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Elke Twiesselmann

Ein Leben im Hier und Jetzt

Elke Twiesselmann: Ein Leben im Hier und Jetzt
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Die große Schauspielerin Elke Twiesselmann ist gestorben. Sie wurde 94 Jahre alt. Aktiv und neugierig bis zuletzt, hat sie den Jüngeren ein bisschen die Angst vorm Alter genommen.

Wenn jemand die 100 gesund und fit überschreitet, dann Elke Twiesselmann. Es ist keine drei Jahre her, da sah ich die Schauspielerin auf der Bühne behände und gelenkig über Tische und Stühle klettern und unten durchkrabbeln. Da war sie schon Anfang 90 und spielte an der Esslinger Landesbühne Goethes "Faust I" – in einer Version für zwei Schauspielerinnen. Übernahm deshalb gleich mehrere Rollen: natürlich den Mephisto, aber auch Wagner, Gretchen, den geschlechtsneutralen Erdgeist und ... und ... und ... – "transgender und transage" eben, wie sie es selbst up to date ausdrückte. Twiesselmann performte eine riesige Textmenge. Darunter ausgerechnet den Mephisto, der Faust seine Jugend zurückvermittelt. Pfffff! Hätte Twiesselmann selbst nicht nötig gehabt, so einen Pakt mit dem Teufel.

Wenn man sie im Stuttgarter Schauspielhaus nach Premieren mit einem Glas Rotwein in der Hand im Foyer traf und sie den Abend gelungen fand, dann glänzten und blitzten ihre blauen Augen wie die einer Jungen. Eleganz und Würde strahlte sie aus, ja, eine Grand Dame wie sie im Buche steht. Immer schick und ein bisschen extravagant gekleidet, von schlanker, aufragender Gestalt. Eine imposante Erscheinung, wie man so schön sagt. Und mit einer sehr klaren Diktion. Das Alter stand ihr gut. Aber sie war keine Diva, weil nahbar und den Menschen zugewandt. Es war stets ihr Gegenüber, das sie interessierte. Von sich hat sie selten gesprochen, blickte nicht zurück. Sie lobte gerne, aber nur, wenn es ihr wirklich gefallen hat. Eine rare Eigenschaft. Sylvana Krappatsch, eine Kollegin vom Stuttgarter Schauspiel, erinnert sich, wie wunderbar es war, wenn diese nach der Premiere zu ihr gekommen sei und in ihrer unnachahmlichen Art gesagt habe: "Sylvana, das war heute ganz grrroooooßartig!" Da sei sie gleich zwei Zentimeter gewachsen, sagt sie und lacht. Twiesselmann war in dieser Hinsicht alte Schule. Sie hatte ja die Zeit noch miterlebt, als große Schauspielerinnen, die große Partien spielten, auf Händen getragen wurden. Und jetzt feierte sie eben die Kollegin. "Ihr Lob adelte", sagt diese. Denn war Twiesselmann unzufrieden mit dem Abend, dann kam sie auch nicht.

Ein paar der jüngsten Theaterentwicklungen sah Twiesselmann durchaus kritisch: "Wenn es keine Rollendarstellung und keine Geschichte mehr gibt, wenn ein Regisseur nur noch seine privaten Assoziationen zum Stoff ausstellt, dann ist das ein unerträglicher Hochmut gegenüber dem Publikum", sagte sie einmal in einem Interview in der "Eßlinger Zeitung". Und langweilen wollte sie sich auch nicht. Ich traf sie mal in der Pause eines Konzerts, da verzichtete sie gähnend auf die zweite Hälfte und verließ die Liederhalle. Mit schlechter Musik wollte sie ihre Zeit nicht vergeuden.

Ab 70 wurden die Rollen interessanter

Stand Twiesselmann selbst auf der Bühne, gab sie immer 100 Prozent. Ihre penible Rollenvorbereitung ist legendär. Man sei ja nicht mehr 80, pflegte sie zu sagen. Während der Proben imponierte sie "durch Disziplin und Körperbeherrschung", berichtet Krappatsch, die bewundert, dass Twiesselmann trotz hohen Alters acht Stunden Probe-Marathon klaglos durchgezogen hat. Mitreißend sei "ihre Offenheit, Neugierde, ihre Begeisterungsfähigkeit, Spiellust und Demut" gewesen, sagt sie.

Wenn man Twiesselmann fragte, wie sie es in ihrem Alter noch schaffe, so fit und gelenkig zu sein, reagierte sie allerdings indigniert. Sie sagte dann, nur weil sie alt sei, müsse sie ja nicht gleich am Krückstock gehen. Auf ihr Alter reduziert zu werden, das mochte sie gar nicht.

Es seien die "freundlichen Gene", pflegte sie dann aber auch zu sagen. Doch es war auch sehr viel Disziplin im Spiel: Schwimmen, Sauna, Fahrradfahren, jeden Morgen Yoga – vor allem Schulterstand und Pflug, verriet sie mal –, noch mehr aber Tai Chi, die meditative Kampfkunst, mit der sie sich auch auf Proben und Auftritte vorbereitete. So erinnert sich Krappatsch, wie Twiesselmann während der Vorstellungen "wie ein Geist im Dunklen der Hinterbühne stand und mit Tai-Chi-Übungen neue Energie für ihren nächsten Gang auf die Bühne sammelte".

Alter hin oder her. Junge sieht man viele auf der Bühne, Alte sind dort rar. Die Alten werden auf der Bühne meist von Jüngeren gespielt. Von daher beklagte Twiesselmann zwar, dass es so wenige gute Rollen für ihre Altersgruppe gebe. Andererseits lobte sie die Zeit zwischen 80 und 90 auch als ihre beste. Überhaupt: Ab 70 kamen die interessantesten Angebote. Wer wollte sich die Chance auch entgehen lassen, diese Frau zum Einsatz zu bringen? Sie war gefragt. Nicht nur an den Theatern in Stuttgart und Esslingen. Auch in Heidelberg und Mannheim. Und jahrelang war sie als alte Papagena an der Stuttgarter Oper zu erleben.

2018, also mit 91, wurde sie sogar nochmal festes Ensemblemitglied am Stuttgarter Staatsschauspiel. Man sah sie dort als markig-steinalte Amme Kilissa und als archaische Furie in der "Orestie", und in "Bernarda Albas Haus" spielte sie die Maria Josefa, die von ihrer bösen Tochter weggesperrt wird, weil die sich für ihre alte Mutter schämt. Wirr fantasierend und doch Wahres aussprechend, geistert Maria Josefa immer wieder durchs Bild. Mit einem zerknitterten Brautschleier auf dem Kopf will sie aus ihrem Gefängnis fliehen und sich einen Bräutigam suchen. Twiesselmann war ein Geschenk für solche Rollen: zerbrechlich, halb nackt, strahlt ihre Maria Josefa doch Kraft aus, schien den Dingen enthoben. Eine Närrin á la Shakespeare, sehr berührend.

Einmal durch Deutschland gespielt

Twiesselmann wurde 1927 in Hamburg in eine bürgerliche Familie hineingeboren. Theater stand nicht auf der Agenda der Familie, aber die Mutter war literaturbegeistert und Inhaberin einer eigenen großen Bibliothek. Twiesselmanns beruflicher Start war schwer nach den kulturfernen Zeiten, nach Krieg und Fluchterfahrungen. Ihr Bruder, der Älteste von fünf Geschwistern, war gefallen. Nach dem Krieg studierte sie zunächst Literatur und Kunstgeschichte an der Universität in Hamburg, wechselte aber nach drei Semestern zum Schauspielstudium an die dortige Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Stürzte sich danach in das unstete Leben einer Theaterschauspielerin. Nicht länger als zwei Jahre blieb sie jeweils an den Häusern: Vom niederrheinischen Rheydt ging es über Braunschweig, Flensburg nach Wiesbaden, bis sie am Schauspielhaus Bochum für zwölf Jahre ihre künstlerische Heimat fand. Sie spielte dort jugendliche Liebhaberinnen und Charakterrollen, die Winnie in Becketts "Glückliche Tage" etwa – neben der Hekabe in Euripides’ "Troerinnen" ihre Lieblingsrolle – oder Schillers Maria Stuart. 1972 wechselte sie für drei Spielzeiten ans Stuttgarter Staatsschauspiel. Es folgten weitere Engagements in Basel und Frankfurt, bis sie schließlich den Schritt in die Freiberuflichkeit wagte. Unabhängigkeit war ihr lebenswichtig, auch im Privaten. Niemals hätte sie ihren Beruf für eine Ehe aufgegeben. Sie blieb Stuttgart treu, fand hier ihre neue Heimat.

Neben ihren Theaterengagements arbeitete sie auch gelegentlich fürs Fernsehen, außerdem als Sprecherin für zahlreiche Hörfunk-Produktionen. Sie unterrichtete fast ein Vierteljahrhundert lang als Rollenlehrerin an der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst – bei den Studierenden hochgeschätzt und beliebt. Bis zuletzt blieb sie der Hochschule verbunden und besuchte die Werkstattaufführungen der Studierenden. Sie war auch eine fantastische und viel gefragte Rezitatorin. Ich habe sie mal Dante deklamieren gehört aus dem "Inferno", dem ersten Teil der "Göttlichen Komödie", in dem der Dichter sich im Wald verirrt, dort auf seinen Retter Vergil stößt, der dem Totenreich entstiegen ist und Dante nun in die Hölle führt. Ein Text wie für Twiesselmann geschaffen: Sie rezitierte mit tiefer, bebender Stimme und viel Pathos. Beeindruckend!

Natürlich: Wie jedes Theatertier wäre Twiesselmann gerne auf der Bühne gestorben, während einer Vorstellung. Nein, besser hinter der Bühne. Vor aller Augen, das wäre ihr peinlich gewesen. Für eine Hamburgerin schicke sich das nicht, erzählt eine gute Freundin Twiesselmanns, die auch aus dem Norden stammt: "Aber hinter der Bühne einfach umzufallen, das wär’s gewesen. Und dann wäre der Intendant auf die Bühne gegangen und hätte gesagt: Leider ist Frau Twiesselmann soeben gestorben. Wir müssen die Vorstellung abbrechen." So hatte es sich Twiesselmann vorgestellt.

Aber nun ist es anders gekommen. Am Ende hat auch bei ihr das Alter zugeschlagen. Ihr Herz wurde schwächer, die Pumpe machte nicht mehr mit. Inoperabel. Die letzten Monate konnte sie ihre Wohnung in Stuttgart-Feuerbach nicht mehr verlassen, zu lang und beschwerlich die 100 Stufen hinauf in ihre Wohnung. Ihr Fahrrad (ihr "Rollator", wie sie es selbstironisch nannte), mit dem sie regelmäßig durch die Gegend gesaust war, mit wehendem Kleid und großem Hut, ob zur Probe, ins Theater, ins Leuze, musste seinen Dienst beenden. Ihr großer Freundeskreis kümmerte sich liebevoll um sie.

Es ist typisch für Twiesselmann, dass sie auch noch in dieser Zeit für eine Sprechrolle angefragt wurde: für die Mannheimer Produktion "Kill Baby", als Stimme aus dem Off. Das Theater kam für die Aufnahme zu ihr. Wenige Wochen vor ihrem Tod. "Stell dir vor", erzählte sie der Freundin, "ich bin nicht die Großmutter, ich bin das Hochhaus!" Nach der Premiere vor zwei Wochen las man im "Mannheimer Morgen": "Das Hochhaus, in dem die Männer stumm sind, kann sprechen. Elke Twiesselmanns große Sprechkunst gebiert aus einem lichtumflorten Lautsprecher wohlig Heimatliches aus dem sozialen Wohnungsbau, wo ein zwischen defektem Fahrstuhl und Müllschlucker gerauntes '15 Uhr 34 am Glascontainer' noch eine echte Verheißung von Glück ist."

Sie habe nie geklagt, erzählt die Freundin, eine Hanseatin tue das nicht. Gestorben ist Elke Twiesselmann am 28. September an den Folgen eines Sturzes. Sie wird fehlen.


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