Ausgabe 126
Medien

Kahlschlag im Schwarzwald

Von Roger Repplinger
Datum: 28.08.2013
Einmal war Richard Rebmann seiner Zeit voraus. Bereits seit 2001 produziert der "Schwarzwälder Bote" als erste große Zeitung im Land nur noch Lokalteile. Alle anderen Inhalte kommen von den "Stuttgarter Nachrichten". Damit fielen 35 Redakteursstellen in der Oberndorfer Zentrale weg. Von diesem radikalen Schnitt profitiert hat nur Rebmann selbst. (Serie über Zeitungsverlage in Baden-Württemberg, Teil II.)

Der Schwarzwälder Bote, der vor dem Redaktionsgebäude in Oberndorf steht, würde gerne verduften. Die Kirchtorstraße vor, links die Eugen-Frueth-Straße runter, zum Bahnhof und weg. Kann er aber nicht, er ist aus Bronze. Dafür suchen die Redakteure der Lokalzeitung das Weite.

Der "Schwarzwälder Bote" (Schwabo) macht seinen Redakteuren wenig Spaß. Die Druckerei steht leer, die Druckmaschinen wurden verkauft, gedruckt wird zusammen mit der "Südwestpresse" im Druckzentrum Südwest in Villingen-Schwenningen. Weil der Mantel von den "Stuttgarter Nachrichten" kommt und die Schwabo-Mantelredaktion seit 2001 von ehemals 45 auf gerade noch zehn Redakteure geschrumpft ist, wurden Redaktionsräume verkauft. Eingezogen sind eine Videothek und ein medizinisches Zentrum mit Fitnessbereich. Dort können sich Schwabo-Angestellte für das Geld, das sie nicht mehr verdienen, verwöhnen lassen.

Rebmanns leere Versprechungen

Ansonsten sind nicht viele eingetroffen von Rebmanns versprochenen Wohltaten, die seine unternehmerische Großtat dem Blatt und seinen Lesern einbringen sollte. Ja, der Mantel ist besser geworden, weil bei den "Nachrichten" im Stuttgarter Stadtbezirk Möhringen mehr Redakteure am Werk sind und eine bessere Zeitung machen, als es die 45 konnten, die bis 2001 in Oberndorf arbeiteten. Aber der Blickwinkel ist keiner mehr aus der Mitte des Schwarzwalds, sondern ein Stuttgarter. Es bleibt kein leichtes Unterfangen für die verbliebenen zehn Mantelredakteure, tagtäglich den Stuttgarter Stoff auf Schwarzwald zu trimmen.

Redakteure, die in Oberndorf nicht mehr gebraucht wurden, sollten auf die Lokalredaktionen verteilt werden – als Investition in die Qualität der lokalen Berichterstattung. Von ein paar Ausnahmen abgesehen blieb auch das ein leeres Versprechen. Die Kundschaft ist dementsprechend unzufrieden: Mehr als 32 000 Abonnenten hat der Schwabo seit 2001 verloren, mehr als jeder fünfte Leser hat gekündigt. Und wie überall gingen auch die Anzeigenumsätze dramatisch zurück.

Der Chef: Richard Rebmann.
Der Chef: Richard Rebmann.

Aber Richard Rebmann, 55, promovierter Jurist, hat vorgesorgt – zumindest für sich und seine Mitgesellschafter. Rebmann, dessen Familie Anteile am Schwabo besaß, kam 1989 zur Unternehmensgruppe Schwarzwälder Bote GmbH & Co. KG und war zunächst für die Bereiche Personal, Recht und Redaktion zuständig. Zwei Jahre später trat er in die Geschäftsleitung ein und wurde 1993 alleiniger Chef. Von 1993 bis 2007 führte er die Familienholding. Seit 2008 steht er nur noch als "Verleger" im Impressum, ohne operative Funktionen.

Rebmann macht den Deal seines Lebens

Denn das Wichtigste an dem Mantel-Deal mit den "Nachrichten" war für Rebmann die Eintrittskarte ins Stuttgarter Pressehaus. Als damals mit einer verkauften Auflage von 160 000 größter Mantelkunde gewann Rebmann schnell Einfluss in der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH), die neben den "Nachrichten" auch die "Stuttgarter Zeitung" herausgibt und Beteiligungen hält an einer Vielzahl anderer Zeitungsunternehmen. Bald wählte ihn eine von zwei großen Gesellschaftergruppen – die Gruppe Württembergischer Zeitungsverleger – zu ihrem Sprecher. Der sitzt in jedem zweiten Jahr dem Aufsichtsrat der SWMH vor. Und als solcher bereitete Rebmann, dem niemand Bauernschläue abspricht, 2007 den Deal seines Lebens vor: Er verkaufte den keineswegs florierenden Schwabo an die SWMH – und sich gleich mit. Beides zu Höchstpreisen.

Zwar floss kein Geld von Möhringen in den Schwarzwald. Dafür wechselten satte Anteile an der SWMH, die 2007 ein Rekordergebnis mit 27 Prozent Umsatzrendite hingelegt hatte, an die bisherigen Schwabo-Eigner. Mehr noch: Zum 18 Prozent-SWMH-Anteil gab's für Rebmann und seine Mitgesellschafter noch eine garantierte Gewinnausschüttung von jährlich vier Millionen Euro obendrauf. Ein Bombengeschäft, denn seit 2008 hat die SWMH in vier von fünf Geschäftsjahren roten Zahlen geschrieben. Und zwar unter Rebmanns Führung, denn der wechselte – Teil zwei des Deals – zum gleichen Zeitpunkt aus dem Aufsichtsrat auf den Chefsessel der SWMH, ausgestattet mit einem unkündbaren Zehnjahresvertrag.

Eine folgenschwere Fehlbesetzung, denn die Schuhe, in die er da schlüpfen sollte, waren für Rebmann ein paar Nummern zu groß. Seit Januar 2013 ist die SWMH-Geschäftsführung neu besetzt, Rebmann fungiert als Frühstücksdirektor, darf den Werkskindergarten eröffnen und für "Strategie" zuständig sein. Es gibt Leute, die sagen: "Ausgerechnet Strategie."

In Oberndorf holzt ein Mann fürs Grobe

Zurück in Oberndorf blieb Carsten Huber, einer von zwei Geschäftsführern der Muttergesellschaft Schwarzwälder Bote Mediengesellschaft (SBM) und schon zu Rebmanns Zeiten dort der Mann fürs Grobe. Dessen Geschäftsidee ist eine simple: raus aus den Tarifverträgen und dadurch Personalkosten senken. Bei zwei von vier Tochtergesellschaften war das schnell verwirklicht.

Als der Verlag aber am 19. Januar 2011 das Ende der Tarifgebundenheit für den Schwabo ankündigte, wurde gestreikt. Erst sporadisch, ab September 2011 unbefristet. Es wurde mit 96 Tagen der längste Streik der deutschen Mediengeschichte. "Die haben mit einem solchen Widerstand nicht gerechnet", sagt Uwe Kreft, bei der Gewerkschaft Verdi zuständig für die SWMH-Tochter Medienholding Süd (MHS), zu der seit der Fusion auch der Schwabo gehört. "Doch die Oberndorfer haben begriffen, dass es sich hier um einen Präzedenzfall handelt, dass es, wenn's beim Schwabo klappt, auch bei anderen Zeitungen der SWMH so läuft", sagt Kreft. Schließlich hatte Rebmann seinen Schwabo ab 2008 vor allem auch zur Rekrutierung von Führungsnachwuchs für die SWMH genutzt. Reihenweise rückten von ihm protegierte Schwarzwälder in Führungspositionen in der Konzernzentrale. "Blackforestisierung" hieß das in Möhringen.

Schwabo-Streik 2011: längster Streik in der Medienbranche.. Foto: Joachim E. Röttgers
Schwabo-Streik 2011: längster Streik in der Medienbranche. Foto: Joachim E. Röttgers

Ergebnis des Streiks war ein Anerkennungstarifvertrag für Angestellte und Redakteure in zwei Gesellschaften des Schwabo mit Bestandsschutz bis 2014. Was Neueinstellungen anbelangt, hat Huber seit Anfang 2012 allerdings freie Hand. Und so suchte der Schwabo beispielsweise Mediengestalter für ein Bruttogehalt von 1500 Euro pro Monat, ohne Urlaubsgeld, ohne Jahresleistung, aber mit 40-Stundenwoche. Dafür wollte keiner arbeiten. Jetzt werden 2200 Euro geboten. Redakteure bekommen ein Eingangsgehalt von 3000 Euro, haben eine 40-Stunden-Woche, 26 Tage Urlaub, kein Urlaubsgeld, keine Jahresleistung. Hungerlöhne sind das, verglichen mit dem Tarif.

Die Gehaltsdifferenzen versauen das Betriebsklima

"Eine unter diesen Bedingungen eingestellte Redakteurin wurde in einem Gespräch mit uns von Chefredakteur Martin Wagner, der zugleich auch Geschäftsführer der Redaktionsgesellschaft ist, als leuchtendes Beispiel hingestellt", sagt Kreft. Für dieses Geld "findet man Leute und die brennen", schwärmte Wagner. Die junge Frau, für die Mantelredaktion eingestellt, ist längst wieder weg. Zwei neue Redakteure, einer für die Mantel-, einer für die Lokalredaktion, haben sich beworben. Der Schwabo braucht neue Redakteure, denn viele sind gegangen. "Wenn ein Redakteur die Chance hat, wegzugehen, geht er", sagt Betriebsrat Christoph Holbein. Kreft vermutet, dass der "Schwabo für die meisten nur noch ein Einstieg in den Beruf ist, ein Sprungbrett. Und dann gucken sie nach einem Job, der besser ist." Die entstehenden starken Gehaltsdifferenzen sind ungut für das Klima zwischen denjenigen, die länger da sind und mehr verdienen, und denjenigen, die kommen und wenig verdienen. "Und das ist ein Druckpotenzial, wenn es die Neuen für 30 Prozent weniger Gehalt machen als die alten Redakteure", sagt Kreft.

Druck entsteht auch durch Gerüchte. Die Mantelredaktion in Oberndorf wird bald ganz zugemacht, besagt das jüngste. In diesen Wochen wurde ein Redakteur aus Oberndorf nach Möhringen delegiert, um dort nach Möglichkeiten zu forschen, wie sich die Mantel-Kooperation mit den "Nachrichten" noch weiter intensivieren lässt. "Da geht es um die komplette Produktion des Mantels in Stuttgart, dann verlieren wir in Oberndorf weitere zehn Leute", fürchtet der Gewerkschafter Kreft.

Redakteure sollen auch PR-Texte schreiben

Die Schwabo-Chefs höhlen neben dem Tarifvertrag auch immer unverhohlener die Trennung zwischen Werbung und redaktionellem Teil aus: Das Unternehmen erwartet von Redakteuren, die nicht für die Anzeigenabteilung der Beilagenblätter arbeiten, dass sie PR-Texte schreiben. Mit dem entsprechenden Einfluss des Auftraggebers, wie jüngst bei einer Familienbeilage. "Wir sind im Betriebsrat dabei, uns zu informieren, wie wir uns dagegen verwahren können", sagt Holbein. Er findet, "dass der Einfluss von Inserenten auf den redaktionellen Inhalt hier eine neue Qualität erreicht". Manche Leser sind da schon weiter: Im Internet kursieren beinahe täglich Hinweise auf falsche oder interessengeleitete Berichterstattung im Schwabo. Auch Journalistenkollegen blasen in dieses Horn.

Martin Himmelheber zum Beispiel, früher Redaktionsleiter beim Radio Neckarburg, heute Redakteur bei der Online-Zeitung "Neue Rottweiler Zeitung". Er liest den Schwabo seit Jahrzehnten und findet, dass seine Lokalteile dort, wo die Zeitung Monopolist ist, "müde und langweilig sind, und von Lesern zu Recht für die Tippfehler, für die einseitige Berichterstattung, für die vielen abgeschriebenen Pressemitteilungen kritisiert werden". Dort, wo der Schwabo Monopolist ist, weil sich Rebmann 2004 mit der "Schwäbischen Zeitung" arrangiert hat, die ihre Büros in Rottweil und Schramberg schloss, im Gegenzug der Schwabo seine im Kreis Tuttlingen, "sind beide Blätter schlechter geworden", findet nicht nur Himmelheber.

Und dann noch die Geschichte mit dem Waffenhersteller Heckler & Koch, der in Oberndorf sitzt und ins Visier der Staatsanwaltschaft geriet, weil er angeblich Waffen in mexikanische Unruhegebiete geliefert hatte. Nachdem die Firma dies drei Jahre lang dementiert und der Schwabo brav alle Dementis abgedruckt hatte, räumte H & K am 24. April 2013 per Aushang im Betrieb ein, dass mindestens zwei Mitarbeiter Waffen nach Mexiko geschickt hatten. Der Schwabo brauchte zwei Wochen, um dies zu berichten. Das hätte der Bote, der vor dem "Schwarzwälder Boten" steht, schneller hingekriegt.

Abonentenverluste in Süddeutschland. Grafik: Kontext
Abonnentenverluste in Süddeutschland. Grafik: Kontext

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