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Weltgrößte Kürbisausstellung in Ludwigsburg

Der Kosmos als Kürbis

Weltgrößte Kürbisausstellung in Ludwigsburg: Der Kosmos als Kürbis
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 Fotos: Jens Volle 

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Eine Formel fürs Universum: Wenn ein Phänomen existiert, lässt es sich durch Kürbisse beschreiben. Wer daran zweifelt, sollte einen Blick auf den Ludwigsburger Kürbiskraken, kunterbunte Kürbiskulinarik und den kolossalen Gigantenkürbis von Kürbispapst Stefano Cutrupi werfen.

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Vielleicht kennt Wachstum ja doch keine Grenzen. Zumindest nährt eine bemerkenswerte Entwicklung Zweifel an der irdischen Endlichkeit: Während der Weltrekord-Kürbis von 2007 läppische 767 Kilo schwer war, brachte der monströse, gewaltige, atemberaubende Titelträger in diesem Jahr 1.226 Kilo auf die Waage – das ist in etwa so viel wie dreizehn Orang-Utans, zwei übergewichtige Eisbären, ein schlankes Nilpferd oder eine Dreiviertel Giraffe. Gezüchtet wurde dieser kolossale Gigantenkürbis – wie könnte es anders sein? – vom Kürbiszuchtgroßmeister Stefano Cutrupi aus dem italienischen Radda, der seine ohnehin beeindruckende Meistertitelsammlung mit diesem biologischen Wunderwerk noch beträchtlich erweitern konnte. Neben dem Allzeit-Weltrekord triumphierte er mit seinem Titanengewächs auch bei der diesjährigen Europameisterschaft – und das "war schon fast zu erwarten", wie die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben.

Zu bestaunen ist das in der Toskana aufgezogene Schwerstgewicht gegenwärtig vor dem Ludwigsburger Barockschloss, in eine Ausstellung eingebettet, wo ihm, dem König der Kürbisse angemessen, ein eigenes Zelt gewidmet wurde: Im weiß erstrahlenden Pavillion mit royal anmutendem Spitzdach verzückt Eure Majestät Staunende aller Altersklassen. Anfassen ist allerdings nicht erlaubt. Im Absperrbereich betont ein Schild: "Bin zwar groß, aber trotzdem ein empfindliches Gewächs. Bleibt draußen! DANKE". Zugegeben: Besonders hart sieht die Schale zum unzweifelhaft weichen Kern nicht aus. Vielmehr scheint der zügellose Hühnenwuchs auch seine Schattenseiten mit sich zu bringen. Als drohe er unter seinem Eigengewicht zu kollabieren, ist Seine Durchlaucht von Einbuchtungen überzogen, aufgedunsene Ausbeulungen unterfüttern die Sorge, dass sie jederzeit aufplatzen könnten, und das leuchtend vitale Orange, in dem das Prachtexemplar einst stolz erstrahlte, weicht zunehmend einem gräulichen Grün.

Lange zu leben haben die Kürbiskolosse von Ludwigsburg ohnehin nicht mehr. Neben dem Weltrekord-Exemplar gibt es noch eine Reihe von solchen, die die 500-Kilo-Marke reißen. Nun aber wird ihnen gerade das, was sie auszeichnet, zum fatalen Verhängnis: Am 28. November steht das große Schlachtfest an, wie eine Broschüre zur Ausstellung informiert, und "viele Züchter hoffen auf die wertvollen Kürbissamen – und einen möglichen Riesenkürbis im nächsten Jahr". Hoffen wir mal, dass das friedlich bleibt.

Zumal Größe bekanntermaßen nicht alles ist. Funktional betrachtet könnten zahlreiche der nicht genießbaren, aber beeindruckend voluminösen Bio-Goliaths zwar problemlos als Badewannen genutzt werden oder, wenn das mit ihrem Wachstum so weitergeht, eines Tages vielleicht sogar als nachhaltiges Tiny-House. Unter Gesichtspunkten der Ästhetik werden die meisten der Mammutwüchsigen jedoch von zahlreichen der insgesamt über 450.000 ausgestellten Kürbisse aus dem Felde gestochen. Sie deklinieren hier alle nur denkbaren Variationen der Erscheinung durch – wer hätte gedacht, dass die Weltformel eines Tages herbeigezüchtet wird?

Die Monomanie färbt ab

Da sind Schwanengleiche mit Wendehälsen, Quallenartige mit tentakeligen Auswüchsen, Football-Ähnliche, bei denen man sich das Zutreten verkneifen muss. Es gibt Dünne und Dicke, Kleine und Große, Längliche, Gedunsene, Eingefurchte, welche mit samtig-weicher Oberfläche, von einer melonigen Netzhaut Überzogene und vollständig Verwarzte. Die über 800 Sorten tragen Namen wie Big Buddha, Crystal Star, Eden Blue, Gold Dust oder Herkules' Keule … kann man die auch rauchen? Ein paar kunstfertig in Kürbisschalen geschnitzte Gnome sehen zumindest nicht so aus, als würden sie viel Wert auf Nüchternheit legen.

Paranoid veranlagten Personen sei an dieser Stelle übrigens eindringlich von einem Besuch der großen Kürbiskür abgeraten. Wer auf dem Terrain des Blühenden Barock in Ludwigsburg verkehrt, muss sich, weil sie an allen Ecken und Enden lauern, in Acht nehmen, keinem Kürbiskoller zu erliegen. Das gilt auch für die Kulinarik. Eine kleine Auswahl: Zum Schnabulieren bereit stehen gebrannte Kürbiskerne mit Ingwer- und Cappuccino-Geschmack, Kürbismaultaschen, Kürbisbratwürste, Chili con Kürbis, Spaghetti Kürbinese, Kürbissecco und nicht zuletzt: Kürbispommes mit Kürbisketchup. Wem der (ebenfalls extrem vielseitige!) Kürbisgeschmack nicht behagt, wird womöglich ausrufen: Die haben doch einen an der Kürbiswaffel! – die hier wahlweise mit Zimt und Zucker oder mit … Apfelmus? serviert wird.

Vollendet ist die unbegrenzt erscheinende Formenvielfalt, wo der Kürbis, nein: Kürbiskollektive durch menschliche Beihilfe zur Skulptur wurden. Unter dem Motiv der Unterwasserwelt erheben sich ein Kürbis-Tiefseetaucher mit Kürbis-Tauchglocke, ein begehbarer Kürbishai, ein Kürbiskrake, eine Kürbismeerjungfrau in einer Kürbismuschel, Kürbisdelfine, ein Kürbis-U-Boot und zahlreiche Kürbisfische.

Der riesige Kürbis-Spongebob beseitigt mit seinen ausgebreiteten Armen die letzten Reste von Skepsis: Wenn ein Phänomen existiert, kann es in Kürbissen beschrieben und dargestellt werden. Handelt es sich beim Kürbis zuletzt sogar um eine transzendente Entität? Zumindest färbt die Monomanie der Ausstellung ab: Wer ein paar Stunden unter so vielen Kürbissen verbringt, kann bald keinen Gedanken mehr ohne "Kürbis" formen – und nach ein paar Stunden überhaupt nur noch in Kürbissen denken. "Bin ich ein Gott? Mir wird so licht! Ich schau in diesen reinen Zügen die wirkende Natur vor meiner Seele liegen", freut sich Faust in Goethes großer Tragödie. Aber das Wichtigste hat er vergessen: Der Kürbis ist ein Kosmos – der Kosmos ist ein Kürbis.


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