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Schillers Räuber im Bopserwald

Freiheit oder Tod

Schillers Räuber im Bopserwald: Freiheit oder Tod
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Lang ist's her, dass Friedrich Schiller sein rebellisches Jugenddrama "Die Räuber" verfasste. Im Bopserwald fragt nun das Theater am Olgaeck nach dessen Aktualität. Auch um nach der langen Corona-Pause wieder in Bewegung zu kommen.

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Ein paar abenteuerliche Gestalten mit zerbeulten Hüten und löchrigen Umhängen haben an der Straßenbahnhaltestelle Ruhbank rund 15 Personen um sich versammelt. Vom Schüler- bis zum Rentenalter sind alle Altersgruppen vertreten. Bildungsbürger allem Anschein nach.

An einen Baum gelehnt schlägt Stefan Vitelariu ein paar Akkorde in seine Gitarre. Er spielt "All Along the Watchtower" – eine Anspielung auf den nahe gelegenen Fernsehturm? Im Song von Bob Dylan unterhalten sich ein Spaßvogel und ein Dieb, eine Wildkatze knurrt und der Wind beginnt zu heulen. Bald werden auch die Teilnehmer am Parcours des Theater am Olgaeck aufheulen: Wenn sie nämlich erfahren, dass sich Räuber in vergangenen Zeiten durch Tierstimmen verständigten. Wolfsgeheul stand für Gefahr.

Kein Spaziergang, sondern Abenteuer!

Gefahr droht den Räubern aus Friedrich Schillers berühmtem erstem Drama. Sie sind von einer Armee umstellt. "Draußen stehen siebzehnhundert", eröffnet ein Pater im Drama dem Räuberhauptmann Karl. Die Räuber sind nur zu achtzigst. Und die Zuschauer sollen wissen, dass sie nun dazugehören. Sie bekommen eine eindringliche Warnung mit auf den Weg: Dies ist kein Spaziergang, sondern ein Abenteuer.

Im Bopserwald soll Schiller das Stück seinen Freunden vorgelesen haben, bevor er nach der Uraufführung in Mannheim 1782 aus dem Lande Herzog Carl Eugens floh und erst nach dessen Tod Stuttgart noch einmal wieder sah. Vor 100 Jahren gab es im Bopserwald eine große Freilichtbühne mit 2.300 Sitzplätzen, eingeweiht im Juni 1913 mit dem Drama "Die Räuber". Nur noch eine Tafel erinnert an anderer Stelle daran, aufgestellt 2007 vom Verschönerungsverein.

Allerdings will nun die kleine Truppe auch gar nicht das Stück aufführen, sondern "in freier Natur erforschen, was der Klassiker der Theaterliteratur uns heute noch zu sagen hat". Nach Überquerung einer roten Ampel – "Wir sind Gesetzlose, nicht?" – geht es kreuz und quer durch den Wald und durch das Drama, wobei die Szene – bei Schiller im zweiten Akt – als die Räuber umstellt sind, den dramatischen Schluss- und Höhepunkt bildet. Entweder sie liefern Karl, ihren Hauptmann aus. Oder sie sind dem Untergang geweiht. "Freiheit oder Tod!" rufen die Räuber. Freiheit war Schiller wichtig.

Schillers Drama ist reichlich verwickelt. Es geht um die Geschichte zweier Brüder. Der eine, Franz, ist nach außen hin fromm und untadelig, in Wirklichkeit ein rücksichtsloser Intrigant; der andere, Karl, eine Art verlorener Sohn. Um ihn geht es, um seine Liebe zu Amalia, die ihm Franz abspenstig machen will, während der Vater von Anfang an als gebrechlich und handlungsunfähig dargestellt wird. Am Ende sterben alle von eigener Hand oder erdolchen sich gegenseitig, unter anderem Karl seine Geliebte Amalia, weil sie nicht von ihm lassen will, obwohl er doch durch seinen Treueschwur an die Räuberbande gebunden ist.

Die Drangsalierten gingen zum Gegenangriff über

Im Bopserwald stirbt niemand einen theatralischen Tod. Das Stationentheater ähnelt eher einem Quiz. Wie hieß Schiller mit allen drei Vornamen? Wann und wo wurde das Drama zuerst aufgeführt? Einerseits regt das die Teilnehmenden zum Mitmachen und Mitdenken an. Andererseits kann sich heute niemand mehr sicher sein, wie weit die klassische Bildung des Publikums noch reicht: Das Frage- und Antwortspiel hilft auch Unvorgebildeten, die Zusammenhänge zu verstehen. Allerdings wissen die ZuschauerInnen in dieser Runde ziemlich viel.

Zu Schillers Zeiten gab es tatsächlich noch Räuber. Seit dem Dreißigjährigen Krieg waren weite Teile der Bevölkerung verarmt. Die als Vaganten umherzogen, wurden von den Behörden drangsaliert, auch wenn sie nichts getan hatten. Ein kleiner Teil ging zum Gegenangriff über. Dies ist der Hintergrund von Schillers Drama und der Szene, in der die Bande von den Truppen des Herzogs umstellt ist. Für heutige Menschen liegt so etwas natürlich weit jenseits des eigenen Erfahrungshorizonts.

Tatsächlich ist der Parcours für alle Altersgruppen gut geeignet. Er hat nichts von der Langeweile eines Klassiker-Pflichtprogramms, auch wenn Manche gekommen sein mögen, um ihr Wissen zu Schillers rebellischem Erstlingswerk abzurunden oder ihren Kindern zu vermitteln. Die Kulisse passt jedenfalls gut. Immer wieder tritt unvermutet eine neue Gestalt hinter einem Baum hervor. Es erinnert ein wenig an ein Kasperltheater, wo es die Figur des Räubers noch gibt.

Darauf versteht sich Nelly Eichhorn, die das Theater am Olgaeck 2004 gegründet hat, eigentlich weil die SchauspielerInnen, die für ihre Marionettenbühne die Rollen gesprochen haben, nicht nur den Holzpuppen ihre Stimme leihen wollten, sondern auch selbst spielen. Zum Puppentheater, sagt sie, kommen Zuschauer aus allen Generationen, oft auch mehrfach zum selben Stück, um es ihren Verwandten vorzuführen. Im Puppentheater, so Eichhorn, werden auch erwachsene Zuschauer wieder zum Kind.

Aber das ist nicht der Grund für den Theaterspaziergang. Der Grund sind die Corona-Maßnahmen. Wie kann man weiter Theater aufführen, wenn der Theaterbesuch untersagt ist? Ein Jahr lang hat am Theater am Olgaeck nichts stattgefunden. Am Live-Streaming hat sich das Haus nicht beteiligt. Für Eichhorn ist das kein Theater. Wenn jeder allein zuhause am Bildschirm sitzt, führt das jeden Einzelnen nur weiter in die Isolierung.

Theater ist dagegen für Eichhorn, wenn Menschen zusammenkommen. Wenn die Zuschauer reagieren und die Schauspieler die Resonanz spüren. Wenn man hinterher miteinander ins Gespräch kommt über die angesprochenen Themen, die wichtig sind für die Gesellschaft. Darum geht es ihr in ihrem ganzen Tun. Insbesondere möchte sie diejenigen zusammenbringen, die normalerweise keine Stimme haben. Und die auch nicht ins Theater gehen, weil sie sich von den Themen nicht angesprochen fühlen.

Multikulturelle Bühne

Dies betrifft ungefähr die Hälfte der Stadtgesellschaft, in jüngeren Generationen noch deutlich mehr. Eichhorn selbst stammt aus Georgien, hat in Moskau Theaterwissenschaften studiert und zunächst für die Sowjet-Presse über internationale Theaterfestivals berichtet. Mit ihrem Mann, einem Stuttgarter, ist sie nach einer Zwischenstation in Kentucky ins Schwabenland gekommen. Sie spricht sieben Sprachen. Und sie ist dabei, von einem Osteuropa-Schwerpunkt ausgehend, ihr Theater mehr und mehr zu einer globalen, multikulturellen Bühne zu machen.

Genau deshalb, und weil das an anderen Häusern so nicht passiert, ist das Theater am Olgaeck das wichtigste Theater in Stuttgart. Allein im September und Oktober stehen vier Festivals auf dem Programm: das Afrika-Filmfestival von 9. bis 12. September; das Internationale Amateur Theater Festival, das 2019 zum ersten Mal stattfand und im vorigen Jahr ausfallen musste; ein Arabisches Filmfestival von 8. bis 14. Oktober; und Ende Oktober die Kulturtage zur fünfzigjährigen Städtepartnerschaft mit der tunesischen Kommune Menzel Bourguiba.

Wie sie dies alles hinkriegt: diese Frage kann Eichhorn wohl selbst nicht beantworten. Ohne Geld, ehrenamtlich hat sie angefangen. Erst als sie kurz davor stand, nach Berlin abzuwandern, gestand ihr die Stadt eine Förderung zu, die im vorigen Jahr nochmal deutlich erhöht wurde. Andernfalls könnte sie nicht mal die Miete bezahlen, die der Hausbesitzer ständig erhöht, sei es, weil die Mieten überall steigen oder weil er sieht, dass sie Erfolg hat. Dabei befindet sich das Theater am Olgaeck eigentlich an einem Unort, in einer Passage in einem Betonklotz zwischen Taekwondo-Studio und einigen zweifelhaften Läden.

Im Moment macht Eichhorn wie Andere die Erfahrung, dass die Menschen nach einem Jahr Pause offenbar nicht voller Ungeduld wieder in die Theatersäle strömen. Eichhorn befürchtet, die Kultur könnte im Corona-Jahr einen dauerhaften Schaden genommen haben.

Am Theaterparcours hätten allerdings viel mehr als 15 Personen ohnehin nicht teilnehmen können. Auf schmalen Wegen geht es durch den Bopserwald, mit einer Karawane wäre das nicht zu machen. Vielleicht sind die Räuber in ihrer kleinen Zahl, ihrer marginalen Position auch ein Sinnbild für die Kultur, an der immer gespart wird, während anderswo das Geld mit beiden Händen herausgehauen wird.

Schiller hat mit dem Räuberhauptmann Karl eine zwiespältige Figur geschaffen: Einerseits wird er moralisch verdammt, ähnlich wie heute die Teilnehmer einer Krawallnacht. Andererseits ist er jedoch voller Edelmut. Als der Pater ihm seine Missetaten vorhält, gibt er alles zu. Aber durch ihn seien vier mächtige Personen zu Fall gekommen, die auch nicht viel besser gewesen seien. Unter anderem ein Finanzrat, "der Ehrenstellen und Ämter an die Meistbietenden verkaufte".

Hier liegt der Kern, warum das Stück zur Zeit seiner Entstehung so brisant und erfolgreich war. Was davon heute noch aktuell bleibt, können sich die Zuschauer selbst überlegen.


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