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Bierkulturstadt Ehingen

Hopfen und Malz verloren

Bierkulturstadt Ehingen: Hopfen und Malz verloren
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 Fotos: Jens Volle 

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Wo Bier ist, ist der Ballermann nicht weit. Und in Ehingen ist alles Bier. Deshalb gibt es jetzt einen staatlich finanzierten "Spazbierweg" mit Spielplätzen, der saufende Männerhorden abschrecken und Kinder anlocken soll. Ein Ortsbesuch.

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Während Oberbürgermeister Alexander Baumann (CDU) redet, kreisen die Störche über dem Ehinger Groggensee, einem künstlich angelegten Teich zwischen Bahnhof und Altstadt. Eigentlich ist es kein Ort zum Träumen: zu viel Stein, zu wenig Grün. Aber man ist geneigt, dem Gedanken nachzuhängen, ob es vielleicht einen Zusammenhang geben könnte zwischen dem Klapperstorch, der die Babys bringt, und den Ausführungen des Redners in der Lederjacke.

Es sind viele Kinder da, die auf neuen Spielgeräten herumklettern. Besonders beliebt ist ein kneipenähnliches Holzhaus mit Rutsche. Auf einer Seite steht "Schenke", auf der anderen "Kehret aber au no ei", was dazu ermahnt, die heimische Gastronomie zu unterstützen. Auf einer kleinen Bühne 50 Meter daneben spricht der Oberbürgermeister über Bier. Die Blumen auf den Tischen stecken in Bierflaschen.

Baumann eröffnet feierlich einen Weg, der nicht mehr "Bierwanderweg", sondern – im Ernst – "Spazbierweg" heißen soll. Damit würden sich Spazieren und Trinken in einem Wort vereinen und darin würde die "Identität der Stadt" noch besser widergespiegelt, sagt der Schultes und setzt noch einen drauf. Der neue Weg sei auch ein "Bekenntnis" zu Heimat und Haltung.

Der Erfinder des Zungenbrechers ist der Ulmer Werber Jens Burkert, dessen Agentur auf den Namen "Ideenreich" hört. Für ihn ist Bier ein Oberbegriff für Geselligkeit, für Familien, die auch alkoholfrei unterwegs sein können und den Schluckspechten den Platz wegnehmen. Er zuckt zusammen, wenn wieder einmal ein Lalülala-Notarzt vorbeifährt, Richtung Mundingen zum Beispiel, wo momentan die Massenbesäufnisse stattfinden. Dort treffen sich Hunderte von jungen Leuten, die sich sternmarsch- und bollerwagenmäßig auf das dortige Waldfest zubewegen. In diesem Augenblick würde Burkert gerne das Bier in Wein verwandeln, weil damit gepflegter umgegangen wird. Es ist Christi Himmelfahrt, Vatertag, Auszeit für die Wirklichkeit. Einmal im Jahr wird am Groggensee auch die Fasnet in Gestalt eines Krokodils aus dem Wasser geholt.

Fünf Brauereien kümmern sich um 27.000 Einwohner

Um das alles zu verstehen, muss man wissen, dass sich in Ehingen alles ums Bier dreht. Fünf eigenständige Brauereien kümmern sich mit 53 Sorten um 27.000 Einwohner. Das ist ein Spitzenwert in Deutschland. Ihre Inhaber finden sich im örtlichen Gewerbeverein und Gemeinderat wieder, zur Fasnetszeit gibt’s Freibier für die Narrenzunft, selbige wiederum bringt das Stück "König Bonzo" (volksnah, sympathisch und trinkfest) auf die Bühne. Bonzo sichert die Grundversorgung mit Gerstensaft zum Jubel des Publikums, das jetzt beim Spazieren trinken kann, ohne Gefahr zu laufen sich zu verirren. Der 14 Kilometer lange Weg führt von Brauerei zu Brauerei.

Für die Strahlkraft nach draußen bezeichnet sich Ehingen als "Bierkulturstadt". Ihr "Spazbierweg" ist das neue "Basisprodukt" für den Tourismus, der Zaubertrank selbst ist vielseitig einsetzbar und versetzt die Hopfenallianz aus Stadt, Brauern und Hoteliers in die Lage, insgesamt eine "einzigartige Erlebniswelt" anbieten zu können: Wellnessbad im Bier, Brauseminare, Bierschokolade, Biergelee, Bieressig und Zapfstellen in den Gassen. Letzteres erinnert die Alten an die Zeiten, als die Kinder losgeschickt wurden, in großen Gefäßen den Gerstensaft zu holen, wie in Ortschroniken zu lesen ist.

Nicht zu vergessen Manuel Hagel, 38, den berühmtesten Sohn der Gemeinde. Der Freund guter Hopfenqualität ist der Schwiegersohn der Wirtin vom "Ehinger Hof" und beliebter Fassanstecher bei den Nächten der offenen Brauereien. Er erreichte mit einem Auftritt bei "Regio-TV" ("Auf ein Bier mit …") via "Rehaugen"-Zitat bundesweite Bekanntheit. Den Tag seiner Vereidigung als neuer Innenminister in Baden-Württemberg beschloss er in der Cannstatter Weinstube "Klösterle" um 23.15 Uhr mit einem Bier, wusste der befreundete Lokalchef der "Schwäbischen Zeitung" zu berichten, und dass er am Tag darauf, also dem Vatertag, sich ganz der Familie widmen werde.

Die Emissionen der Wanderer sind immens

Andererseits ist auch in Ehingen die Zeit nicht stehen geblieben. Im Gemeinderat hatte sich tatsächlich eine Debatte über die weniger erfreulichen Begleiterscheinungen des Kulturguts Bier erhoben, über die "Emissionen der Wanderer". Das war im vergangenen Jahr. Manche kämen über die "erste Silbe nicht hinaus", wenn das Bier die Flasche verlassen habe, monierte ein CDU-Gemeinderat, und die Initiative "Junges Ehingen" empörte sich über "saufende Männerhorden, die durch die Stadt streifen".

Es gab Zeiten, in denen der BUND das verstreute Leergut aufgesammelt hat, weil der "Spazbierweg" größtenteils über seinen Rundwanderweg führt. Alles auf eigene Kosten geschafft, kein Cent von der Stadt für das Anpflanzen von Schwarzpappeln, aber jetzt 27 Werbetafeln fürs Bier. Da haben sie schlucken müssen, die Pro-bono-Naturschützer.

Und jetzt – Ballermann an der Donau? Das ist schlecht fürs Image. Das müsse auf ein neues Level gehoben werden, befindet das Rathaus und macht sich daran, den alten Wegen neue Überschriften zu geben. Begrifflich wird aufgerüstet. Genuss und Gastlichkeit werden gefordert, ein Bierbrauer plädiert für "verantwortungsvolles Trinken", das Stadtmarketing sieht einen Erziehungsauftrag darin, den Kindern beizubringen, wie schön es sei, Gastgeber zu sein und zu erkennen, dass Bierkulturstadt und Gastgebersein zusammengehörten. Hilfreich sei hier, wenn man sie mit der Geschichte dieses Handwerks vertraut machen würde, auf dass sie die Jahrhunderte alte Kunst des Brauens weiterreichen könnten. Das wird unter dem Titel "Bildung" vermerkt. Und schon läuft's.

Im Gemeinderat heben sich die Hände, die CDU-Fraktion unter Stimmenkönig Manuel Hagel ist federführend tätig, der Antrag auf Förderung geht 2025 ans Wirtschaftsministerium in Stuttgart raus. Der positive Bescheid ist auf den 1. April datiert, wird aufgenommen ins "Tourismusinfrastrukturprogramm 2025", ausgestellt auf eine Summe von 354.205 Euro, abgesegnet von Parteifreundin Nicole Hoffmeister-Kraut, der Ministerin. Die Kommune muss 195.750 Euro berappen, das Projekt "Spazbierweg" kostet 549.955 Euro.

Die grün-schwarzen Ministerien zahlen gern

Geht voll in Ordnung, antwortet das Ministerium auf die Frage von Kontext, ob Bier-Spielplätze mit Staatsknete alimentiert werden müssten. Dies stärke den "sanften Tourismus", schaffe Wertschöpfung vor Ort, lässt Unternehmerin Hoffmeister-Kraut ausrichten, mache regionales Kulturerbe erlebbar und sei "keine Alkoholwerbung für Kinder".

Das ist gut zu wissen, weil die Spielplätze, die "Aufenthaltsflächen" genannt werden, als Lernstationen für Groß und Klein gedacht sind. Einer davon liegt in den Öhmdwiesen hinter der Berg-Brauerei, die einen Ruf wie Donnerhall hat. Am Rand des Spielplatzes steht eine Stele, die über das Reinheitsgebot informiert. Es sei heute so wichtig wie vor 500 Jahren, lehrt sie, weil wir uns geradezu nach "ehrlichen Zutaten" sehnten. Die Botschaft verweilt etwas verloren in der Gegend wie die spargelähnliche Ansammlung von Holzstangen, die grüne Hopfendoldenköpfe in die Höhe strecken, wie die Sitzgelegenheiten im Hopfenlook, wie das Holzpferd, das mit viel Phantasie als Bierkutschengaul durchgehen könnte.

Alles vom Feinsten. Aber wozu soll das gut sein? Das hat sich auch Leserin Gabi P. gefragt, als sie Kontext um einen Besuch im "Donau-Absurdistan" bat. Sie würde gerne zeigen, wie ein "reaktionäres Gesellschaftsbild" aussieht und was sich "Spatzenbierhirne" mit dem "Spazbierweg" ausgedacht haben. Kinder und Mütter ab auf den "Schenkenspielplatz", Männer und ihre Buddies an den Tresen der Big Five. Und das alles im Jahr 2026, am sogenannten Vatertag, dem traditionellen "Sauftag". Ein erster Rundgang bestätigt ihre Beobachtung, dass die Hopfendoldensitze von Weitem aussehen wie Handgranaten. Frau P. ist Lehrerin, Grüne und Umweltschützerin. Ihr Name ist hier abgekürzt, weil in Ehingen die Wege der Vergeltung kurz und die Erinnerungen lange sind.

Ihr Anliegen trägt Kontext weiter an eine nahestehende Partei, die im Gesundheitsministerium das Sagen hat. Was der neue Chef Oliver Hildenbrand (Grüne) davon halte, wenn sein Haus Alkoholprävention für Jugendliche empfehle und vor Alkoholsucht warne, lautet die Frage, und in Ehingen Bier-Spielplätze staatlich gefördert werden? Die Antwort ist so lahm wie lehrreich: Man gehe nicht davon aus, teilt ein Sprecher mit, dass die Stadt Ehingen mit den Kinderspielplätzen den Konsum von Alkohol "niederschwellig anpreisen" möchte. Der Rest sei Sache des Wirtschaftsministeriums und der Stadt Ehingen. So geht Grün-schwarz reloaded im Kleinen.

Da loben wir uns die "Südwest Presse". Unter der Überschrift "Fatal für die Außenwirkung" kommentiert Lokalleiter Martin Tröster, die Stadt könne sich jedes Programm zur Suchtprävention schenken, wenn sie auf ihren Spielplätzen Kinder auf ein Bier einlädt. Das ist mutig in Ehingen und nicht nur dort, wo Hopfen und Malz verloren sind, wenn das Bier zur Identität wird.


Transparenzhinweis: Der Vater des Autors war Bierbuchhalter in einer oberschwäbischen Brauerei (Waldburg Bräu).


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