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Ausstellung mit der Künstlerin Ivana de Vivanco

Stimmen aus der Atacama

Ausstellung mit der Künstlerin Ivana de Vivanco: Stimmen aus der Atacama
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 Fotos: Jens Volle 

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Datum:

Der Lithiumabbau in den Salzseen von Chile und Peru verschlingt große Mengen an Wasser: eine kostbare Ressource in der Trockenheit der Atacamawüste. Was das für die Einheimischen bedeutet, ist bildhaft in der Esslinger Villa Merkel zu sehen.

Die Schlange, in Mexiko Quetzalcoatl, bei den Inka Amaru, ist eine zentrale Figur in der Mythologie der Andenvölker. Sie steht für die Andenkette selbst, die sich in Nord-Süd-Richtung über Tausende von Kilometern durch das Land windet, aber auch für Flüsse und Täler und damit für das lebensspendende Wasser. Die Schlange kann ein Vorbote von Unheil sein. Sie spürt fünf Tage vorher, wenn ein Erdbeben naht und flieht. Und so hat die peruanisch-chilenische Künstlerin Ivana de Vivanco ihre Ausstellung in Esslingen auch diesem Tier gewidmet: "Wie klingt das Weinen der Schlange?", lautet der Titel.

"In Atacama, dem trockensten Ort der Welt, ist das Gleichgewicht des Lebens fragil", sagt eine Stimme in der Dreikanal-Videoinstallation im letzten Raum der Ausstellung in der Städtischen Galerie Villa Merkel. "Die Wüste ist großzügig, und ihre Bewohner versammeln sich an Orten, an denen Wasser sprudelt. Doch wenn die Dürre zunimmt und die Temperaturen steigen, beginnen die Feuchtgebiete zu verdunsten. Unterirdische Flüsse versiegen, und die verlassenen Behausungen verschwinden unter Sand."

Das Wasser sprudelt immer weniger in der Atacamawüste im Norden Chiles und im Süden Perus. Denn das Grundwasser der ausgetrockneten Salzseen enthält die größten Lithiumvorräte der Welt. Pro Sekunde werden 2.000 Liter dieses Grundwassers abgepumpt, um dann zu verdunsten, Lithium bleibt zurück. Der Grundwasserspiegel sinkt und die Dürre nimmt zu. Dazu gibt es viele kritische Berichte und ebenso viele beschönigende Darstellungen. Die Stimmen der Einheimischen jedoch fehlen zumeist. Ihre Perspektiven macht Ivana de Vivanco mit den Mitteln der Kunst sichtbar.

De Vivanco, Professorin für Malerei und Grafik an der Kunsthochschule Leipzig, ist 1989 in Portugal geboren. Ihre Eltern stammen aus Chile und Peru, sie selbst ist in Chile, Ecuador und Peru aufgewachsen, heute lebt sie in Berlin. "Ihre Werke habe ich zuerst in den sozialen Medien gesehen und dann auf einer Kunstmesse in Basel", berichtet Sebastian Schmitt, der Leiter der Villa Merkel. "Dann war ich bei ihr im Atelier. Sie hat gerade an dem großen Panoramabild gearbeitet, das in der Ausstellung zu sehen ist." Mit der Atacamawüste hatte de Vivanco sich vorher schon beschäftigt, doch dies ist ihre erste Ausstellung zum Thema. "Sie war im Januar in der Wüste", sagt Schmitt weiter, "und hat vor Ort recherchiert und gedreht. Sie war auch selbst bei den Lithiumminen."

Dreiecke wie Warnschilder, beidseitig mit bemalten Leinwänden bespannt, stapfen auf langen, dünnen Eisenbeinen durch den Sand: Das ist das erste, was man sieht, wenn man die Villa betritt. Die Dreiecke verweisen auf das Lithium-Dreieck im zentralen Bereich der Atacama zwischen Peru, Bolivien, Argentinien und Chile. Mehr als die Hälfte der weltweiten Lithiumvorräte werden dort vermutet. Die Küstenwüste erstreckt sich an der Pazifikküste Südamerikas etwa 1.200 Kilometer lang vom Süden Perus bis in den Norden Chiles. Sie bedeckt eine Fläche zwischen einem Drittel und der Hälfte Deutschlands, je nachdem, wo man die Grenzen setzt.

Der Lithiumabbau verdrängt auch Traditionen

Um die Bildsprache der Ausstellung zu verstehen, hilft es, sich in die bildhafte Sprache der Einheimischen hineinzudenken. Die Lehrerin Ilia Reyes Aymani, Bewahrerin der Kunza-Sprache, ist in der Atacamawüste geboren. In einem halbstündigen Videointerview erläutert sie die Weltsicht der dortigen Indigenen, der Lickanantay, die hier seit mehr als zehntausend Jahren leben. Sie sind – wie alle Menschen – auf Wasser angewiesen und haben gelernt, in der Trockenheit damit zu haushalten. "Früher haben wir uns auf den Regen vorbereitet", sagt Reyes Aymani: Bewässerungskanäle gereinigt, Dächer repariert, Zeremonien abgehalten. Aber mit dem Fortschreiten der Lithiumgewinnung geraten diese Praktiken in Vergessenheit, und diese Probleme treten auf."

Diese Probleme: "Es gibt keinen zyklischen Regen mehr. Heutzutage wissen wir nicht, wann es regnen wird. Manchmal regnet es, manchmal nicht." Es herrscht Trockenheit. Aymanis Appell: "Hören wir auf das, was die Andenvölker sagen, jene, die durch Versuch und Irrtum gegangen sind und Dinge erprobt haben, wenn auch in mündlicher Form, da es nicht niedergeschrieben wurde."

De Vivanco übersetzt die Zusammenhänge in anschauliche Bilder und verwendet dazu alle ihr zur Verfügung stehenden Medien: Malerei und Zeichnung, Video und Fotografie, Kostüm und Klangkunst. Dabei geht sie von den Vorstellungswelten der Einheimischen aus, und in denen spielt die Schlange eine zentrale Rolle. Sie weint, weil die Lebensräume zerstört werden. Zugleich stehen ihre Tränen für das Wasser: das Element, das alle Lebewesen verbindet. In dem großen Panoramabild, von dem Schmitt spricht, sondern alle – Lama, Mensch, Flamingo – Körperflüssigkeiten ab: Urin, Schweiß, Milch, Tränen. Sie sind nicht getrennt von ihrer Umwelt, sondern Teil von ihr. Sie nehmen Wasser auf und geben es wieder ab. Um ihre Leiber windet sich von links nach rechts eine Schlange.

Die Menschen auf dem Bild schlagen auf Kochtöpfe: eine in Lateinamerika weit verbreitete Protestform. Das Motiv kehrt in einer Figur mit Kettenhemd am entgegengesetzten Ende der Raumflucht wieder: eigentlich ein Kostüm, eine Maske, die getragen werden kann, so wie auch ein geschupptes Schlangenkostüm, das zum Rückwärtslaufen zwingt, denn es hat vorn eine lange Schleppe. In der andinen Kultur gibt es kein Fortschrittsdenken. Bekannt ist nur die Vergangenheit, aus ihr lassen sich Schlüsse ziehen. Die Zukunft ist unbekannt.

Malerei, Video, Töne sind miteinander verbunden

Im dem Raum, in dem das Schlangenkostüm aufgebaut ist, sind die Fenster zum Park mit farbigen Folien abgeklebt. Die Farben entsprechen den Tönungen der Lithiumbecken bei fortschreitender Verdunstung des Wassers. Aus blumenartigen Metalltrichtern mit Schuppen aus Leinwand dringen Klänge der Atacamawüste. Die Schuppen kehren wieder als Dachziegel auf einer Hütte: eine Behausung, die Schutz bietet vor Hitze und Trockenheit. Darin hängen Polaroidfotos der Atacamawüste neben gemalten Bildern.

In der Bildwelt der Ausstellung steht alles mit allem in Verbindung. Dieselben Themen, Gegenstände, Figuren kehren in verschiedenen Medien wieder. Im eingangs erwähnten Film schreitet eine Frau mit dem Schlangenkostüm, das in der Ausstellung aufgebaut ist, rückwärts durch ein Andenhochtal. Die Berge im Hintergrund sind mal vor Ort gefilmt, dann wieder tritt das gemalte Panoramabild an ihre Stelle. Immer wieder tauchen Mischwesen auf: so etwa auf zwei Jute-Bannern einmal eine Schlange mit menschlichen Brüsten, das andere Mal auf menschlichen Beinen mit Plateauschuhen.

Die Flamingos auf dem Gemälde haben mit ihren langen Hälsen ebenfalls etwas Schlangenhaftes. Bekannt sind sie als storchenartige Vögel, die auf ihren langen Beinen im Wasser stehen. Ihre ökologische Nische sind Salzseen wie der Salar de Atacama, der mehr als fünfmal so groß ist wie der Bodensee – und das größte chilenische Lithiumabbaugebiet in der Atacama mit entsprechend hohem Wasserverbrauch. 2022 war die Flamingopopulation dort bereits um mehr als zehn Prozent zurückgegangen. Die Vögel vermehren sich nicht, wenn es an Wasser mangelt. Und der Lithiumabbau hat erst begonnen.

Periodisch dringt ein getragener Operngesang durch die Ausstellung. Er kommt aus der Videoinstallation im letzten Raum. Die rückwärts durch das Hochtal schreitende Frau im Schlangenkostüm singt – die Übersetzung liegt aus: "Mit der Vergangenheit vor uns/ Lasst uns gehen/ Und dort sehen, was kommen wird/ Wasser ...". Es ist ein getragener, langsamer Gesang voller Trauer. Eine Litanei, ein Gebet: "Wasser/ Hilf uns, dass wir Teil deines Kreislaufs sind/ Umschließe uns/ Wasser und Leben/ Vergib uns/ Mit der Wüste/ Verbinde uns/ Mit allen Wesen ...". Aber auch ein Protest: "Lasst uns unsere Stimmen erheben."

Die Schlange kündet von neuem Unheil

"Wie klingt das Weinen der Schlange?", fragt eine Stimme im Video. "Wie klingen Tränen, bevor sie trocknen?" Die Tränen der Schlange sind das salzhaltige Wasser. Das Geräusch, das beim Trocknen entsteht, erklingt aus den Schalltrichter-Blumen im anderen Raum. Das Weinen der Schlange klingt wie das getragene Lamento des Operngesangs. Die Ausstellung feiert die Schönheit des Lebens in dieser hoch gelegenen, trockenen Region und betrauert ihre Zerstörung.

"Heute wird dieser Landstrich auf der südlichen Hemisphäre von riesigen Bohrern verschlungen", hält die Stimme fest, "von Tentakeln ausgetrocknet, die Mineralien und irdische Flüssigkeiten aus seinem Kern pumpen." Lithium wird gebraucht für Akkus aller Art: für Laptops, Smartphones und Akkuschrauber, vor allem aber in großen Mengen für die Batterien der Elektroautos. "Vorbei sind die Tage, als die Schlange nur Erdbeben voraussagte. Nun muss sie auch die von Menschenhand verursachte Katastrophe verkünden."

"Das einzige, was ich mir erlauben könnte, von den Menschen zu verlangen, die glauben, dass es ihnen auf der anderen Seite der Welt außerordentlich gut geht", wendet Ilia Reyes Aymani im Videointerview ein, "in Ländern, die mit grüner Energie prahlen, wo sie sehr zufrieden sind mit ihrer Entwicklung und dem, was sie saubere Energiealternativen nennen, ist, sich daran zu erinnern, dass es auf der anderen Seite der Welt indigene Völker gibt, die verschwinden." Sie besteht darauf: "Wir alle haben das Recht zu leben."


Die Ausstellung "Wie klingt das Weinen der Schlange?" in der Villa Merkel, Esslingen, läuft bis 7. Juni und ist dienstags, mittwochs und freitags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags von 14 bis 20 Uhr und am Wochenende von 11 bis 18 Uhr.

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