Können sogar mit Sonnenbrillen böhse gucken: die netten Onkelz. Foto: Alexander Laljak

Ausgabe 296
Kultur

Die netten Onkelz

Von Elena Wolf
Datum: 30.11.2016
Seit Jahrzehnten klebt an den Böhsen Onkelz der Ruf der rechtsversifften Band non grata. Dabei sind die vier netten Rocker-Onkel heute mehr Helene Fischer mit Stadionrock als Störkraft. Ein Konzertbesuch in der Stuttgarter Schleyerhalle.

Vollgestopft bis unter die Decke ist die Schleyer-Halle am vergangenen Sonntag, als die vier Böhsen Onkelz mit reichlich Verspätung die Bühne betreten und den ersten Song ihres neuen Albums abfeuern: "Gott hat ein Problem". Die Menge tobt, ein Meer aus euphorisierten Menschen setzt sich in Bewegung. "Wir leben, wir leben!", raunt Sänger Kevin Russell ins Mikrofon. Eine Melange aus Hofbräu und Zigarettenrauch liegt in der Luft. Zwei Tage hintereinander hat es die umstrittene Band aus dem unterfränkischen Hösbach geschafft, die größte Konzert-Location Stuttgarts zu füllen. Ohne nennenswerte Werbung. Das schaffen sonst nur Phänomene wie die Fantastischen Vier oder Helene Fischer.

Dass man in der Konzerthalle nicht quarzen darf, ist vielen BesucherInnen spätestens dann scheißegal, wenn das Hallenlicht ausgeht. Rauchen trotz Verbot ist zwar kein genuines Onkelz-Fan-Verhalten. Doch wenn Russell von der riesigen Bühne mit enormen LED-Wänden und High-End-Lichtshow aus meterhohen Boxen röhrt, dass er "der faule Zahn in deinem weißen Lächeln" ist, wird schnell klar, dass sich Onkelz-Texte mit einer Kippe im Mundwinkel authentischer mitsingen lassen. Denn Band und Fans inszenieren sich nach rund 30 Jahren Bandgeschichte immer noch als Rebellen.

Gegen wen oder was genau rebelliert wird, bleibt in ihren Texten allerdings unklar. In zwei Stunden sorgen 23 Songs aus jüngsten und älteren Bandtagen jedoch für ein "Wir-gegen-die"- und "Glaube-an-dich-selbst"-Gefühl, das von wild auf- und abhüpfenden Hausfrauen Ende vierzig genauso abgefeiert wird, wie von jungen Hipster-Mädels mit Hornbrille, Dutt und Apfelschorle in der Hand. "Willkommen in der Familie!", begrüßt Bassist und Bandhirn Stephan Weidner diejenigen, die heute zum ersten Mal auf einem ihrer Konzerte sind.

Auch der Bierproll wischt sich ein paar Tränchen aus dem Auge

Als er fragt, wer zum ersten Mal dabei sei, gehen mehrere tausend Hände in die Luft. Trotz einer beträchtlichen Menge Testosteron, das von Fußballstadion-Prolls, neben Bier in Plastikbechern, literweise versprüht wird, hält sich der Männer- und Frauenanteil die Waage. Das Publikum ist im Gegensatz zu vielen Metal-oder Hardcore-Konzerten heterogen. Vom breiten Älbler- bis zum Honoratiorenschwäbisch ist neben "Ah-joo"-Badisch auch der hannover'sche "Bratwurst"-Slang dabei.

Menschen mit Nazi-Symbolen oder anderen rechtslastigen Aufschriften auf Jacken oder T-Shirts sucht man vor und nach dem Konzert vergebens. Gesprächsfetzen oszillieren zwischen Urschreien und Onkelz-Songtexten. Die mediale Fokussierung auf die böhse Vergangenheit in der Rechtsrock-Szene Anfang der 1980er-Jahre findet an diesem Abend keine Bestätigung. Weder auf noch vor der Bühne. In keinem Moment des Konzerts gehen Fanaktionen oder -rufe über das obligatorische Neanderthaler-Verhalten durchschnittlicher Wacken-BesucherInnen hinaus. Ob man das toll findet, ist Geschmackssache. Doch 2016 über ein Onkelz-Konzert zu sagen, dass es sich um eine Rechtsrock-Veranstaltung handelt, ist, als würde man Helene Fischer und ihre Fans als zwielichtige Rechts-Popper bezeichnen. Auch die sakrosankte Schlager-Hupfdohle schaffte es 2014 zwei Tage hintereinander, die Schleyer-Halle voll zu singen. Und auch sie trifft den gefühligen Nerv, den Onkelz-Prolls mit Helene-Fischer-Jüngern auf den zweiten Blick gemeinsam haben.

Während sich die eine mariengleich "atemlos durch die Nacht" in die Herzen der Deutschen trällert und die anderen gefühlt in jedem Song das Wort "Scheiße" schreien, triggern Fischer und die Onkelz das große Romantik- und Sehnsuchts-Areal in den Gehirnen ihrer Fans an. Zugegeben, der Vergleich kostet einige Überwindung in Anbetracht der entgegengesetzten Pole, auf denen sich Fischer und die Deutschrocker musikalisch bewegen. Doch neben den In-die-Fresse-Klassikern wie "Bomberpilot" oder "Gehasst, verdammt, vergöttert" und "Lieber stehend sterben" sind es vor allem die ruhigen, melancholischen Stücke wie "Auf die Freundschaft", "Nur die Besten sterben jung", "Wo auch immer wir stehen" und "Erinnerungen", die den tausenden Schleyer-Hallen-BesucherInnen die Herzen schwer werden lassen. Dann wischt sich auch der Bierzeltproll ein Tränchen aus dem Auge. Dann liegen sich halbe Sitzplatz-Ränge in den Armen und machen dasselbe wie Helene-Fischer-Reisegruppen: Sie projizieren ihre unterschiedlichen Lebenssituationen in Songs, die wenig konkret sind und deshalb Spielraum für individuelle Interpretationen lassen.

Onkelz-Pathos und Helene-Fischer-Romantik

Der ehemalige Junkie, Neonazi oder Schlägertyp kann sich in Onkelz-Texten genauso wiederfinden wie der Bauspar-Papa oder das süße Hipster-Girl, das wegen einer Nachkommastelle im Abi-Schnitt den Platz im Psychologie-Studium nicht bekommen hat. Die besungenen "bitteren Pillen" und "der ganz normale Wahnsinn" werden für zwei Stunden für alle dieselben. Bis auf klare Kampfansagen gegen die Kirche, Presse und raffgierige, jedoch unbenannte Kapitalmeier, bleiben Inhalt und Adressaten der Dampfhammer-Poesie völlig im Dunkeln. An keiner Stelle der neuen Songs werden "die", gegen die gesungen wird, genauer definiert. Was zählt, ist das "Wir" – und das ist klar wie Kloßbrühe: die Onkelz und ihre Fan-Familie. Auch wer viel Scheiße im Leben gefressen hat, so die Parole, kann wieder aufstehen und nach vorne blicken.

Im Gegensatz zu den Onkelz sind Helene Fischers besungenen Gefühle zwar nicht mit den Worten "Arschloch" und "Scheiße" kompatibel. Doch denkt man sich die kneipeske Street-Credibility onkelseits einmal weg, teilen beide millionenschwere Musikphänomene eine Attitüde, die die ausgebildete Musical-Sängerin Fischer mit den zutätowierten bösen Buben gemeinsam hat: "So wie ich bin, mich zurechtzubiegen hätte keinen Sinn". Klingt wie ein Onkelz-Schlachtruf. Ist aber ein Hit von Fischer - schlimm schmalzig mit Piano unterlegt auf einem Album, das 2009 Platz zwei der Deutschen Albumcharts belegte. Das neue Album der Böhsen Onkelz ist da ein bisschen erfolgreicher. "Memento" stieg Anfang November sofort auf Platz eins der Deutschen Albumcharts ein. Einen Pianisten haben die Deutschrocker beim Konzert auch am Start – doch der klimpert heimlich hinter der Bühne. Wahrscheinlich zu uncool für vorne. Nur am Ende des Konzerts wird er auf die Bühne geholt und kurz beklatscht.

Während die Parallelen zwischen Fischer-Romantik und Onkelz-Pathos eigentlich ganz lustig sind, gibt es zwischen den beiden Antipoden jedoch eine Gemeinsamkeit, die mehr zum Ärgern als zum Kichern ist: Weder die Volksmusik-Tante noch die Kneipenterroristen nutzen ihre enorme Fanbase, um sich klar gegen den aktuellen gesellschaftlichen Rechtsruck zu positionieren. Zwar hat sich Bassist und Onkelz-Gehirn Stephan Weidner vergangenes Jahr auf seiner Facebook-Seite unmissverständlich gegen rechte Flüchtlingshetze ausgesprochen und verlautbart, dass es ihm "scheißegal" sei, "welche Argumente ihr gegen Flüchtlinge oder 'Gutmenschen' vorbringt, denn es gibt keine". Weidner nahm damit in Kauf, dass er zahlreiche Fans gegen sich und die Onkelz aufbrachte. Es wäre ein Akt der Rebellion gewesen, das öffentlich vor 10 000 Schleyer-Hallen-BesucherInnen zu wiederholen. Damit hätten sich die Böhsen Onkelz entfischern können.


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11 Kommentare verfügbar

  • Wolfgang
    am 06.12.2016
    Gründlich und profund recherchiert.
    Davon zeugt schon allein das Foto vor der "Schleyerhalle".
  • Zapatista
    am 04.12.2016
    Der Fischer-Vergleich ist gut, auch da er mal was neues ist. Auch manche Beschreibungen sind recht zutreffend. So unklar wie hier dargestellt ist vieles aber nicht, das wurde schon vielfach vor Jahren in EMP, Rockhard, MetallHammer und den Onkelz-Fanzines kommuniziert.
  • Anja M.
    am 02.12.2016
    Na klar, alle, die auf ein Onkelz-Konzert gehen, sind Prolls. Und leiden womöglich auch noch an Rechtschreibschwäche, die armen Unterprivilegierten. Ach ja: Neandertaler schreibt man nicht mit "h".
  • Struppi
    am 02.12.2016
    In diesem Artikel zeigt sich mal wieder das 99% aller "Journalisten" überhaupt keine Ahnung vom Thema Böhse Onkelz haben. Es wird mit Klischees nur so um sich geworfen und alle Fans als alkoholabhängige Dummköpfe abgestempelt. Die Texte werden sowieso nicht genau gelesen und es werden haltlose Behauptungen aufgestellt. Aber was soll man von der heutigen Medienlandschaft auch mehr erwarten??? Dann wundern sich die Schmierfinken auch noch das sie nicht in die Halle gelassen werden... Mir verlangen solche Berichte nur noch ein müdes lächeln ab. Der Verfasser glaubt wahrscheinlich auch noch, dass er hier einen halbwegs intelligenten Text geschrieben hat. Erneut kein objektiver Bericht. Schade. Setzen! 6!
  • ole
    am 01.12.2016
    In einem EMP Katalog (Metal Klamottenversand) wurde ein ausführliches Statement der Onkelz zum Thema das sie nicht politisch/rechtsextrem sind gedruckt. Das war das erste Statement in der art das ich persönlich gelesen habe. Das war vor über 20 Jahren. Darauf folgten zahlreiche Aussagen dieser Art über Jahrzehnte und bis heute gibt es Artikel wie diesen. Etwas langweilend..
  • NG
    am 01.12.2016
    Der Schreiber weiss nicht wer "DIE" sind... Naja. Versuch es mal mit "oben" und "unten" . Hast auch nicht die Eier gehabt, mal einfach enen neutralen Artikel zu schreiben. So ists halt, mit dem Establishment... Das angespannte Verhältnis zwischen Onkelz und Medien beruht auf Artikeln wie diesen.
  • Ralf Otto
    am 30.11.2016
    Also zu dem Presse Fuzie wo nicht reinkam Hättest dir besser mal ne Karte gekauft Schreibt doch was ihr wollt es intresiert eh keinen weil WIR LEBEN...........
  • Rudi Ratlos
    am 30.11.2016
    Eines vorweg, ich bin kein wirklicher Onkelz-Fan, durch Freunde und Bekannte mit der Materie aber bestens vertraut.
    Wurde auch einige male "mitgeschleift" auf BO-Konzerte, wie 2003 in Ferropolis, 2004 in Dortmund und letztes Jahr zum Hockenheimring.
    Die Musik ist für mich ok, mehr aber auch nicht, grundsätzlich ist mir die Band egal.
    Was mir trotzdem in Ihrem Artikel sauer aufstößt ist die Behauptung die Band würde ihre Position nicht nutzen um klar Stellung gegen rechts zu beziehen.
    Das tut sie, in den sozialen Medien, mit ihren Texten und vielen, vielen Ansagen bei Konzerten. Außerdem denke ich, wer Onkelz hört bzw die Konzerte besucht weiß wie die Band zu dieser Thematik steht, so muss es nicht auf jedem einzelnen Konzert diese Ansagen geben.
    Was mich an dem Artikel aber fast noch mehr stört ist der folgende Satz: "....Weidner nahm damit in Kauf, dass er zahlreiche Fans gegen sich und die Onkelz aufbrachte......"
    Dieser bedeutet nämlich im Umkehrschluss, das "zahlreiche" Fans dem rechten Lager zugeordnet werden müssen. Aber davon haben Sie ja selbst auf dem Konzert wohl keine gesehen.
    Letztlich reiht sich Ihr Bericht, nach den eigentlich positiven ersten Absätzen, wenn man mal von dem fragwürdigen H.Fischer-Vergleich absieht ein die lange Liste nichtssagender und überflüssiger Artikel, die man wo anders schon zu Hauf gelesen hat.
  • Sascha P
    am 30.11.2016
    Schade das das Thema "links rechts " im Zusammenhang mit den Onkelz immer wieder erwähnt wird. Kein Wort über die musikalische Weiterentwicklung. Stattdessen ein Vergleich mit Helene Fischer (Würg). In einer Frankfurter Zeitung wurde nach dem Konzert ein Artikel verfasst wo sich ein Reporter beschwerte trotz Presseausweis nicht hinein gelassen worden zu sein. Und das dies Afd Methoden wären. Wenn ich mir diesen Bericht so ansehe, wundert mich das nicht.
  • Fritz
    am 30.11.2016
    Und wer den Böhsen Onkelz glaubt, der glaubt auch, daß der Hund nicht beisst.
  • Jo
    am 30.11.2016
    Hockenheimring 2015 - Deutschland im Herbst, plus Ansage davor.

    Warum müssen die Onkelz auf jedem Konzert oder speziell in Stuttgart den Zeigefinger heben???
    Wir bekommen tagtäglich in den Medien genug davon.

    Bitte detaillierter recherchieren bevor solch bescheidene Fazitstatements abgedruckt werden.

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