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Hölle Hessental

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Eiskalte Waggons, notorische Verspätung, Pfützen im Abteil. Während sich die Deutsche Bahn in Stuttgart ein Denkmal baut, versinkt die Infrastruktur auf dem Land in Agonie.

Der Frankfurter Schriftsteller Wilhelm Genazino kommt 2010 mit dem Zug zu einer Lesung ("Das Glück in glücksfernen Zeiten") nach Schwäbisch Hall und schwärmt von seiner Anreise mit der Murrbahn. Das Publikum rätselt, ob der Mann das ernst meint. Vielleicht hatte einer, der sich mit dem Glück beschäftigt, tatsächlich welches und erwischte einen Tag, an dem er diese Strecke ohne jedwede Probleme hinter sich bringen konnte. Vielleicht war es auch einfach Sarkasmus oder dem Abenteuergeist des Literaten geschuldet, in der tiefsten Einöde an einem verlassenen Bahnhof zu stehen, an dem es fast nichts gibt.

Ich war von 2010 bis 2012 Pressesprecher der Bausparkasse Schwäbisch Hall und habe in dieser Zeit die Murrbahn mehrmals in der Woche benutzt. Ein Vorstand selbiger Bausparkasse spricht vom Bahnhof Hessental als einem "Schandfleck für unsere Stadt". In einer FAZ-online-Fotoreportage über "Deutschlands hässlichste Bahnhöfe" gelingt es der ansonsten schmucken Salzsiederstadt immerhin mit gleich beiden Haltepunkten "Hessental" (Bild 14) und "Schwäbisch Hall" (Bild 25) aufzutauchen. 

Die Frage entlarvte mich bei meiner Jungfernfahrt als Ignoranten. "Warum geht es nicht weiter?", wollte ich nach acht Minuten Aufenthalt in Murrhardt vom Schaffner wissen. Die Auskunft "Wir warten auf den Gegenzug" erschloss sich mir erst, als ich erfuhr, dass die Murrbahn zwischen Backnang und Hessental eingleisig sei und man deshalb auf den entgegenkommenden Regionalexpress zehn Minuten warten müsse. Der Schaffner schaute mich dabei mitleidig und etwas beleidigt an, wahrscheinlich träumte er von einem Einsatz im TGV von Paris nach Bratislava. Mir wiederum dämmerte, dass ich von nun an als Pendler zwischen Stuttgart und Schwäbisch Hall viel Zeit haben würde, um über Gegenzüge und eingleisige Strecken nachzudenken. Eine Stunde und 15 Minuten für eine Strecke von 70 Kilometern. Also doch aufs Auto umsteigen? Leider liefert sich die Bahn mit der Straße einen Schäbigkeitswettbewerb mit offenem Ausgang. Hinter Winnenden quält sich der Verkehr durch den – zugegebenermaßen – landschaftlich reizvollen Schwäbischen Wald. LKW-Kolonnen sorgen für ein Durchschnittstempo von 60 bis 70 km/h.  

Nicht gerade einladend: die Wartehalle in Schwäbisch Hall-Hessental. Foto: Joachim E. Röttgers

Die Schicksalsgemeinschaft der Murrbahn-Nutzer teilt sich – stark vereinfacht – in zwei Hauptgruppen. In Eisenbahn-Enthusiasten mit masochistischer Note – zu denen fühle ich mich zugehörig – und führerscheinlose Zwangsfahrer. Vor allem Schüler bescheren der Strecke noch eine leidliche Auslastung.

Außerhalb der morgendlich-nachmittäglichen Spitzen kann der Fahrgast das üppige Platzangebot auskosten. Die aus den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts stammenden Polsterbänke mögen zwar etwas durchgesessen sein, doch sind sie selten schmutzig. Das gilt übrigens auch für die Toiletten. Mit etwas Glück erwischt man noch ein WC mit Schüsseldurchblick bis auf die Schienenschwellen. 

Die Klofrage stellt sich dagegen in Hessental. Die Bahn hat die Toiletten abgebaut. Ein Schild verweist auf das WC der benachbarten Bahnhofstrinkhalle. Alteingesessene Haller Bürger warnen vor dem Verzehr von offenen Speisen und Getränken in diesem Lokal. Diese Abqualifizierung empfinde ich als ungerecht.

Gelegentlich ergibt sich in der Murrbahn die Chance zum informativen Gespräch über die Zukunft der Strecke. So erläuterte 2011 der SPD-Landtagsabgeordnete aus Schwäbisch Hall, Nikolaos Sakelariou, dass die Gegenzug-Wartezeiten "immer für ausreichend Puffer sorgen". Die Züge seien daher auch "fast immer" pünktlich. Im Dezember 2012 ist dieser Puffer weggefallen. In Fornsbach hat die Bahn für 12 Millionen Euro ein sogenanntes Kreuzungsgleis in Betrieb genommen. Die Fahrtzeit hat sich damit um zehn Minuten verringert, der Zug braucht allerdings immer noch mehr als eine Stunde von Hessental nach Stuttgart.


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