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Main Station Munderkingen

Main Station Munderkingen
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In Oberschwaben hat Stuttgart 21 die glühendsten Fans. Bei der Volksabstimmung vor zwei Jahren waren mehr als 80 Prozent Befürworter keine Seltenheit. Der Grund ist einfach: Sie hatten Angst, wieder einmal abgehängt zu werden. Und diese Angst wurde kräftig geschürt. Von der CDU, den schwarzen Bürgermeistern, der IHK, den Zeitungen und der Bahn. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ein Besuch vor Ort.

Ganz vorne im Regal liegt Annette Schavans Freizeitkarte für den Alb-Donau-Kreis. Sie lächelt auf dem Cover. Daneben werben die Diözese Rottenburg, die katholische Arbeiterbewegung (KAB) und das Krippenmuseum Oberstadion mit Drucksachen. Willkommen in Oberschwaben, genauer gesagt im Rathaus Rechtenstein, das für 279 Einwohner zuständig ist. Der Flecken liegt zwischen Ehingen und Riedlingen, direkt an der Donau und der Bahnlinie Ulm–Freiburg, womit ein Bahnhof verbunden ist, an dem täglich vier Züge unter einem voll verrosteten Ortsschild halten.

Nun kann der Rechtensteiner hier nicht einfach einsteigen beziehungsweise eine Fahrkarte lösen. Dafür gibt es weder Personal noch Automat, dafür gibt es das Rathaus. Dort muss er hin, um ein Ticket zu erwerben, das ihm handschriftlich ausgestellt wird, wobei die Zahl der Reisenden an einer Hand abzuzählen ist, wie Sekretärin Gabriele Glökler sagt. Ihrer Chefin gefällt das gar nicht. Sie heißt Romy Wurm und genießt laut Frau Glökler "Promistatus", weil sie immer wieder in der Zeitung steht und im Radio spricht. Das kommt davon, dass sie für die CDU im Kreisvorstand sitzt, für Tagesmütter kämpft und, nach eigener Einschätzung, nicht die typische Oberschwäbin ist.

Rechtenstein ist für die Bahn ein schwarzes Loch

Das stimmt. Gold an den Ohren, am Finger und am Arm. Sie sehe eben immer so aus, als hätte sie "gerade einen Juwelierladen überfallen", sagt die 58-jährige Bürgermeisterin, die so etwas natürlich nie tun würde. Lieber erschreckt sie die Deutsche Bahn. Dann steht sie auf dem verratzten Bahnsteig, hebt die Hand zum Stoppsignal, als könne sie die Züge, die durchfahren, damit aufhalten. Das juckt die freilich nicht, genau so wenig wie die Bahndirektion in Karlsruhe, die ihr mitgeteilt hat, Rechtenstein existiere für sie nicht, Rechtenstein sei für sie ein "schwarzes Loch". Möglicherweise könnte das damit zusammen hängen, dass die Bahn schon vor 30 Jahren die Lampen am Gleis abgerissen hat.

Aber jetzt ist Hoffnung am Horizont: Stuttgart 21. Wie Donnerhall hat sich zwischen Ulm und Bodensee die Kunde verbreitet, dass das Jahrhundertprojekt ein Segen sei für die Region. Dass damit endlich Schluss sei mit dem Schattendasein im Schienenland, dass damit das Tor nach Paris und Bratislava weit offen stünde. Davon ist auch Romy Wurm überzeugt, weshalb sie mit allen Bürgermeistern der umliegenden Gemeinden mächtig Werbung gemacht hat. Mit markigen Erklärungen ("einmalige Chance") und besonders gern in ihren Amtsblättern, in denen sie den Leuten versprochen haben, mit Stuttgart 21 plus Neubaustrecke könnten ihre Kinder und Enkelkinder "künftig ohne Probleme naturnah und günstig" in der Raumschaft wohnen und "gleichzeitig im Großraum Stuttgart qualifiziert arbeiten".

Das Kruzifix im Rücken und die Hochglanzbroschüre "Bezug" der Bahn vor sich, glaubt Bürgermeisterin Wurm wirklich daran. Sie habe volles Vertrauen zur Bahn, sagt sie, außerdem gäbe es heute keine Pyramiden und keinen Eiffelturm, wenn die Menschen damals so kleinmütig gewesen wären. Auch ihr Mann, ein Ingenieur, schüttle nur den Kopf über die Bedenken. Und dann fällt immer wieder das Wort vom "Abgehängtwerden", das die tief sitzende Angst der Oberschwaben ausdrückt, von den Stuttgartern als rückständige Provinzler betrachtet zu werden, die am besten dort blieben, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. 84 Prozent der Rechtensteiner wollten das nicht.

Angela Merkel darf nicht mit 60 km/h über die Geislinger Steige ruckeln

Irgendeiner scheint also immer abgehängt zu werden. Sei's Rechtenstein oder das ganze Land, jedenfalls dann, wenn es nicht auf der Magistrale Paris–Bratislava liegt. Das haben weitsichtige Politiker wie Günther Oettinger (CDU) und Ivo Gönner (SPD) frühzeitig erkannt. Der eine hat davor gewarnt, Angela Merkel zu erzürnen, wenn sie mit 60 km/h über die Geislinger Steige ruckeln müsse, der Ulmer Oberbürgermeister sah seinen Landstrich vor der Reagrarisierung, und mit ihnen barmten die heimatlichen S-21-Zentralorgane "Südwestpresse" und "Schwäbische Zeitung" um die Zukunftsfähigkeit ihrer Region. Da musste dem Oberschwaben angst und bange werden, es sei denn, er gehörte zu jener Sorte Mensch, die in den Unteruhldinger Pfahlbauten ihr Feuer mit einem Holzstöckchen entzünden wollte.

Neben Oettinger, Gönner und ihren publizistischen Kohorten hat auch das Kapital in Gestalt seiner Zwangskörperschaft IHK große Sorgen geäußert und deshalb gleich ein 100-Quadratmeter-Plakat ("Allerhöchste Eisenbahn") aufgehängt. Womöglich hätte Liebherr seine Kräne in Biberach geknickt oder Ratiopharm die Pillen in Ulm eingestampft, wenn wahr geworden wäre, was IHK-Präsident Peter Kulitz befürchtet hat: dass die Neubaustrecke "auf dem Acker endet", wenn S 21 nicht kommt.

Als Sorgenbrecher ist dann Bahnchef Rüdiger Grube gerade noch rechtzeitig mit dem Sonderzug in Biberach eingefahren. Zwei Tage vor der Volksabstimmung am 27. November 2011 hat er dem Volk die Acker-Angst genommen, indem er ihm versprach, die Südbahn (Ulm–Friedrichshafen) zu elektrifizieren. Darauf warten die Oberschwaben zwar schon seit Jahrzehnten, aber jetzt sei es so weit, sagte Grube, weil nämlich der "modernste Bahnknoten der Welt", also Stuttgart 21, keine Dieselloks vertrage. "Die Elektrifizierung ist ein Muss", sprach er, "sonst sind Sie abgehängt." Ohne S 21 kein Strom in der Oberleitung, ohne High Speed Bimmelbahn, ohne Magistrale Ödland.

Bahn und Bus sind wie Sozialismus statt Freiheit

Dieses Schicksal treibt auch Anton Buck, den Bürgermeister von Obermarchtal, um. Der Vollbart, das bedächtige Wesen und das Kreuz an der Wand sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass er voll auf dem Quivive ist. "Wer Öko sagt, muss den Individualverkehr zurückdrängen", verlangt der CDU-Mann, dessen Partei viele Straßen gebaut hat. Bahn und Bus waren eher Sozialismus statt Freiheit, Autos vor der Haustür ein absolutes Muss.

Nehmen wir einmal an, ein Stuttgarter wollte ihn am Wochenende mit dem öffentlichen Personennahverkehr besuchen. Er guckt auf bahn.de nach einer passenden Verbindung und findet keine. ÖPNV geht erst montags wieder, mit der Eisenbahn nach Munderkingen und dann mit dem Bus nach Obermarchtal. "Fragen Sie mich nicht, wie Sie am Sonntag ins Kloster kommen", sagt der 60-jährige Schultes. Es wird wohl ein Taxi sein müssen, so vorhanden. Wenn nicht, wird's ungemütlich, weil der Munderkinger Bahnhof keinen Platz zum Warten hat. Alles verrammelt, die Rollläden runter, der Automat der einzige Ansprechpartner. Aber wenn sie einmal neu ist, die Munderkinger Main Station, soll sie die Region "dauerhaft an das europäische Schienennetz anbinden".

Auch Buck ist überzeugter S-21-Befürworter. Schnelle Verbindungen seien heute "das A und O", erläutert er, und wenn der ländliche Raum verliere, verliere er die Jungen. Die wollten in die Großstadt, wie seine beiden Söhne, die am Stuttgarter Killesberg wohnen und fassungslos bestaunten, was unterhalb von ihnen passiert. Ständige Demos, ideologische Debatten, sinnlose Kämpfe, wo das "Rad nicht mehr zu stoppen ist". Und Buck erzählt von seinem "Brückle" über die Bahnlinie, das acht Jahre Planung gebraucht hat, bis es mit 700 000 Euro abgerechnet werden konnte. Da wird man der Bahn doch die eine oder andere Null mehr, das eine oder andere Jahr mehr, nicht anlasten können. Wichtig sei allein die "Weitsicht".

Im Zweifel hilft auch der liebe Gott

Bedeutungslos bleibt der Blick ins Projekt selbst. Die Stuttgarter Verwerfungen sind Sankt-Florian-fern, die Sinnhaftigkeit ist ausschließlich an den eigenen (vermeintlichen) Nutzen gekoppelt, das Vertrauen in die technische Machbarkeit ungebrochen, der Glaube an den Fortschritt unerschütterlich. Im Zweifel auch mit Gottes Hilfe, die in diesem Landstrich besonders ausgeprägt sein soll. Das haben die Gegner offenbar unterschätzt.

In Obermarchtal beginnt das Amtsblatt eben mit den kirchlichen Nachrichten und fährt mit der Danksagung des Schultes fort, der 86,27 Prozent seiner Bürger zu ihrem "klaren Votum" für Stuttgart 21 beglückwünscht. Sie hätten ihn, schreibt Buck, in seiner Auffassung bestärkt, die er auch öffentlich vertreten habe. Das ist wahr. Zum Beispiel im eigenen Gemeindeblatt, was ihm prompt eine Strafanzeige wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch eingebracht hat. Aber das hat sich schnell erledigt. "Wenn die Staatsanwaltschaft etwas Strafbares gesehen hätte", vermutet das CDU-Mitglied, "hätte sie ein Verfahren eingeleitet." Sie hat es nicht.

Seine Kollegin in Rechtenstein, Romy Wurm, hat mehr Vorsicht walten lassen. Sie hat fünf Euro pro halbe Seite abgerechnet, wenn ihre CDU für S 21 getrommelt hat, und fünf bezahlt, wenn sie selbst in die Tasten gehauen hat. Als Inserate ausgewiesen. Wie erwähnt, hat sie das aus voller Überzeugung getan – und aus alter Tradition heraus. Vor vielen Jahren, erzählt sie, seien in Rechtenstein Weinbergschnecken nach Paris verladen worden. Warum also nicht davon träumen, dass irgendwann einmal der TGV von Paris über Freiburg nach Ulm brausen werde? Mit Halt in Rechtenstein.

Davon hat Norbert Schmidt noch nichts mitbekommen. Der 50-Jährige ist Fahrdienstleiter in der Station, in der die Bahn Untermieter einer Künstlerin ist, die im oberen Stockwerk Ferien im Bahnhof anbietet. Fahrkarten darf er nicht verkaufen. Unten in seinem Einraumbüro fertigt Schmidt wie jeden Tag seit sieben Jahren seine vier Züge ab, die in Rechtenstein halten. Sieben muss er auf dem Nebengleis parken, was wichtig ist, um den Durchfahrenden den Weg frei zu machen. Nach Riedlingen.


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20 Kommentare verfügbar

  • Fred Heine
    am 03.12.2013
    Antworten
    @Tilo Menacher, 03.12.2013 14:19

    Wie kommen Sie zu dieser Aussage: "Vor der Volksabstimmung wurde in Stuttgart und im Stuttgarter Umland intensiv über die Vor- und Nachteile von S21 debattiert. Die Abstimmung ist aber woanders entschieden worden, und zwar in Rechtenstein, Obermarchtal,…
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