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Zur Zukunft des Iran

Entmachtet den Vater!

Zur Zukunft des Iran: Entmachtet den Vater!
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Im Iran haben sich schon viele Patriarchen als absolute Herrscher abgewechselt, das Parlament hat eher eine symbolische Funktion. Der Stuttgarter Anthropologe Iraj Esmaeilpour Ghoochani plädiert für einen Monarchen an der Spitze des Staats – aber einen ohne Macht.

1979 ersetzte der Turban die Krone – doch der Thron blieb derselbe. Im Zuge der Islamischen Revolution im Iran folgte auf den Schah der Ajatollah. Doch die sogenannte Velayat-e Motlaqeh, die absolute Herrschaft eines religiösen Führers, war im Wesenskern nichts anderes als eine absolute Monarchie (Saltanat-e Motlaqeh), nur im religiösen Gewand weitergeführt. Bei den aktuellen Debatten um die Zukunft des Irans macht sich ein ähnliches Muster unter umgekehrten Vorzeichen bemerkbar. Schon 1979 war oft der Satz zu hören: "Hauptsache, diese Leute verschwinden!" Auch heute lautet die Frage meistens nicht: "Was wird kommen?", sondern: "Wer wird kommen?" Die erste Variante fragt nach der politischen Ordnung. Die zweite sucht lediglich nach einer neuen Herrscherfigur, ersetzt den einen Regenten durch einen anderen.

Die Konstitutionelle Revolution im Iran kämpfte zu Beginn des 20. Jahrhunderts eigentlich für eine Krone ohne politische Macht, die jedoch als Symbol der Kontinuität und als Quelle der Legitimität bestehen bleibt – und nach einem Parlament, das ohne Furcht handeln kann und unter dem Schutz dieser symbolischen Legitimität reale politische Autorität ausübt. In der Wirklichkeit war das über die vergangenen Jahrzehnte spiegelverkehrt: Es gab ein symbolisches Parlament in den Händen eines absoluten Herrschers.

Foto: Jens Volle

Iraj Esmaeilpour Ghoochani, 1968 geboren in Teheran, kam 2009 nach den Massenprotesten der "grünen Bewegung" im Iran nach Deutschland. 2017 promovierte er am Ethnologie-Institut der LMU München über "Anthropologie des Unbewussten". In Stuttgart ist er als Künstler in den Wagenhallen und als Popkulturforscher aktiv.  (red)

Der Mantel der Macht lag nie besonders lange auf denselben Schultern. Aber solange sich an der politischen Ordnung nichts ändert, erweist sich die Geschichte des Irans dem Grunde nach als eine fortlaufende Wiederholung derselben Katastrophe – nur jedes Mal in einer anderen Farbe.

Ein noch nicht begangener Weg

Und doch gibt es in der jüngeren Geschichte des Landes einen Moment, der zeigt, dass dieser Kreislauf nicht unvermeidlich ist: Im Herbst 2022 entstand im kurdischen Teil des Irans ein Slogan, der sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit im ganzen Land verbreitete: "Frau, Leben, Freiheit!" Innerhalb weniger Tage wurde diese Formel zu etwas, das in der iranischen Politik selten ist: zu einer gemeinsamen Sprache über ethnische, soziale und religiöse Grenzen hinweg. Kurden, Perser, Türken, Luren, Belutschen und Araber. Religiöse, säkulare und atheistische Iraner. Studierende, Arbeiter, Angestellte. Alle wiederholten dieselben drei Worte.

Für einen kurzen historischen Moment schien es, als habe die iranische Gesellschaft eine ihrer ältesten politischen Obsessionen überwunden: die Suche nach dem allmächtigen Vater. Eine weibliche Energie mit völlig ungewohnten Koordinaten durchzog plötzlich das ganze Land und öffnete einer Gesellschaft, die an die patriarchalen "Ja/Nein"-Befehle des Vaters gewöhnt war, eine andere Möglichkeit – einen noch nicht begangenen Weg, eine neue Vorstellung vom Iran und von den Iranern selbst. Solange sich aber die politische Ordnung um eine von sexuellen Ressentiments durchdrungene Königverehrung dreht, bleibt auch das politische Feld dasselbe: ein Schauplatz, auf dem immer wieder Galgen errichtet werden – und eine Gesellschaft, die auf das nächste Blutritual wartet. Eine Politik der Hinrichtungen.

Der iranische Anthropologe Mehrdad Arabestani hat den heutigen Iran einmal als eine "vaterlose Gesellschaft" beschrieben. Auf den ersten Blick wirkt die Formulierung paradox, denn die Islamische Republik beruht auf einem dichten Geflecht strenger hierarchischer Autorität. Gemeint ist jedoch nicht das Fehlen von Macht, sondern vielmehr eine Krise ihrer Legitimität.

Macht ohne Legitimität

In vielen Gesellschaften verstärken sich Macht und Legitimität gegenseitig. Im Iran bewegen sie sich hingegen häufig in entgegengesetzte Richtungen. Autorität ist allgegenwärtig – und gerade weil sie überall präsent ist, wird sie zugleich ständig infrage gestellt. Der politische Diskurs ist daher von Anschuldigungen, gegenseitigen Verdächtigungen und konkurrierenden Wahrheitsansprüchen geprägt. Arabestani erklärt diese Dynamik mit einem Begriff des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan: dem "Diskurs des Hysterikers". Gemeint ist damit eine gesellschaftliche Konstellation, in der Subjekte Autorität unablässig herausfordern und zugleich nach ihr verlangen. Revolten gegen die Figur des Herrschers richten sich dabei selten gegen die Struktur selbst.

Diese Struktur erklärt auch eine besondere Eigenschaft der iranischen politischen Kultur: die Faszination für verborgene Hände und Verschwörungstheorien. Die iranische Literatur hat diese Neigung in der berühmten satirischen Figur "Onkel Napoleon" – geschaffen von Iraj Pezeshkzad – eindrucksvoll dargestellt. In dem Roman ist Onkel Napoleon überzeugt, dass jedes Ereignis im Iran letztlich das Werk der Engländer sei, die banalsten Vorfälle gelten ihm als Beweis dafür. Und manchmal stecken wirklich die Engländer dahinter – aber darum geht es hier zunächst nicht.

Der Roman “Onkel Napoleon” ist eine Komödie. Doch gerade sein außerordentlicher Erfolg weist auf etwas Ernstes hin. Politik erscheint im Iran oft wie eine Theaterbühne: Sichtbare Akteure spielen ihre Rollen, während unsichtbare Kräfte angeblich im Hintergrund das Drehbuch schreiben. In einer solchen Atmosphäre wird Misstrauen selbst zu einer Methode politischer Interpretation.

Ganz unbegründet ist dieses Misstrauen nicht. Die iranische Geschichte ist reich an Beispielen ausländischer Interventionen: die Aufteilung des Landes in Einflusszonen zwischen Großbritannien und Russland im Jahr 1907, die Besetzung des Irans durch alliierte Truppen während des Zweiten Weltkriegs oder die Absetzung des iranischen Ministerpräsidenten Mohammad Mossadegh im Jahr 1953 – ein Ereignis, das weithin als Ergebnis britischer und amerikanischer Einflussnahme auf die konstitutionelle Ordnung Irans gilt.

Diese Erfahrungen – deren Folgen bis heute spürbar sind – haben eine politische Erinnerung hervorgebracht, in der die Grenze zwischen innerer Politik und äußerer Manipulation oft verschwimmt. Es entsteht der Eindruck, dass irgendwo immer "eine Verbindung im Hintergrund" existiert – und nicht selten ist da auch etwas Wahres dran. Doch die tiefer liegende Instabilität der iranischen Politik lässt sich nicht allein geopolitisch erklären. Sie hat auch mit der komplexen Struktur der iranischen Identität zu tun.

Dabei überlagern sich mindestens drei historische Schichten: Die erste ist das vorislamische Erbe Irans, das bis heute Quelle kulturellen Stolzes und nationaler Vorstellungskraft ist. Die zweite ist die lange islamische Zivilisation, die über vierzehn Jahrhunderte hinweg das gesellschaftliche Leben geprägt hat. Die dritte ist das Projekt moderner politischer Institutionen, das seit dem 19. Jahrhundert in den Iran eingeführt wurde.

Autoritäre Versuchungen

Diese drei Elemente gehören nicht unterschiedlichen Gruppen oder Regionen an. Sie existieren gleichzeitig im Inneren der Gesellschaft – und oft sogar im Inneren des Einzelnen, wo die Mischung dieser Kräfte ein Spannungsfeld erzeugt. Bislang brachte jede Revolution im Iran jeweils eine dieser drei Identitätskomponenten nach oben, während die beiden anderen unterdrückt werden. Der Mantel der Macht wechselte dabei vielfach von der einen Vaterfigur zur nächsten, über so viele Jahre hinweg waren die politischen Parolen im Iran geprägt von männlicher Heldenrhetorik, Märtyrerkult und ideologischer Feindseligkeit – bis 2022 Mahsa, eine junge Kurdin, die für eine Reise nach Teheran gekommen war, nach ihrer Verhaftung durch die Sittenpolizei starb.

Ihr Tod löste eine Welle von Protesten im ganzen Land aus. Doch die eigentliche Bedeutung dieser Bewegung lag nicht nur in den Protesten selbst, sondern in der Sprache, die sie hervorbrachte. Ein Dichter schrieb auf ihrem Grab auf Kurdisch: "Du bist nicht gestorben. Dein Name wird zum Code werden." Und genau das geschah. Die Mahsa-Bewegung setzte der politischen Grammatik eines autoritären Vaters etwas sehr viel Einfacheres und zugleich Radikaleres entgegen: Leben.

Die Mahsa-Bewegung löste eine Welle der Solidarität aus, die sich über den gesamten Iran erstreckte – über alle ethnischen, sprachlichen und sozialen Unterschiede hinweg. In diesem Moment entstand eine Form der Weiblichkeit, die Frauen und Männer miteinander verband. Der Fokus lag nicht mehr allein auf der Frau als biologischem Geschlecht, sondern auf dem Prinzip des Weiblichen als einer gemeinsamen Erfahrung, die Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht in sich tragen können.

Heute ist im Iran zu beobachten, wie neue Konflikte entstehen und spaltende Diskurse unter dem Banner einer zunehmend hasserfüllten und stark sexualisierten Sprache auftreten. In einer solchen Situation erscheint vielen Menschen die Sehnsucht nach der Rückkehr eines starken Vaters verständlich – eines Vaters, der mit seiner Autorität alle wieder "auf ihren Platz" verweist. Gerade darin liegt eine gefährliche Versuchung: Dieses heimliche Verlangen nach dem starken Vater ist wie ein verborgenes Jucken unter der Haut. Das kollektive Unbewusste der Gesellschaft wurde über Jahrhunderte hinweg in der Erfahrung monarchischer Ordnung geformt. Selbst wenn diese Tradition an der Oberfläche geleugnet wird – etwa durch den Namen "Republik", den das heutige Regime trägt –, bleibt sie in der politischen Tiefenstruktur wirksam.

Doch wenn ein Vater wieder als realer Herrscher unter die Lebenden zurückkehrt, wird sich die Geschichte als Tragödie wiederholen. Um das zu verhindern, muss ein Opfer gebracht werden, das darin besteht, die Institution der Monarchie zu bewahren – aber ausschließlich als reines Symbol.

Kein Ausweichen vor Verantwortung

Die Zukunft des Irans scheint daher an ein unvollendetes Projekt gebunden zu sein: eine politische Bewegung, die Status und Macht voneinander trennt: die Krone als Symbol einer Nation und das Volk selbst als lebendiges politisches Subjekt, das im Parlament seine Stimme findet.

Der Anthropologe Frank Heidemann zeigt in seiner Studie über die Badaga-Gesellschaft in Südindien, wie eine ähnliche Struktur funktioniert. Er spricht von dualer Souveränität: einer Aufteilung zwischen ritueller Macht, die sich in öffentlichen Festen ausdrückt, und symbolischem Status, der im Zentrum dieser Rituale steht. Gerade weil diese beiden Sphären voneinander unabhängig bleiben, kann das politische System stabil funktionieren.

In letzter Zeit kursieren im Internet verschiedene Videos, die offenbar darauf abzielen, die Stellung von Prinz Reza Pahlavi zu beschädigen. Allerdings ist diese Stellung teilweise schon zuvor durch einige seiner eigenen Anhänger untergraben worden – durch jene übereifrigen Unterstützer, die in seinem Namen überall Beschimpfungen und vulgäre Beleidigungen verbreiten. Sie versuchen mit aller Gewalt, in ihm einen zweiten Reza Schah zu sehen – etwas, das er schlicht nicht ist.

Dabei könnte er gerade in der Form, in der er heute auftritt, seine symbolische Rolle durchaus erfüllen. Selbst wenn er – wie in einem Video, das spöttisch verbreitet wurde – es nicht schafft, eine Wasserflasche zu öffnen. Selbst wenn er gelegentlich auf einen Streich hereinfällt wie etwa auf die Aktion eines russischen Prankster-Duos, das sich als Vertreter deutscher politischer Kreise ausgab.

Solche Episoden mögen peinlich erscheinen, doch sie verändern nichts am eigentlichen Punkt. Prinz Reza Pahlavi verfügt über ein beträchtliches symbolisches Kapital, das ihn gewissermaßen zu einem nationalen Gut gemacht hat. Doch von diesem symbolischen Kapital sollte man nicht mehr erwarten, als Symbole leisten können: zu verbinden, zu integrieren, als Fahne zu wirken. Jede darüber hinausgehende Erwartung wäre letztlich ein Ausweichen vor der Verantwortung, die auf uns selbst liegt.

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Ausgabe 780 / Danke, Hagel! / Peter Peh / vor 4 Tagen 13 Stunden
Danke Oettle. Genau so war es

Ausgabe 780 / Danke, Hagel! / jjkoeln / vor 4 Tagen 15 Stunden
AfD = Agitation-für-Dumme


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