Justiz angebracht. Der ehemalige Verwaltungsrichter und Initiator des Mahnmals, Fritz Endemann, wird eine kurz Ansprache halten. Eine Stunde später treffen sich die Anstifter mit Eckardt und Endemann im Gebäude des Württembergischen Kunstvereins (Schlossplatz, Eingang Stauffenbergstraße).


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1 Kommentar verfügbar

  • winningindustries
    am 19.06.2013
    nicht 9. Juni, sondern heute 19. :-)

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