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Landesgeschichte à la Palmer

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Der grüne Oberbürgermeister Boris Palmer will feiern – mit dem "Tübinger Vertrag". Der wird 2014 runde 500 Jahre alt und ist, wie Palmer meint, eine deutsche "Magna Charta". Dabei rettete der Vertrag 1514 den Despoten Ulrich von Württemberg vor den aufständischen Bauern.

Boris Palmer im Gewande des Despoten Herzog Ulrich. Montage: Martin Storz

"Auf, ihr Schwaben, ergreifet die Freiheit, nach der ihr so merklich verlangt." (Ulrich von Hutten, 1515)

"Die Bauern haben in der Niederlage einen historischen Erfolg verbuchen können, den Tübinger Vertrag." So die umstrittene Bewertung des Historikers Hans-Martin Maurer, bis 1994 Direktor des Hauptstaatsarchivs Stuttgart. Boris Palmer (40), der Sohn des als Remstalrebell, Bürgerrechtler und Pomologen bekannten Helmut Palmer, kennt die Geschichte, denn er hat das Fach selbst in Tübingen studiert. Und schon sein Vater hatte dem Buben über die rebellischen Bauern des Remstals östlich von Stuttgart erzählt, deren Bundschuhfahne in die Geschichte einging.

Palmer selbst probte viele Jahre zusammen mit den Gegnern von Stuttgart 21 den Aufstand gegen das milliardenschwere Immobilien- und Bahnprojekt. Wer seine Glorifizierung des Tübinger Vertrags auf die Gegenwart überträgt, bekommt frei nach Hans-Martin Maurer folgende Aussage: "Die Bewegung gegen S 21 hat in ihrer Niederlage einen historischen Erfolg verbuchen können, den ersten grünen Ministerpräsidenten und den ersten grünen Oberbürgermeister einer Landeshauptstadt."

Die Universitätsstadt Tübingen ist durch schwäbische Quer- und Vordenker wie Hegel, Hölderlin, Schelling und Uhland bekannt geworden. Jetzt will Palmer junior mit dem 500-Jahr-Jubiläum des Tübinger Vertrags noch eins draufsatteln – ein Jahr vor seiner angestrebten Wiederwahl. Für eine große Ausstellung in der Kunsthalle soll der Wissenschaftshistoriker und Ausstellungsmacher Daniel Tyradellis verpflichtet werden. Kosten: eine Million Euro. Am 19. November steht das Thema auf der Tagesordnung des Tübinger Gemeinderats.

Unter Gauck und Kretschmann geht es nicht

Klar, dass bei so einem Ereignis weder der Bundes- noch der Ministerpräsident fehlen dürfen. Beide kamen Anfang November nach Tübingen. "Wer Freiheit sucht, wird in Tübingen fündig", erklärte ihnen Palmer. Gaucks Thema, die Freiheit, sei in Deutschland zuerst in dieser Stadt vertraglich fixiert worden. Dann überreichte der grüne OB dem Staatsoberhaupt und dem Ministerpräsidenten ein Faksimile des Tübinger Vertrags.

Seine Geschichte geht so: Die Landstände in Württemberg – 120 Patrizier, 20 Ritter und 14 Klosteräbte – hatten für Ihre Verhandlungen 1514 eine ideale Ausgangsposition. Der angestammte Herrscher Herzog Ulrich war durch militärische Abenteuer und seinen ausschweifenden Lebensstil pleite und hatte sich dadurch zahlreiche Feinde geschaffen.

Zeitgenössisches Bild eines Bauern von Lukas Cranach dem Älteren.Überall im Land rumorte es. Die aufständischen Bauern im Remstal hatten sich 1514 zum Bündnis "Armer Konrad" zusammengeschlossen. Der Humanist und Reichsreformer Ulrich von Hutten zeigte offen seine Sympathie für die aufständischen Schwaben: "Bei Gott, das ist ein großmütig, tapfer Volk, und das gar hart bei seiner Freiheit hält."

Für die Historiker heute, so der Stand der Forschung, ist der Aufstand, der als Bauernkrieg in die Geschichte einging, mehr als ein solcher. "Es war eine Revolution", resümiert Peter Blickle. Und Träger der Revolution sei "nicht allein der Bauer", betont der Geschichtsprofessor, der zuletzt an der Universität Bern unterrichtete, sondern auch der "gemeine Mann", also die "nichtprivilegierte Bevölkerung": Bauern, Bürger der Landstädte, nichtratsfähige Bürger der Reichsstädte und Bergknappen.

Der Tübinger Vertrag: auf gut Schwäbisch "a Hennadepperle"

Doch die schwäbischen Landstände nutzten die Chancen nicht. Sie übernahmen die herzogliche Schuldenlast für 40 Jahre, retteten damit Ulrich von Württemberg vor dem Bankrott und garantierten ihm Beistand gegen die "Bauernrotten". Dafür ließen sie sich ein Mitspracherecht bei Fragen der Steuererhebung, der Landesverteidigung, des Kriegswesens sowie des Verkaufs von Landesteilen vertraglich festschreiben. Der selbstherrliche Herzog war allerdings niemals gewillt, diesen Vertrag tatsächlich zu erfüllen. Er wollte lediglich Zeit gewinnen, seine Herrschaft zu sichern.

Historisch gesehen war der Tübinger Vertrag ein Fortschritt, aber auf gut Schwäbisch gesagt "a Hennadepperle", kein Riesenschritt. Viel kühner waren dagegen die Reformpläne des Ulrich von Hutten oder die Visionen, die der Hohenloher Bauernkanzler Wendel Hipler für das Bauernparlament entwarf, das im Mai 1525 in Heilbronn tagen sollte. Hipler forderte eine eigene Volksvertretung, einheitliche Münzen, Maße und Gewichte sowie die Abschaffung von Binnenzöllen. Er wollte Handel und Privateigentum fördern. Das war ein massiver Angriff gegen die Feudalordnung.

Der erste Bundespräsident Deutschlands, der Liberale – Grüne gab es damals noch nicht – Theodor Heuss, bezeichnete diese Initiative, die weit über den Tübinger Vertrag herausging, als "ersten Ansatz einer demokratischen Reichsverfassung". Doch an dem Tag – es war der 25. Mai 1525 –, an dem das Bauernparlament zusammentreten sollte, hat der Schwäbische Bund unter der Führung von Truchsess von Waldburg-Zeil das Bauernheer in Böblingen vernichtend geschlagen.

Aber die Bundschuhfahne aus dem Remstal lebte weiter. Zum Beispiel Mitte der 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts beim Kampf der Hohenloher Bauern gegen die geplante Daimler-Teststrecke in Boxberg. An den Protesten hatten sich auch viele Stuttgarter wie Peter Grohmann, Rezzo Schlauch – er stammt aus Hohenlohe – oder Willi Hoss beteiligt. Hoss war Daimlerbetriebsrat und saß später viele Jahre für die Grünen im Bundestag. Obwohl bereits 90 000 Bäume in Boxberg gefällt waren, wurde das Projekt schließlich gestoppt.

Die Bundschuhfahne aus dem Remstal.

Die Bundschuhfahne aus dem Remstal – das wäre ein Fest

Schon in den 70er-Jahren, als Winfried Kretschmann – heute Ministerpräsident – an der Universität in Stuttgart-Hohenheim studierte, hatten sich Studenten für die Erinnerung an die Bundschuhfahne des "Armen Konrad" starkgemacht. Die Fahne wurde später zum Symbol des Widerstands gegen die Flughafenerweiterung und den Messebau auf den Fildern südlich von Stuttgart. Auch hier gehörten viele Grüne zum Protestvolk.

Dem grünen Oberbürgermeister von Tübingen scheint die Fahne seiner früheren Heimat jetzt nicht mehr so wichtig zu sein. Er will in Tübingen lieber einen zweifelhaften und für die damalige Zeit nicht sehr mutigen Vertrag feiern. Indirekt trägt Boris Palmer damit zu einer weiteren Verklärung Herzog Ulrichs bei. Sie gehörte in Zeiten des früheren Ministerpräsidenten Hans Filbinger zur herrschenden Lehre. Auch das gehört zur "grünen Republik".


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1 Kommentar verfügbar

  • UlrichHartmann
    am 15.11.2012
    Antworten
    Im Artikel fällt der Name Hegel. Ein wenig Dialektik hätte ihm auch nicht geschadet. Der Tübinger Vertrag bedeutete zwar die Niederlage der Bauern, aber eine wichtige Einschränkung der landesherrlichen Gewalt. Die Demokratie in England hat ähnlich angefangen.
    Auf der anderen Seite: wenige Kilometer…
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