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Schwarz und männlich

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Nicht eine Frau im Gemeinderat? Da gerät ein Ort schnell in Verdacht, tiefste Provinz zu sein. Das tut weh. Aber es schweißt auch zusammen gegen alle, die den Finger in die Wunde legen. Und anders sind. In Boxberg gehört auch die SPD dazu.

Manfred Silberzahn ist 66 und Vorsitzender des SPD-Ortsvereins in Boxberg, der derzeit zwölf, bald jedoch elf  Mitglieder hat. Ein Genosse geht demnächst beruflich nach China, wo die sozialdemokratische Partei  womöglich angesehener ist als in Badisch Sibirien. Genauer gesagt in jenem Boxberg, wo man traditionell schwarz und männlich wählt. Die SPD ist hier so etwas wie ein kleiner Kreis trotziger Aufrechter in der Diaspora. "Im Hoheitsgebiet des Vorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion, Professor Wolfgang Reinhart", ergänzt Silberzahn.

Ausgabe 416, 20.3.2019

Viel Wind, keine Frauen

Von Susanne Stiefel

In Boxberg im Main-Tauber-Kreis stehen die Verlierer der Kommunalwahl heute schon fest: Wie schon in den vergangenen fünf Jahren werden wieder nur Männer im Gemeinderat sitzen. Auf Spurensuche in Badisch Sibirien.

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Silberzahn, "unterwegs auf der Route 66", wie er sein Alter umschreibt, ist einer, der den Mund aufmacht.  Der es traurig findet, dass es keine Frauen gibt im Gemeinderat, klar, ein erbärmlicher  Zustand. Immerhin, mit Waltraud Herold stellte die SPD die erste Frau im Kreistag, darauf legt der Ortsvereinsvorsitzende Wert, das ist allerdings schon 40 Jahre her. Die SPD- Frau aus dem Boxberger Ortsteil Schweigern stellte gleich noch einen zweiten Rekord auf: Sie war 30 Jahre im Kreistag, als sie ihn 2009 verlassen hat. Sie war außerdem 15 Jahre Ortsvorsteherin in Schweigern und 20 Jahre im Boxberger Gemeinderat. Aber das ist lange her. Und Waltraud Herold, Bundesverdienstkreuz, silberne Verdienstmedaille des Landkreistags Baden-Württemberg, ist in diesem Jahr gestorben. Vielleicht hätte sie Rat gewusst?

Silberzahn muss passen: "Ich hab‘ doch auch kein Rezept, wie man mehr Frauen in den Gemeinderat kriegen könnte" , sagt der SPD-Mann, der um seine Rolle weiß: "Ich bin einer, der immer aneckt." Manchmal ist der ehemalige Lehrer froh, dass er nicht alles hört, was über ihn gesagt wird. Ländlich heißt nicht immer Idylle.

Hier in Badisch Sibirien, zwischen Würzburg und Heilbronn, ist man katholisch und wählt CDU. Das ist kein gutes Pflaster für einen SPD-Vorsitzenden. Und auch nicht für Frauen. Aber muss man das so breit treten? 

Keiner in Boxberg war so richtig glücklich, dass bei der Kommunalwahl keine Frauen zur Wahl standen. Aber noch weniger darüber, dass dies auch öffentlich wurde. Provinziell will man ja auf keinen Fall sein in der knapp 7000-Einwohner-Stadt, frau auch nicht. Zumal der männerlastige Gemeinderat auch kein positiver Standortfaktor ist. Es gab schon Unternehmen, die klagten über das hinterwäldlerische Image, das in der frauenlosen Kommunalpolitik genährt wird. Deshalb wollen viele in Boxberg lieber nicht mehr drüber reden. Statt nach den Ursachen zu forschen, halten jetzt alle zusammen. Ob sich dadurch etwas ändert? Das wird die Kommunalwahl in fünf Jahren zeigen.  


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