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"Cash Truck"

Homophobe Ballermänner

"Cash Truck": Homophobe Ballermänner
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Guy Ritchies gewaltgeiler Action-Thriller "Cash Truck" ist ein ironiefreies Macho-Machwerk, in dem der von Jason Statham gespielte Held mit steinerner Miene seinen Sohn rächen will. Frauen haben in diesem Film nichts zu suchen.

Hatten wir schon vorher so eine Scheißlaune? Oder baute sich die erst auf während der Pressevorführung von "Cash Truck"? Statt uns zu freuen, dass im Kino endlich wieder was los ist, haben wir diesem Film jedenfalls schon nach wenigen Minuten immerwährende Quarantäne gewünscht. Auf die Nachfrage der Presseagentur, wie uns dieser Thriller, der sich in die Genres Heist-Movie – also Geschichten um Raubüberfälle – und Rächerstory hineininszeniert, denn gefallen habe, fiel uns als Antwort zunächst nur ein, dass homophobe Muskelmänner, die aus großkalibrigen Waffen ejakulieren, nicht mehr so unser Ding seien. Und jetzt, mit ein bisschen Abstand, fragen wir uns natürlich, ob sie das je waren.

Und so können wir es leider nicht mit unserer Antwort an die Presseagentur bewenden lassen, sondern müssen uns eben doch mit diesem Film von Guy Ritchie auseinandersetzen, der mit britischen Gangsterstorys wie "Bube, Dame, König, Gras" (1998) oder "Snatch" (2000) bekannt wurde, am allerbekanntesten aber wohl, als er im Jahr 2000 Madonna heiratete, von der er 2008 wieder geschieden wurde. Guy Ritchie also, großer Fan der Martial Arts und selber Träger eines schwarzen Gürtels in Karate. Er gibt sich als geerdeter Kumpeltyp, stammt aber aus der Oberschicht. Neben ihm am Pub-Tresen grölt also eher Boris Johnson rum als ein Proletarier aus dem East End.

Very very old school

In seinen frühen Buddy-Movies kreiert der Tarantino- und Leone-Fan eine Londoner Unterwelt, in der sich ein Arsenal bisweilen skurriler Macho-Cockney-Typen gegenseitig in die Mangel nimmt. Die extreme Gewaltgeilheit tarnt sich dabei als makabrer Humor. Der in Los Angeles spielende "Cash Truck" dagegen gibt sich sehr, sehr ernst. "Verheiratet. Geschieden." – so lauten die ersten zwei dunkel hervorgeraspelten Worte des stoischen Helden (Jason Statham), genannt "H", als er bei einer Geldtransporterfirma anheuert. Tatsächlich hat er vor, seinen bei einem Überfall getöteten Sohn zu rächen. Jawohl, das war ein Spoiler. Aber was soll's, der Trailer spoilert ja auch.

"Bereit", so lautet das jetzt schon dritte Wort. Wenn dieser Kerl mit dem Steingesicht mal bloß nicht geschwätzig wird! Aber jetzt, als er seinen neuen Arbeitsplatz kennenlernt, so eine Art dämmrige Fabrikhalle in Fahlblau mit Umkleideräumen, Spinden und Billardtisch, sind die anderen mit Sprüchen dran. Gestählte Männer mit breitbeinig wiegendem Gang und Ich-hau-dir-gleich-in-die-Fresse-Blick, die mit Du-bist-wohl-schwul-Provokationen um sich schmeißen oder an der Stubenreinheit der Kollegen zweifeln: "Hast du dir in die Windel gekackt?" Also old school. Very old school. So dass es nach Testosteron dünstet, als habe dort die Calwer KSK-Truppe trainiert.

Aber Moment mal! Es kommen in diesem Film auch zwei Frauen vor! Die eine als Kollegin des Helden, die sich machomäßiger gibt als die meisten Machos. Und die andere als Ex-Frau des Helden, die zu diesem sagt, und wir zitieren mal das Original: "You are a cold, cold cunt!" Was stimmt. Danach aber hat diese Frau keinen Platz mehr in so einem Film, der jetzt wieder Männern beim Männer-Sein zuschaut. Guy Ritchie holt auch noch Verstärkung, eine Clique von Söldnern raubt nun in einem parallelen Erzählstrang Geldtransporter aus, und als ihnen des Helden Sohn zufällig in die Quere kommt, na, da ist dieser auch schon tot und kann jetzt gründlich gerächt werden.

Pappfiguren, die finale Schüsse absondern

Dieser Sohn ist uns übrigens scheißegal, weil er ja keine echte Person ist, sondern nur ein Vorwand, um die Tötungsorgie des Papas zu rechtfertigen. Auch der ist nur eine Pappfigur, die sich allerdings metallisch-maschinenhaft bewegt und dabei finale Schüsse absondert. Der große Action-Regisseur Sam Peckinpah hat mal gesagt, bevor es an die Action gehe, müsse man Charaktere etablieren. Und auch in legendären Unterwelt-und-Rächer-Filmen wie "Get Carter" von Mike Hodges (1971) oder "Point Blank" (1967) von John Boorman – der eine Film britisch, der andere von einem britischen Regisseur gedreht – ist Gewalt nicht als vom Zuschauer zu genießender Selbstzweck inszeniert, sondern als Problem des Helden.

Komplexität aber ist Guy Ritchies Sache nicht. Allerdings gaukelt er sie zumindest dramaturgisch vor, indem er immer wieder in der Zeit hin- und herspringt – "Vier Monate früher", "Zwei Wochen später" und so weiter und so ermüdend fort – und neue Erzählstränge anfügt. Und mit diesen immer mehr Männer. Ballermänner, die sich zum Verwechseln ähneln. In dieser hermetischen Welt rumort ein höllischer Soundtrack, es knallt und brummt und zischt, so dass wir uns fast nach einem ruhigen Urlaub auf der S-21-Baustelle sehnen. Ach ja, ein bisschen Torture Porn bietet Ritchie auch noch, bei seiner Mördersuche lässt er Hinweise herausfoltern, Ritschratsch hat einer eine Plastiktüte überm Kopf. Und weil er immer noch schweigt, ist eben dessen Freundin dran.

Andere wurden wohl schon gefoltert, einer liegt nackt und gefesselt in der Ecke. Aber die sind alle Mitglieder einer bösen Drogendealer- und Zuhältergang, so dass "H" jeden einzelnen im Vorbeigehen liquidiert, so emotionslos, als würde er das Küchenlicht ausknipsen. Scheiße nochmal. Wir sind immer noch schlecht gelaunt. Also Schluss jetzt mit diesem Machwerk. Nur noch zwei Sätze: "Cash Truck" ist nicht nur ein Film mit Toten, "Cash Truck" ist ein toter Film. Und was die Ex-Frau des Helden über diesen gesagt hat – siehe oben –, das trifft wohl auch auf Guy Ritchie zu.


Guy Ritchies "Cash Truck" ist ab Donnerstag, 29. Juli in deutschen Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.


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6 Kommentare verfügbar

  • Jensd Peine
    am 07.08.2021
    Antworten
    Ob die Darsteller homophob sind- Auslegungssache! Für geneigte Zuschauer, die sich durch die im vorgestellten Film gezeigten Lösungswege inspirieren lassen, kann es schon homophob enden. Was will ein Richter denn auch anderes verkünden, als mehrere Jahre Schrankdienst. Meines Wissens gibt es ja…
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