Trotzdem: Sie haben Merz aus der Patsche geholfen. Hat er schon Dankbarkeit gezeigt?
Wir haben der Merz-Regierung nicht aus der Patsche geholfen. Im Gegenteil, wir haben sie unter Druck gesetzt, wenigstens die 48 Prozent zu halten, um zu verhindern, dass die 21 Millionen Rentnerinnen und Rentner noch weniger kriegen. Hätten wir zugucken sollen, dass es noch schlimmer wird, sie im Stich lassen sollen, damit ich dann sagen kann: Haha, dem Merz habe ich es jetzt richtig gegeben? Ne, sorry, das ist nicht meine Vorstellung von linker Politik.
Also keine Dankbarkeit im Spiel?
Glauben Sie wirklich, Friedrich Merz hätte es gut gefunden, mit uns das Rentenpaket abzustimmen? Also jetzt ernsthaft: Das ist lächerlich. Aber vielleicht ist auch die Berichterstattung ein Grund für die Debatte. Wenn Springer, Grüne & Co. in die gleiche Kerbe hauen, dann ist das ja schon interessant.
Im September stehen Wahlen in Sachsen-Anhalt an, in Ihrem Herkunftsland. Gegenwärtig sieht es so aus, als ob sie der CDU wieder unter die Arme greifen müssten, um eine Mehrheit gegen die AfD bilden zu können.
Wir kämpfen für eine starke Linke und sagen klar: Wir sind die einzige Garantin gegen die AfD. Was wir nicht gebrauchen können, ist eine Union, die AfD-Politik macht. Auf uns ist Verlass, bei der Union bin ich mir, ganz ehrlich, nicht mehr sicher, auf welcher Seite der Geschichte sie am Ende stehen will. Ich kann hier nur für mich sprechen: Wenn es darum geht, zu verhindern, dass meine Heimat den Faschisten zum Fraß vorgeworfen wird, bin ich bereit, vieles dafür zu tun.
Sie trauen der Union offensichtlich alles zu.
Mittlerweile leider ja. Früher war das nicht so, da habe ich immer gesagt: Mit denen kann man reden. Trotz des Unvereinbarkeitsbeschlusses. Die Entwicklungen der letzten Zeit machen mir Sorgen. Sie muss sich die Gretchenfrage stellen: Liebe Union, wie hältst du's mit der Demokratie?
Sie sind für ein Verbot der AfD.
Ich will, dass ein Prüfverfahren eingeleitet wird. Der Bundestag kann keine Parteien verbieten. Das kann nur das Bundesverfassungsgericht. Klar ist aber auch, dass ein Verbotsverfahren allein nicht reichen wird. Davon geht das rechte Gedankengut auch nicht weg. Wir wissen alle, dass Rechtsextreme die AfD wählen, eben weil sie rechtsextrem sind. Es gibt aber auch unfassbar viele, die sie aus Wut, Frust und Verzweiflung wählen. Wenn es Menschen wirtschaftlich und sozial schlechter geht, wenn sie merken, sie sind auf dem absteigenden Ast, dann sind sie eher bereit, für Rechtsextreme zu stimmen.
Das ist keine Entschuldigung.
Stimmt. Es ist keine Entschuldigung dafür. Aber es ist eine Realität, mit der wir leben müssen. Und deshalb ist die beste antifaschistische Politik eine starke soziale Wirtschaftspolitik. Was passiert stattdessen? Die Regierung Merz greift den Sozialstaat an und steckt Milliarden in die Aufrüstung, schenkt Großkonzernen Milliarden an Steuern, pumpt Milliarden in klimaschädliche Politik. Das ist frustrierend, auch für uns, weil man das Gefühl hat, an allen Fronten kämpfen zu müssen. Einerseits muss man die Nazis weghalten, andererseits für soziale Politik kämpfen.
Die Gewerkschaften wären ein natürlicher Bündnispartner.
Das ist richtig. Ich bin ja auch Verdi-Mitglied. Aber was ich in Gesprächen mit ihnen höre, klingt wirklich besorgniserregend. Nicht nur wegen der AfD-eigenen Organisationen. Auf einem Streik bei VW in Hannover haben mir Gewerkschaftsmitglieder zum ersten Mal offen gesagt, sie würden die AfD wählen. Eigentlich müssten sie wissen, was passiert, wenn Faschisten an die Macht kommen.
Das wettzumachen, auch mental, stellen wir uns schwierig vor.
Aber es funktioniert. Mit Beispielen wie dem sozialistischen Bürgermeister Zoran Mamdani in New York. Aber auch in Berlin-Lichtenberg. Alle haben gesagt, Beatrix von Storch gewinnt diesen Wahlkreis. Und wer hat gewonnen? Ines Schwerdtner von der Linken, weil sie an die Haustüren geklopft hat, ihre Sozialberatung gemacht und das eben nicht dem West-Adel überlassen, sondern gesagt hat: Ich bin eine von euch und ich will für euch da sein. Das macht Hoffnung.
Ein Motto zum Überleben? Politisch wie persönlich?
Mit einem Motto kann ich nicht dienen. Ich bleibe nur dabei: Totgesagte leben länger. Für eine Partei, die vor einem Jahr komplett am Boden lag, ist das eine echte Erfolgsgeschichte. Persönlich gibt es ungeheuer Kraft, wenn Menschen Freude daran haben, mit mir auf die Barrikaden zu gehen.
Später im Stuttgarter DGB-Haus. Der große Saal ist überfüllt, es braucht einen weiteren Raum, 1.000 Leute seien da, heißt es. Heidi Reichinnek wird empfangen wie ein Popstar, sie erzählt aus dem Bundestag von den Schmähungen der "alten konservativen weißen Männern", von ihren Versuchen, sie einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen. Es sind viele junge Frauen da, denen sie zuruft: "Nehmt euch euren Raum. Er steht euch zu!" Am Ende stehen sie Schlange, um ein Selfie mit Heidi Reichinnek zu machen. Nur kurz zeigen dürfen sich die Stuttgarter Kandidat:innen Luna Monteiro Bailey, Utz Mörbe und Faisal Osman. Ein paar Worte sprechen darf Mersedeh Ghazaei.
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