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Fellbacher Lichtgestalt

Fellbacher Lichtgestalt
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Fellbach grenzt an die Landeshauptstadt. Und doch ist in der "Stadt der Weine und Kongresse" einiges anders als in Stuttgart. Etwa die stromfressende Uralt-Straßenbeleuchtung, die sich abends eine halbe Stunde früher als im Umland einschaltet. Für sie war lange Baubürgermeisterin Beatrice Soltys zuständig. Und die bewirbt sich am kommenden Sonntag in Tübingen um den OB-Sessel – gegen den grünen Amtsinhaber Boris Palmer, der die Universitätsstadt auf "öko" getrimmt hat.

Wer am frühen Abend durch Fellbach wandelt, braucht keine Angst vor schwarzen Löchern zu haben. Den Bewohnern der CDU-dominierten Stadt – die Christdemokraten stellen mit Christoph Palm den Oberbürgermeister und mit zehn von 32 Sitzen die stärkste Gemeinderatsfraktion – gehen die 6000 Straßenlichter ungewöhnlich früh auf. Die Lampen flammen fast im gleichen Moment auf, wie die Sonne im Westen versinkt. Also bereits dann, wenn es in mittelschwäbischen Breitengraden eigentlich noch taghell ist. Damit erstrahlt Fellbach eine halbe Stunde früher als alle anderen Nachbarstädte in künstlichem Licht, wie sich von exponierten Orten wie dem Kappelberg aus beobachten lässt. Vom 469 Meter hohen Bergausläufer des Schurwalds, an dessen Hängen fleißige Wengerter derzeit die Weinlese betreiben, können Wanderer auch sehen, dass Fellbach eine weiße Insel im abendlichen Lichtermeer ist. Während das Straßengewirr im Neckar- und im Remstal mit der hereinbrechenden Dunkelheit ins orange-gelbe Licht energieeffizienter Natriumdampflampen getaucht sind, weisen die milchigweißen Fellbacher Straßenzüge auf den Einsatz alter, stromfressender Quecksilberdampfleuchten hin.

Warum die "Stadt der Weine und Kongresse", so die Eigenwerbung Fellbachs, den Nachbarkommunen trotz ähnlicher geografischer Lage täglich vorauseilt, führt Thomas Mahlbacher auf unterschiedliche Steuerungstechniken bei der Straßenbeleuchtung zurück. "Wir verwenden keine Zeitsteuerung, sondern eine Helligkeitssteuerung. Ab einer bestimmten Schaltschwelle schaltet sie die Beleuchtung ein und aus", erklärt der Vorsitzende der Geschäftsführung der Stadtwerke Fellbach (SWF). Er bestätigt auf Kontext-Anfrage, dass noch relativ viele alte, ineffiziente Metalldampflampen in der mit 44 000 Einwohnern zweitgrößten Stadt im Rems-Murr-Kreis im Einsatz sind.

Jede dritte Straßenlaterne ist älter als 25 Jahre

Laut Deutscher Energieangentur (dena) ist in mehr als der Hälfte der Städte und Gemeinden in Deutschland die Straßenbeleuchtung in die Jahre gekommen, technisch veraltet oder hat eine unbefriedigende Lichtqualität. Nach Branchenangaben ist jede dritte deutsche Straßenleuchte älter als 25 Jahre. Fachleute weisen schon seit Jahren darauf hin, dass die Umrüstung auf moderne, energieeffiziente Beleuchtungssysteme ein enormes Einsparpotenzial an Energie, klimaschädlichem CO2 und Stromkosten eröffnet.

Derzeit fließen durchschnittlich 30 bis 50 Prozent der kommunalen Energiekosten in die Straßenbeleuchtung. Mit Investitionen in moderne Beleuchtung würden die kommunalen Stromrechnungen in Deutschland um rund 350 Millionen Euro jährlich sinken. So konzipierte die Stadt Stuttgart kurz nach der Jahrtausendwende einen Lichtmasterplan, um das Sparpotenzial energieeffizienter Straßenbeleuchtung zu erschließen. Wie lohnend die Modernisierung ist, zeigt der der Austausch von 250 Kugellampen in den innerstädtischen Fußgängerzonen mit Design und Technik aus den Siebzigerjahren gegen moderne, effiziente Leuchtenköpfe: Sie sparen 92 400 Kilowattstunden Strom und über 55 Tonnen CO2-Emmission pro Jahr und knapp 14 000 Euro Stromkosten.

Im benachbarten Fellbach wurden die ökonomischen wie ökologischen Sparpotenziale, die in der eigenen Straßenbeleuchtung schlummern, dagegen ignoriert. Die parteilose Beatrice Soltys, die seit 2008 an der Spitze des zuständigen Baudezernats steht, verschlief den Trend zum zeitgemäßen kommunalen Lichtmanagement. Aufgerüttelt wurden sie und ihr Dienstherr OB Palm offenbar erst durch ein Gesetz, das die öffentlichen Stromfresser Quecksilberdampf-Hochdrucklampen ab 2015 verbietet. Selbst Ersatzteile sind dann für die Licht-Dinos nicht mehr erhältlich. Die Verwaltung handelte, aber auf unerwartete Art: Mitte 2012 veräußerte die Stadt ihr Straßenbeleuchtungsnetz für rund 1,7 Millionen Euro an das städtische Tochterunternehmen Stadtwerke Fellbach (SWF) und überweist diesem seither einen jährlichen Nutzungsbetrag. Die Transaktion versprach nicht nur (teils steuerlich bedingte) Vorteile bei den Betriebskosten, vom Hals hatte die Verwaltung damit auch die anstehenden Modernisierungsaufgaben.

Erst Stadtwerke beginnen mit Modernisierung

Anders als die Vorbesitzerin machten sich die Stadtwerke sofort an die Arbeit. In einem Pilotprojekt wurde zunächst das vorhandene Beleuchtungsnetz vermessen und in eine digitale Netzkarte übertragen. Diese bildete die Basis für einen Masterplan für die zukünftige Beleuchtung der Stadt. Das Ergebnis: Die Umrüstung der rund 6000 Leuchten von Quecksilberhochdruck auf moderne LED-Technik bringt der Stadt am Ende eine Energieersparnis zwischen 60 und 80 Prozent, und dies bei doppelter Beleuchtungsstärke. Zudem halten die LEDs (Licht emittierende Dioden) mit über 50 000 Betriebsstunden mehr als doppelt so lange wie die bisherigen Leuchten, was Wartungs- und Ersatzteilkosten dementsprechend reduziert.

"Wir sind bereits dabei, in großem Stil auf LED umzustellen", betont SWF-Geschäftsführer Thomas Mahlbacher. In diesem Jahr investieren die Stadtwerke rund 540 000 Euro in LED-Leuchten. "Für 2015 werden wir dem Aufsichtsrat circa 800 000 Euro Investitionssumme vorschlagen", so Mahlbacher.

Während die Stadtwerke fleißig umrüsten, würde Fellbachs Baubürgermeisterin Soltys am liebsten umziehen. Nach Tübingen, wo die parteilose 48-Jährige mit Unterstützung der örtlichen CDU am kommenden Sonntag bei der OB-Wahl antritt. Ausgerechnet gegen den Amtsinhaber Boris Palmer von den Grünen, zu dessen Markenzeichen kommunale Umweltschutz- und Nachhaltigkeitsstrategien geworden sind. So hat Palmer während seiner achtjährigen Amtszeit unter anderem das preisgekrönte Energiespar- und Klimaschutzprogramm "Tübingen macht blau" auf den Weg gebracht. "Die CO²-Emissionen pro Kopf sind in Tübingen seit 2007 um 18 Prozent gesunken, ein Spitzenwert in Deutschland", erwähnt Palmer nicht ohne Stolz an erster Stelle auf seinem Wahlkampfportal im Internet. Nachhaltige Mobilität, energetische Sanierungen würden auch in einer zweiten Amtszeit als Stadtoberhaupt ganz vorne auf der Agenda stehen, verspricht er. "Klimaschutz in der Stadt ist eine Zukunftsversicherung und zugleich eine Verpflichtung gegenüber ärmeren Regionen der Welt", so der bisherige Tübinger OB.

Kein Wort zu kommunalem Klimaschutz

Wer in Soltys' Wahlprogramm, das unter der Überschrift "100 % für Tübingen" steht, nach ökologischen Kernthemen wie Klimaschutz, Nachhaltigkeit oder Energieeinsparung sucht, wird dagegen kaum fündig. Zwar erkennt auch die studierte Architektin und Stadtplanerin an, dass sich Tübingen seit Jahren für kommunale Energieeinsparungen eingesetzt hat. Dies wolle sie "gerade auch wegen der sozialen Verantwortung gegenüber allen TübingerInnen weiter nachhaltig verfolgen", verspricht sie. Allerdings werde sie "die Fakten genau betrachten und langfristige Wirkungen kurzfristigen Effekten vorziehen", schränkt sie ein. Was damit gemeint ist, macht sie am Thema innerstädtische Verkehrsberuhigung klar: "Die rigide Vermeidung von Verkehr in Tübingen führt zum Beispiel dazu, dass durch Umwegfahrten viel CO2 erzeugt wird. Leider kaufen zahlreiche Tübinger Bürgerinnen und Bürger in benachbarten Städten ein, weil ihnen der Zugang in die Tübinger Innenstadt zu umständlich ist", hört sich ihr Wahlprogramm fast wie ein Plädoyer für die autogerechte Stadt à la Siebzigerjahre an.

Wie die aussieht, lässt sich an ihrem aktuellen Wirkungsort beispielhaft begutachten. Auf den Fellbacher Hauptstraßen herrscht gerade zu den Haupteinkaufzeiten immer ein Verkehrschaos, weil Tausende Autos mitten durch die Stadt zu den am Ortsrand auf der grünen Wiese angesiedelten Einkaufszentren und Discountern drängen. "Natürlich sehe ich die Stadt auch mit den Augen einer Baubürgermeisterin, die schaut, ob Papierkörbe oder Straßenschilder schief hängen. Da könnte ich eine ganze Palette aufzählen", hatte Soltys im Juli nach Bekanntgabe ihrer OB-Kandidatur dem "Schwäbisches Tagblatt" weitere Kernthemen verraten, die ihr als Oberbürgermeisterin am Herzen liegen.

Doch längst hat sich die Hobby-Rennradlerin bei manchen Tübingern den Ruf einer Autolobbyistin erworben, was sich in den Leserbriefspalten der Lokalzeitung niederschlägt. Dass die Fellbacherin, die sich im Wahlkampf stark für kostenlose Parkplätze in der Innenstadt einsetzt, es mit den Verkehrsregeln selbst nicht zu genau nimmt, durften sogar die Leser der überregionalen "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erfahren: Soltys parkte ihren Fellbacher Dienst-Mercedes im Halteverbot an einer Bushaltestelle, während sie FAZ-Korrespondent Rüdiger Soldt in ihrem Tübinger Wahlkampfbüro ein Interview gab. Auf das Vergehen machte sie ausgerechnet Boris Palmer aufmerksam, der ins Wahlkampfbüro platzte: "Grüß Gott, Frau Soltys, Ihr Auto parkt im Halteverbot an der Bushaltestelle."


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9 Kommentare verfügbar

  • tillupp
    am 20.10.2014
    Antworten
    Für alle die das Wahlergebnis noch nicht mitgekriegt haben hier der Hyperlink: http://www.tuebingen.de/wahlen#12157.12179
    Palmer: 61,7 (bei 55% Wahlbeiligung: Absolut 33,8% aller Wahlberechtigten)
    Soltys: 33,2 (bei 55% Wahlbeiligung: Absolut 18,6% aller Wahlberechtigten)
    Rest zusammen: 5,2%…
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