Jugend-Mariposion auf den Kanaren – Strahlkraft in die Welt. Foto: Helga Müller

Ausgabe 297
Überm Kesselrand

Auf Schmetterlingsflügeln

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 07.12.2016
Mariposa sollte ein Ort sein, an dem Entscheidungsträger, Künstler und Wissenschaftler zusammentreffen sollten, um die Welt schöner und besser zu machen. Die Zukunftswerkstatt auf Teneriffa ist das Vermächtnis von Hans-Jürgen Müller und das Lebenswerk seiner Frau Helga.

"Die Begegnung mit Hans-Jürgen war eine schicksalhafte", sagt Helga Müller über ihren 2009 verstorbenen Mann. Hätte sie nicht 1977 im selben Haus, in der Senefelderstraße 97 im Stuttgarter Westen, eine Eigentumswohnung erworben, in dem der Galerist bereits seit einem Jahr wohnte, hätte sie ihn wohl niemals kennengelernt. Und Mariposa hätte es nie gegeben.

Mariposa: das große Projekt. Die Zukunftswerkstatt auf Teneriffa, die ursprünglich Atlantis heißen sollte. Wo Entscheidungsträger, so die Idee, mit Künstlern und Wissenschaftlern zusammentreffen sollten, um aus der Welt einen besseren, schöneren Ort zu machen. Auch wenn in der Realität eher Oberstufenschüler kamen – immerhin möglicherweise die Entscheidungsträger von morgen.

Hans-Jürgen Müller war lange Zeit der tonangebende Stuttgarter Galerist. Der gelernte Schriftsetzer, geboren im thüringischen Ilmenau, hatte 1958 seine erste Galerie gegründet. Er vertrat Künstler wie Georg Karl Pfahler, Thomas Lenk oder Cy Twombly, hatte bedeutende Sammlungen aufgebaut, unter anderem von Günther und Renate Hauff oder dem Herausgeber der "Südwestpresse" Kurt Fried, und war Mitbegründer der heutigen Art Cologne. Weniger bekannt ist die Lebensgeschichte seiner zweiten Frau Helga. Sie stammt aus Neustadt an der Weinstraße, ihr Vater war Kaufmann. Als er früh verstarb, führte die Mutter die Kaffeerösterei, Spirituosen- und Gewürzhandlung weiter. Sie zogen nach Saarbrücken. Die Tochter erhielt Klavierunterricht bei Walter Gieseking, einem der großen Pianisten des 20. Jahrhunderts. Sie heiratete und bekam 1963 eine Tochter, ihr einziges Kind. Aber nur Hausfrau zu sein, kam für Helga Müller nicht in Frage.

Helga Müller arbeitete in der Chefetage von Porsche

Mit dem Tag ihrer Abschlussprüfung als Dolmetscherin begann ihre berufliche Karriere. Nach zwei Jahren als Vorstandsassistentin in der Planungsgesellschaft Agiplan wurde sie vom Stromerzeuger Steag nach Essen abgeworben. Dann verlor ihr erster Mann, ein fähiger Ingenieur, seine Stellung und fand erst nach zweieinhalb Jahren etwas Neues: in Stuttgart. Von Witten an der Ruhr, wo sie bisher gelebt hatten, war dies ziemlich weit weg. Wie es der Zufall wollte, suchte aber der Porsche-Vorstandsvorsitzende Ernst Fuhrmann gerade eine Assistentin. Sie bewarb sich, und Fuhrmann entschied sich für sie. "Mein Traum", schwärmt Helga Müller und fügt hinzu: "Ich bin eine verhinderte Rennfahrerin."

Fuhrmann hatte Porsche 1972 aus den roten Zahlen geholt. Seine Bedingung: dass sich die Mitglieder der Familien Porsche und Piëch zurückziehen. 1981 schlug der Piëch-Klan zurück und setzte Fuhrmann vor die Tür. Auch Helga Müller musste gehen, erstritt aber eine Abfindung.

Sie hätte bei Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, anfangen können, den sie von privaten Einladungen im Hause Fuhrmann kannte. "Er wollte mich unbedingt haben", sagt sie. Aber ein Gehalt wie bei Porsche konnte er bei der Deutschen Bank nicht bieten. Sie lehnte ab – ein Fehler, wie sie heute findet.

Zu der Zeit begann ihr Leben an der Seite von Hans-Jürgen Müller, den sie schon beim Einzug in ihre Stuttgarter Wohnung fünf Jahre zuvor kennengelernt hatte. Gemeinsam gründeten sie eine neue Galerie in Köln. Seine erste hatte er 1973, nach der Documenta 5, wo er in 100 Tagen eine Million Mark eingenommen hatte, an Mitarbeiter übergeben.

Hans-Jürgen Müller floh vor seinem Erfolg

Um das Projekt Mariposa zu verstehen, muss man wissen, dass in der Nachkriegszeit, nach der Barbarei der Nazis, hohe Erwartungen in moderne Kunst gesetzt wurden. Müller war infiziert. Er betrieb seine Galerie, weil er an Kunst glaubte – nicht, um reich zu werden. Der Erfolg in Kassel irritierte ihn so sehr, dass er seine Galerie aufgab und mit einem VW-Bus um die Welt tourte. So landete er auf Teneriffa. 

Dort schrieb er ein Buch: "Kunst kommt nicht von Können", und um es zu veröffentlichen, kehrte er 1976 nach Stuttgart zurück. Der Gedanke an den eigentlichen Wert der Kunst ließ den Galeristen nie mehr los. "Neue Lebensformen durch Kunst – Futura", schrieb er über ein Konzept, das zum Kern des späteren Projekts Mariposa wurde. Daraus wäre allerdings ohne seine zweite Frau nichts geworden.

Helga Müller dachte ähnlich, wenn auch aus einer ganz anderen Perspektive. Als Assistentin von Vorstandsvorsitzenden großer Unternehmen hatte sie beobachtet, dass diese oft nach einer engen, betrieblichen Logik entscheiden und ihnen die Folgen ihres Handelns für andere und für die Gesellschaft häufig nicht bewusst sind. Führungskräfte brauchen hin und wieder eine Auszeit, dachte sie. Nicht, um in der Sonne zu liegen, sondern um sich mit Menschen auszutauschen, die sich über die Zukunft Gedanken machen: mit Wissenschaftlern und Künstlern.

"Atlantis – Akademie auf Zeit für Kultur, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft", so nannten sie das Projekt, mit dem sie 1984 nach nächtelangen Diskussionen an die Öffentlichkeit traten. Auf Teneriffa hatte Hans-Jürgen Müller bereits 1973 ein Grundstück gekauft. Dort wollten sie ihre Zukunftswerkstatt einrichten. Ein großes Projekt: die Realisierung des ursprünglichen Entwurfs hätte 500 Millionen Mark gekostet.

"Hans-Jürgen ging es immer um die Kunst", sagt Helga Müller, "um einen Raum, in dem es gären kann, in dem etwas Neues entsteht." Und weiter: "Als hervorragender Werbemann hat er gewusst, wir haben keine Chance, wenn wir nicht ein Bild zeigen können, wie man sich das vorstellen kann. Wir haben uns gefragt: Wer in der Welt ist heute der avantgardistischste Architekt?" So kamen sie auf Leon Krier.

Leon Krier war umstritten, weil er die Glaubenssätze der Moderne in Frage stellte. Als sein Modell für das Gebäude im Maßstab 1:500 in Stuttgart ankam, war Helga Müller schockiert. Es sah aus wie eine postmoderne Akropolis.

Kleine Anstöße auf Teneriffa sollen große Wirkung auf die Welt haben

Während Hans-Jürgen Müller mit dem Modell durch Europa reiste, erinnerte sie sich wieder an Alfred Herrhausen von der Deutschen Bank, der ihr einst einen Job angeboten hatte. "Ich habe ihm erzählt, was wir vorhaben", so schildert sie das Gespräch. "Er hat zweieinhalb Stunden aufmerksam zugehört. Am Ende sagte er: Halten Sie mich auf dem Laufenden." Als Kriers Entwurf dann im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt ausgestellt war, rief er sie an. Sie müsse zu ihm nach Frankfurt kommen. Das war im Juli 1989. Herrhausen legte ihr die Hände auf die Schultern und sagte: "Ich mache Atlantis zur Chefsache."

Vier Monate später fiel Herrhausen einem Mordanschlag zum Opfer. Für das Atlantis-Projekt war sein Tod ein herber Rückschlag. Helga und Hans-Jürgen Müller mussten kleinere Brötchen backen. Sie wandten sich an den Architekten Frei Otto. Die Leichtigkeit seiner Entwürfe brachte sie auf den Namen Mariposa, das spanische Wort für Schmetterling. Nach der Butterfly Wing Theorie der Chaosforschung kann der Flügelschlag eines Schmetterlings auf der einen Seite des Globus einen Tornado auf der anderen auslösen. Die kleinen Anstöße aus Mariposa, so die Hoffnung, sollten große Wirkungen haben.

Auch Frei Ottos Entwurf für ein Gebäude wurde nicht realisiert. Aber Mariposa wuchs langsam, unter Mitwirkung zahlloser Künstler. Der Club of Budapest übernahm 1998 die Schirmherrschaft, ein Think Tank mit Ehrenmitgliedern wie dem Dalai Lama, Michail Gorbatschow, Richard von Weizsäcker oder Desmond Tutu. Im Jahr 2000 veranstaltete der Essener Konsens, ein Netzwerk zur Gestaltung des Strukturwandels, das erste Mariposion, eine Art Symposium zum Thema "Macht und Einfluss – Synergien wagen".

In den letzten zehn Jahren haben auf Teneriffa zehn Jugend-Mariposien stattgefunden, mit Oberstufenklassen von Gymnasien in Stuttgart und Vaihingen/Enz; dazu ein Lehrer-Mariposion und fünf Akademische Bildungs-Mariposien. Der Gedanke, dass kulturelle Bildung für die Zukunft der Gesellschaft von hoher Bedeutung ist, hat sich mittlerweile auf allen Ebenen herumgesprochen: in der Stadt Stuttgart, auf Landesebene und bundesweit.

Mariposa bleibt eine Utopie, von der weiterhin Impulse ausgehen. Aber die Resonanz auf die Idee, dass auch die Mächtigen der Welt einmal innehalten sollten, um über eine bessere Welt nachzudenken, blieb bisher verhalten.

 

Info:

Derzeit präsentiert die Kunst-Raum-Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Weingarten unter anderem die Entwürfe von Leon Krier und Frei Otto. Die Stiftung Mercator will in die Förderung einsteigen. Eine weitere Ausstellung ist im kommenden Frühjahr in den Hackeschen Höfen in Berlin geplant.

Helga Müller betreibt in der früheren Wohnung ihres Mannes in der Senefelderstraße 97 die Galerie Artlantis und in einer ehemaligen Fabriketage in der Augsburger Straße 552 in Stuttgart-Untertürkheim einen weiteren Ausstellungsraum.


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3 Kommentare verfügbar

  • Helga Müller
    am 11.01.2017
    Ein Kommentar von Helga Müller, Mariposa, für die "Kommentatoren"...
    Horst Ruch: Wenn solche "Utopien" (so manche Kommentare damals zu Atlantis) "in der Luft lagen", wie Sie schreiben... Wo wurden sie in die Tat umgesetzt? - Und müssten solche "Träume" nicht erst recht heute geträumt werden, wo wir die quasi "totale Globalisierung" erreicht haben? Wer "träumt" sie denn? - Auch Sie natürlich nicht. Denn, haben Sie es nicht "gleich gewußt", dass diese Idee "als Flopp" enden müsse? Soweit Ihre "Faktizität"...
    In wiefern Sie diesen vermeintlichen Flopp von Mariposa als "Glück für Natur und Gesellschaft" einstufen, lässt sich für mich nicht nachvollziehen. Wie meinen Sie das??
    Übrigens - für Ihr Geschichtsverständnis: Es war nicht Rob Krier, den wir mit dem Entwurf für Atlantis beauftragt hatten, sondern sein Bruder Léon Krier - sehr unterschiedliche Architekten. Léon war der "Ideengeber" im Büro von James Stirling, der übrigens nur deshalb den Wettbewerb gewinnen konnte, weil Hans-Jürgen Müller dem damaligen Direktor der Staatsgalerie empfohlen hatte, Léon in den Wettbewerb mit einzubeziehen. Er galt in der Architekturgalerie von Rüdiger Schöttle in Köln seinerzeit als einer "der" Avantgarde-Architekten international.
    Zum Schluss: Waren Sie schon einmal auf Mariposa? Das sollten Sie vielleicht einmal machen! Der "Flopp" ist ein Paradies, das die Menschen verzaubert und Hoffnung macht! Sie mögen recht haben, dass die "Führungseliten" (die faktischen, nicht die Eliten, die wir uns dort wünschen würden) jeden Sinn für die nicht hoch genug einzuschätzende Bedeutung von Kunst und die eines "ästhetischen Raums" verloren haben. Wir alle werden dies noch deutlich zu spüren bekommen!
    Herr Zainiger: ... da muss ich Ihnen absolut recht geben!
    Helga Müller - z. Zt. Mariposa, Teneriffa
  • Horst Ruch
    am 09.12.2016
    .....daß, was in früheren Zeiten Herrschern und Königen in Märchen vorbehalten war, in schönster, aussichtsreicher Lage in Bergeshöhen mit Weitblick, da hat Hans Jürgen Müller noch eins draufgelegt. Als Illmenauer hatte er auf einer Reise den Duft des Südens geschnuppert, und konnte mit den immensen Gewinnen als Galerist/Kunsthändler gleich eines der schönsten Grundstücke auf der Trauminsel Teneriffa für sich erwerben.
    Den Traum der Zukunft, Manager,Wissenschaftler und Künstlern eine vorübergehende Begnungsstätte zu schaffen, lag in den 80er Jahren in der Luft. Die erstarkten globalen Beziehungen in Wissenschaft und Wirtschaftspolitik sollten zunächst von Rob Krier (der übrigens den größten Anteil an dem Postmodernen Neubau der Neuen Staatsgalerie in Stuttgart unter James Stirling erbracht hatte) mittels einer in Stein gegossenen Rekreativierungsfestung am schönsten Fleck von Resteuropa erbaut werden. Als Eliten-Polis sozusagen.
    Ein wunderbarer Gedanke, Mariposa als Traumbild, jedoch ganz weit von der Realitätssinnhaftigkeit einer Gesamtgesellschaft entfernt.
    Die selbsternannten "Zeiten"-Macher lassen sich nie und nimmer mit solchen Experimenten ködern.
    Diese Idee -außer vielleicht Nobelherberge- konnte nur als Flopp enden. Ein Glück für Natur und Gesellschaft.
  • Zaininger
    am 08.12.2016
    Wenn diese "Entscheidungsträger, Künstler und Wissenschaftler" dort, wo sie sich zur Finanzierung ihres täglichen Lebens mit z.T, verheerender Wirkung umtun, bemühten die Welt schöner und besser zu machen, bräuchten diese Heuchler auch keine Mariposa-En- und Konklave.

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