KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

In Kooperation mit Theater Stuttgart

Schlag zurück!

In Kooperation mit Theater Stuttgart: Schlag zurück!
|

Datum:

Mit ihrem Roman "Die Wut, die bleibt" landete die österreichische Schriftstellerin Mareike Fallwickl 2022 einen feministischen Bestseller. Seine Aktualität und seine lakonische Sprache machen ihn fürs Theater interessant. Jetzt hatte am Stuttgarter Studio Theater eine neue Bühnenfassung Premiere.

Kulturelle Partnerschaft

Theater lebt vom Diskurs – auf der Bühne, im Publikum und in der Öffentlichkeit. Mit der Kooperation zwischen Theater-Stuttgart.de und Kontext:Wochenzeitung wird dieser Dialog künftig um eine spannende Facette erweitert. Theaterkritiker:innen von Kontext besuchen Premieren an den Stuttgarter Bühnen, veröffentlicht werden die Kritiken in Kontext und auf der Plattform Theater Stuttgart. Die Entscheidung, welche Premieren besucht und rezensiert werden, trifft Kontext als unabhängige Zeitung autonom.

Damit reagieren beide Partner auf eine seit Jahren laufende Entwicklung: In vielen großen Tageszeitungen wird der Platz für Theaterkritik immer kleiner, Premierenberichte verschwinden aus den Feuilletons und die Vielfalt des Stuttgarter Theaterlebens findet dort kaum noch Resonanz. Theater Stuttgart und Kontext möchten die künstlerische Arbeit der Stuttgarter Bühnen sichtbarer machen und sie mit journalistischer Qualität begleiten. (lee)

Im November 2024 gab es in der österreichischen Landespolitik einen bemerkenswerten Rücktritt: Der 41-jährige oberösterreichische SPÖ-Landesvorsitzende Michael Lindner zog sich aus der Politik zurück, weil ein Buch ihn zum Nachdenken über seine Vaterrolle gebracht hatte. Lindner verstand seinen Schritt auch als Signal: "Einerseits an die Politik, bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie an die eigene Vorbildwirkung zu denken", und andererseits an die Männer. Diese sollten sich als Väter die Aufgaben mit den Müttern teilen und nicht die ganze Care-Arbeit auf sie abladen, so Lindner gegenüber dem "Standard".

Beim besagten Buch handelt es sich um den feministischen, 2022 veröffentlichten Roman "Die Wut, die bleibt" der österreichischen Schriftstellerin Mareike Fallwickl. Er beginnt mit dem Suizid Helenes, einer Mutter dreier Kinder, die depressiv, überfordert, chronisch erschöpft vom Familienalltag sich während des familiären Abendessens vom Balkon in den Tod stürzt. Auslöser dafür ist ein Spruch ihres Mannes. Statt selbst aufzustehen und nachzuschauen, wirft er die Frage in den Raum: "Haben wir noch Salz?" Dieser passiv-aggressive Appell an seine Frau wirkt wie der berühmte Tropfen, der Fässer zum Überlaufen bringt.

Das Buch wurde zum Bestseller. Kein Wunder, pflegt die Autorin doch eine leicht zugängliche Sprache, die die Grundanliegen des Feminismus sehr direkt und treffend zu vermitteln vermag: lakonisch, gut getaktet, schmucklos, gespickt mit lebensnaher Derbheit. Eine Sprache, die sich sehr gut eignet für die Bühne. Und so erlebte der Roman schon ein Jahr nach seinem Erscheinen bei den Salzburger Festspielen seine Uraufführung. Jetzt kann man den Roman auch am Stuttgarter Studio Theater erleben. Die Regisseurin Lisa Wildmann verantwortet neben der Dramaturgin Daniela Urban auch die Spielfassung: eine angemessen gekürzte und verdichtete Bearbeitung, die die Spannungskurve straff hält.

Der Roman und seine Bearbeitung thematisieren pädagogisch wertvoll und dezidiert, was in der öffentlichen Debatte nach wie vor kaum eine Rolle spielt (und sich in den Corona-Lockdowns nochmals extrem verschärft hat): die von Frauen geleistete, unbezahlte Care-Arbeit in Sachen Familie, Haushalt, Kinder. Es geht um drei Frauen: Helene, die den Druck zwischen schlecht bezahltem Teilzeit-Bürojob und kotzendem Kleinkinderchaos nicht mehr aushält und sich umbringt. Ihre pubertäre Tochter Lola, die nach dem Suizid ihrer Mutter nach Ventilen für ihre Wut auf das patriarchale System sucht und sie findet. Und Sarah, Helenes beste Freundin (wie sie um die 40 Jahre alt), die nolens volens in die Rolle der Ersatzmutter und unbezahlten Haushaltshilfe hineinrutscht. Für Helenes Witwer bleibt derweil alles beim Alten: Er geht arbeiten, entzieht sich komplett der Verantwortung für die Kinder, die nun Sarah versorgt. Sie, selbstständig und eine erfolgreiche Krimiautorin mit eigenem Haus, gerät in dieselbe Care-Arbeitsfalle wie Helene.

Der Mann ist das "vierte Kind mit Bart"

Wildmann setzt in ihrer Inszenierung ganz auf die Mittel des Theaters, und das macht den Abend so stark. Das Bühnenbild von Klaus-Peter Platten ist abstrakt-pragmatisch: rechts und links durch Wände gerahmt, hinten drei Ausgänge, in der Mitte ein Laufsteg, der auch als Tisch benutzt wird, ein paar Sitzwürfel, wenig Requisiten. Brauchte Salzburg acht Darsteller:innen, so gelingt es dem Studio Theater, die Geschichte plausibel mit vier Frauen zu erzählen. Das junge Quartett stürzt sich spielwütig ins Geschehen, switcht zwischen den Rollen, die Männer gekonnt comedyhaft überzeichnend, ohne das Thema lächerlich zu machen, vielmehr dadurch zuspitzend: den schluffigen, konfliktscheuen Anzugträger Johannes (Alessandra Bosch), den Helene mal als ihr "viertes Kind mit Bart" bezeichnet hat, genauso wie den sportiv mit Hanteln hantierenden Leon, der sich um die Bedürfnisse seiner Partnerin Sarah einen feuchten Dreck schert, ihr lieber ständig den Hintern tätschelt, es als Heldentat ansieht, wenn er mal für sie kocht. Anna Angelini (Leon) und Stephanie Biesolt (Sarah) bringen eine bewundernswert gelenkige Küchentisch-Kopulation auf die Bühne. Viel Romantext wird performt, die Szenenfolge ist perfekt getaktet, die Übergänge zwischen Erzählung und Dialogen fluffig. Keine Sekunde Länge.

"Die Wut, die bleibt" bleibt aber nicht bei der Darstellung von Missständen stehen. Fallwickl will ja zum Widerstand aufrütteln, gegen das Patriarchat, das auf weiblicher Dauer-Verfügbarkeit und Aufopferung aufbaut. Mit Lola, Helenes 15-jähriger Tochter aus einer früheren Liaison, steht eine Generation im Zentrum, die vom bloßen Reden die Schnauze voll hat. Elena Wildmann spielt sie einfühlsam mit dünner Haut und emotional kurzer Lunte: Lola, die zwischen Trauerarbeit und pubertärer Selbstfindung, zwischen Wut und Verzweiflung über den Tod der Mutter Stück für Stück ihren Weg findet. Erst richtet sie die Wut gegen sich selbst, knallt ihren Kopf auf Tischplatten und gegen Wände. Dann beginnt der Denkprozess: Warum fand ihre Mutter keinen anderen Weg, als sich selbst zu töten? 

Lola setzt sich zur Wehr gegen Rollenzuschreibungen, begreift, dass das System Frauen im Stich lässt, auch weil Männer nach wie vor mehr verdienen. Ihr Weg ist speziell, dürfte aber fürs weibliche Publikum eine enorm kathartische Wirkung haben. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Sunny schließt sie sich einer Girl-Gang an, die sexuell übergriffigen Machos, Vergewaltigern und des Missbrauchs beschuldigten Lehrern auflauert und diese brutal verprügelt – in schwarzen Hoodies (Kostüme: Bettina Marx) und zu Nina Chubas “Rage Girl”. Die Gang ist überzeugt: Gegen männliche Gewalt hilft nur Gegengewalt. Die solidarische Kraft zwischen den vier Teenagerinnen entlädt sich in diversen wirkungsvollen Choreografien (von Anna Angelini). Etwa, wenn alle vier, den Körper in Angriffshaltung, dem Publikum frontal auf die Pelle rückt: böser Blick nach vorn, die Fäuste zum Tschack-Tschack erhoben. Skandierend: "Was einer von uns geschieht, geschieht uns allen!"

Weil Lola aber nicht nur zuschlägt, sondern auch mit Argumenten auftrumpfen kann, schafft sie es am Ende, auch die ältere Sarah zum Umdenken zu animieren. Die entzieht sich endlich ihrer vermeintlichen Kümmerpflicht, schmeißt ihren Lebensabschnittsgefährten aus dem Haus und wechselt sogar ihr Schreibsujet. Denn Psychokrimis, so Lola, beförderten die Normalisierung von Femiziden.

"Die Wut, die bleibt" springt an diesem Abend schnell über aufs Publikum. Jede:r weiß ja, dass die Fakten stimmen, die dort auf der Bühne diskutiert werden. Unzählige Statistiken unterstreichen das. Braucht es wirklich Gewalt, um die für Frauen so prekären Zustände endlich zu ändern? Lassen sich Care-Arbeitsteilung, gleiche Löhne und gleichberechtigte Partnerschaften nicht auch anders erreichen? Ein prima Diskussionsstoff – auch für Schulklassen.


"Die Wut, die bleibt" im Studio Theater, Hohenheimer Straße 44, 70184 Stuttgart – Termine und Karten gibt's hier.

Wir brauchen Sie!

Kontext steht seit 2011 für kritischen und vor allem unabhängigen Journalismus – damit sind wir eines der ältesten werbefreien und gemeinnützigen Non-Profit-Medien in Deutschland. Unsere Redaktion lebt maßgeblich von Spenden und freiwilliger finanzieller Unterstützung unserer Community. Wir wollen keine Paywall oder sonst ein Modell der bezahlten Mitgliedschaft, stattdessen gibt es jeden Mittwoch eine neue Ausgabe unserer Zeitung frei im Netz zu lesen. Weil wir unabhängigen Journalismus für ein wichtiges demokratisches Gut halten, das allen Menschen gleichermaßen zugänglich sein sollte – auch denen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben. Eine solidarische Finanzierung unserer Arbeit ermöglichen derzeit 2.500 Spender:innen, die uns regelmäßig unterstützen. Wir laden Sie herzlich ein, dazuzugehören! Schon mit 10 Euro im Monat sind Sie dabei. Gerne können Sie auch einmalig spenden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Write new comment

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!