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Fußball-WM in Katar

Größtmögliche Missachtung

Fußball-WM in Katar: Größtmögliche Missachtung

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Im "Schlesinger" wird nicht rumgeeiert. "Wir sind große Fußballfans", sagt Geschäftsführer Martin Arnold, "aber keine Fans des Korruptionsclubs Fifa". Also bleibt der Fernseher aus, die "WM der Schande" draußen. Die Stuttgarter Kultkneipe reiht sich ein in die Boykott-Kampagne, die von 150 Gaststätten und Vereinen mitgetragen wird. Kontext hat in Baden-Württemberg nachgefragt.

Als hätte es noch eine Steigerung des Zynismus' bedurft, spielte sich Gianni Infantino, der Oberschurke der Fifa, als Friedensengel beim G20-Gipfel auf. Sie sollten eine "Feuerpause" im Ukrainekrieg einlegen, solange das Spektakulum (20. 11. – 18. 12.) dauere, sprach Infantino zu den Staatspräsidenten auf Bali, seine Weltmeisterschaft könne Anlass für eine solche "positive Geste" sein. Der 52-jährige Schweizer kam aus Katar herbeigeflogen, wo er wohnt und die "beste WM aller Zeiten" ausrichtet. Der Superlativ ist angemessen: für die Versklavung der Arbeiter, die Korruption der Funktionäre, die Käuflichkeit der Klubs und Kicker (Bayern München, Paris Saint Germain), das Wegdrücken der Frauen (wo ist ihre Nationalelf geblieben?), die Diskriminierung von Minderheiten, die Lügen von der Klimaneutralität.

Nicht mit uns, sagen die Kneiperinnen und Kneiper im Land, die Kontext um ihre Meinung gebeten hat.

Dirk Spekowius, Eckstein, Heidelberg:

"Wir boykottieren die WM aus mehreren Gründen: Wegen der Zustände, Bedingungen, tausendfachen Todesfälle während der Bauphase der Stadien und der Infrastruktur, außerdem wurden den Arbeitern dort die Pässe weggenommen. Die korrupte FIFA hat sich nachweislich bestechen lassen, um diese WM in Katar auszutragen. Die Einstellung der Regierung Katars gegenüber Frauen und LGBTQ (Inhaftierungen und Misshandlung). Es ist eine absolut unpassende Region/Land, um eine WM dort stattfinden zu lassen: Temperatur, Jahreszeit, Infrastruktur, Interesse der Einheimischen, Umwelttechnisch und so weiter."

Das Team vom Südbahnhof Gleis 2, Renningen:

"Wir haben uns der Aktion angeschlossen, da wir der Meinung sind, dass sich eine WM Vielfalt und Menschenrechte auf die Fahnen schreiben muss. Eine WM im Winter passt dazu ebenfalls nicht. Ja wir sind offizieller VfB-Fan-Treff und ein Treffpunkt für Jung und Alt, aber diese WM zeigen wir nicht. Wir setzen daher auf Kultur und freuen uns, dass einige Musiker bei uns während der WM auftreten werden und die Gäste uns unterstützen. Die Rückmeldungen bisher sind durchweg sehr positiv."

Emi Satkan, Nachtigall, Möglingen:

"Wir können bei einem Land, das in keinster Weise die kleinsten Menschenrechte respektiert, nicht an Fußball denken! Wie soll man bei über 15.000 Toten an einen sauberen Sport denken? Nicht mit uns in der Nachtigall."

Thorsten Einhaus und Marcus Glöckler, Stadtbar, Meersburg:

"Leider ist es ein schwieriges Thema. Zeigen wir die WM oder nicht. Im Vorfeld hätte seitens der Politik viel mehr passieren müssen. Wenn die Fifa natürlich gerne die Gelder einstreicht, ist Katar unter unmenschlichen Bedingungen leider dabei. Für den Standort Meersburg hätten wir uns sonst als fussballfreie Bar dazu entschlossen, die WM zu übertragen. So leider nicht. Für den Konstanzer Standort war es eine äußerst schwierige Entscheidung. Dort wird die WM übertragen, da eindeutig zu viele Arbeitsplätze dran hängen. Wir hoffen natürlich, dass die deutsche Mannschaft ein eindeutiges Statement setzen kann."

Rudi Raschke, Swamp, Freiburg:

"Wir boykottieren die WM, weil wir uns im Vereinszweck einer 'kritischen und emanzipatorischen Fußballkultur in Freiburg' verpflichtet fühlen. Mit den menschenverachtenden Umständen der Vergabe und Organisation dieser WM wollen wir uns nicht gemein machen."

Das Team der Schütte in Ludwigsburg:

"Wir boykottieren die WM, da wir keine Veranstaltung unterstützen wollen, bei der Menschenrechtsverletzungen in Kauf genommen werden."

Ingo Zimmermann, Restaurant Holzhacker, Karlsruhe:

"Das Thema finde ich selbsterklärend: Menschenrechte praktisch gar nicht vorhanden. Und wer spielt schon gerne bei 52 °C Fußball? Wir als Gastronomen haben eine übertragene Verantwortung für den öffentlichen Raum, aber auch für Werte finde ich. Das Bier muss gezapft werden, aber nicht um jeden Preis."

Martin Arnold, Schlesinger, Stuttgart:

"Schlesinger ist eine Gaststätte für Menschen und das Menschliche. Wir sind große Fußballfans, aber keine Fans des Korruptionsclubs Fifa und seiner kriminellen Machenschaften. Während der WM in Katar haben wir Gelegenheit, den Fernseher aus- und das Gehirn einzuschalten. Wir spielen 11 Freunde & Freundinnen am Tresen."

Shalva Bliadze und Daniel Fritz, Maulwurf, Stuttgart-Vaihingen:

"Maulwurf Kneipe und Bar hat sich in der Vergangenheit stets sehr engagiert, wenn es um die Übertragung von Fußball-Weltmeisterschaften ging. Wir waren mit Herzblut, Begeisterung und Einsatz dabei, und haben es uns zur Mission gemacht alle Spiele – auch vermeintlich wenig attraktive Spiele zu unpopulären Anstoßzeiten – zu übertragen. Daneben gab es bei uns bei allen Turnieren ein vielfältiges WM-Programm, zum Beispiel die Aktion ALLE BIERE – ALLE TORE, für die wir es schafften, aus allen WM-Teilnehmerländern Bier zu besorgen. Alles das wird es zur WM 2022 nicht geben. Wir möchten kein Teil dieser WM sein, die in jeder Hinsicht gegen alles steht, was für uns Fußballfans die WM ausmacht. Bei dieser WM ist Fankultur nämlich völlige Nebensache, die Idee, dass Fußballfans gemeinsam in Katar ein Fußballfest feiern könnten, ist nicht vorstellbar. Bei dieser WM ist der Fußball und seine Fans nur unbedeutende Nebensache. Stattdessen werden wir alternativ ein kleines Kulturprogramm auf die Beine stellen."

Tilman Fezer, Ritterstüble, Stuttgart:

"Wir vom Ritterstüble, Tafelrunde des Ritters e.V., hatten uns schon im Frühjahr überlegt, ob wir die Spiele der WM zeigen sollen, oder nicht. Intern war relativ schnell klar, dass wir keine Lust darauf haben. Auch wenn die Kneipe bei Deutschlandspielen sicher voll gewesen wäre. Zusätzlich haben wir dann eine Mitgliederbefragung gestartet und das Ergebnis war mit 32 NEIN zu 7 JA Stimmen äußerst deutlich. Somit war für uns klar: Kein Katar in unserer Kneipe! Wer gegen Menschenrechte verstößt, Leute ausbeutet, und meint, mit Geld könne man Alles kaufen erfährt von uns die größtmögliche Missachtung."


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5 Kommentare verfügbar

  • Marco Raciti
    vor 4 Tagen
    Antworten
    Sehr geehrte Damen und Herren,

    was für heuchlerische Zeitgenossen die hier sich ein Stelldichein geben!
    Sicher, meine Wenigkeit hat auch nicht die ganze WM Freude früherer Jahre.
    Die Menschenrechtsverletzungen, Korruption, Geldgier der Fifa.Keine Frage!

    Aber machen uns nichts vor?

    Auch…
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