KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Scharf beobachtet

Scharf beobachtet
|

Datum:

Ein Heer von Polizisten, angeblich 900 gewaltbereite Demonstranten – der AfD-Parteitag hat Stuttgart ein heißes Wochenende beschert. Und mittendrin die "Beobachter News", die fotografieren, was die Polizei nicht dokumentiert sehen will.

Sie bleiben, wenn andere gehen. Und sie tun es mit Absicht, die Fotografen der Rudersberger "Beobachter News". Sie haben es sich seit 2010 zur Aufgabe gemacht, überall dort zu sein, wo die Polizei auf Demonstranten trifft. Linke, Rechte, Pegidisten, Antifaschisten, und deshalb war auch der Bundesparteitag der AfD am vergangenen Wochenende in Stuttgart ein Pflichttermin. Mit sieben Fotografen ist Alfred Denzinger, der Chef des Online-Magazins, ausgerückt, um bildlich einzufangen, was schon im Vorfeld als Krawall angekündigt war. Auch von der Polizei.

Selbige ist nicht erfreut, wenn die Jungs aus Rudersberg (Rems-Murr-Kreis) auftauchen. "Wir sind denen seit Jahren ein Dorn im Auge", sagt Denzinger, "weil wir ihnen sehr genau auf die Finger gucken." Auf die Finger, die gern einen Schlagstock, Pfefferspray oder einen Hund an der Leine halten. Auch diesmal. Da kommt dann einiges zusammen, was der Staatsgewalt nicht gefällt. Im Fall der Proteste rund um den AfD-Parteitag sind es mehr als 4000 Fotos, die Denzinger mit seinem Sohn Nico noch in der Nacht sichtet, auf 267 reduziert und flugs in sein Internet-Portal stellt.

Alfred ("Fredy") Denzinger ist inzwischen polizeibekannt, woraus ein gewisser Schutz erwächst, der auch darauf gründet, dass bekanntermaßen mit ihm nicht zu spaßen ist. Er lasse sich nicht einschüchtern, sagt der 59-Jährige, der mit seinem sauber gestutzten Bart und der ordentlichen Frisur aussieht wie früher, als er noch Versicherungsmakler und Porsche-Fahrer war. Seine jungen Kollegen haben's da schwerer. Sie sind nicht "Fredy". Sie werden von der Polizei als "Propaganda-Abteilung der Antifa" eingestuft, so Denzingers Einschätzung, und leben deshalb gefährlich.

Valentin Amadeus zum Beispiel. Der 21-jährige Fotojournalist fand sich, zusammen mit drei anderen Kollegen, in der Gefangenensammelstelle in der Messehalle 9 wieder, nachdem sie die Sitzblockaden und die brennenden Reifen auf der Autobahn dokumentiert hatten. Vorgeworfen wird ihnen ein schwerer Eingriff in den Straßenverkehr, Nötigung und Landfriedensbruch – weil sie auf der A 8 gestanden sind.

Amadeus erlitt einen Kreislaufzusammenbruch und wurde ins Krankenhaus gebracht, zwei seiner Kollegen sahen sich mit Kabelbindern gefesselt in dem mobilen Knast wieder, einer musste in der Unterhose ausharren, alles über Stunden. Laut ihren Aussagen erklärte die Haftrichterin, es werde schon seinen Grund haben, warum sie von der Polizei in Gewahrsam genommen worden seien, und wünschte noch einen "schönen ersten Mai bei uns". Denzinger erwartet jetzt entsprechende Anzeigen der Polizei.

Formal argumentiert die Ordnungsmacht immer mit derselben Behauptung: Die Fotografen der "Beobachter News" seien keine Journalisten, sondern im Grunde Mitdemonstranten. Dass sie allesamt Presseausweise bei sich tragen, spielt dabei offenbar keine Rolle. Für Denzinger ist das wirkliche Motiv für die Repression ein politisches: "Die wollen, dass wir aufhören." Das wird er nicht tun, moralisch-praktisch jetzt auch unterstützt von der Gewerkschaft Verdi, die das Vorgehen der Einsatzkräfte als "skandalös" kritisiert und schon mal Rechtsschutz in Aussicht gestellt hat. Außerdem werde geprüft, ob gegen die Polizei juristisch vorgegangen werde.

Nein, aufhören ist keine Option. Denzinger hat auf dem Messegelände auch noch eine Kleindemo gefilmt, die sich ihrer Transparente von der Polizei beraubt und eingekesselt sah. Den Platzverweis, ausgesprochen vom Unterstützungskommando (USK) Bayern – "ein Grund dafür wird uns schon einfallen" –, hat er einfach ignoriert und die Videokamera draufgehalten. Für das kleine Stück interessiert sich auch das ARD-Medienmagazin "Zapp", das Pressefreiheit für ein hohes Gut hält.

Die Polizei weist die Vorwürfe zurück, sie sei unangemessen gegen die Demonstranten vorgegangen. Erhoben wurden sie vom Bündnis "Gemeinsam widersetzen", dem etwa 50 Organisationen angehören. Am Samstag, 30. April, wurden etwa 600 von 1500 Teilnehmern am Protest gegen den AfD-Partei festgenommen. Während das Bündnis von einer "katastrophalen Versorgungslage" ohne Trinken und Essen spricht, verweist die Polizei auf Lunchpakete und Getränke, die in der Gefangenensammelstelle ausgegeben worden seien – "praktisch die gleiche Verpflegung wie für die Einsatzkräfte". Ihre Zahl lag bei 1700.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


10 Kommentare verfügbar

  • Günter Sare
    am 06.05.2016
    Antworten
    Was der staatliche Repressionsapparat im Rahmen der AFD-Veranstaltung durchexerziert hat, ist entsetzlich, schockierend und brutal - aber überhaupt nicht überraschend: Denn das alles passt hervorragend in die gelebte (Bundes)Deutsche Tradition.
    Ist von einem Sicherheitsapparat
    -der jahrelang…
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!