"Was guckst'n so?" scheint der über die Schulter geworfene Blick von Marisa zu sagen. Sie lehnt an einem Strandkorb, in dem einen andere Frau, Liane, sitzt. Weniger konfrontativ, aber auch kein bisschen um Gefälligkeit bemüht, wirkt Birgit, beide Hände in die Hüften gestemmt, im langen schwarzen Ledermantel vor einer breiten Straße stehend, im Hintergrund wenige Autos und ein rauchender Schlot. Es sind allesamt sehr selbstbewusst und selbstbestimmt wirkende Frauen, die Sibylle Bergemann porträtiert, Frauen, die einem Blick, der sie nur zum Objekt reduzieren will, entschlossen eine Grenze aufzuzeigen scheinen. Nicht zuletzt, weil sie solche Charakterzüge der Porträtierten einfangen und dabei oft eher beiläufig inszeniert wirken, sind Bergemanns Fotos so kraftvoll und direkt.
Als sehr zurückgenommen, fast schüchtern wirkenden Menschen schildern Weggefährt:innen und Verwandte Sibylle Bergemann (1941 bis 2010). Sie war keine, die sich selbst gerne in den Vordergrund drängte. "Schreiben kann ich nicht, reden kann ich nicht, aber vielleicht sehen", soll sie einmal gesagt haben. 1966 lernte sie den Fotografen Arno Fischer kennen, der ihr Lebensgefährte wird. Und ob er nun eher ein Lehrer oder ein Inspirator war, noch im gleichen Jahr beginnt Bergemann mit dem Fotografieren. Sie pflegt von Anfang an einen sehr reportagehaften Stil, wie er auch Fischer zu eigen ist, doch entwickelt sie schnell ihren eigenen Blick, ihre eigene Bildsprache. Die prägt auch ihre vielen Arbeiten für die Modezeitschrift "Sibylle".
Engels am Strick
So ausdrucksstark Bergemann Menschen – nicht nur Frauen – fotografierte, zu ihren bekanntesten und eindrucksvollsten Bildern gehören auch solche, in denen Objekte im Vordergrund stehen. Etwa die überlebensgroße, an einem Seil hängende Friedrich-Engels-Statue, die auf dem Weg zu ihrem Endstandort auf dem Berliner Marx-Engels-Forum ist. Das Denkmal – Engels stehend, Karl Marx sitzend – ist heute eines der Pflicht-Fotoobjekte für Berlin-Touristen. Bergemann dokumentierte in der Serie "Das Denkmal" von 1975 bis 1986 dessen Entstehung.




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