Auf Samuel Bosch wartet an diesem Morgen kurz vor dem vierten Advent kein Frühstück, sondern der Reporter mit Fotograf und Bernhardiner-Hündin Pauline. Treffpunkt ist die Küchenhütte, wie es in einer guten Wohngemeinschaft üblich ist. Es führt eine steile Holzleiter zu dem zugestellten Verschlag hoch, ausgestattet mit Fenstern und einem eisernen Küchenherd, der kalt ist. Ein kleines Hinweisschild am Regal mit Gewürzen und Sonstigem macht zweisprachig darauf aufmerksam, dass die Unterkunft nicht mäusesicher ist. Dafür gibt es ein Klavier, und auf dem Esstisch steht Knabberzeug. Draußen ist es still. Es herrscht Winterruhe.
Als Gesicht des Baumcamps und damit des Widerstands gegen den Kiesabbau ist Samuel Bosch mittlerweile weithin medienbekannt, kam sogar in die Kinos. Der Regisseur Douglas Wolfsperger hat einen Dokumentarfilm über ihn und seine Mitstreiter:innen gedreht ("Der Wald gehört uns", 2024), ein weiterer Film über die Waldrebell:innen ist in der Mache. Samuel ist ihr ungewählter und unmaskierter Sprecher.
Es geht um ein Stück Wald, elf Hektar groß in der Nähe von Wolfegg im Altdorfer Wald, der sich über 8.200 Hektar zwischen Waldburg und Aulendorf erstreckt. Es geht um Kies und dessen Abbau und damit um viel "Schotter". Und es geht um den Schutz dieses Waldes und des Trinkwassers, das er trinkfertig filtert und das für Samuel Bosch der "Energy Drink" ist für seinen Widerstand gegen die drohende Rodung. Dafür lebt der Aktivist seit nunmehr fünf Jahren in Baumhäusern im Wald. Fünf Jahre von 23 Jahren, so alt ist er heute.
Angefangen hat es am 12. Dezember 2020 mit einer Baumbesetzung an der Schussenstraße in Ravensburg, aus Protest gegen die lahme Umsetzung des Klimakonsenses der Stadt. Die Protestform sorgte für große Aufmerksamkeit. Das war noch zu Zeiten von Fridays for Future. Mit Schwung und unter Anleitung von Samuel zogen die Kids danach in den Wald bei Grund, um sich für weitere Aktionen im Klettern zu schulen, und bauten die erste Plattform. Das war im Februar 2021. Was spontan entstand, wurde zur Initialzündung für das Baumcamp im Altdorfer Wald, das sich schon längst in Google Maps finden lässt. Der Ort des geplanten Kiesabbaus war Grund genug zu bleiben und weiter zu werkeln. Oberschwaben hatte plötzlich ein Protestcamp im Wald wie das im Hambacher Forst in Nordrhein-Westfalen, wo Samuel seine Lehrzeit fürs Klettern und für den Bau von Baumhäusern absolviert hatte. Seitdem heißt die Parole "Alti bleibt!"
Das Baumcamp, das aus einem halben Dutzend Hütten besteht und je nach Aktualität und Jahreszeit von nur einer Hand voll bis zu einigen Dutzend Bewohner:innen bevölkert wird, ist ohne Hierarchien organisiert, aber erwünscht sind "Wissenshierarchien" zum Teilen. Und davon hat der 23-jährige Oberschwabe, der das Abitur gecancelt hat, um sich ganz und gar dem Naturschutz zu widmen, viel zu bieten. Er weiß viel und kann viel und ist vom lieben Gott und seinen Eltern mit einem sonnigen Gemüt ausgestattet, das ihn offensichtlich auch im Winter bei null Grad in seiner ungeheizten und zugigen Baumhütte warmhält.
Samuel, wie fühlst du dich nach fünf Jahren im Wald?
Ich fühle mich glücklich und mit der Natur verbunden. Ich kann so leben, wie ich mir mein Leben im Moment vorstelle. Wir kämpfen für eine ernste Sache und haben trotzdem viel Spaß dabei. Dass wir unser Leben fast ohne Konsum führen, mag traurig oder unmöglich klingen, aber wir haben gemerkt, dass die Sachen, die einen glücklich machen, schwer kaufbar sind. Es ist gemeinsame Zeit mit netten, ähnlich denkenden Menschen, Herausforderungen und Selbstwirksamkeit. All das haben wir, wenn wir mit selbst ausgetüftelten Baumhäusern in unserer anarchistischen Gemeinschaft auf die Bauwende oder das Klima aufmerksam machen.
Welches Fazit ziehst du nach dieser Zeit?
Wir haben es geschafft, viel Aufmerksamkeit und Beachtung auf die Bauwende und die Verkehrswende und insgesamt auf mehr Klimagerechtigkeit zu lenken. Wir haben unzählige Menschen wachgerüttelt und ihnen die Augen geöffnet, was vor ihrer Haustür an Umweltzerstörung stattfindet. Wir sind von einer kleinen Gruppe aus Fridays-for-Future-Schüler:innen zu einer vielfältigen, gut vernetzten Bewegung in der Community geworden. Das ist etwas sehr Besonderes. Auch habe ich persönlich sehr viel dazugelernt, vermutlich mehr und vor allem vielseitiger als ich das in einer Ausbildung oder einem Studium getan hätte: Baumhaus bauen, klettern, Texte schreiben, Solaranlagen bauen, schweißen, Konflikte in Gruppen lösen, Aktivist:innen vor Gericht verteidigen, Bäume pflegen und sich organisieren. Darüber hinaus sind tolle Freundschaften zu Menschen aus aller Welt entstanden.
In fünf Jahren hättest du schon längst eine Ausbildung und auch schon ein Studium abschließen können. Hast du keine Angst um deine Zukunft?
Weniger um meine eigene, viel mehr um die Zukunft von uns allen und unserem Planeten. Ich habe die vergangenen Jahre so viel dazugelernt und einige Talente von mir entdeckt, die ich vielleicht einmal beruflich nutzen möchte. Eine fehlende Ausbildung oder ein noch nicht begonnenes Studium bereiten mir da keine Sorge. Angst macht mir eine Menschheit, darunter vor allem die Länder mit viel Geld, die unsere Lebensgrundlagen zerstören. Eine Ausbildung kann ich jederzeit anfangen, aber eine intakte Umwelt und ein intaktes Klima sind die Grundlagen, die es dazu braucht. Meine innere Stimme sagt mir, dass es genau das Richtige ist, was ich gerade mache. Ich möchte mir nicht irgendwann sagen müssen, ich hätte nicht alles mir Mögliche versucht, um unseren Planeten zu retten und unsere Zukunft lebenswerter zu machen. Dieses Bewusstsein treibt mich an, ist mein Kompass und Motor.
Beschreib' den aktuellen Stand der Dinge hier im Wald.
Mittlerweile laufen die Genehmigungsverfahren für beide Kiesgruben im südlichen Altdorfer Wald. Elf Hektar bei Grund und 16 Hektar bei Schlier/Oberankenreute. Für Oberankenreute hat das Genehmigungsverfahren schon die Einwendungsphase durchlaufen. Viele Anwohner:innen haben Einwendungen geschrieben. Selbst die Gemeinde Schlier und der Gemeinderat haben sich in einer Stellungnahme ohne Gegenstimmen gegen die Kieswerkserweiterung auf ihrer Gemarkung ausgesprochen. Bei Grund, wo unsere Baumbesetzung steht, wurde im Sommer 2025 der Antrag auf Genehmigung gestellt. Das Genehmigungsverfahren läuft seitdem. Der Ausgang ist noch ungewiss. Aus Sorge um den Grundwasserfilter, der durch den Kiesabbau abgebaggert werden würde, klagt die Gemeinde Baienfurt und der Wasserzweckverband Baienfurt/Baindt gegen die neue Kiesgrube. Wenn der Verwaltungsgerichtshof Mannheim gegen den Kiesabbau entscheidet, können wir fröhlich den Wald verlassen, und das Genehmigungsverfahren wird unbedeutend.




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