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Sondersitzung im Landtag

Deutschlandkoalition light

Sondersitzung im Landtag: Deutschlandkoalition light
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Nach stark erhöhten Messwerten beim schädlichen Treibhausgas SF6 zitieren CDU, SPD und FDP Baden-Württembergs grüne Umweltministerin Thekla Walker in eine Sondersitzung. Dabei ging es nicht nur um Aufklärung, auch die Symbolik für künftige Bündnisse spielt eine Rolle.

Die Liste der Vorwürfe ist lang. Die Fakten sind bestätigt: Gegenüber Behörden gab der Fluorchemieproduzent Solvay in Bad Wimpfen an, jährlich 56 Kilogramm des extrem klimaschädlichen Gases Schwefelhexafluorid (SF6) zu emittieren. Schon seit 2020 bestand unter Fachleuten an der Uni in Bristol der Verdacht, dass der Ausstoß in Süddeutschland um ein Vielfaches höher sein muss. Der Frankfurter Atmosphärenchemiker Andreas Engel entwickelte eine völlig neue Methode, um der Sache auf den Grund zu gehen und ermittelte einen über 500 Mal höheren Wert.

Engel informierte 2023 das baden-württembergische Umweltministerium. Nach eigenen Angaben seit April 2024 ist auch Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) selber eingebunden. Andere Vorwürfe mochte der Forscher am Dienstagnachmittag im Stuttgarter Landtag, auf jener Sondersitzung des Umweltausschusses im Landtag, nicht wiederholen und nicht bestätigen. Er nannte den weiteren Verlauf dagegen ein “schönes Beispiel dafür, wie die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Politik und Verwaltung laufen kann". Oppositionsabgeordnete widersprachen vehement, fühlen sich selber und die Öffentlichkeit übergangen, weil Details und Zusammenhänge erst nach und nach und durch Medienberichterstattung ans Licht kamen. Auch durch Kontext.

In der Regel finden Ausschusssitzungen im Landesparlament hinter verschlossenen Türen statt. Diesmal haben CDU, SPD und FDP dafür gesorgt, dass öffentlich diskutiert wurde. Die Dreierkonstellation ist ungewöhnlich, dass die Grünen außen vor blieben, erst recht. "Die Koalitionspartner werden im Landtag und in seinen Ausschüssen nicht mit wechselnden Mehrheiten abstimmen", heißt es auf Seite 160 des Koalitionsvertrags von Grünen und CDU aus dem Jahr 2021. Dies gelte auch für Fragen, die nicht Gegenstand der vereinbarten Politik seien – also auch für die Einberufung von Sondersitzungen, die hier seitens der Konservativen durch Zusammenarbeit mit der Opposition ermöglicht wurde.

Allerdings: Wo kein Kläger, da kein Richter. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hielt an seiner Harmonielehre gegenüber dem Koalitionspartner fest und bewertete dessen Verhalten nicht als schwerwiegend. Und in der CDU gibt es vor allem Unverständnis darüber, dass das Zusammenspiel mit SPD und FDP überhaupt thematisiert wird. 

Hagel würde nur ungern mit den Grünen regieren

Dabei ist die Operation gut sechs Wochen vor der Landtagswahl durchaus ein Fingerzeig auf die heikle Stimmung und zukünftige Pläne. Projekte, die den Grünen wichtig waren und die ausdrücklich im Koalitionsvertrag verankert sind, kommen nicht mehr zustande, darunter das Gleichbehandlungs- oder das Transparenzgesetz. Schwerwiegender noch: CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel macht landauf, landab deutlich, dass seine Präferenz einer Deutschlandkoalition mit Sozialdemokrat:innen und Liberalen gilt, wenn – wovon derzeit auszugehen ist – es mit der FDP allein nicht reicht.

Unumstritten in der Südwest-CDU ist diese Haltung nicht, auch wegen möglicherweise sehr knappen Mehrheitsverhältnissen im nächsten Landtag. Zitiert wird unter den Befürworter:innen einer schwarz-grünen Zweierkoalition sogar Kretschmann persönlich. Der hat in der vergangenen Woche im Stuttgarter Theaterhaus vor immerhin tausend Zuhörer:innen erstmals öffentlich gemacht, woran eine grüngeführte Ampelregierung mit SPD und FDP vor fünf Jahren gescheitert sei: an der Bildungspolitik und daran, dass die Verhandlungsteams der beiden Oppositionsfraktionen ohne jeden Plan aufgetreten wären, wie ihre diametral gegensätzlichen Vorstellungen zu Schulstruktur und längerem gemeinsamen Lernen und Lehren unter einen Hut zu bringen seien.

"Und da habe ich gedacht: Nein", plauderte Kretschmann aus dem Nähkästchen. Zudem sei schon das Regieren in einem Zweierbündnis mit unterschiedlichen Vorstellungen von dieser Kernaufgabe der Landespolitik "ziemlich stressig". Dann folgte ein Wink mit dem Zaunpfahl: Trotzdem sei ein solches, falls möglich, grundsätzlich vorzuziehen. An den weit auseinander liegenden Ideen der beiden möglichen Hagel-Partner:innen in der Bildungspolitik hat sich ausweislich der Wahlprogramme übrigens nichts geändert. 

Erinnerungen an den Nudel-Skandal

Am Dienstagnachmittag im Umweltausschuss war gerade der Vorsitzende Daniel Karrais (FDP) bemüht um einen fairen Umgang mit Walker. Überzeugen lassen wollten sich die Abgeordneten der beiden Oppositionsparteien und der CDU von den Darstellungen der Ministerin aber nicht, ebenfalls nicht vom Verweis auf die unsichere Rechtslage. Und sie anerkannten auch nicht Walkers Hinweis auf ein rechtliches Dilemma zwischen dem Informationsbedürfnis von Abgeordneten und Öffentlichkeit sowie den Unternehmensinteressen, im konkreten Fall von Solvay und möglichen Schadenersatzforderungen.

Walker stieg, ohne Ross und Reiter zu benennen, aber um die Haltung ihres Hauses zu unterstreichen tief in die Landesgeschichte ein. Zu Recht, wie sich später herausstellte, aber eben nicht auf Basis tragfähiger Beweise hatte die Regierung in den Achtzigerjahren im bundesweit für Aufregung sorgenden Nudel-Skandal vor mikrobiell belasteten Teigwaren gewarnt und war dafür zur Zahlung von rund 13 Millionen Euro Schadensersatz an die Firma Birkel verdonnert worden. Heute gehe es wieder um eine fachlich komplizierte Materie bei einer schwierigen Rechtslage, verteidigte sich die Ministerin und räumte ex post Versäumnisse ein: "Wir hätten schneller sein können.” Ohne gerichtsfeste Beweise seien öffentliche Warnungen aber eben nur möglich "sofern eine konkrete und unmittelbare Gefahr besteht".

Erfolgreich war das Werben um Verständnis nicht. Zumal mittlerweile auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen Unbekannt ermittelt. Gabi Rolland (SPD) sprach von einem schweren politischen Versäumnis. Das Vorgehen Walkers sei alles andere als ein harmloser Lapsus. "Wie es sein kann, dass ein Unternehmen trotz behördlicher Kenntnis von Produktionsproblemen seit mindestens 2023 Jahr für Jahr so viele CO₂-Äquivalente ausstößt wie der gesamte Flugverkehr in Baden-Württemberg, und das offenbar ohne wirksame Konsequenzen", fragte Raimund Haser (CDU) rhetorisch. Er habe sich "eine lückenlose Aufklärung" erhofft. Außerdem sei "völlig schleierhaft geblieben, warum das Umweltministerium das Parlament bisher nicht informiert hat". 

Der Wangener Abgeordnete hatte vor der Sitzung öffentlich geäußert, dass es ihm nicht um Wahlkampf gehe, sondern er einfach sauer sei. Von Haser, früher Redakteur der "Schwäbischen Zeitung", ist allerdings auch bekannt, dass er Ambitionen hat, das Umweltministerium selber zu führen. In einer Deutschland-Koalition nach dem 8. März wären seine Chancen erheblich größer als bei Schwarz-Grün oder gar bei einer Fortsetzung von Grün-Schwarz.

Stand der Dinge

Noch im Dezember haben Solvay und das Land einen Testbetrieb für fünf Monate im Werk in Bad Wimpfen vereinbart und Vorgaben dafür, wie oft die Anlage an- und wieder heruntergefahren werden darf. Außerdem muss wöchentlich gemessen werden, unter Einschaltung eines externen Instituts einmal pro Monat. 

Umweltministerin Walker erklärte wiederum, dass eine erhebliche Ausstoßminderung bereits erreicht sei. Und der Frankfurter Professor Andras Engel machte noch einmal deutlich, Schwefelhexafluorid (SF6) zähle zu den schädlichsten Treibhausgasen überhaupt. Ein Kilogramm trage genauso stark zur Erderwärmung bei wie etwa 24 Tonnen CO2. Weltweit werden jährlich rund 8.000 Tonnen von SF6 freigesetzt, 5.000 davon in China. Es ist ungiftig, farb- und geruchslos und massenhaft bei Schallschutzfenstern im Einsatz, wird jedoch bereits nach und nach durch andere, weniger bedenkliche Stoffe ersetzt. Das Land will sich im Bundesrat jetzt für eine Neubewertung einsetzen und für Grenzwerte – auch, so Walker, damit die Öffentlichkeit früher rechtssicher informiert werden kann. 

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1 Kommentar verfügbar

  • Gerald Wissler
    8 hours ago
    Reply
    Ich versuche gerade mir vorzustellen, wie die Berichterstattung hier aussehen würde, wenn ein CSU- oder FWG-Umweltminister in Bayern sich so verhalten hätte wie in diesem Fall die grüne Ministerin.
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