KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Sibylle Bergemann und Arno Fischer

Erzählen mit der Kamera

Sibylle Bergemann und Arno Fischer: Erzählen mit der Kamera
|

Datum:

Die Kunsthalle Göppingen zeigt in zwei parallelen Ausstellungen die Werke bedeutender ostdeutscher Fotograf:innen: die erste Werkschau zu Sibylle Bergemann im Südwesten und auf Schloss Filseck Bilder ihres Lebensgefährten Arno Fischer. Beiden eigen ist ein sehr direkter, reportagehafter Stil.

Zurück Weiter

"Was guckst'n so?" scheint der über die Schulter geworfene Blick von Marisa zu sagen. Sie lehnt an einem Strandkorb, in dem einen andere Frau, Liane, sitzt. Weniger konfrontativ, aber auch kein bisschen um Gefälligkeit bemüht, wirkt Birgit, beide Hände in die Hüften gestemmt, im langen schwarzen Ledermantel vor einer breiten Straße stehend, im Hintergrund wenige Autos und ein rauchender Schlot. Es sind allesamt sehr selbstbewusst und selbstbestimmt wirkende Frauen, die Sibylle Bergemann porträtiert, Frauen, die einem Blick, der sie nur zum Objekt reduzieren will, entschlossen eine Grenze aufzuzeigen scheinen. Nicht zuletzt, weil sie solche Charakterzüge der Porträtierten einfangen und dabei oft eher beiläufig inszeniert wirken, sind Bergemanns Fotos so kraftvoll und direkt.

Als sehr zurückgenommen, fast schüchtern wirkenden Menschen schildern Weggefährt:innen und Verwandte Sibylle Bergemann (1941 bis 2010). Sie war keine, die sich selbst gerne in den Vordergrund drängte. "Schreiben kann ich nicht, reden kann ich nicht, aber vielleicht sehen", soll sie einmal gesagt haben. 1966 lernte sie den Fotografen Arno Fischer kennen, der ihr Lebensgefährte wird. Und ob er nun eher ein Lehrer oder ein Inspirator war, noch im gleichen Jahr beginnt Bergemann mit dem Fotografieren. Sie pflegt von Anfang an einen sehr reportagehaften Stil, wie er auch Fischer zu eigen ist, doch entwickelt sie schnell ihren eigenen Blick, ihre eigene Bildsprache. Die prägt auch ihre vielen Arbeiten für die Modezeitschrift "Sibylle".

Engels am Strick

So ausdrucksstark Bergemann Menschen – nicht nur Frauen – fotografierte, zu ihren bekanntesten und eindrucksvollsten Bildern gehören auch solche, in denen Objekte im Vordergrund stehen. Etwa die überlebensgroße, an einem Seil hängende Friedrich-Engels-Statue, die auf dem Weg zu ihrem Endstandort auf dem Berliner Marx-Engels-Forum ist. Das Denkmal – Engels stehend, Karl Marx sitzend – ist heute eines der Pflicht-Fotoobjekte für Berlin-Touristen. Bergemann dokumentierte in der Serie "Das Denkmal" von 1975 bis 1986 dessen Entstehung.

Die Fotos entstanden im Auftrag des DDR-Kulturministeriums, doch gezeigt wurden sie vor dem Ende der DDR nie – womöglich auch, weil sie der beabsichtigten monumentalen Wirkung und dem Propagandaziel nicht eben zuträglich gewesen wären in ihrer sehr nüchternen, manchmal leise ironisch wirkenden Bildsprache. Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks wird der am Seil hängende Engels vielfach als starkes Sinnbild für die Endphase der DDR gelesen, ein Abzug hängt auch im New Yorker Museum of Modern Art (Moma). Und einer ist aktuell in der Kunsthalle Göppingen zu sehen, als eines von 170 Bildern der Fotografin, die dort seit dem 3. März in einer eindrucksvollen Schau ausgestellt sind.

Jetzt auch Thema im Kunst-Abi

Dass Sibylle Bergemann eine der wichtigsten deutschen Nachkriegsfotografinnen ist, lernen demnächst auch baden-württembergische Gymnasiast:innen: Im Kunst-Abitur ist ihr Werk ab 2027 Teil des Schwerpunktthemas "Figur im Kontext". In der Handreichung dazu steht unter anderem, dass Bergemann versuchte, "mittels Fotografie das flüchtig Gegenwärtige in das zeitlose Abbild zu übersetzen". Und: "Ihr nie Diktaturzwängen angepasstes Werk erscheint in einer literarischen, reportagehaften, essayistischen, feministischen Bildsprache."

Das Kunst-Abitur habe zwar eine Rolle bei der Planung der Ausstellung gespielt, aber nicht die einzige, sagt Eva Paulitsch, Kuratorin der Kunsthalle. Denn trotz Bergemanns Bedeutung war ihr Schaffen in seiner ganzen Breite bislang wenig ausgestellt. 2022 fand in Berlin mit "Stadt Land Hund" die erste große Retrospektive nach ihrem Tod statt, auch wenn damals ein großer Teil ihres Werks noch nicht einmal gesichtet war. Das ist heute kaum anders, sagt Paulitsch, "noch immer ist ganz viel nicht erschlossen". Doch allein das, was bereits erschlossen ist, ist ein riesiger Fundus, in den die Göppinger Ausstellung nun einen Einblick gibt. Es ist überdies die erste große Einzelausstellung zu Bergemann überhaupt im südwestdeutschen Raum.

Themenwände von DDR-Alltag bis Afrikareise

Seit Mitte 2025 entwickelte ein Kunsthallen-Team aus Paulitsch, Direktorin Melanie Ardjah und Veronika Adam, Leiterin der Kunstvermittlung, mit Bergemanns Tochter Frieda von Wild und Enkelin Lily von Wild, die den Nachlass verwalten, die Ausstellung. Sie ist gegliedert in acht Werkserien, die jeweils auf Themenwände verteilt sind: Eine Serie zeigt Porträts von Frauen, davon viele, die in ihrer Arbeit für die Zeitschrift "Sibylle" entstanden. Auf einer Wand sind Schwarzweiß-Fotografien von Reisen zu sehen, die sie vor dem Mauerfall 1989 gemacht hat. Eine weitere zeigt die Serie "Fenster", mit der sie ihre fotografische Arbeit begonnen hat. Nicht fehlen darf die ikonische Serie "Das Denkmal". Den DDR-Alltag dokumentieren außerdem eine Themenwand mit Berlin-Fotos von den 1960ern bis zum Mauerfall sowie die Serie "Clärchens Ballhaus". 

Bergemanns Arbeiten mit Farbfotografie, die nach 1989 begann und zum Großteil Reportagen für Magazine wie "Geo" oder "Stern" im Jemen oder mehreren afrikanischen Ländern umfasst, dokumentiert eine eigene Wand; hier sind auch einige Polaroids zu sehen, die zeigen, wie sie mit dieser technisch limitierten Form der Fotografie virtuos umzugehen verstand. Eine eigene Themenwand ist Hunden gewidmet – die Vierbeiner waren eine der großen Leidenschaften Bergemanns und teils auch in ihren Modefotos versteckt.

Nicht nur für Schulklassen und Kunst-Abiturient:innen, die sich schon mal vorbereiten wollen, ist ein großer Vermittlungsbereich eine Etage unter der Ausstellung interessant: Hier kann man zum Beispiel vor nachgebildeten Teilen von Bergemanns sehr eigenwillig eingerichteter Berliner Wohnung am Schiffbauerdamm eigene Fotos schießen oder am Lesetisch in alten "Sibylle"-Ausgaben schmökern.

So umfangreich die Ausstellung in der Kunsthalle ist, es lohnt sich sehr ein Ausflug ins wenige Kilometer entfernte Schloss Filseck, das zeitlich parallel – ebenfalls von der Kunsthalle kuratiert – eine Partnerausstellung beherbergt: Fotos von Arno Fischer (1927 bis 2011), Bergemanns Lebensgefährten. Den reportagehaften, sehr nüchternen Blick kann man auch hier überall entdecken, ob in Mode- oder Alltagsfotografien. Ein eigener Ausstellungsbereich zeigt Werke von Weggefährt:innen, die Fischers Arbeit beeinflusst haben –  Bergemann ist hier auch wieder dabei, außerdem unter anderem Ute und Werner Mahler, Roger Melis und Brigitte Voigt.


Die Ausstellung "Sibylle Bergemann – Fotografie 1966 bis 2010", Kunsthalle Göppingen, läuft noch bis zum 28. Juni. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 13 bis 19 Uhr, Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 19 Uhr.
Im Schloss Filseck (Ostflügel) ist ebenfalls bis 28. Juni die Ausstellung "Arno Fischer – Fotografie" zu sehen. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag und an Feiertagen von 13 bis 17 Uhr.

Wir brauchen Sie!

Kontext steht seit 2011 für kritischen und vor allem unabhängigen Journalismus – damit sind wir eines der ältesten werbefreien und gemeinnützigen Non-Profit-Medien in Deutschland. Unsere Redaktion lebt maßgeblich von Spenden und freiwilliger finanzieller Unterstützung unserer Community. Wir wollen keine Paywall oder sonst ein Modell der bezahlten Mitgliedschaft, stattdessen gibt es jeden Mittwoch eine neue Ausgabe unserer Zeitung frei im Netz zu lesen. Weil wir unabhängigen Journalismus für ein wichtiges demokratisches Gut halten, das allen Menschen gleichermaßen zugänglich sein sollte – auch denen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben. Eine solidarische Finanzierung unserer Arbeit ermöglichen derzeit 2.500 Spender:innen, die uns regelmäßig unterstützen. Wir laden Sie herzlich ein, dazuzugehören! Schon mit 10 Euro im Monat sind Sie dabei. Gerne können Sie auch einmalig spenden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:




Ausgabe 780 / Danke, Hagel! / Peter Peh / vor 4 Tagen 15 Stunden
Danke Oettle. Genau so war es

Ausgabe 780 / Danke, Hagel! / jjkoeln / vor 4 Tagen 17 Stunden
AfD = Agitation-für-Dumme

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!