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"Entschuldigung, wer sind Sie?"

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"Lass uns ausprobieren, ob wir zueinander passen!", ermuntert die FDP und lädt Experimentierfreudige zum liberalen Speed-Dating. Ein Selbstversuch.

Eine Enttäuschung gleich zum Auftakt: Der Daimler-Raum der Fellbacher Schwabenlandhalle fungiert in diesen gut zwei Stunden gar nicht als Partnerbörse für offene Geister, und alle Hoffnungen, vielleicht jemanden kennenzulernen, sind schnell wieder vom Tisch. Stattdessen geht es an diesem Sonntag, dem 5. Januar, darum, "die große Bandbreite der liberalen Familie vorzustellen", wie FDP-Politikerin Birgit Homburger einleitend erläutert. 

Das "liberale Speed-Dating" ist dabei Begleitprogramm zum traditionellen Dreikönigstreffen in Stuttgart und soll laut Ankündigung ein "Einführungsseminar für politische Einsteiger und politisch Interessierte" sein. Zumindest das Prozedere erinnert an das namensgebende Beziehungsanbahnungs-Konzept: Es gibt neun Tische, alle 15 Minuten dreht sich das Schwungrad im Uhrzeigersinn, die Gäste rotieren von Tisch zu Tisch, und an den Stationen warten neben parlamentarischen Abgeordneten VertreterInnen der parteinahen Stiftungen und der liberalen Vorfeldorganisationen, darunter die Jungen Liberalen, die Liberalen Schwulen und Lesben, die Liberalen Juristen, die Liberalen Frauen und die Vereinigung Liberaler Kommunalpolitiker.

Viele neue FDP-Mitglieder haben sich in der Halle in Stuttgarts Nachbarstadt eingefunden: Vom selbstständigen Unternehmer, den der staatliche Regulierungswahn nervt, über den Angestellten, der gerne mehr von seinem Lohn behalten würde, bis zur Widerstandskämpferin gegen Fahrverbote in einer ihr zu grünen Landeshauptstadt. Letztere hat es zunächst mit außerparlamentarischer Opposition probiert, musste dann aber feststellen, dass "in Deutschland leider nicht so viele Leute wie in Frankreich auf die Straße gehen". Nun ist sie seit etwa einem Jahr in der FDP, um "gegen diesen Irrsinn vorzugehen", mit dem Personal ihrer neuen Partei aber noch nicht ganz vertraut. Am Tisch Nummer 9, auf dem ein Namensschild die beiden liberalen Landtagsabgeordneten Jochen Haußmann und Timm Kern ausweist, aber nur eine Person sitzt, erkundigt sie sich: "Entschuldigung, und wer sind Sie?"

Jochen Haußmann, in der FDP-Fraktion zuständig für die Themen Verkehr und Gesundheit, nimmt's gelassen und professionell, stellt sich freundlich vor, und erläutert anschaulich, warum es in der Tätigkeit als Abgeordneter nur selten mit 40 Stunden Arbeit in der Woche getan ist – was nicht zuletzt "auch an der enormen Komplexität mancher Streitfragen" liege. Er verrät sogar, dass man auch mit anderen Parteien "manchmal ganz gut zusammenarbeiten kann, wenn es dann nicht politisch aufgeplustert werden muss".

Vom Liberalismusbegriff und coolen Netzwerkern

Und weiter: An Tisch Nummer 8 skizziert André Schneider, Journalist und Mitglied des FDP-Kreisverbands Rems-Murr, den individualistischen Freiheitsbegriff nach Dahrendorf, Popper und Hayek, und betont, dass "Freiheit kein Privileg" sein darf, sondern "zur Grundausstattung an sozialen Rechten" gehöre. Ob das zu einer im Namen des Wirtschaftsliberalismus vorangetriebenen, globalisierten Freihandelspolitik passt, für die Menschen- und Arbeitnehmerrechte nicht viel mehr als einen lästigen Kostenfaktor darstellen? "Nein, das geht gar nicht, da wird der Liberalismusbegriff völlig falsch verstanden, meine Meinung", sagt Schneider auf Rückfrage.

Noch eine Rotation weiter präsentiert Franziska Aichele (mit lackierten Fingernägeln in FDP-Magenta) die Vereinigung Liberaler Mittelstand – und verteilt, durch und durch Geschäftsfrau, gleich ein paar Mitgliedsanträge an ihre Tischgäste. "Wer gerne netzwerkt, ist bei uns bestens aufgestellt", teilt sie mit, und die Vereinigung begreife sie vor allem als eine "coole Truppe, die sich gegenseitig hilft", denn: "Damit machen wir uns alle das Leben ein Stück einfacher."

Ansonsten geht es um innerparteiliche Strukturen, um Fachausschüsse und Arbeitsgruppen, inhaltliche Kleinstarbeit, Aufbau und Organisation oder den Werdegang eines Antrages – was, trotz themenimmanenter Trockenheit, durchaus auf Interesse bei den circa drei Dutzend Besucherinnen und Besuchern trifft.

Eine, die noch ziemlich frisch dabei ist, will – mit sichtlicher Skepsis – von den Liberalen Schwulen und Lesben wissen, ob die sich etwa auch für "trans und sonstwas im Bildungsplan" einsetzen, was am Ende noch die Kinder verwirre und sie in den Suizid treibe. Klare Antwort: Ja. Denn, so erläutert der Kommunalpolitiker René Oehler bemerkenswert sachlich und dennoch entschieden, vielmehr führe die Unterdrückung, sich in seiner Persönlichkeit nicht frei entfalten zu können, zu psychischen Problemen.

Ein erfülltes Versprechen zum Schluss: Die Akteure der liberalen Familie erscheinen, wie in der Ankündigung zum Speed-Dating herausgehoben, tatsächlich ziemlich divers.


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3 Kommentare verfügbar

  • Nico
    am 12.01.2020
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    "Liberal" ist scheints für die #FDP auch, Rechnungen nicht bezahlen.

    Das ist, finde ich, gesellschaftlich gesehen sehr schad'.

    Wahr?
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