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Erneuerbare Energie in Siebeneich

Dem Himmelreich nah

Erneuerbare Energie in Siebeneich: Dem Himmelreich nah
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Datum:

Siebeneich, zu Bretzfeld gehörig, ist seit gut zehn Jahren das erste Bioenergiedorf im Norden Württembergs. Steigende Energiepreise sind die kleinste Sorge der Hohenloher. Sie heizen mit eigener Energie und produzieren viel mehr Strom als sie brauchen.

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Reinhold Brück hat die Zahlen im Kopf: 1.500 Kilowatt Peak erzeugt Siebeneich an Strom aus Photovoltaik, 390 Kilowatt die Biogasanlage. "Genug für 1.700 Haushalte", resümiert der Ortsbeauftragte des Dorfs, das seit den 1970er-Jahren zu Bretzfeld gehört, dem "Tor zum Hohenloher Land". Weit mehr also, als der Ort selbst benötigt, auch wenn einige Betriebe viel Strom verbrauchen. Vier von fünf Megawatt Jahresleistung gehen ins Netz.

Dazu erzeugt die Biogasanlage rund 400 Kilowatt Wärme, ausreichend für 25 Gebäude oder 40 Prozent der Haushalte. Da zudem viele der 250 Einwohner:innen mit Hackschnitzeln heizen und einige ihr Warmwasser aus Solarthermie gewinnen, ist Siebeneich ein Bioenergiedorf. Die Kriterien sind: Die komplette Strom- und mindestens die Hälfte der Wärmeenergie erzeugt der Ort selbst. In Siebeneich sind es fast 90 Prozent.

Siebeneich nennt sich darüber hinaus das erste gläserne Bioenergiedorf Deutschlands. "Wissen Sie, was gläserne Produktion ist?", fragt Brück. "Die Betriebe zeigen Städtern, wie Nahrungsmittel erzeugt werden." 1997 beteiligte sich der Ort an der gläsernen Aktion, 20.000 Besucher:innen kamen.

2009 öffneten die Betriebe erneut ihre Tore. Man habe die 14 Betriebe in Siebeneich für die Eröffnung ausgesucht, zitiert die Website des Landwirtschaftsministeriums Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch (CDU), "weil sie trotz der schweren allgemeinen wirtschaftlichen Lage geradezu vorbildlich auf die Anforderungen der Stunde reagieren würden und Diversifizierung, Spezialisierung sowie Bereitschaft zur Kooperation mutig umsetzen würden." Damals beschloss Siebeneich, auch noch Bioenergiedorf zu werden, gefördert von der Bioenergie-Region Hohenlohe-Odenwald-Tauber (H-O-T).

Wolfgang Eißen, der damalige Leiter des Landwirtschaftsamts des Landkreises, hatte ihnen den Floh ins Ohr gesetzt. "Wir bräuchten in Hohenlohe ein Bioenergiedorf", meinte er. Jühnde in Niedersachsen hatte wenige Jahre zuvor den Anfang gemacht, im nördlichen Württemberg war Siebeneich Vorreiter. Zwei Jahre später war es geschafft: Im August 2011 übergab der damalige Landwirtschaftsminister Alexander Bonde (Grüne) dem Ortsbeauftragten das Zertifikat und eine EU-Förderzusage.

Die Kühe sorgen für Energie

Die Biogasanlage betreibt die Familie Weibler. Rolf Weibler, Brücks guter Freund, hat den Betrieb inzwischen an seine Söhne übergeben: Konrad Weibler kümmert sich um den Weinbau, Christof ist für die Rinderzucht und damit auch die Biogasanlage zuständig. 520 Tiere stehen in drei Reihen offener Ställe, im Alter von acht Wochen von Milchviehhaltern angekauft. Alle paar Wochen kommen neue dazu, die anderthalb Jahre auf dem Hof bleiben, bevor sie gleich nebenan in der eigenen Hofmetzgerei geschlachtet werden. Angefangen hat das alles mit dem beliebten Ochs am Spieß in der eigenen Festhalle der Familie.

Aus den Ställen läuft die Gülle direkt in den Fermenter der Biogasanlage. Zehn Kubikmeter Gülle pro Tag werden dort mit Mais-Silage verrührt. Den Mais kaufen die Weiblers bei Bauern der Umgegend. Er wird gehäckselt und unter Folie gelagert, wobei eine Milchsäuregärung einsetzt. Der Fermenter ist sechs Meter tief im Boden vergraben, um eine konstante Temperatur um 45 Grad zu gewährleisten. Dabei steigt Biogas auf, das von einem Gasspeicher aufgefangen und von dort kontinuierlich zum kleinen Blockheizkraftwerk weiter vorn auf dem Gelände geleitet wird. Die Überreste sind weiterhin als Dünger verwendbar.

Der Generator macht ordentlich Lärm. Er hat einen Wirkungsgrad von 33 Prozent, erklärt Weibler, der es gerade noch schafft, mit seiner Stimme das Aggregat zu übertönen. Das entspricht ungefähr einem Benzinmotor, beim Diesel ist der Wirkungsgrad noch etwas höher. Von der Abwärme gehen immerhin noch 40 Prozent in die Fernwärmeleitungen, die 32 Wohnungen versorgen.

Um 2010, als die Anlage entstand, sagt Weibler, seien viele Biogasanlagen gebaut worden. Inzwischen kämen kaum noch welche hinzu. Eine Grafik des Statistischen Bundesamts zeigt, dass sich die Zahl der Anlagen zwischen 2008 und 2011 mehr als verdoppelt hat, während sie in den zehn Jahren danach nur noch um 20 Prozent gewachsen ist. Das liegt an den Förderbedingungen, weiß Weibler. Offenbar seien Biogasanlagen politisch nicht mehr gewollt.

Tatsächlich wurde die Förderung 2014 herabgesetzt. Die Website des Umweltbundesamts führt Probleme mit Geruch, Lärm, entweichendem Methangas und Sicherheitsbedenken an. Von Geruchsbelästigung ist bei den Weiblers indes nichts zu spüren. Der Lärm des Generators dringt kaum nach draußen. Die mittelgroße Anlage wird jährlich inspiziert. Denn wenn signifikante Mengen Methan freigesetzt würden, wäre das ein erhebliches Sicherheitsrisiko.

Heizen mit Chinaschilf

Günther Banzhaf baut bereits seit 2006 Miscanthus giganteus an. Dem Namen zum Trotz stammt das Riesen-Chinaschilf ursprünglich aus Japan. Als der gelernte Metzger damit anfing, war das bis zu vier Meter hohe Schilfgras in Deutschland noch kaum zu finden. Seit 27 Jahren betreibt Banzhaf eine Besenwirtschaft mit Partyservice. Für Schnapsbrennerei und Hausmetzgerei benötigt er viel Strom. So kam ihm die Idee, es mit Miscanthus zu versuchen.

900 Quadratmeter Wohnfläche beheizt Banzhaf darüber hinaus mit den Miscanthus-Hackschnitzeln. Neben den Wohnungen seiner eigenen Familie vermietet er auch. Vorwiegend an Arbeiter, die Wege von 30 bis 40 Kilometern auf sich nehmen, um eine bezahlbare Wohnung zu finden. Für all das benötigt er 38 Hektar Anbaufläche. Das Schilfgras bleibt den Winter über stehen und trocknet aus. Es kann dann im Frühjahr geerntet und gehäckselt werden und macht auch sonst nicht viel Arbeit. In diesem Jahr steht es weniger hoch als sonst, der Sommer war trocken

Zwischen Holz und Stroh: So fühlt sich der gehäckselte Miscanthus an. Tatsächlich sind die Hackschnitzel weniger dicht und benötigen dreimal so viel Lagervolumen wie solche aus Holz. Im Winter muss Banzhaf den Speicher ungefähr alle vier Wochen nachfüllen. Ansonsten funktioniert die Anlage direkt neben der Besenwirtschaft automatisch. Von der Temperatur in den Wohnungen ausgehend, versorgt sich der Heizofen selbst mit den nötigen Hackschnitzeln, die zunächst in eine Vorkammer und dann in den Brenner gesaugt werden.

Brück, Banzhaf und Christof Weibler rechnen vor: Die Investitionen in Photovoltaik und Solarthermie, Hackschnitzelheizungen und Biogasanlage haben sich gelohnt. Solarpaneele sind im Lauf der Zeit billiger geworden, werden aber auch weniger gefördert. Es bleibe dabei, kalkuliert Brück: Nach acht bis neun Jahren habe sich eine Anlage amortisiert. Ein Hektar Miscanthus kann 4.000 Liter Heizöl ersetzen. Auch Biogasanlagen könnten sich wieder mehr lohnen, wenn die Öl- und Gas-Preise weiter anziehen. Bei einer mindestens sechsstelligen Investition sei allerdings Planungssicherheit nötig, meint Weibler. Die sieht er momentan nicht gegeben.

Viel Veränderung, viel Gemeinschaft

Banzhaf hat bei seiner Besenwirtschaft von Anfang an Wert auf Familienfreundlichkeit gelegt. Im Garten steht ein alter Reichsbahn-Waggon für kleinere Familienfeste, davor eine Garten-Modelleisenbahn. Die Weiblers sind von der Landwirtschaft zum Weinbau und von dort aus zur Rinderzucht gekommen. Auch Brück hat sich in seinem Leben immer wieder neu erfinden müssen. Er hat zeitweise als Lkw-Fahrer und in anderen Berufen gearbeitet – auch weil man von der Landwirtschaft immer weniger leben kann. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Siebeneich noch 28 bäuerliche Betriebe. Heute sind nur noch eine Handvoll Obst- und Weinbauern übrig.

Aber die Dorfgemeinschaft, die ist geblieben. Beim gläsernen Dorf haben alle mitgemacht. Die Entwicklung zum Bioenergiedorf hat den Zusammenhalt gestärkt. Die alte Kelter dient heute als Dorfgemeinschaftshaus. Als die Gemeinde Bretzfeld das alte Rathaus von 1838 verkaufen wollte, zog Rolf Weibler von Haus zu Haus und fand schließlich zwölf Mitstreiter, die mit ihm zusammen das Haus erwarben. Sie wollten das ortsbildprägende Gebäude, in dem sich früher einmal Verwaltung, Gefängnis und Schule befunden hatten, dem Markt entziehen, erklärt Brück. Die Räume vermieten sie, die Mieteinnahmen verwenden sie ausschließlich für die Instandhaltung.

Seit fast vierzig Jahren engagiert sich Brück für sein Dorf. Zehn Jahre lang ist er Ortsvorsteher gewesen, seit 1999 Ortsbeauftragter, damit nicht mehr gewählt, sondern vom Bretzfelder Gemeinderat ernannt. Er ist in Siebeneich aufgewachsen und fühlt sich hier, in eigenen Worten, pudelwohl. Er könne sich keinen schöneren Ort vorstellen.

Siebeneicher Himmelreich: So nennt sich passend der sechs Kilometer lange Naturlehrpfad, den der Ort vor zehn Jahren eingerichtet hat, um Besucher:innen von nah und fern die Besonderheiten des idyllischen Obst- und Weinbauerndorfs vor Augen zu führen. Fünfzig Infotafeln informieren über das Dorf, den Weinbau, das Biogas und den Miscanthus. Durch die Weinberge führt der Weg hinauf zum Aussichtspunkt Himmelreich, der einen großartigen Ausblick über fast das gesamte Hohenloher Land bietet, von den Löwensteiner Bergen bis – bei gutem Wetter – zu Reinhold Würths Schraubenfabrik in Künzelsau.

Der Wein gedeiht gut in der geschützten Südlage. Nur Jungpflanzen, so Brück, hätten unter der Trockenheit der letzten Jahre gelitten und mussten bewässert werden. In vier von fünf Jahren war der Sommer ungewöhnlich heiß und trocken, bemerkt der Ortsbeauftragte nachdenklich. Sein kleines Dorf tut, was es von sich aus tun kann, um den Klimawandel in Grenzen zu halten. Brück hat vieles davon auf den Weg gebracht. Bald möchte er die Verantwortung abgeben an die jüngere Generation.


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