Die Frage erscheint durchaus zeitgemäß: Wäre das nicht anders gegangen, wenn sich der Sport frühzeitig in anderer Form organisiert hätte, also mit weniger Starkult, mit mehr Gemeinsinn und mehr sozialer Verantwortung? Es lohnt sich an dieser Stelle hundert Jahre zurückzublättern – und den Utopien von damals eine Chance zu geben. Damals boomte eine Bewegung, aus der eventuell … also ganz vielleicht … und mit etwas Optimismus eine bessere Sportwelt hätte schlüpfen können. Natürlich verbietet sich beim heutigen Blick auf den jahrhundertalten Arbeitersport jede träumerische Gerechtigkeitsnostalgie. Außerdem kann man heute niemanden mehr fragen, wie es damals wirklich zuging in den Vereinen. Trotzdem würde der heutige Sport gut daran tun, sich an einige Ideen von damals zu erinnern.
Der Arbeiter-Turn- und Sport-Bund (ATSB) war sozusagen der Gegenentwurf zum sogenannten bürgerlichen Sport. In den Vereinen des Arbeitersports organisierten sich diejenigen, die in Arbeitervierteln lebten, die in den genossenschaftlich organisierten Konsumvereinen zum Einkauf gingen und die sich in irgendeiner Form dem sozialdemokratischen oder sozialistischen Milieu verbunden fühlten. Eine stattliche Bewegung war das in den Roaring Twenties. Im Jahr 1930 war der ATSB auf eine dreiviertel Million Sportlerinnen und Sportler gewachsen. Also nicht nur Industriearbeiter, sondern auch Angestellte, Handwerker und andere.
Falls du jetzt an Vereine wie Schalke 04, an Kickers Offenbach oder Waldhof Mannheim denkst, also an solche, die man heute landläufig als "Arbeiterklubs" bezeichnet, gestatte mir bitte den Hinweis, dass die gar nicht gemeint sind. Die Klubs, die man heute noch kennt, spielten auf der anderen Seite, also im System des bürgerlichen Deutschen Fußball-Bunds (DFB). Gewiss waren auch diese Spieler überwiegend Arbeiter, wie wohl auch die meisten Zuschauer. Aber die Vorstandsmitglieder und Klubbesitzer waren es nicht. Die Klubs des damaligen Arbeitersports erkennst du daran, dass sie heute nicht mehr existieren – und wenn, dann unter anderem Namen. Schließlich war eine der ersten Amtshandlungen der Nazis die Arbeiterorganisationen und ihre Sportvereine abzuschaffen. Was sie gründlich erledigten.
Wenn du mich fragst, würde ich schon behaupten: In vielen Punkten war der damalige Arbeitersport ehrlicher als die Verbände heute. Manche behaupten heute noch, Sport hätte mit Politik nichts zu tun. Auf die Idee wäre damals niemand gekommen. Entsprechend rigoros war die Trennung, die der Arbeitersport predigte. Mit dem DFB wollte man nichts zu tun haben. Als 1926 in Dortmund das Stadion "Rote Erde" eingeweiht wurde, gab es zwei Feiern. Zuerst war der bürgerliche Sport dran. 8.000 Leute kamen. Am folgenden Wochenende übernahm der Arbeitersport. An diesem Tag kamen 30.000 Leute ins neue Stadion.
Die Internationale(n)
Im Fußball spielten die ATSB-Vereine ab 1920 eine deutsche Meisterschaft aus. Auch im Arbeitersport boomte der Fußball. Noch 1914 gab es im ATSB gerade mal 77 Fußballmannschaften. 1919 waren es schon 1.539. Im Jahr 1930 waren rund 8.000 Teams gemeldet. Der ATSB schickte bald eine eigene Nationalmannschaft ins Rennen. 1924 spielte sie gegen den ehemaligen Kriegsgegner Frankreich. Zu solch entschlossener Völkerverständigung rang sich der DFB erst 1931 durch. Auch die erste Fußball-Europameisterschaft 1932 geht aufs Konto des internationalen Arbeitersports. Die Arbeiterpresse notierte: "Über die Schranken hinweg, die kapitalistische Staaten ängstlich errichten, schreiten stolz die Arbeitersportler, die Vortruppen einer neuen Zeit." Während der Arbeitersport auf Fairplay und Solidarität, Friedenserziehung und Völkerverständigung Wert legte, verkaufte der nationalkonservative DFB sein Spiel eher mit dem Gedanken von Fitness als Wehrertüchtigung. Als die Nazis den Arbeitersport 1933 zerstörten, erledigte der DFB den Rest. Übertritte von Arbeitervereinen wurden kategorisch abgelehnt, weil man keine Klubs haben wollte, die parteipolitische oder klassenkämpferische Ziele verfolgen.
Was den Arbeitersport von damals für heute utopietauglich macht, ist die konsequente Ablehnung aller Ideen, mit denen jemand hätte Geld verdienen können: zum Beispiel der Kampf gegen jede Form von Starkult. Das Kollektiv war alles, was zählte. Bis heute sind viele Mannschaftsaufstellungen in den Quellen nicht nachvollziehbar, weil die Arbeiterpresse konsequent keine Spielernamen aufschrieb. Aus anderen Medien ist überliefert, dass Erwin Seeler, Uwes Papa, in einem Länderspiel gegen Ungarn sieben der neun Tore für Deutschland geschossen hat. Vom ATSB handelte er sich trotzdem einen Anpfiff ein. Weil er sich auf den Schultern der Fans vom Platz tragen ließ.
Die Werte, die im Arbeiterfußball hochgehalten wurden, kann man heute noch an spannenden Regel-Diskussionen nachvollziehen. Man verhandelte Grundlegendes. Mit sozialistischem Ernst wurde an einem Wertungssystem gefeilt, das nicht nur Tore, sondern auch schöne Angriffe und filigrane Ballbehandlung belohnt, Schimpfen und Fluchen dagegen mit Punktabzug bestraft. Schließlich blieb man bei der einfachen Lösung, die erzielten Tore zu zählen. Auch weil man die Schiedsrichter nicht überfordern wollte. Natürlich wurde auch über das Ligensystem gestritten. Sollte man Mannschaften tatsächlich nach Leistung in Ligen einordnen, sozusagen neue Klassenunterschiede im Sport zulassen, wo es doch letztlich um Bewegung, Gesundheit und sportliche Erziehung geht? Aus Sicht von Arbeitersportlern war das höchst diskutabel.
Völlig klar, dass uns viele der Debatten der damaligen Arbeiterfußballer heute seltsam vorkommen. Es ist ja auch kein Zufall, dass damals der Anteil der organisierten Arbeiterkicker weit unter dem blieb, was man hätte vermuten können, wenn man die Wähler der damaligen Linksparteien zusammenzählt. Aber einen aktuellen Gedanken kann ich mir trotzdem nicht verkneifen, obwohl er komplett aus der Zeit gefallen scheint.
Zurück zum fairen Wettbewerb
Im heutigen Fußball sind wir längst wieder so weit, dass wir entschlossene Umverteilung diskutieren müssen. Während vor den Bildschirmen über VAR-Eingriffe gescholten wird und die Millimeter ausgemessen werden, an denen ein Handspiel beginnt, werden die himmelschreienden Ungerechtigkeiten des Profifußballs vernachlässigt. Zu kompliziert. Damit kannst du keine Quote machen. Keinem Arbeiterfußballer könntest du heute erklären, dass es sportlich fair zugeht, wenn ein Klub 13 Mal in 14 Jahren die deutsche Meisterschaft holt. Vor allem dann, wenn du ihm mit dem Argument kommst, dass es der FC Bayern verdient hätte, weil er sich seit Jahrzehnten besser anstellt bei der finanziellen Abzocke anderer Vereine.
Und weil gerade eine Weltmeisterschaft vor der Tür steht, vor der sich viele fürchten, hier ein letzter Zeitsprung: Jeder Arbeitersportler hat schon vor hundert Jahren gewusst, dass die größte Lüge des Fußballs darin besteht, er habe mit Politik nichts zu tun. Also brauchen wir im Fußball eine neue Debatte über Macht und Geld. Zur Not, indem wir alternative Verbände gründen. Verdammt nochmal, wo ist eigentlich das Paralleluniversum, wenn man es braucht?
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