KONTEXT Extra:
Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


So schnell kann's gehen: Grün-schwarzer Knatsch

Es war schon in trockenen Tüchern, dass die Landesregierung eine Sprungrevision gegen das zweite Stuttgarter Feinstaub-Urteil anstrengt. Fast. Die CDU-Fraktion hatte diesen Weg zum Bundesverwaltungsgericht in Leipzig am Dienstag einstimmig als Kompromiss eröffnet und tags darauf bestätigt. Und die Grünen, von denen viele in Fraktion und Partei zur Annahme des Richterspruchs vom Juli 2017 samt Fahrverboten neigte, wären auch einverstanden gewesen. Trotzdem platzten am Freitag die Verhandlungen der Koalittionsspitzen im Staatsministerium – völlig unerwartet. Denn: Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sollte längst im Flieger nach Berlin sitzen, als sich die Verhandlungsgruppen in Stuttgart, mal gemeinsam und mal getrennt, immer noch die Köpfe heiß debattierten.

Ein Knackpunkt klingt besonders absurd. Winfried Hermanns Verkehrsministerium hat ein Maßnahmenbündel zur Luftreinhaltung in Stuttgart erarbeitet, wonach das Land Geld aus dem mit einer Milliarde Euro für diesen Zweck gefüllten Topf des Bundes abrufen und eventuell auch selber Mittel in die Hand nehmen will, etwa um ÖPNV-Preise deutlich abzusenken. Die CDU-Fraktion formulierte am Dienstag ausdrücklich, es solle "jetzt schnell ein Bündel an verbindlichen, rechtlich zulässigen Maßnahmen als Alternative zu Fahrverboten beschlossen werden". Hier sei "in erster Linie das Ministerium für Verkehr gefordert, entsprechende Vorschläge zu unterbreiten". Das Ministerium hat unterbreitet. Nun aber will die CDU plötzlich ein Gegengeschäft machen und diesen Maßnahmen nur dann zustimmen, wenn die Grünen ihrerseits damit einverstanden sind, dass gegen das Urteil berufen wird. Bis kommenden Mittwoch um 23.59 Uhr bleibt Zeit, einen Kompromiss zu finden. Andernfalls, die KlägerInnen würden jubeln, ist das Urteil angenommen. (29.09.2017)


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Ausgabe 241
Kultur

Suche nach der Wahrheit

Von Wolfgang Schorlau
Datum: 11.11.2015
Keinen interessiere die Wahrheit im NSU-Komplex. Das schleudert Harry Nopper, Vizepräsident des Thüringer Verfassungsschutzes, dem Krimihelden Dengler verächtlich entgegen: "Schreib doch ein Buch." Wolfgang Schorlau hat's getan. Am Donnerstag kommt "Die schützende Hand" in die Buchhandlungen. Wir drucken vorab das Kapitel "Harry Nopper".

Unermüdlich hat Georg Dengler ermittelt und sich durch Akten gewühlt. Nun will er den verantwortlichen Verfassungsschützer Harry Nopper mit seinen Ergebnissen konfrontieren. Am Mittag setzte sich Dengler in seinem Büro an den Schreibtisch und schrieb den Bericht für den unbekannten Auftraggeber. Er schrieb, dass Mundlos und Böhnhardt außerhalb des Wohnmobils, in dem man die Leichen gefunden hatte, vermutlich am Morgen des 4. November 2011, oder am Tag davor, erschossen worden waren. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren die beiden Körper, nachdem man sie an anderer Stelle erschossen hatte, in den Camper gelegt worden. Der oder die Täter oder deren Verbündete parkten den Camper in Stregda.

Klar ist, dass das Wohnmobil von Dritten angezündet worden sein muss. Die Indizien weisen darauf hin, dass die Auslösung des Brandes etwa so verlief:

  • Der oder die Täter öffneten Gashähne in dem Camper und legten einen Revolver auf diese geöffneten Gashähne des Herds. Das Campinggas trat aus und füllte allmählich von unten nach oben den Innenraum des Wohnmobils. Nach einiger Zeit befand sich dann in Höhe des Herdes in der Mitte des Campers ein zündfähiges Luft-Gas-Gemisch, das mindestens vom Tisch bis unter die Decke reichte.
  • Als die Streifenwagenbesatzung das Wohnmobil entdeckte, setzten der oder die Täter den Camper durch Fernzündung des Gases von außen in Brand. Um die Zündung des Gases rechtzeitig auslösen zu können, müssen sie in der Nähe gewartet und dann beobachtet haben, wie die beiden Streifenpolizisten sich dem Wohnwagen näherten. 
  • In dem Wohnmobil, auf dem Boden unter dem Tisch, befand sich ein Ladegerät, das einen funktionsfähigen Kompressor enthielt. An dem Ladegerät waren diverse elektronische Bauteile und Geräte angeschlossen, die auf dem Camper-Tisch lagen. Unter diesen Geräten befand sich auch ein altmodischer monochromer Röhrenmonitor. Über eine einfache Fernsteuerung und mehrere kleine Empfänger, wie es sie in vielen Elektronikmärkten zu kaufen gibt, konnten diese Geräte im Camper von außen in Betrieb genommen werden. 
  • Die plötzlich freigesetzte Energie beim Anspringen des Kompressors, beim Anschalten des Röhrenmonitors oder eines anderen dieser elektrischen Geräte reichte durchaus aus, ein zündfähiges Gas-Luft-Gemisch aus Campinggas zu entzünden. Zur Optimierung hatte man möglicherweise noch zwei, drei mit Gas gefüllte, vorher präparierte Luftballons an den gewünschten Zündstellen nahe der geplanten elektronischen Zünder platziert. Die Luftballons platzten nach den Zündungen mit lauten Knallen, und das frei werdende Gas brannte äußerst schnell ab. Weiteres Gas im Wohnmobil entzündete sich ebenfalls sofort. Das Wohnmobil enthielt viele leicht brennbare Stoffe. Ein rasches Abbrennen des Campers war somit garantiert.

Die eintreffende Polizei zerstörte den Tatort und erfand die im Grunde leicht zu widerlegende Geschichte von Schüssen auf die Polizisten, Mord, Brandstiftung und Selbstmord. Den Tatzeitpunkt, die beiden aufgefundenen Patronenhülsen, das Fehlen von Blut und Gehirnmasse im Camper, keine Rauchgase in der Lunge und kein CO-Hb im Blut von Mundlos führte er als Beweise an. Dengler beschrieb die Szene, als Stenzel den Camper betrat, und führte aus, dass Stenzel die Waffe der in Heilbronn erschossenen bzw. angeschossenen Polizisten Michèle Kiesewetter und Martin A. möglicherweise nach Betreten des Campers selbst dort deponiert hatte. Dass Stenzel kurze Zeit später in einem Camper voller Waffen sofort und zielgerichtet gerade diese griff, schien zu zufällig. Dies könnte man aber erst beweisen, wenn man die Fotos der Feuerwehr finden würde, die gemacht worden waren, bevor Stenzel auf der Bildfläche erschienen war, die dieser zudem beschlagnahmt hatte und die seither verschwunden waren. Was Dengler vorlag, waren Fotos, die Stunden später aufgenommen worden waren.

Die falschen Ermittlungsergebnisse seien durch hohe Beamte des BKA in den Bundestag und durch die Presse in die Öffentlichkeit transportiert worden und hielten sich mit einer so außerordentlichen Hartnäckigkeit, dass sie kaum noch durch Tatsachen aus der Welt zu bringen seien. Grund dafür sei nicht zuletzt, dass durch den angeblichen Selbstmord der beiden Neonazis die Polizei behaupten könne, die Mordserie an neun migrantischen Mitbürgern, der Anschlag in der Kölner Keupstraße sowie der Mord und Mordversuch an den Polizisten in Heilbronn seien nun aufgeklärt. Davon könne man jedoch auf keinen Fall ausgehen. Dengler wies darauf hin, dass im Fall Keupstraße beispielsweise die von Tufan Basher gemachten Beobachtungen, dass zwei bewaffnete Zivilisten am Tatort in Köln gewesen seien (die übrigens in der Notsituation ebenfalls weder Erste Hilfe geleistet noch den Notarzt gerufen hätten), nie von den Ermittlungsbehörden verfolgt worden seien. Gleiches gelte im Mordfall in Kassel für die erwiesene Anwesenheit des Mitarbeiters des hessischen Verfassungsschutzes, Andreas Temme, zum Zeitpunkt der Ermordung des Internetcafé-Besitzers.

Punkt.

Und jetzt?

Er würde den Bericht vorläufig noch nicht abschicken. Eine Frage musste er noch klären.

Was war mit Nopper?

Den Nopper werd ich einbuchten wegen dieser Sauerei, so hatte der Feuerwehrmann Stenzel sagen hören.

Wenn er noch Polizist wäre, würde er Nopper vorladen und vernehmen. Als Privatermittler konnte er niemanden vorladen. Doch vernehmen konnte er ihn schon. Dengler buchte im Internet für den nächsten Tag eine Fahrkarte nach Erfurt. Dann nahm er den Schlüssel für den Panzerschrank aus der Schublade seines Schreibtisches. Er öffnete ihn und nahm die Smith & Wesson heraus.

Sie funktionierte einwandfrei.

*

Olga hatte er erzählt, er habe einen kleineren Überwachungsauftrag und werde ein oder zwei Tage unterwegs sein. Eine Notlüge, die er damit rechtfertigte, dass er sie nicht beunruhigen wollte. Sie hatte ihn geküsst und ihm Erfolg gewünscht.

Autor Wolfgang Schorlau am NSU-Tatort auf der Heilbronner Theresienwiese. Fotos: Joachim E. Röttgers
Autor Wolfgang Schorlau am NSU-Tatort auf der Heilbronner Theresienwiese. Fotos: Joachim E. Röttgers

Dengler war immer ein guter Vernehmer gewesen. Er hatte das "Verhaltens-Analyse-Interview" gut beherrscht, angefangen mit etwas Small Talk, den man nutzte, um das Verhaltensmuster des Gegenübers kennenzulernen. Ist die Person sicher oder unsicher, spricht sie laut oder leise? Hochdeutsch oder Dialekt? Lange oder kurze Sätze? Wippt er oder sie mit dem Fuß, wenn es schwierig wird? Oder kratzt er sich am Kopf? Reibt er sich die Nase? Dann, wenn er ein sicheres Gefühl für sein Gegenüber hatte, schaltete er um, setzte den Verdächtigen unter Stress: Die Beweise sind eindeutig usw.

Bei Nopper würde er keine Zeit für Small Talk haben. Er würde ihn sofort mit den Ergebnissen seiner Ermittlungen konfrontieren, direkt und hart. Er würde sehen, wie Nopper reagierte. Er würde mit seinem Smartphone das Gespräch mitschneiden. Wenn es lief, wie er sich das vorstellte, würde er die Datei dem BKA geben. Oder der Presse. Man würde sehen.

Das Überrumpelungsmoment war entscheidend.

Möglicherweise die wichtigste Vernehmung seines Lebens. 

Als er mit dem ICE in Erfurt ankam, kaufte er sich am Bahnhof einen Stadtplan und ließ sich dann mit einem Taxi in die Nähe von Noppers Wohnung fahren. In der Straße gab es kein Café und keinen Park, nicht einmal eine Parkbank, auf die er sich setzen konnte, um die Wohnung zunächst einmal zu beobachten. Er verhielt sich wie ein Tourist, der sich in diese Gegend verirrt hatte, sah ab und zu auf den Stadtplan, betrachtete die Häuser und achtete darauf, dass er nicht zu oft durch Noppers Straße ging. Er wiederholte in Gedanken die Tatsachen, die Beweise, verbesserte die Fragen, die er Nopper stellen würde, er überprüfte, dass das Smartphone aufgeladen war. 

Dann war es so weit. Kurz vor 19 Uhr, es wurde bereits dunkel, sah er Licht in Noppers Wohnung. Dengler atmete noch einmal kräftig ein und aus. Er nutzte den kurzen Moment, als eine junge Geschäftsfrau die Haustür aufschloss und eilig im Innern verschwand, um ins Treppenhaus zu gelangen. Er ging die hölzernen Treppen hinauf in den dritten Stock. Ein Namensschild war nicht an der Wohnung. Hinter der Milchglasscheibe der Wohnungstür schimmerte Licht.

Dengler klingelte. 

Er hörte Schritte, ein Schlüssel wurde im Schloss gedreht, die Tür ein Stück weit geöffnet. Dann standen sie sich gegenüber. Noppers Gesicht war dicker geworden, vielleicht lag es auch nur an dem merkwürdigen Vollbart, den er jetzt trug. Aus der Nase wuchsen einige Haarbüschel, und über die Nasenspitze zogen sich einige blau-rote Äderchen.

Ein Trinker. 

Die Augen hellblau und wässrig. Nopper starrte ihn an. Dengler wusste, dass Nopper in diesem Augenblick überlegte, woher er den Mann kannte, der vor seiner Tür stand.

"Dengler. Georg Dengler. Früher einmal Bundeskriminalamt", sagte er.

Auf Noppers Gesicht dämmerte langsames Erkennen.

"Was wollen Sie von mir?"

"Ich möchte mit Ihnen reden. Über Stregda."

Die wässrig blauen Augen fixierten Dengler etwas fester. "Stregda", sagte Nopper. Er schien zu überlegen. Dann sah er Dengler noch einmal kurz an, drehte sich zur Seite. "Kommen Sie herein." 

Dengler trat in den Flur. Nopper schloss die Tür hinter ihm und ging vor ihm in ein größeres Zimmer, ein Wohnzimmer. Auf einem großen Flachbildschirm lief ein Nachrichtenkanal, Männer warfen Böller in eine Reihe von Bereitschaftspolizisten, Blaulicht kreiste in der Dunkelheit, eine brennende Fackel flog auf eine Flüchtlingsunterkunft. Nopper nahm die Fernbedienung vom Tisch und schaltete den Fernseher aus. Dengler sah sich um. Ein gemütliches deutsches Wohnzimmer. Eine Couch, ein Sessel, mit dunklem Stoff bezogen, auf dem Couchtisch stand eine Flasche Rotwein, ein Glas stand auf dem Boden neben der Couch, an der langen Seitenwand ein ebenfalls dunkler Holzschrank, dunkelroter Teppichboden. Keine Fotos, weder an den Wänden noch auf dem Schrank. Keine Anzeichen dafür, dass noch jemand hier wohnte. Keine Spuren von einer Frau. Nopper wohnte offenbar alleine. Merkwürdigerweise gab das Dengler ein beruhigendes Gefühl von Überlegenheit.

"Setzen Sie sich", sagte Nopper und wies auf den Sessel. "Ein Glas Rotwein?"

Dengler schüttelte den Kopf. Er griff in die Jacketttasche und schaltete mit einem kurzen Griff die Aufnahmefunktion des Smartphones ein. Nopper ließ sich auf die Couch fallen, griff nach dem Weinglas, trank einen Schluck. "Ich frage jetzt nicht, wie Sie meine Wohnung gefunden haben. Ich frage Sie, was Sie von mir wollen." 

Er streckte die Beine aus, und seine wässerigen Augen sahen aufmerksam zu Dengler hinüber.

Dengler sagte: "Sie haben am Morgen des 4. November 2011 zwei Neonazis in Eisenach-Stregda erschossen oder erschießen lassen. Sie verbrachten die beiden Leichen in ein Fiat-Wohnmobil mit dem Kennzeichen ..." 

Dengler redete fast eine Viertelstunde.

Nopper unterbrach ihn nicht. Er starrte ihn nur mit diesen wässerigen Augen an. 

Als Dengler zu Ende war, sagte Nopper zunächst nichts. Stattdessen griff er nach dem Rotweinglas, trank einen Schluck, schloss die Augen und stellte das Glas auf den Boden zurück.

"Die Beweise, über die ich verfüge, sind eindeutig. Und letzten Endes weisen sie alle in Ihren Verantwortungsbereich, auch wenn Stenzel versucht hat, hinter Ihnen aufzuräumen. Sie sind verantwortlich. Sie werden belastet", sagte Dengler.

Nopper stöhnte leicht. Dann beugte er sich vor.

"Dengler", sagte er. "Du bist immer noch das gleiche Arschloch wie früher. Immer noch auf der Suche nach der Wahrheit. Nach all den Jahren. Wie früher. Du hast nichts gelernt."

Er stand auf und kam auf ihn zu. Dengler griff in den Hosenbund nach dem Kolben der Smith & Wesson. Doch Nopper blieb weit genug vor ihm stehen. 

"Idiot. Du glaubst immer noch, die Wahrheit würde irgendjemanden interessieren."

"Sie geben also zu ...?"

"Selbst wenn du recht haben solltest, hast du nichts begriffen. Geh mit deinen Scheiß-Erkenntnissen zum "Spiegel" oder zum "Stern" oder sonst wohin. Schreib doch ein Buch. Es wird niemanden interessieren. Die Wahrheit ist das Letzte, was hier irgendjemand hören will. Du hast keine Ahnung, in welchem Land du lebst. Das habe ich versucht, dir vor ein paar Jahrzehnten schon einmal klarzumachen. Doch du bist zu bescheuert, um zu kapieren, wie die Dinge wirklich laufen." 

"Wie laufen sie wirklich?" 

"Du erzählst mir Geschichten aus 2011. Das ist ewig her. Wir sind jetzt an einem völlig anderen Punkt. Und jetzt raus." 

"Wie war es denn 2011 – nach Ihrer Version?" 

"Dengler, verschwinde aus meiner Wohnung. Und pass auf, dass es dir nicht so geht wie deinem Freund Marius Brauer." 

"Marius?"

Plötzlich verschwamm alles vor Georg Dengler. Er sah Nopper unscharf, das Glas auf dem Teppich doppelt, der Raum fing an zu schwanken. Er stand auf, stützte sich mit einer Hand auf der Armlehne des Sessels ab, mit der anderen zog er das Telefon aus der Hosentasche. Er wandte sich um, stützte sich mit der freien Hand auf die Tischplatte, spürte, wie die Knie nachgaben, mit der anderen Hand stoppte er die Aufnahmefunktion des Geräts, wandte sich zur Tür und stürzte hinaus in den Flur. Übelkeit stieg in ihm auf. Und Angst. Wo hatte er Marius' Telefonnummer? Anrufliste! Richtig, auf der Anrufliste musste er Marius' Telefonnummer finden. Er riss die Tür zum Treppenhaus auf, taumelte hinaus, in der linken Hand das Telefon. Mit der rechten Hand hielt er sich am Geländer fest, dann rannte er, zwei Stufen auf einmal nehmend, nach unten, riss die Haustür auf, stand endlich im Freien, fand die verfluchte Anrufliste, wischte mit dem Daumen auf dem Bildschirm, bis er Marius' Nummer sah, und drückte sie. Oben am erleuchteten Fenster sah er die wuchtige Gestalt Harry Noppers stehen, der zu ihm hinuntersah, auch er ein Handy am Ohr.

 


Aus:

Wolfgang Schorlau "Die schützende Hand". Copyright 2015 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. 384 Seiten, Klappenbroschur, 14,99 Euro.


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