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Der Herr Ober verlässt das Nachtcafé

Der Herr Ober verlässt das Nachtcafé
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In der vergangenen Woche, der 50. des Jahres 2014, trat ein Mann von der Bühne ab, der wie nur noch wenige andere das Gesicht des SWR-Fernsehens geprägt hat: Der Moderator Wieland Backes verließ sein "Nachtcafé" nach fast 28 Jahren und 706 Sendungen.

Am Mittwoch ist das letzte Backes-"Nachtcafé" im Schloss Favorite in Ludwigsburg aufgezeichnet worden; nach der Sendung: Blumen, Küsse, Umarmungen, Tränen. Am Donnerstag der Abschiedsabend in der Hochschule der Medien in Stuttgart-Vahingen, veranstaltet vom SWR, moderiert von Harald Schmidt.

Am Freitag gab es ab 21 Uhr Backes satt im SWR-Fernsehen: erst ein Porträt, dann die letzte Sendung mit dem Titel "Happy End", danach "Nachtcafé"-Classics und um 1:40 Uhr noch "Auf der Couch" mit Iris Berben, Moderation: Wieland Backes. 

Zumindest was die Quote betrifft, war die letzte "Nachtcafé"-Sendung wirklich ein "Happy End": 19,8 Prozent Marktanteil im Sendegebiet, 870 000 Zuschauer – weit über dem Durchschnitt.

Ganz aufhören mit dem TV-Geschäft wird der bisher so präsente Moderator freilich nicht. Auch künftig ist er in "Ich trage einen großen Namen" zu sehen, am Sonntagnachmittag. Das "Austragshäusl" gibt es nicht nur bei bayerischen Bergbauern, sondern auch im Medienbetrieb.

Am Valentinstag, also am 14. Februar 1987, ist das erste "Nachtcafé" ausgestrahlt worden. An einem Samstag zu mitternächtlicher Stunde. Das sollte noch jahrelang so bleiben, zudem kommt das "Nachtcafé" zunächst nur einmal im Monat.

Schluss mit Blindenfernsehen

Die neue Sendung verdankt ihre Entstehung einem Paradigmenwechsel im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Die Dritten, bisher eher behäbiges Bildungsprogramm – senderintern als "Blindenfernsehen" geschmäht – sollen zu Vollprogrammen ausgebaut werden, mit eigenen Nachrichten, Dokumentationen, Sportsendungen und eben auch Talkshows.

Das Regionale, eine Urdomäne der ARD-Anstalten, soll gestärkt werden, auch gegen die kommerziellen Sender, die freilich zu dieser Zeit noch keine richtige Konkurrenz darstellen.

Das "Nachtcafé" ist eine Erfindung von Wieland Backes, sein Vorbild der hochgelobte "Club 2" vom ORF in Wien, wohl die erste themenorientierte Talkshow im deutschsprachigen Fernsehen.

Vorher hatte der frischgebackene Redaktionsleiter der neu geschaffenen Redaktion "Journalistische Unterhaltung" dem Sender bereits 14 Jahre lang als Reporter, Moderator und Chef des regionalen Magazins "Abendschau" gedient.

Außer gelegentlichen Ausflügen in das ARD-Programm, etwa mit der Sendung "Auf der Couch", bleibt er seinem "Nachtcafé" fast drei Jahrzehnte treu.

Für viele der älteren Programmmacher beim SDR, die hatten meist noch als Offiziere der Wehrmacht den Krieg erlebt, war Backes ein Revoluzzer, ein Marxist. Das ist natürlich Unsinn. Sein Studienort, die Universität Stuttgart, wurde von der 68er-Bewegung bestenfalls gestreift, er selbst hat nie einer Gruppe der rebellischen Studenten angehört. Bei Backes blieb, wie bei vielen anderen auch, immerhin eine eher linksliberale, demokratische Haltung übrig. Keine schlechte Grundlage für Menschen, die "was mit Medien" als Beruf gewählt haben.

"Einer wird gewinnen", Titel einer weiteren legendären Sendung, Zielvorgabe nicht nur für Quiz-Kandidaten, sondern auch für Fernsehformate. Das galt in den 1980er-Jahren besonders für die zahlreichen Neukreationen, die journalistische Inhalte unterhaltend, das heißt also zuschauerattraktiv und damit quotenträchtig rüberbringen wollten. Denn die Zeiten des öffentlich-rechtlichen Monopols waren vorbei. Da hatten sich die Leute selbst sperrige Klassiker-Aufführungen angesehen; Hauptsache, in der Flimmerkiste zappelte überhaupt etwas.

Das "Nachtcafé" gewinnt das Rattenrennen

Wie das "Nachtcafé" behandelte auch die anstaltsinterne Konkurrenz, etwa die Sendung "Thema M" (wie Mensch), allzu und ewig Menschliches: Pubertät, Alter, Impotenz, Scheidung, Burn-out, Elternschaft und Seitensprung. Alle setzten auf die Mischung aus Prominenz und Volkes Stimme, Zuspielfilmen und Showelementen. Alle Redaktionsleiter mobilisierten Rundfunkräte und Presseleute für ihre gute Sache. (Leiterinnen gab es damals noch nicht, frau hatte gerade mal den Schritt von der Sekretärin zur Redakteurin geschafft.) Bei diesem Rat-Race hat sich letztlich das "Nachtcafé" durchgesetzt.

Das lag sicher auch am Moderator, der als promovierter Geograf wunderbar zum Dritten passte. Weit mehr aber wohl am Redaktionsleiter Backes, der früher als seine Konkurrenten die Zeichen der Zeit nicht nur erkannt, sondern meist auch überzeugend mitgetragen hat.

Die neuen dritten Vollprogramm, hierzulande damals S3, waren insgesamt eine teure Angelegenheit, die Talksendungen aber vergleichsweise billig. Freilich nur, wenn man bereit war, auf kostspielige Filmbeiträge und aufwendige journalistische Recherche zu verzichten.

Eine Sendung, ein Gesicht – auch an diese Maxime hielten sich viele nicht. Wechselnde Figuren und Doppelmoderationen erschwerten den Zuschauern die Identifikation. Mehr als 200 Köpfe, ließ der Fernsehdirektor zählen, präsentierten das Dritte im Südwesten.

Hierarchen hängten ihr Gesicht, quasi per Amt, in die Glotze, damit die Familie, die Nachbarn und der Bäcker um die Ecke wussten, welch bedeutender Medienmensch unter ihnen weilte; selbst wenn dessen Vorstellung völlig unprofessionell bei den Zuschauern ankam.

Mit diesem Volksfest der Eitelkeit sollte spätestens Ende der 1990er-Jahre Schluss sein. Nach der Fusion von SDR und SWF zum SWR wollte der Fernsehdirektor Chistoph Schmid ein Programm zum Auswendiglernen: wenige Gesichter, die aber öfter und immer am selben Tag zur selben Zeit, am besten daily oder doch wenigstens weekly.

So gibt es seit 2001 das "Nachtcafé" wöchentlich, am Freitagabend um 22.00 Uhr. Für viele Zuschauer der älteren Mittelschicht ein symbolträchtiger Sendeplatz: Nach Alltagsmühen und Einkaufsstress, Abendessen und Abwasch beginnt das Wochenende. Der sanfte Übergang vom Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit – oder doch zumindest der Freizeit.

"Typ Bankangestellter mit der Kernkompetenz Kleinkreditberatung"

Mit einem gütigen Moderator, der seine häufig von Schicksalsschlägen gebeutelten ProtagonistInnen länger ausreden lässt als sonst im Fernsehen üblich. Im Laufe der Jahre entsteht so eine Art Kultsendung, im weitesten Sinn ein Lebensmittel. Das schaffen nur wenige, und die machen sich damit nicht nur Freunde im Kollegenkreis. 

Viele FernsehjournalistInnen, besonders aber Kameraleute und Cutterinnen wollen Filme machen, drehen und schneiden; die sind deshalb prinzipiell Gegner des von ihnen so genannten Quasselfernsehens. Besser gesagt: Sie waren es damals. Heute – wo im TV mehr gequasselt wird als je zuvor – haben sie sowieso meist kapituliert.

Auch die vom Schirm verbannten Köpfe zeigten sich not amused und schmähten nun den erfolgreichen Backes als allzu geschmeidig oder gar seicht; selbst solche, die ihm auf dem Feld des Geschmeidigen und Seichten weit voraus waren.

Wen wundert's, dass sich auch die Fernsehkritik gespalten zeigt. Sogar weit weg in Hamburg, der deutschen Medienhauptstadt im hohen Norden, konnte man sich nicht einig werden über den Moderator im tiefen Süden.

Während die "Zeit" Wieland Backes als "den ungekrönten König des Niveau-Talks" lobt, polemisiert der "Stern": "Typ Bankangestellter mit der Kernkompetenz Kleinkreditberatung, ein Mensch mit erschütternd konventionellen Vorlieben wie jene für französischen Rotwein."

Da wird es den scheidenden Moderator sicher gefreut haben, als er bei seinem offiziellen Abschied am Donnerstagabend von der Schauspielerin und Kabarettistin Maren Kroymann, die er einst zum TV gebracht hat, ein in der Branche seltenes Kompliment zu hören bekam: "Du warst kein Fernsehfuzzi." Sondern, möchte man ergänzen, etwas Eigenes, etwas Besonderes.

Drei Freitage müssen die Zuschauer jetzt ohne das "Nachcafé" zurechtkommen. Am 9. Januar steigt zum ersten Mal der frühere ZDF-Moderator Michael Steinbrecher in den Ring.

Freilich nicht mehr im Schloss Favorite in Ludwigsburg, sondern im E-Werk in Baden-Baden. Für diesen Ortswechsel gibt es diskussionswürdige Gründe. Die ändern allerdings nichts daran, dass damit Ludwigsburg und der Region Stuttgart ein weiteres Medienevent abhanden gekommen ist.


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