In die inzwischen verblasste Geschichte großer Skandale der alten Bonner Bundesrepublik ging aber sein erst recht nicht zur Nachahmung geeignetes Verständnis von Wirtschaftsnähe ein: Fast 600 Dienstreisen und Edelurlaube – in die Karibik per Concorde, im Luxushotel "Negresco" in Nizza oder in einem Schloss in der Toskana - ließ sich der rastlose frühere Manager des Wohnungsbaukonzerns "Neue Heimat" von vermögenden Dritten bezahlen. Als Späth 2016 starb, fasste sein ehemaliger Regierungssprecher Manfred Zach in einem Nachruf die unerlaubten Verstrickungen schönfärbend zusammen: "Die Einladung zum Mittelmeertörn auf der Luxusyacht eines internationalen TV-Geräteherstellers abzulehnen hätte zum Beispiel im Schwarzwald eine dringend benötigte Investition in dreistelliger Millionenhöhe gefährdet."
Selbstkritik war Späths Tugend nicht
Die Liste der jahrelang so edlen Spender liest sich wie ein Auszug aus dem Who-is-Who der heimischen Unternehmenswelt: Darunter waren Daimler und SEL, spendable Freunde bei Blendax und einem guten Dutzend weiterer Firmen, wie sich bei dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss herausstellte, der im Spätwinter und Frühjahr 1991 nach Späths Sturz als Ministerpräsident eingesetzt worden war. Dass der mit vielen Wassern Gewaschene Selbstkritik nicht zu seinen Tugenden zählen durfte, erwies sich hier erst recht. Ein Beispiel von Dutzenden aus seiner Vernehmung durch die Abgeordneten im Untersuchungsausschuss: "Wenn der Herr Grundig mich einlädt, soll ich den fragen, ob ich mich am Dieselkraftstoff beteiligen soll von seiner Yacht?" Er sei, wollte der Zeuge mit den in solchen Gremien üblichen Erinnerungslücken glauben machen, "wirklich ohne Arg" gewesen. Dabei hätte er den Vorwurf der Naivität gewiss mit Empörung zurückgewiesen.
Da war bereits bekannt, dass des Ministerpräsidenten Chefsekretärin – selten genug – erst dann auf die Idee kam, eine der bekannten Fluglinien zu kontaktieren, wenn für den passionierten Vielflieger keine der üblichen und von ihr abgefragten Firmenmaschinen bereitstand. Nur zur Erinnerung: Bundespräsident Christian Wulff (CDU) trat 2012 zurück, nachdem die Staatsanwaltschaft Hannover mitgeteilt hatte, sie ermittle gegen ihn wegen möglicher Vorteilsannahme. Der Strafprozess endete mit Freispruch.
Inkognito als "Schwab" in der Luxussuite
Am 13. Januar 1991 kapitulierte auch Späth, nachdem er wochenlang versucht hatte, die nach einem von der Firma SEL gezahlten Ägäis-Tripp benannte "Traumschiff-Affäre" auszusitzen. Das misslang gründlich. Im tiefverschneiten Allgäuer Hotel Jägerhof – der Besitzer war ebenfalls einer seiner Kumpel – kamen maßgebliche Christdemokraten am zweiten Sonntag des Jahres zusammen, um das weitere Vorgehen in der heiklen Causa zu beraten. Dann wurde bekannt, womit der "Spiegel" anderntags seine einschlägige Story würzen würde. Die Drähte liefen heiß.
Ein Schweizer Hotelmanager plauderte in dem Magazinartikel nicht nur über Anweisungen, dem wieder einmal inkognito unter dem Namen "Schwab" angereisten Gast "jeden Wunsch" in der Suite für 2.000 Mark die Nacht zu erfüllen, sondern sogar darüber, wie der "sich die meiste Zeit in seinen Räumlichkeiten aufhielt und sich verwöhnen ließ". Späth wusste, was die Stunde geschlagen hatte: Er nahm einen Hubschrauberflug in die Villa Reitzenstein und seinen Hut – mit der Begründung, dass ein faires Verfahren nicht mehr möglich sei. Dabei hatte sein guter Ruf ohnehin schon durch ihn selbst verschuldet hässliche Kratzer abbekommen. Unter anderem mit dem Versuch, eine sterbenskranke Mitarbeiterin der Landesgeschäftsstelle der CDU mitverantwortlich zu machen für Unregelmäßigkeiten rund um die Finanzierung eines Reiturlaubs seiner Tochter durch den mit ihm befreundeten SEL-Manager Helmut Lohr.
Aber nicht nur das Ende wog schwer. Gar nicht zur Ehre gereichen würde CDU-Nachahmer:innen der Jahre 2026 ff. diese alles andere als enkelgerechte Herangehensweise. Späth packte viele große Themen an, wollte mit der Nachkriegsstruktur des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aufräumen, aus SDR und SWF einen einzigen Sender machen und privates Fernsehen zulassen. Als es Widerstand gab, verlor er die Lust. Er wollte vier regionale Institute zu einer Landesbank vereinen, um endlich ein Gestaltungsinstrument in die Hand zu bekommen, das die Kollegen in Düsseldorf oder München längst hatten. Auch dabei verhob er sich.
Sein geplanter Putsch gegen Kohl misslang
Aus seiner Sicht elegant funktioniert hat dagegen die Idee, Beteiligungen des Landes, von den Anteilen am Energieversorger EnBW bis zur berühmten Porzellanmanufaktur Majolika, an eine neu geschaffene Holding abzudrücken. Damit eröffnete er seiner Regierung jene Möglichkeiten, die seinen Ruf als im Reigen der Ministerpräsidenten besonders umtriebiger Gestalter mehrten.
Selbst in Späths eigener Lebensplanung hatten die Konsequenzen andere tragen müssen. Denn er wollte nach Bonn und ganz hoch hinaus: Helmut Kohl stürzen, Bundeskanzler werden. CDU-Schwergewichte wie Heiner Geißler, Norbert Blüm oder Rita Süßmuth hatten ihm ihre Unterstützung zugesagt, beim Bremer Parteitag 1989 kam es dennoch nicht zum Aufstand, weil der Pfälzer die Truppen beieinander hatte. Späth trat als Herausforderer gar nicht mehr an, sondern flog hochkant aus dem Bundesvorstand der CDU. Wäre der Putsch gelungen, hätte sein Nachfolger im Ministerpräsidentenamt Erwin Teufel schon zwei Jahre früher die Konfusion um die Fusionen und alle anderen Hinterlassenschaften sortieren müssen.
"Er ist wie eine Forelle", urteilte Erhard Eppler (SPD) einmal über den – landespolitisch – deutlich erfolgreichen Widersacher, "er ist mir immer entglitten." Er sei nicht festzunageln gewesen, "selbst bei erkennbaren Fehlern". Dafür stehen auch die, vorsichtig ausgedrückt, unkonventionelle Konzepte der Kulturförderung. Allen voran das Festspielhaus in Baden-Baden, mit dem der Beweis gelingen sollte, dass nicht subventionierte Hochkultur sich dank finanzkräftiger Spender:innen und Gäste selber trägt– tatsächlich mussten spätere Landesregierungen über 25 Jahre Mittel in Millionenhöhe aufbringen, um betuchten Investoren ihre Fix-Rendite zu sichern. Für so oft gerühmte Weitsicht steht dagegen – Ehre, wem Ehre gebührt – die Finanzierung der ersten Stradivari einer jungen, sehr begabten Geigerin namens Anne-Sophie Mutter.
Späths Aufstieg und Fall hält einige Exempel bereit
Zur Ironie der Zeitgeschichte gehört, dass ein Team mit großen Ambitionen, würde es sich ernsthaft befassen mit Späths Aufstieg und Fall, sich tatsächlich so manches abschauen könnte. Der Schulabbrecher ohne Abi, 1937 geboren, der fortwährend Akademikern beweisen wollte, dass er das "Käpsele" im Raum ist (für Nichtschwaben: der Pfiffigste, Cleverste), war schon mit nur 34 Jahren CDU-Fraktionschef im Landtag. Er entschied sich auf den Weg nach oben, Innenminister zu werden, um Führungserfahrung zu sammeln. Weil Ministerpräsident Hans Filbinger (CDU), eingeholt von seiner Vergangenheit als Richter und Anklagevertreter unter den Nazis, zurücktreten musste, kam der Sprung ins höchste Amt früher als geplant. Als Späth am 30.August 1978 im Landtag zum Regierungschef gewählt wurde, war er noch keine 41.
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MONREPOS oder die Kälte der Macht von Manfred Zach lesen (Verlag Klöpfer&Meyder), denn der Roman ist nicht nur für Leser des SPIEGEL ein Aufreger gewesen, Vom Klappentext übernehme ich die Zeilen der ZEIT: "Monrepos ist ein Roman, der selbst denjenigen Freude beim Lesen bereiten müßte, die Politik…
Kommentare anzeigenFrieder Kohler
6 hours ago