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KAFVKA beim Ract!festival

"Dieses Land braucht mehr Linksradikale!"

KAFVKA beim Ract!festival: "Dieses Land braucht mehr Linksradikale!"
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 Fotos: Julian Rettig 

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Mit linker Musik Menschen anziehen, begeistern und aktivieren – das ist das Tübinger Ract!festival. Bei Deutschlands größtem politischen Umsonst-und-draußen-Event stand dieses Jahr mit der Band KAFVKA ein Headliner auf der Bühne, der Wut, Gemeinschaft und gesellschaftliche Bildung zusammendenkt.

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Wer auf dem Ract!festival zu den Bühnen will, kommt an Politik kaum vorbei. Direkt nach dem Eingang zum Gelände reihen sich Stände von Vereinen, Initiativen und politischen Organisationen aneinander. Das ist kein Zufall, sondern Teil des Konzepts. "Das Ract! ist ein politisch-demokratisches Festival", sagt Leonie Kerll, die seit fünf Jahren im Organisationsteam mitarbeitet. "Wir sind mehr als nur ein Musikfestival." Das Gelände soll ein Raum sein, "in dem man sich begegnen, informieren und debattieren kann". Und genau darin liegt sein politisches Potenzial. Musik erreicht auch Menschen, die nicht gezielt zu einer Podiumsdiskussion, einer Parteiveranstaltung oder einem politischen Workshop gehen würden.

"Wir brauchen die Musik, damit sich Leute fürs Ract! interessieren", sagt Tim Fitschen, der unter anderem im Booking und im Grafik-Arbeitskreis aktiv ist. "Die Leute kommen wegen der Acts und informieren sich dann vielleicht auch an den Ständen." Ein Konzert führt zu einem Stand, ein Stand möglicherweise zu einem Gespräch und ein Gespräch vielleicht zu einer vertieften Beschäftigung mit einem Thema. Fitschen hält Musik dafür für besonders geeignet. "Musik ist niedrigschwellig und emotionalisiert", sagt er. Gerade in Genres wie Hip-Hop spielten Texte ohnehin eine große Rolle. "Da ist es nur ein logischer Schritt, auch politische Aussagen hineinzubringen."

Gesellschaftliche Bildung in drei Minuten

Als Headliner verkörperte KAFVKA am vergangenen Freitag dieses Verständnis politischer Musik besonders deutlich, ebenso wie das diesjährige Motto des Festivals "nach oben treten". Die Berliner Crossover-Band macht aus ihrer linken Haltung keinen Hehl. Ihr bekanntester Song heißt "Alle hassen Nazis", live ergänzt sie ihn um den Satz: "Dieses Land braucht mehr Linksradikale!" Vor ihrem Ract!-Auftritt traf Kontext die beiden Gründungsmitglieder Jonas Kakoschke (alias Rio Riseup) und Philipp Lenk zum Gespräch.

KAFVKA verstehen ihre Songs nicht als musikalische Parteiprogramme. Sie sollen politische Organisationen nicht ersetzen und auch keine fertige Weltanschauung vermitteln. Die Band beschreibt ihre Musik eher als möglichen Einstieg. "Wir sehen unsere Arbeit auch als eine Art Bildungsarbeit für Menschen, die noch nicht so tief politisiert sind oder über bestimmte Themen nicht so viel wissen", sagt Frontmann Kakoschke. "Ein Song kann ihnen die Möglichkeit geben, einen ersten Deep Dive in ein Thema zu bekommen." Die Band will jedoch keine Vorlesung auf die Bühne verlegen. Politische Musik wirke anders als ein Sachtext oder ein Referat, sagt Bassist Lenk: unmittelbarer, körperlicher und emotionaler. "Wir transportieren keine große philosophische Richtung und halten keine theoretische Lesung, sondern erreichen Menschen über Gefühle. Daraus können Anfänge entstehen: Jemand sieht unsere Band, findet das geil und politisiert sich darüber." Die Wirkung eines Songs muss demnach nicht mit dem ersten Hören abgeschlossen sein. Ein Refrain kann zunächst nur hängen bleiben, die Beschäftigung mit dem Thema folgt möglicherweise später.

Gleichzeitig gehe es KAFVKA darum, Menschen zu unterstützen, die mit ihrer politischen Haltung in ihrem direkten Umfeld weitgehend allein seien. Nicht alle lebten in Großstadtvierteln mit linken Strukturen und einer entsprechend ausgerichteten Gemeinschaft. "Viele wohnen irgendwo auf dem Land, wo sie viel rechten Gegenwind bekommen. Die sollen sich in ihrem – ganz grob gesagt – humanistischen und auf Gerechtigkeit ausgerichteten Weltbild bestätigt fühlen." Auch die Organisierenden des Ract! erleben diese gemeinschaftliche Wirkung. Kerll verweist ausgerechnet auf KAFVKAs bekanntesten Song: "Wenn alle zusammen 'Alle hassen Nazis' singen, hat das etwas Verbindendes." Ähnlich sei es bei einer Demonstration, wenn viele Menschen gemeinsam dieselbe Parole rufen. "Und auf Demos läuft schließlich auch Musik – oft sogar genau dieses Lied." Das gemeinsame Singen verwandelt eine politische Aussage in ein kollektives Erlebnis.

Wut gemeinsam kanalisieren

Bei KAFVKA beginnt politische Musik häufig mit Wut, nicht nach einem pädagogischen Themenplan. "Die Songs entstehen nicht am Reißbrett", sagt Kakoschke. "Ich denke nicht: Heute kläre ich einmal über die queere Community auf. Ich schreibe die Texte aus einer starken Emotion heraus." Diese Gefühle speisen sich aus politischer Beschäftigung und persönlichen Erfahrungen. Kakoschke arbeitete fast zehn Jahre für eine Organisation, die geflüchtete Menschen unterstützt. Dadurch sei er kontinuierlich mit deren Lebensrealitäten in Kontakt gewesen. Flucht, Rassismus und der gesellschaftliche Rechtsruck tauchen entsprechend immer wieder in den Texten auf. "Ich wähle diese Themen nicht strategisch aus, aber Antirassismus und Antifaschismus sind natürlich unsere großen Themenfelder."

Deutlich wird dieser Ansatz auch bei "Alle hassen Nazis". Der Song entstand 2018, nachdem Rechtsradikale in Chemnitz tatsächliche oder vermeintliche Migrant:innen, Gegendemonstrant:innen, Journalist:innen und Unbeteiligte durch die Straßen gejagt hatten. Im Text reagiert KAFVKA nicht mit vorsichtiger Analyse, sondern mit aggressiver Abgrenzung. "Wenn ich sage: 'Halt die Fresse, wenn du das und das sagst', dann hat das natürlich etwas Destruktives", sagt Kakoschke. "Ich verbiete jemandem den Mund. Gleichzeitig war es für mich persönlich konstruktiv, diesen Song zu schreiben. Ich musste diese Wut in diesem Moment kanalisieren."

Der Song wurde zum erfolgreichsten Stück der Band. "Über ihn lernen die meisten Menschen uns kennen, hören unsere anderen Inhalte und bilden sich vielleicht weiter oder fühlen sich gehört", sagt Kakoschke. "Wut in Musik zu übersetzen und Menschen damit zu motivieren, wieder an etwas zu glauben, finde ich produktiv." Politische Musik muss negative Gefühle demnach nicht auflösen. Sie kann ihnen eine Form geben und sie in ein Gemeinschaftserlebnis überführen.

Reichweite ist eine politische Ressource

Politisch ist für KAFVKA nicht nur das, was in den Songtexten steht. Auch die Frage, wo eine Band auftritt, gehört dazu. "Linke Bands, die bereits eine gewisse Reichweite haben, können diese positiv nutzen", sagt Bassist Philipp Lenk. Ein Auftritt könne dafür sorgen, dass mehr Menschen zu einem politisch ausgerichteten Festival wie dem Ract! kämen. Bands könnten außerdem versuchen, in Clubs zu spielen, die wirtschaftlich oder politisch unter Druck stehen. Ein Konzert ist demnach nicht nur eine Dienstleistung für das Publikum. Es kann einen Ort stärken, Aufmerksamkeit schaffen und bestehende politische oder kulturelle Strukturen unterstützen.

Das Ract! stellt eine solche Infrastruktur zumindest für ein Wochenende her. Bands erhalten eine Bühne, Initiativen einen Stand und politische Themen einen Platz. "Man geht zu einem Festival, hat ein bisschen Spaß, hört sich vielleicht einen Workshop an und trinkt ein Bier", sagt Lenk. "Es heißt nicht sofort: Du musst jetzt zu einer Marx-Lesung, bei der alle einschlafen. Politisierung muss in gewisser Weise niedrigschwellig sein. Dafür sind Festivals wie das Ract! super."

Organisieren als politische Praxis

Die Musik ist allerdings nur der sichtbarste Teil des Ract!. Die Organisation des Festivals selbst versteht Fitschen aus dem ehrenamtlichen und basisdemokratisch organisierten Team ebenfalls als politische Aktionsform. Viele junge Menschen übernähmen dort erstmals Verantwortung. "In der Orga merkt man, wie effektiv wir sein können, wenn wir zusammenarbeiten", sagt Fitschen. "Für mich ist das die größte politische Arbeit: das Gefühl zu vermitteln, auch mit wenigen Leuten viel zu erreichen." Jugendliche und junge Erwachsene könnten erleben, dass sie eine Veranstaltung tatsächlich mitgestalten und wichtige Aufgaben eigenständig bewältigen können. "Es ist möglich, etwas Cooles auf die Beine zu stellen und Menschen zu erreichen."

Und selbst wenn Besucher:innen weder einen Workshop besuchen noch an einem Infostand stehen bleiben, ist der Zugang kostenlos. "Im Zweifelsfall bieten wir den Leuten einfach ein Festival umsonst an", sagt Fitschen. "Das ist schon eine riesige Leistung und bedeutet: Es ist offen für alle." Auch damit unterscheidet sich das Ract! von vielen kommerziellen Großveranstaltungen. Teilhabe hängt nicht am Geldbeutel.

Was einen guten Protestsong ausmacht

Musik allein verändert noch keine gesellschaftlichen Verhältnisse. Ein Song ersetzt keine Gewerkschaft, keine Initiative und keine politische Organisation. Auch ein Festival löst weder soziale Ungleichheit noch den Rechtsruck. Doch Musik kann Menschen erreichen, die sich von klassischen politischen Formaten nicht angesprochen fühlen. Sie kann politische Aussagen emotional erfahrbar machen, Gemeinschaft erzeugen und Räume stärken, in denen weitere Auseinandersetzung möglich wird.

Auf die Frage, ob ein guter Protestsong eher Trost, Haltung, Aufbruchstimmung, Wut oder Gemeinschaft vermitteln müsse, antwortet KAFVKAs Frontmann Kakoschke: "Am besten all das." Ein solcher Song müsse zu seiner Zeit passen. Gleichzeitig dürfe er nicht so eng an einen einzelnen Moment gebunden sein, dass er wenige Monate später bedeutungslos werde. "Alle hassen Nazis" ist mehrere Jahre alt. Trotzdem schreiben Menschen der Band immer wieder, genau dieses Lied werde gerade jetzt gebraucht. "Vielleicht muss ein Protestsong auch ein bisschen zeitlos sein", sagt Kakoschke.

Bassist Philipp Lenk formuliert schließlich einen Maßstab, an dem sich der Erfolg politischer Musik messen ließe: "Wir machen linke Musik. Wenn unsere Musik irgendwann nicht mehr aktuell ist, haben wir es geschafft. Dann ist alles gut."

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