Ausgabe 368
Schaubühne

Schöner Radeln in ferner Zukunft

Von Dietrich Heißenbüttel
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 18.04.2018
Stuttgart geriert sich als fahrradfreundliche Stadt. Doch wer konsequent Radfahren will, sieht sich etlichen Unzulänglichkeiten ausgesetzt. Radschnellwege könnten Abhilfe schaffen. Doch bis es sie gibt, werden sich die vorhandenen Probleme verschlimmern.

Als Radkultur-Kommune wolle die Stadt Stuttgart "mit Spaß und Freude etwas für die Umwelt tun" schreibt grüne Stuttgarter Bürgermeister Peter Pätzold im Grußwort zur Aktion Stadtradeln: "Mit diesem Wettbewerb wollen wir aber auch zeigen, wie gut man in Stuttgart täglich mit dem Fahrrad fahren kann. Als Bürgermeister für Städtebau und Umwelt ist es mir natürlich ein besonderes Anliegen hier mit gutem Beispiel voran zu gehen. Unser Ziel ist es, eine fahrradfreundliche Mobilitätskultur zu fördern und zu unterstützen."

575 Kommunen beteiligen sich bundesweit an der Aktion: Drei Wochen lang sammeln Bürger Kilometer, die sie mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zurücklegen. Und auch sonst sind Städte und Gemeinden landauf landab bemüht, sich ein fahrradfreundliches Image zu verpassen. Esslingen bietet zum Beispiel an, Einkäufe vom Wochenmarkt kostenlos per Lastenrad nach Hause bringen zu lassen: Dass das Fahrrad-Transportunternehmen Velocarrier seit zweieinhalb Jahren dort seine Dienste anbietet, hat sich noch nicht herumgesprochen.

66 Gemeinden sind derzeit auf der Website der Aktionsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen in Baden-Württemberg (agfk) gelistet.

Stuttgart hat laut der agfk seit 1990 die Zahl der öffentlichen Fahrradabstellanlagen von 500 auf 7000 erhöht, es gibt 160 Kilometer Radwege und drei Fahrradstraßen in der Innenstadt.

Inzwischen seien es sogar 180 Kilometer, sagt Bürgermeister Pätzold im Radforum, zu dem zweimal im Jahr aktive Bürger und Vertreter der Stadt zusammenkommen, um alle Probleme des Radverkehrs zu besprechen. Erst auf Nachfrage fügt er hinzu, dass damit sämtliche für Radfahrer ausgeschilderten Wege gemeint sind, also auch für den Radverkehr zugelasse Fußwege.

Und hinter den drei Fahrradstraßen verbirgt sich in Wirklichkeit nur eine: der Tallängsweg, die Hauptradroute 1, die vom Stadtteil Vaihingen das Nesenbachtal hinab bis nach Bad Cannstatt den Talkessel durchquert. Weil die aber nicht durchgängig befahrbar ist, gliedert sie sich in drei größere Teilabschnitte.

Wo der "Shared Space" der Tübinger Straße endet, in dem alle Verkehrsteilnehmer gleiche Rechte haben, beginnt ein Niemandsland, dem am Tagblattturm eine Fahrradampel folgt. Pätzold meint, er sei wahrscheinlich der einzige, der die lange Rotphase abwartet, bevor er in die Fahrrad-Teil-Straße Nummer 2, die Eberhardstraße abbiegen kann, wo, Fahrradstraße hin oder her, oft mehr Autos als Fahrräder unterwegs sind. Der dritte Teilabschnitt beim Breuninger links endet seit kurzem an der Markthalle, wo sie am Rande des Dorotheenquartiers einer für Radfahrer zugelassenen Fußgängerzone Platz macht.

Die Hauptradroute 1 ist nach Auskunft der Stadt Stuttgart als erste von 36 geplanten komplett fertig gestellt. Bloß: Wer auf der König-Karls-Brücke den Neckar überquert und geradeaus zum Cannstatter Wilhelmsplatz weiter will, kuckt in die Röhre. Nur auf einem sehr engen Gehweg, zwischen Betonbrüstung und Tunnelwand, geht es unter der Bahnlinie hindurch weiter. Kaum jemand ist hier mit dem Rad unterwegs.

Wie wenig Bezug die Stadt zum Fahrrad hat, zeigt auch folgendes Beispiel: Die Tübinger Straße ist seit bald drei Jahren für Autofahrer gesperrt. Diese Sperrung soll nun allerdings vorübergehend wieder aufgehoben werden. Die Straßenbrücke am Österreichischen Platz, eines der Prunkstücke der autogerechten Stadt der Sechzigerjahre, muss saniert werden. Und wohin solange mit dem Autoverkehr? Genau. In die Tübinger Straße, die bisher den Radfahrern vorbehalten war.

"Für Radfahrende bedeutet das, wenn auch nur für sechs Wochen, Behinderungen und Zurückstellung hinter die Interessen von Autofahrenden", moniert die Grünen-Stadträtin Christine Lehmann, deren Fahrradblog regelmäßig über die Fallstricke des Radfahrens in Stuttgart informiert.

Der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann will mehr Menschen dazu bewegen, ihren täglichen Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad zurückzulegen. Die Planung der ersten drei Radschnellwege nimmt der Verkehrsminister nun selbst in die Hand. "Durch ausreichende Breiten sollen das Nebeneinanderfahren sowie das Überholen problemlos ermöglicht werden. Zeitverluste an Knotenpunkten werden durch Bevorrechtigungen oder den Einsatz von Unter- bzw. Überführungen minimiert." So beschreibt das Ministerium die Eckpunkte.

Bis 2025 soll es mindestens zehn Radschnellwege in Baden-Württemberg geben. In der Ebene besteht das größte Potential. Der Neckartal-Radweg zwischen dem Landkreis Esslingen und Stuttgart könnte täglich mehr als 2000 Radler aufnehmen. Wann er fertig ist, darauf möchte sich im Moment noch niemand festlegen. In diesem Jahr soll erst mal eine Machbarkeitsstudie entstehen.

 

Auf dem harten Boden der Realitäten nehmen die Probleme der Radler hingegen nur noch weiter zu. Noch ein Beispiel: Der schmale Pfad, der von Esslingen am Neckarufer entlang nach Bad Cannstatt führt, war trotz vieler Mängel bei Radlern beliebt, da er ohne allzu viele Konflikte mit dem Autoverkehr bis nach Stuttgart führte. Nun aber hat Esslingen im vergangenen Sommer den Abschnitt hinter dem Bahnhof gesperrt. Die Logik der Behörden: Ist der Radweg zu schmal, bitte absteigen. "Schiebestrecke" steht auf dem Schild, wo der Weg ans Neckarufer hinab führt, von erbosten Radfahrern inzwischen mit einem Sticker der Critical Mass überklebt.

 

Der Pressesprecher der Stadt, Roland Karpentier, kommentiert: "Nach unserer Prüfung ist eine Führung von Radverkehr auf dem bestehenden Wirtschaftsweg des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes direkt am Neckarufer entlang aufgrund der begrenzten Platzverhältnisse technisch und wirtschaftlich nicht möglich. Für das für den Radverkehr gesperrte Teilstück des Neckaruferwegs laufen Planungen für eine Wegeführung auf dem jetzigen Bahngelände, die Kaufverhandlungen mit der Bahn laufen erfolgreich, so dass mit einer erfolgreichen Weiterführung der Planungen im Neckaruferpark und einer Konkretisierung in diesem Jahr zu rechnen ist."

Während die Konkretisierung der Planungen noch auf sich warten lässt, müssen die Radler über den Bahnhofsplatz ausweichen. Der aber ist Fußgängerzone und der Weg von einer Seite zur anderen gleicht einem Hindernisparcours. "Die Stadt entwickelt eine alternative Altstadtquerung für den Radverkehr über die Fabrikstraße, Wehrneckarstraße, Rossmarkt und Schelztorstraße", so Karpentier weiter. "Parallel hierzu wurde die für den Motorisierten Individual-Verkehr teilweise nur in einer Richtung befahrbare Martinstraße bereits im Herbst 2017 auf einem Teilstück für den Radverkehr in Gegenrichtung geöffnet, ein weiterer Teilabschnitt soll in Kürze folgen."

Teilstücke sind für Radfahrer aber sinnlos. Ohne durchgehende Radwege wird der Radverkehr nicht zunehmen. Dabei hat sich Esslingen in seinem Klimaschutzkonzept 2010 das Ziel gesetzt, "durch Verkehrsvermeidung und Verlagerung auf klimafreundlichere Verkehrsmittel" die verkehrsbedingten CO2-Emissionen zu reduzieren.

Bleibt nur: zu hoffen. Diese Fußgängerbrücke aus Beton in Esslingen ist seit mehr als zehn Jahren gesperrt. Saniert wird sie nicht. Die Stadt hat kein Geld, ist die Begründung. Wenn aber Straßenbrücken saniert werden müssen – was gewiss sehr viel mehr kostet – ist das Geld plötzlich da.

Der Radverkehrsetat der Stadt Stuttgart beträgt 5,6 Millionen. Doch auch hier geht es nur schleppend voran: Zwischen Mettingen und Untertürkheim müssen Radfahrer derzeit statt des bequemen Wegs an der Bahnlinie entlang auf die Augsburger Straße ausweichen. Bis Ende 2019 soll die Hälfte der alten Strecke wieder befahrbar sein, kündigt der Radverkehrsbeauftragte Claus Köhnlein an. Von Untertürkheim an wechseln Radler derzeit lieber ans andere Neckarufer: auf die Hauptradroute 2 über Wangen und die Landhausstraße. Bürgermeister Pätzold hofft, sagt er, dass die Route noch in diesem Jahr fertig wird. Es sei ein zäher Kampf im Gemeinderat um 30 Stellplätze gewesen, berichtet er.

"Wenn wir heute Radschnellwege planen", so Verkehrsminister Minister Hermann in einer Rundfunksendung, "dann melden sich alle Bürgermeister: schwarze, rote, grüne, da findet man breite Unterstützung. Wenn in Stuttgart der Oberbürgermeister versucht, ein paar Radwege zu bauen, dann gibt es einen massiven Widerstand bei jedem Parkplatz, der wegfällt für eine Radspur."

Seit Ende Februar hat Berlin als erste Stadt Deutschlands ein Radgesetz. In kürzester Zeit sammelte die Initiative Volksentscheid Fahrrad vor zwei Jahren 100 000 Unterschriften. Ihr Ziel: sichere Radwege. Nun hat der Senat dem Vorstoß zugestimmt. Bis 2025 soll es unter anderem an jeder Hauptstraße zwei Meter breite Radwege geben. Radaktivist Thijs Lucas will in Stuttgart ähnliches erreichen. Er sammelt Unterschriften für einen Radentscheid Stuttgart.

Heinrich Strößenreuther, einer der Initiatoren des Berliner Fahrradvorstoßes, hat ausgerechnet, dass sich die Flächen für den Fahrradverkehr verdoppeln würde, wenn der Autoverkehr nur zwei bis drei Prozent abgeben würde.


Info:

Am Donnerstag, den 19. April ab 15 Uhr findet im Gemeinderat der Stadt Stuttgart in öffentlicher Sitzung eine Generaldebatte zur Mobilität statt.


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