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Pressehaus Stuttgart

Hauptsache gespart

Pressehaus Stuttgart: Hauptsache gespart
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Nahe bei den Menschen wollen die Zeitungen sein. Das Stuttgarter Pressehaus tut viel dafür, dass das nicht klappt. Sie sind raus aus dem Tagblatt-Turm, die sublokalen Beilagen stehen auf der Kippe und wieder einmal eine Menge Arbeitsplätze.

Das Ende einer einst stolzen Repräsentanz markieren zwei Klebebänder. Sie verdecken das Firmenschild der "Stuttgarter Zeitung" (StZ) an der Eingangstür des Tagblatt-Turms, wo ihre Geschichte begonnen hat. Mitten in der Stadt, im ehemals höchsten Gebäude mit 61 Metern, benannt nach dem "Neuen Stuttgarter Tagblatt" (1909–1943). Hier erschien die StZ erstmals am 18. September 1945, hier arbeitete die Redaktion bis 1978, ehe sie auf die grüne Wiese nach Möhringen musste. Geblieben ist eine Etage im ersten Stock, an der es jetzt auch keine Klingel mehr gibt. Der Turm und die Zeitung – das ist Geschichte.

Eine historische Randnotiz könnte man sagen, Büros eben, nicht der Rede wert. Und doch zeigt es etwas auf, was den Zeitungen nicht gut tut: die Entfernung von ihren LeserInnen, denen sie erzählen, sie seien ganz bei ihnen. Denen sie immer neue Angebote machen – zählen Sie mal die Newsletter! –, damit sie mitreden könnten, am besten im demokratischen Diskurs. Und dennoch verstärkt sich der Verdacht, dass sie nur die KonsumentInnenschar im Sinn haben, die fürs Wohlergehen der Eigentümer sorgen soll. Für sie ist der Tagblatt-Turm nur ein Kostenfaktor.

Ausgabe 516, 17.2.2021

Weg mit dem Gedächtnis

Von Josef-Otto Freudenreich

Ist es ein Skandal, wenn eine vierköpfige Abteilung geschlossen wird? Ja – wenn es sich um das Archiv, das Gedächtnis einer Zeitung handelt. Im Stuttgarter Pressehaus ist es so weit.

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Keine Festveranstaltung ohne das Credo, das Lokale sei ganz wichtig, als Naherfahrungsraum, in dem politisches Engagement geübt und von kritischen JournalistInnen begleitet werden sollte. Das war die Theorie, unterstützt von Verlegern, die erkannten, dass man sich der Sache auch ökonomisch widmen konnte. So befand das Stuttgarter Pressehaus um die Jahrtausendwende, dass man auf dem lokalen Markt sein Publikum "gezielt und ohne Streuverlust" ansprechen kann – und meinte damit den Metzgerladen in Zuffenhausen, die Bäckerei in Gablenberg und die Teppichreinigung in Stuttgart-Süd.

Sie sollten eine Reklameplattform bekommen, die bezahlbar war. Für sie gab es die sublokalen Beilagen in den beiden Stuttgarter Blättern, die "Nord-Rundschau", den "Blick vom Fernsehturm" und die "S-Innenstadt". Für die LeserInnen sollte es Berichte um die Anzeigen herum geben, die freilich mal mehr, mal weniger erhellend waren. Es ging immer kunterbunter zu in diesen sogenannten fünften Büchern. Ortsteilberichte mal hier, mal dort, das war nicht gut für die gezielte Ansprache, entsprechend bescheiden auch deren Monetarisierung.

Wenn nun die Informationen aus Gewerkschaft und Betriebsrat zutreffend sind, dann ist bald Schluss mit diesen Beilagen in der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten". Im Rahmen des immerwährenden Sparens bei der Medienholding Süd (MHS), zu der beide Blätter gehören, soll demnächst eine neue Runde eingeläutet werden. In Rede stünden, so Verdi in Stuttgart, zwischen 40 und 60 Arbeitsplätze. Ganz vorne mit dabei: die fünften Bücher. Während das Pressehaus schweigt, äußert sich der Medienzuständige im Verdi-Landesbezirk laut. Das "sinnloseste Kaputtsparen ever" sei's, sagt Siegfried Heim, ein "Zusammenhauen der Kernkompetenz". An ihr Vorhandensein möchte er immer noch glauben, aber die Zweifel werden mehr.

P. S. Einsparen wird das Pressehaus auch die Gage für die Kolumnistin Sibylle Krause-Burger. Sie hat ihren Rückzug zum Ende des Jahres 2021 angekündigt. Das ist die gute Nachricht.


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1 Kommentar verfügbar

  • jörg Krauß
    am 02.01.2022
    Antworten
    Frau Krause-Burger hört auf! "I wer narrisch"!
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