Die Mahsa-Bewegung löste eine Welle der Solidarität aus, die sich über den gesamten Iran erstreckte – über alle ethnischen, sprachlichen und sozialen Unterschiede hinweg. In diesem Moment entstand eine Form der Weiblichkeit, die Frauen und Männer miteinander verband. Der Fokus lag nicht mehr allein auf der Frau als biologischem Geschlecht, sondern auf dem Prinzip des Weiblichen als einer gemeinsamen Erfahrung, die Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht in sich tragen können.
Heute ist im Iran zu beobachten, wie neue Konflikte entstehen und spaltende Diskurse unter dem Banner einer zunehmend hasserfüllten und stark sexualisierten Sprache auftreten. In einer solchen Situation erscheint vielen Menschen die Sehnsucht nach der Rückkehr eines starken Vaters verständlich – eines Vaters, der mit seiner Autorität alle wieder "auf ihren Platz" verweist. Gerade darin liegt eine gefährliche Versuchung: Dieses heimliche Verlangen nach dem starken Vater ist wie ein verborgenes Jucken unter der Haut. Das kollektive Unbewusste der Gesellschaft wurde über Jahrhunderte hinweg in der Erfahrung monarchischer Ordnung geformt. Selbst wenn diese Tradition an der Oberfläche geleugnet wird – etwa durch den Namen "Republik", den das heutige Regime trägt –, bleibt sie in der politischen Tiefenstruktur wirksam.
Doch wenn ein Vater wieder als realer Herrscher unter die Lebenden zurückkehrt, wird sich die Geschichte als Tragödie wiederholen. Um das zu verhindern, muss ein Opfer gebracht werden, das darin besteht, die Institution der Monarchie zu bewahren – aber ausschließlich als reines Symbol.
Kein Ausweichen vor Verantwortung
Die Zukunft des Irans scheint daher an ein unvollendetes Projekt gebunden zu sein: eine politische Bewegung, die Status und Macht voneinander trennt: die Krone als Symbol einer Nation und das Volk selbst als lebendiges politisches Subjekt, das im Parlament seine Stimme findet.
Der Anthropologe Frank Heidemann zeigt in seiner Studie über die Badaga-Gesellschaft in Südindien, wie eine ähnliche Struktur funktioniert. Er spricht von dualer Souveränität: einer Aufteilung zwischen ritueller Macht, die sich in öffentlichen Festen ausdrückt, und symbolischem Status, der im Zentrum dieser Rituale steht. Gerade weil diese beiden Sphären voneinander unabhängig bleiben, kann das politische System stabil funktionieren.
In letzter Zeit kursieren im Internet verschiedene Videos, die offenbar darauf abzielen, die Stellung von Prinz Reza Pahlavi zu beschädigen. Allerdings ist diese Stellung teilweise schon zuvor durch einige seiner eigenen Anhänger untergraben worden – durch jene übereifrigen Unterstützer, die in seinem Namen überall Beschimpfungen und vulgäre Beleidigungen verbreiten. Sie versuchen mit aller Gewalt, in ihm einen zweiten Reza Schah zu sehen – etwas, das er schlicht nicht ist.
Dabei könnte er gerade in der Form, in der er heute auftritt, seine symbolische Rolle durchaus erfüllen. Selbst wenn er – wie in einem Video, das spöttisch verbreitet wurde – es nicht schafft, eine Wasserflasche zu öffnen. Selbst wenn er gelegentlich auf einen Streich hereinfällt wie etwa auf die Aktion eines russischen Prankster-Duos, das sich als Vertreter deutscher politischer Kreise ausgab.
Solche Episoden mögen peinlich erscheinen, doch sie verändern nichts am eigentlichen Punkt. Prinz Reza Pahlavi verfügt über ein beträchtliches symbolisches Kapital, das ihn gewissermaßen zu einem nationalen Gut gemacht hat. Doch von diesem symbolischen Kapital sollte man nicht mehr erwarten, als Symbole leisten können: zu verbinden, zu integrieren, als Fahne zu wirken. Jede darüber hinausgehende Erwartung wäre letztlich ein Ausweichen vor der Verantwortung, die auf uns selbst liegt.
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Der Iran war im 20. Jahrhundert immerwieder Spielball westlicher Mächte und der Ölkonzerne. In beiden Weltkriegen von Fremdherrschaft durch Entente und Alliierte geprägt. Der Gründer der Pahlavi-Herrschaft war ein militärischer Emporkömmling - eine Figur die an Napoleon III. erinnert. Die Herrschaft…
Kommentare anzeigenPhilippe Ressing
vor 10 Stunden