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Alles so schön bunt hier

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Kinder stehen auf Smarties, weil Schokolade drin und viel Farbe drum herum ist. Früher, als alles noch besser war, haben die Bonbons, die so lustig in ihren Schächtelchen scheppern, sogar noch mehr geglänzt. Damals, bis 2007, war auch noch Aluminium drin. Ein Leichtmetall, das im Verdacht steht, Hyperaktivität, Lernstörungen und Gedächtnisverlust zu fördern. Das ging so lange, bis der Stuttgarter Nahrungsmittelkritiker Hans-Ulrich Grimm Alarm geschlagen hat. Darauf reagierte Hersteller Nestlé und setzte nur noch "natürliche" Farben ein. Kontext-Fotograf Joe Röttgers hat sie sich vor Ort angeschaut, im Hamburger Schokoladenwerk des Konzerns.

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Alles so sauber hier. Wie eine "gut geölte Maschine" hat Röttgers die Produktionsstätte empfunden, aus der die Glückspillen für die Kinder kommen. "0 Verluste, 1 Team, 100 Prozent Einsatz" verkündet ein Spruchband von der Decke. Wenn die Farbe nicht stimmt, rückt eben ein Lebensmitteltechniker an, wie beim Daimler. Dort ist dann nur der Lackspezialist gefragt. Für die Kinder ist die Marketingabteilung zuständig. Röttgers ist ohne Smarties wieder gegangen.

Alles so süß hier. Auch die "natürlichen" Farben beeindrucken Grimm nicht wirklich, weil nichts natürlich ist. "Klingt schön", sagt der Bestsellerautor ("Die Suppe lügt"), "aber da sind weder richtige Karotten noch Rotkohl drin." Die würden ja nässen und die Smarties nicht lange halten lassen. Was es mit den Färbemitteln auf sich hat, weiß außer dem Hersteller niemand. Sie werden industriell gefertigt, müssen nicht zugelassen und keiner Gesundheitsprüfung unterzogen werden, weil sie als "Lebensmittel" gelten. Ausgewiesen ist immerhin der Zuckergehalt, und der steht nach wie vor an erster Stelle. Schlecht für die Zähne.

Zum genauen Inhaltsverzeichnis der Smarties geht's hier. Gescheitert ist Grimm bis heute an der Frage, wie viele Smarties die Kinder essen. "Nestlé will es nicht sagen", bilanziert er, "und unsere Überwachungsbehörden wollen es nicht wissen." Das Alu ist ja Geschichte.

Alles klar? Natürlich, künstlich – wer will das entscheiden? In der Nahrungsmittelindustrie sind die Grenzen fließend. Der Gesetzgeber hat, unter tätiger Mithilfe der Aromalobby, den Begriff "natürlich" so weit gedehnt, dass "künstlich" inzwischen überflüssig ist. In der Aromaverordnung der EU kommt es praktischerweise gar nicht mehr vor. Alles Natur.

Exakt darum geht es auch im Streit zwischen Ritter Sport und der Stiftung Warentest. Wer es genauer haben will, dem sei Grimms "Dr. Watson der Food Detektiv" empfohlen.

Guten Appetit.


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