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SPD Baden-Württemberg

Der Rest vom roten Schützenfest

SPD Baden-Württemberg: Der Rest vom roten Schützenfest
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Wenigstens eine gute Nachricht kann die neue SPD-Landtagsfraktion der niederschmetternden Wahlniederlage von 8. März abringen: Zum ersten Mal in der Geschichte besteht Geschlechterparität. Allerdings nur unter zehn Abgeordneten, dem kläglichen Rest der demokratischen Opposition im baden-württembergischen Landtag.

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Der Allrounder

Das können nur ganz wenige Abgeordnete von sich sagen: Kaum ein landespolitisches Thema muss fürchten, Sascha Binder (Wahlkreis Geislingen) könne ihm nicht gerecht werden am Rednerpult des Landtags. Der 43-jährige Jurist gehört zu den wenigen Parlamentariern, die sich mühelos an die Geschäftsordnung halten, wonach aktuelle Debatten "in freier Rede zu führen" sind. Binder, bisher parlamentarischer Geschäftsführer, hat geradezu eine Leidenschaft dafür entwickelt, ohne Manuskript und Spickzettel ans Pult zu treten und loszulegen – und das, nachdem er anders als die vielen, die nur ihr Manuskript verlesen, den Vorredner:innen sogar zugehört hat. Umstritten ist der frühere wissenschaftliche Mitarbeiter von Ex-Arbeitsminister Walter Riester trotzdem. Als Generalsekretär der Südwest-SPD wird er mitverantwortlich gemacht für die alarmierenden fünfeinhalb Prozent bei der Landtagswahl am 8. März 2026. Und nicht wenige Genoss:innen nehmen es ihm übel, dass er sich, anders als Spitzenkandidat Andreas Stoch, nicht mit einem schlichten Mandat zufriedengab. Stattdessen rückte der Vater von zwei Kindern – ein Roter auch in der Welt des Fußballs, weil VfB-Fan – zum Fraktionschef auf, mit hundert Prozent Zustimmung der nur noch zehn Abgeordneten. Jetzt muss er beweisen, dass er den mitangerichteten Schaden beheben kann.

Die Geburtshelferin

Viele Jahre waren Nachrücker im Landtag Nachrückerinnen. Vor allem in der CDU-Fraktion bekamen Frauen insbesondere dann eine Chance, wenn Männer ihr Mandat aufgaben, aus Karriere- oder Altersgründen. Seit 2017 SPD-Mitglied und seit 2024 als Nachrückerin im Landtag ist Simone Kirschbaum (Wahlkreis Backnang). Selbst als Abgeordnete will sie ihren Beruf nicht aufgeben. Niemand im gesamten parlamentarischen Betrieb kann ihr Spezialwissen vorweisen: Neben dem Mandat ist sie tätig als freiberufliche Hebamme und Trauerbegleiterin. "Für mich gehört beides zusammen", sagt die Mutter von zwei Söhnen. Kirschbaum schlägt gern einen Bogen vom Kinderkriegen zur Politik und damit zu einer Welt, in der, wie bei einer Geburt, die Menschen im Mittelpunkt stehen. Wie einige ihrer Genossinnen profitiert sie vom neuen Zweistimmenwahlrecht. Denn die SPD hat die damit verbundene Landesliste genutzt, um in der Fraktion Parität (fünf zu fünf) herzustellen. Kirschbaum, aktiv übrigens im Mundarttheater, kam in ihrem Wahlkreis auf 4,9 Prozent der Zweitstimmen, zog aber über Listenplatz acht ins Parlament ein. In der zu Ende gehenden Legislaturperiode war die ausgebildete Heim- und Jugenderzieherin Sprecherin der Fraktion für Fuß- und Radverkehr, in Fortsetzung der Arbeit ihres Vorgängers Gernot Gruber. Um zu beschreiben, wie sie Politik gestalten will, wählt Kirschbaum das Bild der Murmel: "Eine runde Sache. Eine Form ohne Hierarchie. Bewegend. Und mit einer Spur Leichtigkeit. Mit einem leisen Klack-Klack als Grundton und keinem übertönenden Lärm. Platz für Zwischentöne."

Der Bassist

Ebenfalls ein Nachrücker war 2019 Nicolas Fink (Wahlkreis Esslingen), als Wolfgang Drexler, der langjährige SPD-Abgeordnete, Fraktionschef und Landtagsvizepräsident, sein Mandat aufgab. Jetzt ist Fink zum zweiten Mal selbst wiedergewählt, auf die "großen Fußstapfen", sagt der 49-Jährige, werde er inzwischen nicht mehr angesprochen. Der frühere Ortsvorsteher von Nabern, einem Stadtteil von Kirchheim/Teck, und hauptamtliche Bürgermeister von Aichwald ist Finanzexperte. Er gehört zu jenen Männern im Landesparlament, die an Sitzungstagen und hinter dem Rednerpult mit Turnschuhen oder Sneakers auftreten. Der Vater von zwei Kindern hat kein Alleinstellungsmerkmal, wenn er unter "Persönliches" angibt, Fan des VfB zu sein, denn die sind in Mannschaftsstärke im Landtag vertreten. Deutlich seltener sind hingegen Profimusiker: Fink ist als "Nici" Bassist der nach dem Pink-Floyd-Song benannten Band "Us and Them". Und das nicht erst seit gestern, denn im Sommer 1994 beschlossen nach einem Konzert von Pink Floyd am Hockenheimring fünf Knaben die Gründung einer Band. Die besteht bis heute und kann auf inzwischen fünf Studio-Alben verweisen.

Eine Alternative

Berühmte Industrielle der deutschen Nachkriegsgeschichte waren Sozialdemokraten, allen voran Philip Rosenthal. Dorothea Kliche-Behnkes Großeltern haben das Fahrrad-Unternehmen Paul Lange & Co gegründet. Bis zu ihrer Wahl in den Landtag 2021 hat sie dort als Referentin der Geschäftsführung gearbeitet. "Meine Herkunft und die SPD, das sind keine Widersprüche", warb die 44-jährige promovierte Literaturwissenschaftlerin im Wahlkampf für sich. Und sie wirbt weiter. Denn Kliche-Behnke, die neue parlamentarische Geschäftsführerin der Landtagsfraktion, möchte auch Chefin der Südwest-SPD werden. Sie tritt an gegen die Bundestagsabgeordnete Isabel Cadematori und gegen Robin Mesaroch, einen Exponenten des linken Flügels der Partei. In der neuen Legislaturperiode wird sie auf ein liebgewonnenes Ritual verzichten müssen: Einmal im Monat haben sich Kliche-Behnke und ihr Fraktionskollege Florian Wahl in einem Podcast als Landespolitik-Vermittler:innen betätigt, mit einem breiten Themenspektrum vom jüdischen Leben bis zur "Lifestyleteilzeit", von der Mitbestimmung in der Pflege bis zu überhöhten Mieten. Die Tätigkeit ist unfreiwillig beendet, denn Wahl hat wie fünf weitere Kollegen den Wiedereinzug in den Landtag verpasst.

Der Praktiker

Er ist sozialisiert in einer traditionsreichen roten Hochburg, denn der Landtagswahlkreis Mannheim I gehörte lange Zeit zu den immer weniger werdenden, in welchen die SPD mit der relativ höchsten Stimmenzahl das Direktmandat gewinnen konnte. 2026 muss Stefan Fulst-Blei mit elf Prozent Zweitstimmen zufrieden sein. Der Rückblick verdeutlicht den Niedergang: 2011, bei seinem ersten Einzug in den Landtag, brachte er es noch auf gut 34 Prozent. Der 57-jährige promovierte Wirtschaftswissenschaftler ist einer der Bildungspolitiker:innen der Fraktion mit praktischer Erfahrung nach zwölf Jahren als Lehrer an einer kaufmännischen Berufsschule. Zum Start in die Koalitionsverhandlungen schreibt er Grünen und CDU die Mahnung ins Stammbuch, Berufsschulen nicht "als Randkapitel" zu behandeln, sondern mit Blick auf den Fachkräftemangel zu stärken. Ein Appell, den der Vater zweier erwachsener Söhne auch auf Facebook gepostet hat. Eine der Antworten steht für die neue harte Realität, in der die stark geschrumpfte SPD-Fraktion Oppositionspolitik wird machen müssen. "Die Forderung ist sicherlich sachlich richtig", kontert ein Kommentator, "aber was hat eine Partei mit 5,5 Prozent zu fordern?"

Die Senkrechtstarterin

Für ein letztes verpflichtendes Kitajahr kämpft sie seit ihrer Ausbildung zur Erzieherin. Jetzt wird Viviane Sigg (Wahlkreis Freiburg) die konkrete Ausgestaltung dieser Idee durch die grün-schwarze Koalition im Landtag diskutieren und mitbeurteilen. "Gerechtigkeit darf kein Zufall sein", lautet ihre Botschaft, weshalb Kitas eigentlich insgesamt gebührenfrei sein sollten. Allerdings scheiterte das Projekt schon während der grün-roten Landesregierung von 2011 bis 2016, als die zuständigen SPD-Minister Nils Schmid (Finanzen) und Andreas Stoch (Kultus) hießen, an der Finanzierbarkeit. Die 45-jährige Freiburger SPD-Vorsitzende ist Novizin in der Landtagsfraktion, aber sogleich zur stellvertretenden Vorsitzenden aufgestiegen. Und die Beisitzerin im Landesvorstand, seither ein Sprungbrett für parteiinterne Karrieren, ist tonangebend auch in ganz anderem Zusammenhang: als Saxophonistin, unter anderem im Musikzug der Feuerwehr Freiburg. Sigg ist das einzige (!) SPD-Mitglied aus ganz Südbaden, das es ins Parlament geschafft hat. Schon allein deshalb muss sie auf einen sozialdemokratischen Aufbruch hoffen. Ihr Versprechen: "Besser zuhören, verlorenes Vertrauen zurückgewinnen und unsere eigenen Strukturen weiterentwickeln."

Die Praktikerin

Katrin Steinhülb-Joos (Wahlkreis Stuttgart) spricht nach der historischen Wahlniederlage der SPD ein großes Versprechen gelassen aus: "Wir werden trotzdem, wenn auch stark dezimiert, weiterhin für Ihre Belange einstehen." Besonders unter Druck ist gegenwärtig ein zentrales Anliegen der 60-jährigen Bad-Cannstatterin, nämlich die "Chancengleichheit ausnahmslos für alle". Inklusion überhaupt sowie die Umsetzung der für Deutschland schon 2009 ratifizierten UN-Behindertenrechtskonvention werden massiv in Frage gestellt in einer Zeit, in der die AfD in Sachsen-Anhalt in ihrem Landtagswahlprogramm beklagt, wie Kinder mit Behinderungen "den Unterrichtsfortgang lähmen" und im CDU-geführte Bundesbildungsministerium Einsparpläne in Milliardenhöhe gehegt werden. Wie es gehen könnte, weiß die Sozialdemokratin aus ihrem Leben vor dem Einzug in den Landtag 2021. Neun Jahre war sie Rektorin an der Altenburg-Gemeinschaftsschule in Bad Cannstatt, die unter vielem anderen für erfolgreiche Inklusion steht. Die Zahlen der Schüler:innen mit Einschränkungen gehen im gemeinsamen Unterricht inzwischen jedoch zurück , unter anderem weil die notwendigen Pädagog:innen an den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ), den früheren Förderschulen, gebraucht werden und an den Regelschulen für die Umsetzung der UN-Konvention fehlen.

Der Abgewählte

Andreas Stoch (Wahlkreis Heidenheim) hat sich alle Mühe gegeben, der Südwest-SPD zu Erfolgen zu verhelfen. Er war engagierter Obmann der Landtagsfraktion in zwei Untersuchungsausschüssen (zum Polizeieinsatz im Schlossgarten am 30. September 2010 und zum Rückkauf der EnBW-Aktien durch den damaligen CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus) und wurde – als Jurist fachfremd – nach dem Wechsel zu Grün-Rot im Jahr 2013 und dem erzwungenen Abgang seiner Parteifreundin Gabriele Warminski-Leitheußer Kultusminister, der beste in Baden-Württembergs Geschichte, so Ministerpräsident Winfried Kretschmann damals. Stoch, gebürtig in Heidenheim, war Teil jener Revolte gegen die Kurzzeit-Landesvorsitzende Leni Breymaier, die die Gewerkschafterin nach nur zwei Jahren und einem Bundestagswahlergebnis 2017 von 19,5 Prozent per Mitgliederentscheid aus dem Amt drängte. Stoch wurde 2018 Landesvorsitzender, holte als Spitzenkandidat bei der Landtagswahl 2021 elf Prozent, erkämpfte eine zweite Chance, verbunden mit dem kühnen Versprechen zu Beginn des Vorwahlkampfs im Sommer 2025: "Andreas dreht das". Am 8. März abends erklärte er, niemals in seinem politischen Leben gedacht zu haben, zu einem Ergebnis von 5,5 Prozent befragt zu werden – und trat als Landes- und als Fraktionschef zurück. Er möchte aber weiter "Teil der Mannschaft sein – und darauf bin ich sehr stolz".

Der Optimist

Wie viele Wahlkämpfende hat Boris Weirauch (Wahlkreis Mannheim II) schon vor dem Wahltag die Welt nicht mehr wirklich verstanden angesichts der schlechten Umfragezahlen. Das Ergebnis nennt er einen Tiefpunkt, so wie etliche andere Sozialdemokraten in früheren Jahrzehnten – von Erhard Eppler über Dieter Spöri bis Nils Schmid. Nach immer neuen Wahlpleiten versuchten immer neue Verantwortlichen sich mit der unzutreffenden These zu trösten, weiter abwärts sei gar nicht möglich. Der 49-jährige Fraktionsvize ist selbst nach den fünfeinhalb Prozent vom 8. März Optimist und nennt "die Lage ernst, aber nicht hoffnungslos". Die Sozialdemokratie habe in ihrer Geschichte schon andere Herausforderungen gemeistert. Weirauch hat in Lausanne studiert, ist promovierter Rechts- und Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht und hat klare Vorstellungen für die nächsten fünf Jahre. "Wir sind nur zehn Abgeordnete, aber ein starkes und solidarisches Team mit den Schwerpunkten Sicherung von Arbeitsplätzen, faire Löhne, gute Bildungschancen und bezahlbarer Wohnraum". Und dieses Team, sagt der Vater von vier Kindern, werde dafür arbeiten, "dass die SPD wieder in die Spur kommt".

Die Hartnäckige

Sie kommt aus einer Stadt, in der die Rechtsnationalist:innen im Westen der Republik besonders stark sind. Annkathrin Wulff (Wahlkreis Pforzheim) ist nach dem neuen Wahlrecht über die Landesliste mit 4,9 Prozent Zweitstimmen in den Landtag eingezogen, während der Kandidat der "Alternative für Deutschland" (AfD), der Russlanddeutsche Alexsei Zimmer, in Pforzheim mehr als 26 Prozent holte. Zwei Mal hatte Wulff, die 2005 noch als Schülerin in die SPD eintrat, den Sprung in den Landtag verpasst. Die 39-Jährige sitzt im Landesvorstand, ist Lehrkraft, wie Katrin Steinhülb-Joss, Viviane Sigg und Stefan Fulst-Blei. Sie bringt einen doppelten Blick auf die Bildungspolitik mit, unterrichtete bisher in der Goldschmiedeschule in Pforzheim und war gleichzeitig im Hauptpersonalrat für Berufliche Schulen im Kultusministerium aktiv. Außerdem ist die gebürtige Oberpfälzerin und Chefin der SPD-Gemeinderatsfraktion frauenpolitisch aktiv. Eine der Früchte: Der traditionsreiche Ortsverein Pforzheim, in den 1960er-Jahren politische Heimat des legendären Bundestagsabgeordneten Fritz Erler, wird seit zwei Jahren von einer weiblichen Doppelspitze geführt – bestehend aus Wulff und der Immobilienmaklerin Katrin Troisi-Kampmann. Beide verstehen das politische Job-Sharing ausdrücklich auch als Ansage an die AfD und ihre gesellschaftspolitischen Vorstellungen.

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1 Kommentar verfügbar

  • Peter Grohmann
    vor 3 Stunden
    Antworten
    Nu jaja, nu nee nee, tät meine Omi Glimbzsch in Zittau sagen: Eine alte Sozialdemiokratin, die in der DDR von den Kommunisten gemobbt wurde. Dieser Teil der Geschichte ist der SPD verloren gegangebn - kein Interesse an Zeitzeugen. Ich selbst wurde 1961 (!!!) augeschlossen, als ich Zivi war. In den…
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