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World-Press-Photo-Ausstellung in Balingen

Wo der Alltag brüchig wird

World-Press-Photo-Ausstellung in Balingen: Wo der Alltag brüchig wird
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In Balingen sind die besten Pressebilder des Jahres 2025 zu sehen. Sie zeigen keine spektakulären Aufnahmen, sondern eine Gegenwart, in der Krieg, Klimakrise, Vertreibung und Gewalt längst Teil des Alltags geworden sind. Und in dem Menschen weiterleben, arbeiten, lernen, trauern.

Ein Pferd steigt im flachen Meer, Wasser spritzt, der Himmel ist grau. Auf seinem Rücken sitzt Ghita Jhiate, eine marokkanische Reiterin, die sich in einer Tradition behauptet, die lange Männern vorbehalten war. Tbourida heißt dieses Reitritual, in dem Pferde, Körperbeherrschung und Schießpulver zu einer Inszenierung von Macht werden. In Chantal Pinzis Bild ist diese Macht nicht verschwunden. Aber sie wird verschoben. Eine Frau hält die Zügel. Nicht souverän im glatten Sinn, nicht als triumphale Geste. Eher angespannt, riskant, wirklich.

Es ist ein guter Anfang für eine Ausstellung, die keine einfachen Bilder liefert. Vom 21. Mai bis 14. Juni 2026 zeigt die Stadthalle Balingen die prämierten Arbeiten des weltweit bedeutendsten Wettbewerbs für Pressefotografie und dokumentarische Fotografie. Die World Press Photo Foundation, eine gemeinnützige Stiftung aus den Niederlanden, zeichnet seit 1955 jedes Jahr die besten internationalen Pressefotografien des jeweiligen Vorjahres mit dem World Press Photo Award aus. Diesmal wurden die ausgezeichneten Arbeiten aus mehr als 57.000 eingereichten Fotografien ausgewählt. Es sind Bilder aus Kriegen, von Klimafolgen, aus Gerichtsgängen, von Inseln, aus Werkstätten und Klassenzimmern. Sie zeigen nicht "die Welt", als ließe sie sich vollständig abbilden. Aber sie zeigen, wo sie brüchig wird.

Das Auffällige an vielen dieser Fotografien ist, dass die Katastrophe nicht immer dort erscheint, wo man sie erwartet. Abdulmonam Eassa fotografiert im Sudan keine Frontlinie, sondern Studierende in der kriegsbeschädigten Omdurman Islamic University. Über ihnen eine Wand voller Einschusslöcher, darunter junge Frauen mit Heften und Prüfungsbögen. Seit April 2023 zerreißt der Krieg zwischen der sudanesischen Armee und den arabisch-nationalistischen Rapid Support Forces das Land. Millionen Menschen wurden vertrieben, Schulen geschlossen, Universitäten zerstört oder unterbrochen. Und doch sitzen diese Studentinnen da. Das Bild ist gerade deshalb so hart, weil es fast still ist. Bildung erscheint nicht als Fortschrittsversprechen, sondern als trotzige Handlung in einem Raum, der längst nicht mehr schützen kann.

Auch Carol Guzys Fotografie aus New York zeigt keine offene Schlacht. Ein Sicherheitsmann steht vor einem Bundesgebäude, eine Mutter und ein Kind weinen. Das Bild gehört zu ihrer Serie über Festnahmen durch die US-Einwanderungsbehörde ICE an Gerichten. Orte, an denen Menschen Schutz, Anhörung oder zumindest Verfahren erwarten, sind unter Donald Trump zu Orten der Angst geworden. Familien wurden getrennt, Menschen nach Terminen abgeführt, Verwaltung wurde zur Drohung. Die Brutalität dieses Bildes liegt nicht im Spektakel, sondern im Gegenteil: in der ordentlichen Fassade, in der Uniform, im polierten Stein, in der Normalität staatlicher Gewalt.

Ein anderes Foto, aufgenommen von Edwina Pickles in Australien, zeigt den Moment danach. In Bondi Beach, einem Ort, der weltweit eher für Meer, Freizeit und Offenheit steht, liegen nach einem Anschlag auf eine jüdische Chanukka-Feier Tote auf der Straße. Eine Polizistin beugt sich an ein Einsatzfahrzeug, ein anderer Beamter steht entfernt. Auch hier trägt das Bild nicht, weil es alles erklärt. Es trägt, weil es die Überforderung sichtbar macht. Gewalt trifft nicht nur Körper, sondern auch öffentliche Räume: den Strand, die Feier, die Straße, das Vertrauen, gemeinsam dort sein zu können.

Von dort führt der Blick in die Ukraine, aber nicht zuerst in einen Schützengraben. David Guttenfelder zeigt Menschen in einer Werkstatt: maskiert, konzentriert, gebeugt über Bauteile. Sie montieren Drohnen. In einem weiteren Bild befestigt ein handamputierter Soldat einen Sprengkörper an einem Fluggerät. Der Krieg erscheint als Handarbeit, als Schichtbetrieb, als technische Routine. Gerade darin liegt seine Gegenwart. Drohnen haben die Front verändert, aber sie haben auch die Grenze zwischen militärischem und zivilem Raum weiter verwischt. Keller, Werkbänke, Kabel, Monitore: Der Krieg ist nicht mehr nur dort, wo geschossen wird. Er wird vorbereitet, gelötet, programmiert und verschickt.

Die Balinger Ausstellung zeigt Gewalt nicht als fernes Ereignis in anderen Ländern. Sie zeigt, wie unterschiedlich sie auftritt und wie tief sie in den Alltag reicht: als Krieg und Besatzung, als Behördenpraxis, als antisemitischer Hass, als patriarchale Ordnung, als Klimafolge oder ökonomischer Zwang. Und sie zeigt, dass diese Formen selten sauber voneinander getrennt sind.

Das wird besonders deutlich in Matthew Abbotts Arbeit über Fanalei auf den Salomonen im Südpazifik. Sein Bild zeigt Eddie Sua, einen gelähmten ehemaligen Delfinjäger, in einer Hütte, die bei Hochwasser regelmäßig überflutet wird. Fanalei ist bekannt für eine umstrittene Delfinjagd, in der Zähne als Zahlungsmittel und Brautpreis eine Rolle spielen. Zugleich frisst das Meer an der Insel, Gräber mussten verlegt werden, Häuser stehen im Wasser, neue Einkommensquellen wie der Anbau von Seetang verändern das Dorf. Das Bild erzählt davon, wie Klimawandel, Armut und wirtschaftlicher Druck ineinandergreifen und davon, dass die Folgen längst den Alltag bestimmen.

Roie Galitz' Foto einer Eisbärin auf einem Pottwalkadaver im arktischen Eis wirkt daneben fast wie ein Symbolbild. Ja, die Arktis erwärmt sich rasant, Meereis verschwindet, Lebensräume verändern sich. Doch das Bild zeigt nicht einfach den "letzten Eisbären" am Ende der Welt. Es zeigt ein Tier, das frisst, weil ein Kadaver da ist. Anpassung, Überleben, Zufall, Verfall – alles liegt in dieser Aufnahme. Die Klimakrise ist nicht nur ein zukünftiger Kollaps. Sie ist bereits Gegenwart, in der sich Nahrungsketten, Küsten, Jagdweisen und Lebensformen verschieben.

Zwischen diesen schweren Bildern steht Chantal Pinzis marokkanische Reiterin nicht als hübscher Gegenakzent, sondern als eigenes politisches Bild. Es erinnert daran, dass Veränderung nicht nur als Katastrophe erscheint. Manchmal ist sie auch der Moment, in dem jemand einen Platz beansprucht, der für sie oder ihn nicht vorgesehen war. Die Reiterinnen der Tbourida sprengen keine Weltordnung. Aber sie verrücken etwas. Sie zeigen, dass Tradition nicht neutral ist, sondern umkämpft. Auch das gehört in eine Ausstellung, die von der Gegenwart erzählt.

Die Fotografien wirken gerade deshalb, weil sie Unterschiede stehen lassen. Sudan ist nicht New York, Bondi nicht Fanalei, eine ukrainische Drohnenwerkstatt nicht die marokkanische Tbourida. Und doch berühren sich die Bilder. Immer wieder zeigen sie Orte, die nicht mehr halten, was sie versprechen: die Universität, das Gericht, der Strand, das Zuhause, die Werkstatt, das Eis, die Tradition.

Dabei erzählen die Fotografien nicht nur von Ausnahmezuständen. Sie zeigen, wie Gewalt in den Alltag einsickert: als Krieg, als Verwaltung, als Anschlag, als steigendes Wasser, als beschädigte Zukunft. Aber sie halten auch fest, was diesem Druck standhält. Studentinnen schreiben Prüfungen. Eine Frau hält ein steigendes Pferd. Menschen bauen, pflegen, trauern, greifen ein, überleben.

So entsteht keine Chronik des Jahres, eher ein Blick auf seine Bruchstellen. Man sieht viele Momente, in denen sichtbar wird, wie verletzlich die Räume geworden sind, in denen Menschen lernen, feiern, arbeiten, Schutz suchen oder einfach leben wollen.


Die World-Press-Photo-Ausstellung tourt rund um die Welt. In Balingen sind die prämierten Fotos noch bis 14. Juni zu sehen: Stadthalle Balingen, Charlottenstraße 27, täglich geöffnet von 10 bis 19 Uhr, dienstags und donnerstags bis 21 Uhr, sonntags erst ab 11 Uhr.

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