Auf dem Papier wirkt das schlüssig, tatsächlich muss das System erst gebaut werden – unter unsicheren politischen Rahmenbedingungen und in kurzer Zeit. Herzstück sind riesige Flusswärmepumpen am Rhein auf dem Gelände des Großkraftwerks: Seit 2023 ist bereits eine solche Wärmepumpe mit einer Leistung von circa 20 Megawatt in Betrieb. Eine zweite Anlage mit bis zu 165 Megawatt soll bis 2028 entstehen, laut MVV die größte ihrer Art weltweit, und rechnerisch rund 40.000 Haushalte versorgen. Und eine dritte ist bereits geplant.
Zugleich setzt MVV auf Geothermie. Bis zu drei Anlagen sollen entstehen, die erste ab 2029 oder 2030. Wie viel Wärme sie tatsächlich liefern werden, hängt von den Bohrungen ab. Gleichzeitig steigt mit dem Ausbau von Wärmepumpen auch der Strombedarf und damit die Bedeutung eines stabilen Stromsystems, auf das die Wärmeversorgung künftig stärker angewiesen ist. Die Anlagen sollen aus dem Netz versorgt werden. Voraussetzung ist, dass Stromerzeugung und Netze bundesweit entsprechend ausgebaut werden.
Damit konzentriert sich ein großer Teil der künftigen Wärmeversorgung auf wenige Projekte. Verzögerungen oder geringere Leistungen würden den Zeitplan insgesamt verschieben. Dieses Risiko sieht auch Fritz Mielert, Referent für Umweltschutz beim Umwelt- und Naturschutzverband BUND Baden-Württemberg. Der Umbau sei "ziemlich ambitioniert, aber machbar". Entscheidend sei, dass politische Rahmenbedingungen stabil bleiben. Lockerungen im Klimaschutz könnten die Wärmewende direkt gefährden.
Fernwärme als Rückgrat
Parallel dazu wird die Fernwärme selbst weiter ausgebaut. Aus den jetzt 60 Prozent des Wärmebedarfs in Mannheim, der mit ihr gedeckt wird, sollen künftig 75 Prozent werden. Im Fokus stehen vor allem dicht bebaute Wohngebiete. In weniger verdichteten Gebieten sollen dagegen eher Wärmepumpen zum Einsatz kommen. MVV-Netzstragie-Leiterin Halkenhäuser spricht von einem kontinuierlichen Ausbau von bis zu 80 Kilometern zusätzlichem Netz; aktuell liegt der Schwerpunkt auf Verdichtung. MVV sieht eine wachsende Nachfrage nach klimafreundlichen Heizlösungen. Die Zahl der neuen Gashausanschlüsse im MVV-Netz gehe dagegen nahezu gegen null.
Der Ausbau der Fernwärme ist dabei keine Option, sondern Voraussetzung für die Wärmewende in einer dicht bebauten Stadt wie Mannheim. Wo viele Menschen dicht beieinander wohnen, lohnt sich Fernwärme besonders. In weniger dicht bebauten Gebieten sind Wärmepumpen die bessere Option. So entsteht eine Wärmeversorgung, die je nach Stadtteil unterschiedlich organisiert ist. Die Stadt setzt dabei nach eigener Darstellung bewusst auf einen "Angebotsansatz": Sie will den Umstieg durch Ausbau, Förderung und Beratung ermöglichen, nicht durch Vorgaben oder verpflichtende Anschlüsse. Ein Baustein ist die Wärmewende-Akademie, ein Schulungs- und Netzwerkzentrum von MVV, Stadt, Klimaschutzagentur, IHK, Handwerkskammer und Innungen. Denn viele Haushalte orientieren sich bei der Wahl ihrer Heizung an der Beratung durch Installateure.
Mielert vom BUND sieht darin Chancen, etwa durch Geothermie, warnt aber auch vor neuen Abhängigkeiten: Fernwärme sei ein natürliches Monopol, entscheidend sei deshalb eine strenge Kontrolle der Preise.
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