KONTEXT:Wochenzeitung
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Soundtrack zur Krise

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Als Plattenladenbesitzer hat man es in Zeiten des Streaming-Wahnsinns ohnehin schwer. Die Corona-Maßnahmen machen's nicht einfacher. Vinyl-Händler Tobi Ettle hat seine gute Laune dennoch nicht verloren. Und für Kontext eine Playlist zur aktuellen Lage zusammengestellt.

Hamsterkäufe bei Vinyl-Platten? Nein, sagt Tobi Ettle und lacht, das habe es bei ihm nicht gegeben. Vielleicht, weil das nicht ganz seiner Klientel entspricht, DJs, passionierte und eher spezialisierte Plattensammler, vielleicht auch, weil es einfach zu schnell ging. Am Freitag, den 13. März, hatte er sich entschlossen, in der folgenden Woche seinen Laden erst ab 18 Uhr zu öffnen, weil er vorher Kita-Ersatz für seine fünfjährige Tochter spielen musste. Dann war schon der Dienstag in jener Woche, der 17. März, sein letzter Öffnungstag, kurz bevor er ohnehin wie alle Läden hätte schließen müssen, die nicht lebensnotwendige Güter verkaufen.

Das mit dem "lebensnotwendig" würden wiederum seine Kunden vermutlich anders sehen. Mit seinem Laden "Pauls Musique" ist Ettle ein direkter Nachbar von Kontext, untergebracht im angrenzenden Haus, Hauptstätterstraße 59 in Stuttgart. Klein und vollgestopft, ein Paradies für Vinyl-Freaks, die hier nicht nur Tonträger (übrigens auch CDs, Kassetten und Schellack-Platten) kaufen können, sondern auch Zubehör wie Bürsten oder Reinigungssprays, außerdem T-Shirts, Taschen und sogar gebrauchte Plattenspieler, Bandmaschinen und Verstärker. Ein bisschen so, wie man sich in Nick Hornbys "High Fidelity" den Laden von Romanheld Robert Fleming vorstellt, der ständig Top-Five-Listen aller möglichen Kategorien aufstellt.

Wie wird man eigentlich zum Plattenhändler? Ein klassischer Ausbildungsberuf ist es ja nicht. Ettle lacht. "Ich war auf einem musischen Gymnasium", sagt er, "und Platten gesammelt habe ich auch schon immer." Und dann gab es 1998 diese Gelegenheit, in einem leer stehenden Geschäft auf dem Stuttgarter Kleinen Schlossplatz einen Plattenladen zu eröffnen. Ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte.

Angefangen hat Ettle als Journalist

Spätgeborenen muss man hier etwas erklären: Der Ende der 1960er geschaffene Kleine Schlossplatz galt spätestens in den Neunzigern wegen seiner Beton-Tristesse eher als städtebaulicher Schandfleck, die hier herumhängenden Junkies taten ein übriges, dass viele der früheren Ladenbesitzer flohen – und eine Nische für die Subkultur entstand. Ab 1995 gab es im ehemaligen "Kartenhäusle" die Bar "Pauls Boutique", benannt nach einem frühen Album der US-HipHopper Beastie Boys. Und zwei Mitarbeiter dieser Bar waren dann Mitgesellschafter des neuen Plattenladens – so kam's zum Namen "Pauls Musique".

"Ich weiß gar nicht mehr, wer als erstes die Idee hatte", sagt Ettle. Durch ihre Nachbarschaft hätten sich die beiden Orte jedenfalls "gegenseitig befruchtet": Ettle legte als DJ regelmäßig in "Pauls Boutique" auf, andere DJs kamen zum Plattenkaufen. Gut drei Jahre blieb er hier, musste dann 2002 wegen der beginnenden Abriss- und Bauarbeiten für das neue Kunstmuseum raus. Erst zog Ettle mit seinem Laden in die Nesenbachstraße 48 im Gerberviertel, in gemeinsamen Räumen mit dem Designermöbelladen "Unternehmen Form" – wobei die recht unterschiedliche Klientel nach einiger Zeit eine abgetrenntere Struktur nötig gemacht habe. Und 2010 ging es dann in die Hauptstätter Straße, bis heute.

Platten zu verkaufen war freilich nicht Ettles erste berufliche Station. Der stets gut gelaunt wirkende 49-Jährige ist ausgebildeter Zeitungsredakteur, hatte Anfang der Neunziger, kurz nach seinem Abi, ein Volontariat gemacht bei der "Märkischen Oderzeitung" in Frankfurt/Oder, blieb danach noch als Redakteur, "insgesamt waren es zweieinhalb oder drei Jahre". Doch irgendwie war es doch nichts für ihn, er begann in Eichstätt ein Germanistik-Studium, das aber unvollendet blieb. Ettle zog wegen seiner Freundin nach Stuttgart – und dann kam "Pauls Musique".

Verändert hat sich über die Jahre nicht nur der Standort des Ladens: Auf dem Kleinen Schlossplatz waren es rund hundert Quadratmeter, in der Nesenbachstraße nur noch knapp 70, jetzt in der Hauptstätterstraße sind es gerade mal noch 29,5 Quadratmeter. "So ist das eben in Zeiten des Streaming-Wahnsinns", sagt Ettle und lacht. Ab 2000 gehörte zu Pauls Musique auch das kleine Label Philpot Records, das aber im vergangenen Jahr mit Veröffentlichung Nummer 75 eingestellt wurde. Und zwischendurch betrieb er auch eine kleine Booking-Agentur für DJs, aber auch das ist mittlerweile, von gelegentlichen Ausnahmen abgesehen, zum Erliegen gekommen.

Früher nur Elektronisches – das ginge heute nicht mehr

Verändert haben sich aber auch die Kundschaft und das Angebot im Laden. Anfangs war das rein elektronische Musik, House, Techno, die ganze Dance-Schiene, aber schon damals gerne mit Überschneidungen zu Jazz, Soul und Funk. Seit dem Umzug in die Hauptstätterstraße kamen dann verstärkt Indie und Alternative Rock ins Angebot. "Das liegt auch daran, dass ich nach 20 Jahren wieder dahin zurück will", sagt er, das seien seine Wurzeln, "aber ich könnte auch finanziell nicht überleben, wenn ich diesen Bereich nicht anbieten würde."

Apropos überleben: Das ist für ihn wie für viele andere Einzelhändler und Solo-Selbständigen gerade ziemlich schwierig. "Ich habe schon kurz nach der Schließung durchgerechnet, wie lange es finanziell noch geht", sagt Ettle, und für tolle Stimmung hat das auch bei einem notorisch gutgelaunten Menschen wie ihm nicht gerade gesorgt. Die von der Bundesregierung angebotenen KfW-Kredite kommen für ihn nicht in Frage, denn es sei in seinem Metier illusorisch, diese je zurückzahlen zu können. Besser dagegen: Die nicht rückzahlbare Soforthilfe des Landes für Solo-Selbstständige, die hat Ettle bereits beantragt – "das, was ich für drei Monate an Grundsicherung brauche" – und bekommen. Vor diesem Hintergrund ist er guten Mutes, seinen Laden, wenn irgendwann die Corona-Maßnahmen zurückgefahren werden, wieder aufmachen zu können: "Davon gehe ich aus."

Die Grundstimmung ist also schon mal deutlich besser als die von Ettles eher genervten und antriebslosen Roman-Kollegen Robert aus "High Fidelity". Top-Five-Listen für alle Lebenslagen kann er aber wie dieser locker aus dem Ärmel schütteln. Auf Wunsch von Kontext gibt es hier jetzt Tobi Ettles kurz kommentierte Top Five zur Apokalypse, pardon, Corona-Krise – stilistisch denkbar breit gefächert von Neuer Musik bis Thrash Metal:

1. Irmin Schmidt – Klavierstück I (Irmin Schmidt – 5 Klavierstücke, Spoon Records 2018)
Das zuletzt erschienene Album des "Founding Member Of Can" ist kühn reduziert und erzeugt eine dunkle, vorahnungsvolle Stimmung – nicht nur aus aktuellem Anlass sehr empfehlenswert.

2. Tom Raybould – Birth (Tom Raybould – The Machine/OST, WRWTFWW Records 2020)
Schaurig-schön und sozusagen die elektronische Weiterführung von Klavierstück I.

3. Sqürl – The Dead Just Don't Wanna Die Today (Sqürl – The Dead Don't Die/OST, Sacred Bones Records 2019)
Auch top-aktuell: Jim Jarmuschs Beitrag zum Thema Corona … ähh ... Zombie-Dystopie.

4. Slayer – Repentless (Slayer – Repentless, Nuclear Blast Records 2015)
"... Live fast, on high / Repentless, let it ride ..."

5. Autechre – Reniform Puls (Autechre – Draft 7.30, Warp Records 2003)
Oder um es mit Douglas Adams zu sagen: Don't Panic!


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