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"Trad Whys" im Studio Theater Stuttgart

Ein Volk, ein Sauerteig, eine Rührerin

"Trad Whys" im Studio Theater Stuttgart: Ein Volk, ein Sauerteig, eine Rührerin
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"Trad Whys – Müssen wir da wirklich noch mal durch?" Alessandra Bosch, Dawn Patricia Robinson und die Regisseurin Daniela Urban fragen im Studio Theater Stuttgart, warum Frauen Tradwives sein wollen.

Ja, das ist Balsam auf geschundene, des Patriarchats gescholtene Männerseelen: "Als traditionelle Hausfrau kann ich meiner biologischen Bestimmung folgen. Ich bin meinem Mann so dankbar, dass er mir dieses Leben ermöglicht und wir in einer natürlichen Rollenverteilung leben und wachsen können." Steht so oder ähnlich auf Insta unter Hashtags wie #einfachfrauseindürfen, #allesfürmeinenmann oder auch #deutschewerte. Voll prall für uns Mannen: Wir müssen ins feindliche Leben hinaus, kommen um halb sechs nach Haus, Rohkost und Tee stehen schon auf dem Tisch, gesund, appetitlich und absolut frisch. Ein Gedicht. So wie die proper aufgeputzte Hausfrauengattin selbst. Die uns auch sonst nicht auf den Wecker geht. Ungefragt hält sie die Klappe. "Begrüße ihn nicht mit Beschwerden und Problemen. Seine Gesprächsthemen sind wichtiger als deine!" Oberste Harmonieregel der wunderbar natürlichen Geschlechterbalance.

Kulturelle Partnerschaft

Theater lebt vom Diskurs – auf der Bühne, im Publikum und in der Öffentlichkeit. Mit der Kooperation zwischen Theater-Stuttgart.de und Kontext:Wochenzeitung wird dieser Dialog erweitert. Theaterkritiker:innen von Kontext besuchen Premieren an den Stuttgarter Bühnen, veröffentlicht werden die Kritiken in Kontext und auf der Plattform Theater Stuttgart. Die Entscheidung, welche Premieren besucht und rezensiert werden, trifft Kontext als unabhängige Zeitung autonom.

Damit reagieren beide Partner auf eine seit Jahren laufende Entwicklung: In vielen großen Tageszeitungen wird der Platz für Theaterkritik immer kleiner, die Vielfalt des Stuttgarter Theaterlebens findet dort kaum noch Resonanz. Theater Stuttgart und Kontext möchten die künstlerische Arbeit der Stuttgarter Bühnen sichtbarer machen und sie mit journalistischer Qualität begleiten.  (lee)

Dass solch selige Chauviparadiese keine sackkratzenden Männerphantasien, sondern sehnlichste Frauenwünsche seien, ist die Behauptung einer breiten Phalanx von Influencerinnen mit angeblich wachsendem Followerinnen-Gefolge. Ganz im Stil modernen Agenda-Settings, wo es um Propaganda geht, unabhängig von der Zustimmung zur expliziten Botshaft. Insofern ist dem Zurück-an-den-Herd-Projekt glorioser Triumph beschieden: Jede(r) quatscht von "Tradwives" – so oder anders. Im Stuttgarter Studio Theater stochern Alessandra Bosch, Dawn Patricia Robinson und die Regisseurin Daniela Urban im Sumpf der Selbstunterwerfung nach den Gründen: "Trad Whys – Müssen wir da wirklich noch mal durch?" heißt ihre Performance. Titelgemäß fragt sie nach den Warums, erwartungsgemäß gibt sie eine warnende Antwort.

Selbstverleugnung, die sich als Achtsamkeit ausgibt

Dummerweise sind die digital inszenierten Tradwife-Refugien aus abgesofteten Umgangsformen, Kitsch als Lifestyle und dauerlächelnder Selbstverleugnung, die sich als Achtsamkeit ausgibt, immun gegen Kritik. Was die Märchenwelt der Küchenprinzessinnen an realer Entmündigung, Fremdbestimmung, Ausbeutung und Unterordnung bedeutet, erklärt der Kult des provokant Bescheuerten zur wahren weiblichen Selbstverwirklichung. Ganz offen. Da gibt's nichts aufzuklären. 

Bosch, Robinson und Urban versuchen es trotzdem: mit einer multimedialen Mischung aus Tradwife-Drama, Dokumentation und Ideologiekritik auf eigener Text- und Zitatcollage-Basis. In zwillingshaftem Rollenwechsel spielen die beiden Darstellerinnen, wie frau aus Business-Klamotten (blaue Hose, ärmelloses weißes Top) in altbackene Kittel samt Schurz und Blondchen-Perücke gerät (Kostüme und Bühne: Frederike Marsha Coors) – ihr Weg aus dem beruflichen Hamsterrad ins heimische Idyll und die Fänge eines bezahlenden, beschützenden und vor allem beherrschenden Traumprinzen. Womit zumindest ein handfestes Motiv für den weiblichen Rückzug benannt wäre: Stress und Frust der Lohnarbeit, in der Realität gepaart mit Doppelbelastung durch unentlohnte Care-Arbeit, die listige Dreingabe des Patriarchats in die berufstätige Emanzipation von Frauen.

Bei Bosch und Robinson hetzt frau durch unbezahlte Praktika, Niedriglohngruppen und befristete Anstellungsverträge. Frühmorgens Kosmetik ("sexy, aber nicht slutty"), abends "Afterwork Meet and Greets für karrierefördernde Relations". Keine Zeit, kein Raum für Perspektiven, Partnerschaft, Kinderkriegen: "undersexed und overvibed". 

Naturgemäß gleiten da Einflüsterungen ("Du musst nicht mehr kämpfen. Ich biete Dir ein stabiles Zuhause") wohlig durch den Gehörgang. Und gepostete Hochzeitsbilder ins tränenfeuchte Auge (Video: Lina Meyn und Anna-Sophia Strittmatter) – zurück in die Zukunft der Hausfrauenehe.

Ein Frauenschicksal, ernst genommen. Die stärksten Momente der Performance sind jene, die kontroverse Befindlichkeiten fassbar machen. Zum Beispiel die Spannung in der Entspannung als Symptom allgemeiner Gereiztheit. Meditativ will die berufsgestresste Frau relaxen. Sanfte Dreiklänge perlen, eine Yoga-Stimme säuselt. Was erst recht aggressionsfördernd wirkt. Die Frau wird grantig. Sie will nur noch schlafen.

Ein Bauernbrot wird geboren

"Ankommen. Zur Ruhe kommen. Zu sich selbst kommen" – das ist jetzt der Wegweiser ins Stay-at-home-Leben. Aber die Gereiztheit kommt mit. Etwa wenn um elf am Vormittag schon alles fertig ist, der Göttergatte aber erst um halb sechs einschwebt. Alles gerichtet, nichts mehr zu tun. Nur der Männe fehlt – für Stunden. Die Sekunden ticken, die exklusive Langeweile wird unerträglich: eine Szene von schönster Beckett'scher Absurdität. Knisternd vor Spannung, dass etwas passiert. Passiert aber nichts.

Bis Stufe zwei der Trad-Skala erreicht ist: nach Schwangerschaftspoesie à la "Ich werde weiter. Ich werde weicher und gleichzeitig stärker" die Entbindung, natürlich ohne Kaiserschnitt. Dann Kindergeschrei bei abwesendem Papi, Wäscheberge und Mamas verlorene Nerven. Zur heilen Welt gebracht hat sie übrigens Babys in Gestalt von Bauernbrot und Baguette: eine nette Trash-Pointe in Urbans Regie. Gilt doch das selbstgebackene tägliche Brot als so etwas wie die heilige Eucharistie der Trad-Szene. Namentlich der Sauerteig ist der bevorzugte Laib des Herrn Gemahl.

Jedenfalls: Idyllen können trügen. Klick- und Followerzahlen auch. Trad und Trash liegen so nahe beieinander wie Tradwives und Tradbots. Den viralen Zahlen müssen keine realen Massenfluchten ins traute Heim entsprechen. Die anti-feministische Rückbildungsgymnastik ist zuvorderst ein Social-Media-Phantom, auch wenn ihre rückwärtsgewandten Utopien weder zeit- noch ortlos daherkommen. Ihre Zeit: 50er-Jahre, Jahrhundertwende, Hauptsache retro, Hauptsache voremanzipatorisch. Ihre Orte: Schöner-Wohnen- und Schöner-Kochen-Schauplätze des Product Placements. Oder auch Landlust-Paradiese wie die "Ballerina Farm" einer inzwischen kinderreichen amerikanischen Ex-Tänzerin. Es sind virtuelle Gespensterorte zwischen selbst angebautem Bio-Gemüse, Smoothie und Lippenstift, modrigen Rollenzuschreibungen und Jubel über alles Reaktionäre.

Letztlich doch kein Biss 

Selbstverständlich schreit das nach Parodie. Einen Jux müsste sich das Theater machen wollen, wenn es das Thema aufgreift. Aber: Lustigmachen allein läuft Gefahr der Verharmlosung. Im Studio Theater bleibt es weitgehend ernst – der Sache angemessen, aber erkauft durch einen Mangel an Ironie, Spott, Sarkasmus. Letztlich kommt die Performance recht bieder daher und ohne wirklichen Biss.

Das Finale mit der Warnung vor Risiken und Nebenwirkungen der bewusstseinsverengenden Heim-an-den-Herd-Droge gibt theatralische Mittel vollends dem Frontalunterricht preis – und rennt damit durch offene Türen ins Leere. Denn selbst die betuppteste "Traditionelle" weiß, dass sie finanziell ziemlich angearscht dasteht, wenn der Alte zu einer Jüngeren rübermacht; dass nur wirtschaftliche Unabhängigkeit Selbstbestimmung garantiert; dass unter spätkapitalistischen Bedingungen sich nur wenige Männer eine Tradwife leisten können; dass halbwegs erfolgreiche Tradfluencerinnen weitaus mehr Kohle machen als der Mann, von dem sie vorgeblich leben.

Wie andere virale Strategien funktioniert der Trad-Fimmel nur als Trotz wider das eigene bessere Wissen. Wer angefixt wird durch die bewährte Methode der gegenaufklärerischen Impulsumkehr, halluziniert autoritäre Absichten als anti-autoritär: Frauen machen sich frei von dem, was ihnen Feministinnen – oder gar Männer – jahrzehntelang eingeredet haben. Gegen solchen Postfakt-Fake-Fuck auf der Online-Gehirnwäscheleine tut sich das Theater als analoges Medium schwer. 

Doch lieber Frauenwahlrecht abschaffen? 

Gefährlich ist die Legende vom wahren, natur- oder gottgegebenen Wesen der Frau vor allem als algorithmisiertes Wunschbild: ein Mindset, anschlussfähig an religiösen Fundamentalismus, rechtsdrehende Kulturen, Völkisches und die üblichen Kameradschaften. Ein Volk, ein Sauerteig, eine Rührerin: Auf dass die Manosphere die Frauen*-Sternchen erlöschen und als Kreuzchen am rechten Fleck auf die Wahlzettel sinken lässt. Denn da besteht Handlungsbedarf für unsere Rechtsdemagogen, wie in der Performance zu erfahren ist: Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, wo an erster Stelle die unter 25-Jährigen der AfD zum Triumph verholfen haben, stimmten 52 Prozent der männliche Wähler dieser Altersgruppe für die Rechtsextremen, aber nur 32 Prozent der jungen Wählerinnen. Frauen sind also immer noch klüger. Trotz Tradwives-Kampagne. Muss wohl ein anderer Knüppel aus dem Sack. Höcke, übernehmen Sie! Verschärfte Taktik!! Frauenwahlrecht in Frage stellen!!!


Die nächsten Vorstellungen der Performance "Trad Whys" sind am 7., 8. und 9. Oktober im Studio Theater, Hohenheimer Straße 44 in Stuttgart zu sehen.

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Ausgabe 809 / Um den Verstand genormt / Armin / vor 4 Tagen 10 Stunden
Klasse Artikel!

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