KONTEXT Extra:
Noch ein Versuch: BI Neckartor vor dem Staatsministerium

Am kommenden Dienstag, den 21. November um 11.45 Uhr, unternimmt die Bürgerinitiative Neckartor einen zweiten Anlauf, der Landesregierung ihre Forderungen zur Umsetzung des gerichtlichen Feinstaub-Vergleichs zu übergeben. Der erste Versuch Anfang Oktober, schriftlich und mit Nachdruck daran zu erinnern, dass sich Grün-schwarz verpflichtet hat, ab dem 1. Januar 2018 bei Feinstaubalarmtagen das Verkehrsaufkommen am Neckartor um 20 Prozent zu reduzieren, war kläglich an den geschlossenen Gittertoren gescheitert. Niemand aus dem Stab von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) fand sich bereit, den Appell entgegenzunehmen.

Peter Erben, der Sprecher der Bürgerinitiative, kritisiert erneut, dass die Landesregierung den im April 2016 geschlossenen Vergleich nicht mehr erfüllen will: "Das bedeutet ja, dass hier versucht wird, die Umsetzung einer rechtskräftigen, vollzugsfähigen gerichtlichen Entscheidung zu verhindern, indem sie in der Sache nicht handelt." Die Verantwortlichen hätten trotz ihrer Selbstverpflichtung fast zwanzig Monate verstreichen lassen, ohne ein entsprechendes Handlungskonzept zu erarbeiten. Die Landesregierung lasse "die betroffenen Menschen in Stuttgart einfach im Stich und drückt sich durch vorsätzlichen Rechtsbruch davor, Verantwortung zu übernehmen".

Die Anwohner versuchen, per Zwangsvollstreckung ihr Recht auf Schutz vor Luftverschmutzung durchzusetzen. "Das ist ein unerträglicher, ja skandalöser Vorgang", sagt Erben. Die Bürgerinitiative Neckartor fordere "daher Ministerpräsident Kretschmann auf, diese unwürdige und verantwortungslose Vorgehensweise unverzüglich zu beenden". Verlangt wird, "die verletzte Rechtstreue unverzüglich wiederherzustellen" und die Verkehrswende in der Landeshauptstadt "unverzüglich einzuleiten".


Kontext beim IMI-Kongress in Tübingen

Heer, Luftwaffe, Marine – das waren bisher die drei Abteilungen der Bundeswehr. Seit diesem Jahr gibt es noch eine vierte: das Kommando Cyber- und Informationsraum. 260 Mitarbeitende sind dort zugange, im nächsten Jahr kommen nochmal 140 dazu. Auch Nato und EU rüsten netztechnisch massiv auf, um sogenannten hybriden Bedrohungen zu begegnen. Dabei geht es nicht nur um den Einsatz von Kommunikations- oder Überwachungstechnik, sondern auch um die gezielte Beeinflussung öffentlicher Meinung. Der Cyberspace wird mehr und mehr zum Einsatzgebiet des Militärs, das Internet zum Schlachtfeld um Wahrheiten und Realitäten.

Unter dem Titel "Krieg im Informationsraum" geht die Informationsstelle Militarisierung (IMI) in Tübingen auf ihrem jährlichen Kongress am kommenden Wochenende diesen Themenkomplex an. In Vorträgen und Diskussionen werden Strategien und Akteure vorgestellt und analysiert, es wird um mediale Schieflagen gehen, um Leaks als Instrument der Geopolitik, um Geheimdienste und die Konstruktion von Wirklichkeit, um die Frage, was als "Strategische Kommunikation" bezeichnet wird und was als "Propaganda". Welche Rolle spielen Soziale Medien? Und wer verdient überhaupt am Cyberkrieg?

Die Kontext-Autorin Anna Hunger ist am Sonntag zu Gast auf dem Podium zur Abschlussdiskussion und wird mit Moderatorin Claudia Haydt (Linke), einem Ad-Busting-Aktivisten aus Berlin, dem Politikwissenschaftler und Friedensaktivisten Tobias Pflüger und Pia Masurczak vom Radio Dreyeckland über "Widerstand im Zeitalter von Cyberwar und Strategischer Kommunikation" sprechen.

Kongressauftakt ist am Freitagabend, 17. November, in der Hausbar der Schellingstraße 6 in Tübingen, die beiden Kongresstage Samstag, 18., und Sonntag, 19. November, finden im Schlatterhaus in der Österbergstr. 2 statt. Das Program gibt's unter diesem Link. (15.11.2017)


Veränderungen im Polizeigesetz errungen

Geht doch: Gegen den erklärten Willen von Innenminister Thomas Strobl (CDU) haben sich die beiden Regierungsfraktionen mitten im bereits laufenden Verfahren auf Änderungen im umstrittenen Polizeigesetz verständigt. Wie von den Grünen verlangt, werden einzelne Passagen, etwa zum Einsatz von Staatstrojaner präzisiert. Sogar CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart lobte die "intensive Fließarbeit". Die habe auch die "Handlungsfähigkeit" der Koalition unterstrichen.

Tagelang war hinter den Kulissen gerungen worden, nicht nur zwischen Grünen und CDU oder mit der Opposition, sondern vor allem auch mit dem Innenministerium. Nach einer Expertenanhörung im Landtag, in dem vor allem Verfassungsrechtler und Datenschützer scharfe Kritik an dem Gesetzentwurf geübt hatten, wollte Strobl alle Änderungen verhindern. Jetzt bleibt dem CDU-Landesvorsitzenden, der das schärfste aller Polizeigesetze bundesweit versprochen hatte, nur, die Verständigung der Regierungsfraktion zur Kenntnis zu nehmen. "Entscheidend für mich ist, dass das keine Änderungen an der Substanz des Gesetzes gibt", sagt der Innenminister jetzt.

Eine Einschätzung, die allerdings selbst in seiner eigenen Fraktion nicht geteilt wird. Reinhart erläuterte, dass Fristen konkretisiert oder die Einsatzmöglichkeiten durch eine schärfer "Erheblichkeitsschwelle" verändert wurden. Und die Grünen, die das Paket am Dienstag ohne Gegenstimme in der Fraktion passieren ließen, rüsten sich für die nächste Auseinandersetzung. Von Strobl, der bei den Verhandlungen seit dem Frühjahr kein einziges Mal (!) persönlich anwesend war, ist bekannt, dass er zur Terrorabwehr und gegen die Organisierte Kriminalität auch Staatstrojaner zur Online-Durchsuchung von Smartphones oder Rechnern einsetzen will, was der Koalitionspartner strikt ablehnt. (14.11.2017)


Kampf gegen "reaktionäre Bildungskreise"

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) stemmt sich gegen die schleichende Rückabwicklung der gut 300 Gemeinschaftsschulen im Land. Die wird von der CDU vorangetrieben und von den Grünen, bekanntlich der größere Regierungspartner, praktisch kampflos hingenommen. Die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz hat auf einer Tagung am Wochenende in Stuttgart dagegen daran erinnert, dass Gemeinschaftsschulen noch immer eine Schulart im Aufbau sei, deren "Akzeptanz bei den Eltern", aber auch deren "Qualität und die pädagogische Attraktivität in den vergangenen fünf Jahren von Jahr zu Jahr gewachsen ist".

CDU-Bildungspolitiker versuchen seit Schuljahresbeginn, den Niedergang zu belegen. Etwa mit dem Argument, dass die Hälfte der bestehenden Standorte heute nicht mehr genehmigt würde, weil es zu wenig Schüler und Schülerinnen gibt. Moritz verlangte vor gut hundert Lehrkräften aus dem ganzen Land eine bessere Bezahlung der Lehrkräfte und mehr Leitungsstellen, weil keine andere weiterführende Schulart "vergleichbar anspruchsvolle Aufgaben von Inklusion bis Begabtenförderung zu bewältigen hat". Mitveranstalter des Fachtags war das Fritz-Erler-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung in Baden-Württemberg, das eine ganze Reihe von bildungspolitischen Veranstaltungen plant. Denn noch immer ist der Südwest bundesweit Schlusslicht in allen Vergleichen zum Bildungsaufstieg: In keinem anderen Land ist der Schulerfolg der Kinder derart stark abhängig vom sozialen Status der Eltern. Auch um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hatten Grüne und SPD 2012 die neuen Formen des längeren gemeinsamen Lernens etabliert.

Der Verein für Gemeinschaftsschulen e.V., der für sich in Anspruch "100.000 Müttern und Vätern im Land eine Stimme zu geben", beklagt, dass "während sich an den Schulen der Starterjahrgang auf seinen Realschulabschluss vorbereitet und die erste Oberstufen aufgebaut werden", in Öffentlichkeit und Politik abermals eine "erbitterte Debatte" tobe. "Statt die Herausforderung anzunehmen, die Jugend von heute auf die Herausforderungen von morgen vorzubereiten, schwelgt man lieber in einer verklärten Feuerzangenbowlen-Romantik", sagt der Vorsitzende des Vereins Matthias Wagner-Uhl, der selber Gemeinschaftsschulrektor ist. Unter weiter: "Reaktionäre Bildungskreise werden nicht müde, stumpfe Reflexe zu bedienen."


Erinnern an einen Kriegsgegner: Lesung zum 100. Todestag von Friedrich Westmeyer

Vor 100 Jahren, am 14. November 1917, starb der Stuttgarter Waldheim-Pionier, Kriegsgegner und SPD-Vorsitzende Friedrich Westmeyer in einem Lazarett in Belgien. Wenige Monate davor war er, wie viele andere linke Sozialisten, an die Front geschickt worden. Eine bittere Ironie: Während zu Beginn des Ersten Weltkrieges die Reichstagsfraktion der SPD am 4. August 1914 geschlossen für die Kriegskredite stimmte, kämpfte gerade in Stuttgart eine starke Gruppe linker Sozialdemokraten weiter gegen den Krieg, und Westmeyer war ihr Wortführer. Nach seinem Tod schrieb Rosa Luxemburg aus dem Breslauer Gefängnis an Clara Zetkin nach Stuttgart: "Westmeyer ist ein großer Verlust. Ich dachte immer, er würde noch in großen Zeiten eine Rolle spielen." Etwas verspätet meldet selbst die "New York Times" seinen Tod: "German Anti-War Socialist was sent to the Front as Punishment." Heute ist er nur noch wenig bekannt, dabei gilt er auch als geistiger Vater der Stuttgarter Waldheime, engagierte sich in sozialen Fragen wie Wohnungsnot, Organisation der Jugend und Frauenbildung. Der Historiker und Journalist Willy Reschl, der schon 2014  im Kontext-Buch "Der König weint" Westmeyer würdigte, erinnert nun mit einer Lesung am 12. November um 11 Uhr im Waldheim Gaisburg an den rebellischen Sozialisten. (10.11.2017)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Können sogar mit Sonnenbrillen böhse gucken: die netten Onkelz. Foto: Alexander Laljak

Können sogar mit Sonnenbrillen böhse gucken: die netten Onkelz. Foto: Alexander Laljak

Ausgabe 296
Kultur

Die netten Onkelz

Von Elena Wolf
Datum: 30.11.2016
Seit Jahrzehnten klebt an den Böhsen Onkelz der Ruf der rechtsversifften Band non grata. Dabei sind die vier netten Rocker-Onkel heute mehr Helene Fischer mit Stadionrock als Störkraft. Ein Konzertbesuch in der Stuttgarter Schleyerhalle.

Vollgestopft bis unter die Decke ist die Schleyer-Halle am vergangenen Sonntag, als die vier Böhsen Onkelz mit reichlich Verspätung die Bühne betreten und den ersten Song ihres neuen Albums abfeuern: "Gott hat ein Problem". Die Menge tobt, ein Meer aus euphorisierten Menschen setzt sich in Bewegung. "Wir leben, wir leben!", raunt Sänger Kevin Russell ins Mikrofon. Eine Melange aus Hofbräu und Zigarettenrauch liegt in der Luft. Zwei Tage hintereinander hat es die umstrittene Band aus dem unterfränkischen Hösbach geschafft, die größte Konzert-Location Stuttgarts zu füllen. Ohne nennenswerte Werbung. Das schaffen sonst nur Phänomene wie die Fantastischen Vier oder Helene Fischer.

Dass man in der Konzerthalle nicht quarzen darf, ist vielen BesucherInnen spätestens dann scheißegal, wenn das Hallenlicht ausgeht. Rauchen trotz Verbot ist zwar kein genuines Onkelz-Fan-Verhalten. Doch wenn Russell von der riesigen Bühne mit enormen LED-Wänden und High-End-Lichtshow aus meterhohen Boxen röhrt, dass er "der faule Zahn in deinem weißen Lächeln" ist, wird schnell klar, dass sich Onkelz-Texte mit einer Kippe im Mundwinkel authentischer mitsingen lassen. Denn Band und Fans inszenieren sich nach rund 30 Jahren Bandgeschichte immer noch als Rebellen.

Voll voll: die Hans-Martin-Schleyer-Halle. Foto: Kontext
Voll voll: die Hans-Martin-Schleyer-Halle. Foto: Kontext

Gegen wen oder was genau rebelliert wird, bleibt in ihren Texten allerdings unklar. In zwei Stunden sorgen 23 Songs aus jüngsten und älteren Bandtagen jedoch für ein "Wir-gegen-die"- und "Glaube-an-dich-selbst"-Gefühl, das von wild auf- und abhüpfenden Hausfrauen Ende vierzig genauso abgefeiert wird, wie von jungen Hipster-Mädels mit Hornbrille, Dutt und Apfelschorle in der Hand. "Willkommen in der Familie!", begrüßt Bassist und Bandhirn Stephan Weidner diejenigen, die heute zum ersten Mal auf einem ihrer Konzerte sind.

Auch der Bierproll wischt sich ein paar Tränchen aus dem Auge

Als er fragt, wer zum ersten Mal dabei sei, gehen mehrere tausend Hände in die Luft. Trotz einer beträchtlichen Menge Testosteron, das von Fußballstadion-Prolls, neben Bier in Plastikbechern, literweise versprüht wird, hält sich der Männer- und Frauenanteil die Waage. Das Publikum ist im Gegensatz zu vielen Metal-oder Hardcore-Konzerten heterogen. Vom breiten Älbler- bis zum Honoratiorenschwäbisch ist neben "Ah-joo"-Badisch auch der hannover'sche "Bratwurst"-Slang dabei.

Menschen mit Nazi-Symbolen oder anderen rechtslastigen Aufschriften auf Jacken oder T-Shirts sucht man vor und nach dem Konzert vergebens. Gesprächsfetzen oszillieren zwischen Urschreien und Onkelz-Songtexten. Die mediale Fokussierung auf die böhse Vergangenheit in der Rechtsrock-Szene Anfang der 1980er-Jahre findet an diesem Abend keine Bestätigung. Weder auf noch vor der Bühne. In keinem Moment des Konzerts gehen Fanaktionen oder -rufe über das obligatorische Neanderthaler-Verhalten durchschnittlicher Wacken-BesucherInnen hinaus. Ob man das toll findet, ist Geschmackssache. Doch 2016 über ein Onkelz-Konzert zu sagen, dass es sich um eine Rechtsrock-Veranstaltung handelt, ist, als würde man Helene Fischer und ihre Fans als zwielichtige Rechts-Popper bezeichnen. Auch die sakrosankte Schlager-Hupfdohle schaffte es 2014 zwei Tage hintereinander, die Schleyer-Halle voll zu singen. Und auch sie trifft den gefühligen Nerv, den Onkelz-Prolls mit Helene-Fischer-Jüngern auf den zweiten Blick gemeinsam haben.

Keine Nazisymbole zu sehen: Fans stehen vor der Halle. Foto: Joachim E. Röttgers
Keine Nazisymbole zu sehen: Fans stehen vor der Halle. Foto: Joachim E. Röttgers

Während sich die eine mariengleich "atemlos durch die Nacht" in die Herzen der Deutschen trällert und die anderen gefühlt in jedem Song das Wort "Scheiße" schreien, triggern Fischer und die Onkelz das große Romantik- und Sehnsuchts-Areal in den Gehirnen ihrer Fans an. Zugegeben, der Vergleich kostet einige Überwindung in Anbetracht der entgegengesetzten Pole, auf denen sich Fischer und die Deutschrocker musikalisch bewegen. Doch neben den In-die-Fresse-Klassikern wie "Bomberpilot" oder "Gehasst, verdammt, vergöttert" und "Lieber stehend sterben" sind es vor allem die ruhigen, melancholischen Stücke wie "Auf die Freundschaft", "Nur die Besten sterben jung", "Wo auch immer wir stehen" und "Erinnerungen", die den tausenden Schleyer-Hallen-BesucherInnen die Herzen schwer werden lassen. Dann wischt sich auch der Bierzeltproll ein Tränchen aus dem Auge. Dann liegen sich halbe Sitzplatz-Ränge in den Armen und machen dasselbe wie Helene-Fischer-Reisegruppen: Sie projizieren ihre unterschiedlichen Lebenssituationen in Songs, die wenig konkret sind und deshalb Spielraum für individuelle Interpretationen lassen.

Onkelz-Pathos und Helene-Fischer-Romantik

Der ehemalige Junkie, Neonazi oder Schlägertyp kann sich in Onkelz-Texten genauso wiederfinden wie der Bauspar-Papa oder das süße Hipster-Girl, das wegen einer Nachkommastelle im Abi-Schnitt den Platz im Psychologie-Studium nicht bekommen hat. Die besungenen "bitteren Pillen" und "der ganz normale Wahnsinn" werden für zwei Stunden für alle dieselben. Bis auf klare Kampfansagen gegen die Kirche, Presse und raffgierige, jedoch unbenannte Kapitalmeier, bleiben Inhalt und Adressaten der Dampfhammer-Poesie völlig im Dunkeln. An keiner Stelle der neuen Songs werden "die", gegen die gesungen wird, genauer definiert. Was zählt, ist das "Wir" – und das ist klar wie Kloßbrühe: die Onkelz und ihre Fan-Familie. Auch wer viel Scheiße im Leben gefressen hat, so die Parole, kann wieder aufstehen und nach vorne blicken.

Im Gegensatz zu den Onkelz sind Helene Fischers besungenen Gefühle zwar nicht mit den Worten "Arschloch" und "Scheiße" kompatibel. Doch denkt man sich die kneipeske Street-Credibility onkelseits einmal weg, teilen beide millionenschwere Musikphänomene eine Attitüde, die die ausgebildete Musical-Sängerin Fischer mit den zutätowierten bösen Buben gemeinsam hat: "So wie ich bin, mich zurechtzubiegen hätte keinen Sinn". Klingt wie ein Onkelz-Schlachtruf. Ist aber ein Hit von Fischer - schlimm schmalzig mit Piano unterlegt auf einem Album, das 2009 Platz zwei der Deutschen Albumcharts belegte. Das neue Album der Böhsen Onkelz ist da ein bisschen erfolgreicher. "Memento" stieg Anfang November sofort auf Platz eins der Deutschen Albumcharts ein. Einen Pianisten haben die Deutschrocker beim Konzert auch am Start – doch der klimpert heimlich hinter der Bühne. Wahrscheinlich zu uncool für vorne. Nur am Ende des Konzerts wird er auf die Bühne geholt und kurz beklatscht.

Während die Parallelen zwischen Fischer-Romantik und Onkelz-Pathos eigentlich ganz lustig sind, gibt es zwischen den beiden Antipoden jedoch eine Gemeinsamkeit, die mehr zum Ärgern als zum Kichern ist: Weder die Volksmusik-Tante noch die Kneipenterroristen nutzen ihre enorme Fanbase, um sich klar gegen den aktuellen gesellschaftlichen Rechtsruck zu positionieren. Zwar hat sich Bassist und Onkelz-Gehirn Stephan Weidner vergangenes Jahr auf seiner Facebook-Seite unmissverständlich gegen rechte Flüchtlingshetze ausgesprochen und verlautbart, dass es ihm "scheißegal" sei, "welche Argumente ihr gegen Flüchtlinge oder 'Gutmenschen' vorbringt, denn es gibt keine". Weidner nahm damit in Kauf, dass er zahlreiche Fans gegen sich und die Onkelz aufbrachte. Es wäre ein Akt der Rebellion gewesen, das öffentlich vor 10 000 Schleyer-Hallen-BesucherInnen zu wiederholen. Damit hätten sich die Böhsen Onkelz entfischern können.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!