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Wärmewende in Mannheim

Im Schatten des Großkraftwerks

Wärmewende in Mannheim: Im Schatten des Großkraftwerks
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Mannheim plant den Abschied vom Gas – mit riesigen Flusswärmepumpen, Geothermie und einem wachsenden Fernwärmenetz. Doch während das neue System erst entsteht, bleibt das bestehende vorerst Teil der Versorgung. Die Wärmewende zeigt sich als schrittweiser Umbau.

Gasfrei bis 2035 – so wird die Wärmewende in Mannheim oft beschrieben. Und damit steht die Stadt für etwas, das in Deutschland sonst nur langsam vorankommt: den Umbau der Wärmeversorgung. Während Windräder und Solaranlagen sichtbar wachsen, bleibt das Heizen oft unsichtbar und über Jahrzehnte unverändert. Während andernorts neue Gaskraftwerke geplant werden, wird der Umbau in Mannheim greifbar. Nur: Offiziell hat die Stadt dieses Ziel nie formuliert.

Einen "Erdgas-Ausstieg bis 2035" habe sie nie beschlossen, erklärt die Mannheimer Stadtverwaltung auf Anfrage. Zuständig sei sie für die kommunale Wärmeplanung, nicht für die Stilllegung von Gasnetzen. Die Stadtverwaltung versteht sich damit in erster Linie als Rahmengeber, nicht als Akteur des Rückbaus. Ein festes Ausstiegsdatum gibt es deshalb bislang ebenso wenig wie einen verbindlichen Plan für das Ende der Gasversorgung. Die oft genannte Zahl 2035 geht auf Pläne des Mannheimer Energieversorgers MVV Energie AG zurück, das Gasnetz perspektivisch stillzulegen, und wurde teils als städtisches Ausstiegsdatum gelesen.

Umbau im Bestand

Die Dynamik kommt also vor allem von anderer Seite. Denn während die Stadt rechtlich vorsichtig bleibt, treibt MVV die praktische Umstellung voran. Intern orientiere man sich an einem Gebäudebestand, der nach den Plänen des Landes bis 2040 klimaneutral sein soll, sagt Alexandra Halkenhäuser, Leiterin Netzstrategie und Konzessionen bei MVV. Von dort aus werde der Zeitplan zurückgerechnet. Sie hält es für unabdingbar, bewusste Entscheidungen zu treffen und "nicht noch einmal in eine fossile Heizungslösung zu investieren".

Die Richtung ist also klar: weg von Gas und Kohle, hin zu Fernwärme, Wärmepumpen und Geothermie. Nur beginnt diese Wärmewende nicht auf der grünen Wiese, sondern mitten im fossilen Alltag. Zwar deckt Fernwärme schon heute rund 60 Prozent des Wärmebedarfs in Mannheim – ein Spitzenwert im Bundesvergleich. Aber noch immer stammt rund die Hälfte dieser Fernwärme aus dem Großkraftwerk Mannheim, also aus Kohle. Etwa 40 Prozent gelten als “klimafreundlich” – vor allem durch Müll- und Altholzverbrennung sowie industrielle Abwärme. Weitere zehn Prozent kommen aus Erdgas. Wer in Mannheim heizt, heizt damit bis heute überwiegend fossil.

Der neue Mix

Der Plan, das zu ändern, ist ambitioniert. Schon bis Anfang der 2030er Jahre soll sich der Mix grundlegend verschieben: rund 30 Prozent Flusswärme, bis zu 20 Prozent Geothermie, etwa 40 Prozent Abwärme. Für 2035 zeichnet MVV ein nahezu fossilfreies Bild: knapp die Hälfte der Wärme aus Abwärme, unter anderem aus Industrie und Abfallverwertung, dazu Geothermie und Flusswärme, nur noch sechs Prozent "grüne Gase". Zugleich geht das Unternehmen davon aus, dass der Wärmebedarf insgesamt sinkt, etwa durch bessere Dämmung und effizientere Nutzung.

Auf dem Papier wirkt das schlüssig, tatsächlich muss das System erst gebaut werden – unter unsicheren politischen Rahmenbedingungen und in kurzer Zeit. Herzstück sind riesige Flusswärmepumpen am Rhein auf dem Gelände des Großkraftwerks: Seit 2023 ist bereits eine solche Wärmepumpe mit einer Leistung von circa 20 Megawatt in Betrieb. Eine zweite Anlage mit bis zu 165 Megawatt soll bis 2028 entstehen, laut MVV die größte ihrer Art weltweit, und rechnerisch rund 40.000 Haushalte versorgen. Und eine dritte ist bereits geplant.

Zugleich setzt MVV auf Geothermie. Bis zu drei Anlagen sollen entstehen, die erste ab 2029 oder 2030. Wie viel Wärme sie tatsächlich liefern werden, hängt von den Bohrungen ab. Gleichzeitig steigt mit dem Ausbau von Wärmepumpen auch der Strombedarf und damit die Bedeutung eines stabilen Stromsystems, auf das die Wärmeversorgung künftig stärker angewiesen ist. Die Anlagen sollen aus dem Netz versorgt werden. Voraussetzung ist, dass Stromerzeugung und Netze bundesweit entsprechend ausgebaut werden.

Damit konzentriert sich ein großer Teil der künftigen Wärmeversorgung auf wenige Projekte. Verzögerungen oder geringere Leistungen würden den Zeitplan insgesamt verschieben. Dieses Risiko sieht auch Fritz Mielert, Referent für Umweltschutz beim Umwelt- und Naturschutzverband BUND Baden-Württemberg. Der Umbau sei "ziemlich ambitioniert, aber machbar". Entscheidend sei, dass politische Rahmenbedingungen stabil bleiben. Lockerungen im Klimaschutz könnten die Wärmewende direkt gefährden.

Fernwärme als Rückgrat

Parallel dazu wird die Fernwärme selbst weiter ausgebaut. Aus den jetzt 60 Prozent des Wärmebedarfs in Mannheim, der mit ihr gedeckt wird, sollen künftig 75 Prozent werden. Im Fokus stehen vor allem dicht bebaute Wohngebiete. In weniger verdichteten Gebieten sollen dagegen eher Wärmepumpen zum Einsatz kommen. MVV-Netzstragie-Leiterin Halkenhäuser spricht von einem kontinuierlichen Ausbau von bis zu 80 Kilometern zusätzlichem Netz; aktuell liegt der Schwerpunkt auf Verdichtung. MVV sieht eine wachsende Nachfrage nach klimafreundlichen Heizlösungen. Die Zahl der neuen Gashausanschlüsse im MVV-Netz gehe dagegen nahezu gegen null.

Der Ausbau der Fernwärme ist dabei keine Option, sondern Voraussetzung für die Wärmewende in einer dicht bebauten Stadt wie Mannheim. Wo viele Menschen dicht beieinander wohnen, lohnt sich Fernwärme besonders. In weniger dicht bebauten Gebieten sind Wärmepumpen die bessere Option. So entsteht eine Wärmeversorgung, die je nach Stadtteil unterschiedlich organisiert ist. Die Stadt setzt dabei nach eigener Darstellung bewusst auf einen "Angebotsansatz": Sie will den Umstieg durch Ausbau, Förderung und Beratung ermöglichen, nicht durch Vorgaben oder verpflichtende Anschlüsse. Ein Baustein ist die Wärmewende-Akademie, ein Schulungs- und Netzwerkzentrum von MVV, Stadt, Klimaschutzagentur, IHK, Handwerkskammer und Innungen. Denn viele Haushalte orientieren sich bei der Wahl ihrer Heizung an der Beratung durch Installateure.

Mielert vom BUND sieht darin Chancen, etwa durch Geothermie, warnt aber auch vor neuen Abhängigkeiten: Fernwärme sei ein natürliches Monopol, entscheidend sei deshalb eine strenge Kontrolle der Preise.

Gas verschwindet langsam

Und das Gas? Es verschwindet – aber nicht einfach so. Zwar geht die Zahl der Anschlüsse bereits zurück, neue kommen kaum noch hinzu. Doch einen konkreten Plan für den Rückbau des Netzes gibt es nicht. MVV sagt offen: Ein Ausstiegsdatum existiere bislang nicht. Erst eine EU-Richtlinie, die derzeit in deutsches Recht umgesetzt werden muss, schafft den Rahmen, um überhaupt Stilllegungspläne zu entwickeln. "Man darf sich das nicht so vorstellen, dass eine Stilllegung von heute auf morgen geschieht", sagt Halkenhäuser. Stattdessen sei dies ein schrittweiser Prozess.

Gleichzeitig bleibt Gas Teil der Zukunft. Für Spitzenlast und Versorgungssicherheit sollen weiterhin "gasförmige Energieträger" eingesetzt werden. Wasserstoff und Biogas gelten für Haushalte als zu teuer und zu knapp – für die Industrie dagegen als notwendig. Auch der BUND erwartet, dass fossile Energieträger in bestimmten Bereichen länger gebraucht werden. Die "grünen Gase" sind aus Sicht von Halkenhäuser noch eine offene Frage. Für einen 1:1-Ersatz der heutigen Erdgasnachfrage werden die Mengen nicht reichen. Überregionale Infrastruktur und Märkte müssen sie erst bereitstellen.

Auch die Stadt bleibt vorsichtig. Ob ein weitgehender Verzicht auf Gas bis 2035 realistisch ist, lasse sich "nicht belastbar abschätzen". Zu viele Faktoren spielten eine Rolle: von politischen Vorgaben über Märkte bis hin zu geopolitischen Entwicklungen. Klar sei nur, dass die Abhängigkeit von fossilen Energien Risiken birgt. Solche Unklarheiten prägen die Wärmewende nicht nur in Mannheim, sondern bundesweit. Der BUND sieht den Plan dennoch auf einem "glaubwürdigen Weg", betont aber offene Fragen, vor allem, woher künftig Wasserstoff und Biomasse nachhaltig kommen sollen.

Beim Vorreiter Mannheim werden Konflikte sichtbar

Heute steht Mannheim noch für fossile Energie, sichtbar im Großkraftwerk (GKM) am Rhein, das nicht nur einen großen Teil der Fernwärme liefert, sondern zugleich für das Stromsystem relevant bleibt. Zwei seiner Blöcke sind laut Bundesnetzagentur noch bis 2031 als systemrelevant eingestuft. Sie gehören zur sogenannten Netzreserve und dürfen nur dann betrieben werden, wenn das Stromsystem sie braucht.

Und es braucht sie offenbar regelmäßig. Daten aus dem Stromnetz zeigen: Während Kraftwerke bundesweit im sogenannten Redispatch sowohl hoch- als auch heruntergeregelt werden, wird das GKM fast ausschließlich hochgefahren. Unter den konventionellen Anlagen in Deutschland entfällt rund jede fünfzehnte Aufregelung auf Mannheim. Das Kraftwerk wird also nicht gedrosselt, weil zu viel Strom im Netz ist – sondern genutzt, wenn Leistung fehlt.

Das passt nur bedingt zur Erzählung vom schnellen fossilen Ausstieg. Denn es zeigt: Die bestehende Infrastruktur verschwindet nicht einfach, sondern erfüllt weiterhin eine Funktion im System. Die Wärmewende findet sozusagen nicht nach dem Kohlezeitalter statt, sondern in seinem Schatten.

Mannheim steht dabei für kein fertiges Modell, sondern für einen Ort im Umbau. Ein neues System entsteht, während das alte weiterläuft. Gerade deshalb gilt Mannheim als Vorreiter: Die Stadt geht einen Weg, der bundesweit noch oft aufgeschoben wird, und sie stößt dabei auf die grundlegenden Konflikte der Wärmewende.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob Mannheim irgendwann ohne Gas auskommt. Sondern wie dieser Übergang organisiert wird und wer die Kosten und Risiken trägt: die Stadt, die Versorger oder die Menschen, die ihre Heizungen heute schon austauschen sollen.

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