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Podcast "Siller fragt" – Hermann-Josef Tenhagen

"Die Leute wissen zu wenig über Steuern"

Podcast "Siller fragt" – Hermann-Josef Tenhagen: "Die Leute wissen zu wenig über Steuern"
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Hermann-Josef Tenhagen ist Aufsichtsrat der taz-Genossenschaft und bei Greenpeace. Seine Profession aber sind Finanzen. Vor allem die von Menschen, die wenig Geld haben. Im Gespräch mit Stefan Siller merkt er an: "Beim ollen Helmut Kohl war die Einkommensteuer bei 53 Prozent."

Wie lege ich Geld an, welche Versicherung ist gut, wo muss ich nicht so viel Gebühr fürs Konto zahlen? Hermann-Josef Tenhagen weiß das. Er ist Wirtschaftsjournalist, Kolumnist diverser Medien zum Thema Finanzen, und er ist Chefredakteur des Geldratgebers "Finanztip". Stefan Siller dreht den Spieß im Podcast herum und fragt: "Herr Tenhagen, welche Tipps haben Sie denn für Politiker und Gesetzgeber?" Dagegen, dass Reiche immer reicher werden und Arme immer ärmer. Dagegen, dass dem reichsten einen Prozent der Bürger ein Drittel des gesamten Vermögens gehören. Selbst amerikanische Milliardär:innen würden schon sagen, das könne alles nicht richtig sein, sagt Tenhagen. Und dass man es in Deutschland nicht schaffe, "bei Familien wie den Quandts Erbschaftssteuer zu kassieren, ist schon interessant." Oder auch, dass ein multinationaler Konzern wie Apple beinahe keine Steuern zahlt. Aber, meint Tenhagen, man könne ja auch sagen: "Mit solchen Menschen und deren Produkten möchte ich nichts zu tun haben." Er selbst besitze ein Apple-Zweithandy, auf dem er nur das Funktionieren von "Finanztip"-Apps testet – gebraucht und repariert gekauft, mit längerer Garantie als bei einem neuen I-Phone.

Klar könne man die Besteuerung von Reichen ändern, sagt Tenhagen, aber das seien politische Entscheidungen, die offenbar vor allem für die Politiker:innen, die sich als links der Mitte begreifen, schwierig sei. "Beim ollen Helmut Kohl war die Einkommensteuer bei 53 Prozent, Rot-Grün hat sie dann auf 42 Prozent gesenkt." Aber eigentlich sei ein anderer Punkt interessant: "Die Leute befassen sich zu wenig mit ihren Steuern", ist er sich sicher und rät: "Machen Sie eine Steuererklärung! Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Geld rauskriegen ist hoch. Im Schnitt ist es ein Tausender."

Zum Stichwort Erbschaftssteuer sagt der Finanzexperte: Etwa die Hälfte der Menschen in Deutschland leben zur Miete. Dann gibt es viele, die sich eine Wohnung oder ein Haus erarbeitet haben. Der Prozentsatz derer, die viele Häuser vererben und denen eine hohe Erbschaftssteuer tatsächlich das eigene Häusle gefährden könnte, "ist wirklich, wirklich klein". Und nicht mehrheitsfähig. Und trotzdem fühlen sich Besitzer:innen einer Immobilie bedroht und könnten allein mit diesem Gefühl einer Bedrohung tatsächlich Mehrheiten mobilisieren. Gleiches beim Elterngeld, das ab 150.000 Euro zu versteuerndem Familieneinkommen nicht mehr gezahlt werden soll. "Das heißt ja 180.000, 190.000 Euro brutto." Dass jemand nicht glücklich damit sei, wenn ihm plötzlich eingeplante 25.000 Euro fehlen, das verstehe er. "Aber dass es quasi eine Art Volksaufstand deswegen gibt", wiederum nicht. Denn so viele Betroffene könne es gar nicht geben. Die Lösung? Einen Tipp an die Politik hat er nicht, empfiehlt aber allen anderen: anders wählen und die potenziellen Kandidat:innen zum Thema befragen.

Was würde er tun, wenn er könnte?, fragt Stefan Siller. Als erstes dafür sorgen, dass Leute mit einer kleinen Rente eine höhere Rente bekommen. "Weil das die größte Ungerechtigkeit im Sozialversicherungssystem ist, die wir haben." Leute mit niedrigem Einkommen werden statistisch nicht so alt und subventionieren durch ihre kleine Rente die Altersversorgung der Reicheren. Das sei nur in Deutschland so. Und in Mexiko.

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1 Kommentar verfügbar

  • gerhard manthey
    am 19.08.2023
    Antworten
    Ich bin gerührt: Tenhagen als Erfinder des demokratischen Steuer-Bierdeckels. Es trennt ihn nicht viel von Herrn Merz, Herrn Eichel, Herrn Altmeier. "Kleine Leute" sollen eine bessere Rente bekommen. Das erinnert mich an die ersten Jahre der TAZ, da ich versuchte der TAZ-Geschäftsleitung klar zu…
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