Es ist nicht mehr nur "kompliziert". Der Beziehungsstatus zwischen Mensch und Mann ist zum Schießen. War es schon vor den Epstein-Files schwer zu ertragen, dass so gut wie jeden Tag in Deutschland ein Femizid von einem Mann an seiner Ex-Frau, -Freundin oder Schwester verübt wird, dass es völlig normal ist, dass Männer Frauen und Mädchen gegen Geld sexuell ausbeuten, dass "Feministische Außenpolitik" auch nur bedeutet, dass Frauenkörper ein bisschen "humaner" vergewaltigt und zerfetzt werden, dass Pädophilie und Frauenhass in kirchlichen Einrichtungen zur Jobbeschreibung gehören, kommen viele Frauen nach den publik gewordenen Abgründen um den Fall Gisèle Pelicot in Frankreich jetzt mit den Epstein-Files an die Grenzen des Ertragbaren. Und dabei reden wir nur über Deutschland, Frankreich und die USA und haben uns noch nicht mit der systematischen Ausbeutung, Unterdrückung und Zerstörung von Frauen an Orten der Welt beschäftigt, die es nicht in unseren Insta-Feed geschafft haben.
Spätestens seit dem Medienrummel um den Fall Pelicot und den Epstein-Files wurde vielen Frauen, die sich bislang nicht mit dem Zusammenhang zwischen Kapitalismus, Geschlecht und Machtstrukturen beschäftigt haben, klar: Jeder Mann in diesem System ist eine potentielle Bedrohung für Leib und Leben. Ihre Wut und Fassungslosigkeit ist online wie offline spürbarer geworden und wird eigentlich nur noch von Frauen in rechten Blasen unterdrückt und mit automisogynem Selbsthass in autoritärer Selbstverleugnung scheinveredelt, weil sie glauben, durch ihre antifeministische Anbiederung ans Patriarchat auch ein großes Stück Herrentorte abzubekommen. [Donald-Trump-Stimme:] "So sad". Und ja, gähn, bevor jetzt irgendein Lastenrad-Vater "not all men" auf Bluesky oder unter diese Kolumne postet, weil nicht alle Männer Femizide begehen und vergewaltigen und es ja sogar Feministen unter ihnen gibt: Ja. Stimmt schon. Hilft aber offensichtlich nur deinem Selbstwertgefühl!
Dabei hättest du auch einer der durchschnittlichen Typen aus allen möglichen Gesellschaftsschichten sein können, der eine sedierte Gisèle Pelicot vergewaltigen hätte können. Das hätte deine Steuerklasse-5-Ehefrau dann wahrscheinlich schockiert, denn niemals hätte sie sich vorstellen können, dass ihr Mann sowas macht. Genau so war es auch im Fall Pelicot: Alles ganz normale Männer. Dass sich seit fast zehn Jahren #metoo mit jeder Offenbarung neuer Abgründe des Normalen immer wieder Männer in den Sozialen Medien darüber empören, dass ja heute angeblich "alles" Vergewaltigung sei und man ja als Mann nichts mehr "richtig" machen könne, spricht nur dafür, dass jeder dieser Männer offensichtlich schon mindestens einmal in einer Situation war, in der er eigentlich genau wusste, dass etwas nicht okay war. Männer sind keine Vollidioten. Sie wissen genau, was Konsens und Empathie bedeuten. Vielen von ihnen geht aber eben einer ab, wenn sie sich über Grenzen hinwegsetzen. Es geht immer um Macht. Um die über Frauen auszuüben, braucht es keine Superreichen und Privatinseln für Vergewaltigungspartys mit Minderjährigen. Dafür braucht es einfach nur die gegenwärtige Durchschnittsgesellschaft, in der Männer zwar ebenfalls von patriarchalen Strukturen geschädigt werden, aber gleichzeitig wenig Anreize haben, diese zu hinterfragen oder aufzubrechen. Weil sie eben auch von ihnen profitieren.
Was sind schon Frauenprobleme?
Und so wird sich zwar auch unter "den guten Männern" entrüstet, wenn ein "böser Mann" wie Till Lindemann mal wieder junge Frauen aus der "Row Zero" für Aftershow-Partys rekrutieren lässt und ja, Pelicot und Epstein, schlimmschlimm. Aber dann tun die meisten Männer vor allem eines: weitergehen. Vergessen. Verdrängen. Als wäre jeder Femizid, jede Vergewaltigung, jeder Till Lindemann, jede gesellschaftliche Epstein-Insel ein Betriebsunfall. Ein bedauerlicher Ausrutscher in einem System, das halt ist, wie es ist. Denn welcher heterosexuelle Mann in Deutschland hat neben hochemotionalen Monologen über die korrekte Bezeichnung und Zahl der Tötung von Abertausenden Menschen in Gaza, Gesprächen über die richtige Strategie im Krieg in der Ukraine, heißen Internetdiskussionen über die Notwendigkeit der Aufrüstung Deutschlands, der Verbreitung von Fachwissen über Wärmepumpen und anderen scharfen Analysen wichtiger geopolitischer Probleme noch Zeit für Weiberkram! Hä? Wer? Das Jahr 2026 ist im ersten Quartal gefühlt so schlimm wie sieben Leben und jetzt soll Mann sich auch noch intensiv mit Frauenproblemen auseinandersetzen?
Hahaha, ja, willkommen in der Frauenwelt! Willkommen in einer Welt, die – surprise, surprise – für Frauen dieselbe beschissene ist – nur, dass Frauen und Mädchen on top noch schlechter bezahlt, systematisch sexualisiert, sexuell ausgebeutet und von ihren (Ex-)Partnern, Brüdern und Vätern vergewaltigt und ermordet werden. Allein zur Arbeit zu gehen und bei einer Betriebsversammlung mal durchzuzählen, wie viel Männer statistisch gesehen schon einmal im Puff oder sexuell übergriffig waren, sich vorzustellen, wie viele von ihnen ihre Frau geschlagen haben, lässt mir die Kotze hochkommen. Klingt irre, sowas überhaupt zu denken auf Arbeit oder bei großen Menschenversammlungen? Ach wirklich? Genau DAS ist das Problem: Dass die Reaktionen auf die Lebensrealität von Frauen nicht ernst genommen, runter gespielt, pathologisiert werden. Weil Männer von all dem selten betroffen sind und sich deshalb schwer vorstellen können, wie belastend sie sind. Denn sie selbst sind ja "die Guten". Aber wo verstecken sich dann all die Männer, die Frauen und Mädchen (und Jungs) missbrauchen, schlagen, vergewaltigen und töten? Im grauen Trenchcoat hinterm Gebüsch an der einsamen Bushaltestelle in Wichshausen an der Fils? Manchmal. Meistens sind sie jedoch unter uns.
Und dann noch Hagel
Sie sind unsere Kollegen, Lehrer, Ärzte, Politiker, Polizisten, Trainer, Vorstandsvorsitzenden, Partybekanntschaften, DJs, Brüder, Ehemänner und Väter. Wichsen sich ihre Schwänzlein auf Rape Porn; bezahlen Minderjährige auf Sugardaddy-Plattformen für Sex; labern anzügliches, oft zweideutiges Zeug an Kolleginnen und Untergebene ran (so war das ja im Zweifel nicht gemeint); missbrauchen ihre Machtpositionen für sexuelle Gefälligkeiten, die dann später als einvernehmlich gelten; lachen über die sexistischen Witze ihrer Kumpels; rufen "Fotze" aus fahrenden Taxis, wenn Frauen auf dem nächtlichen Weg aus der Disco nach Hause nicht auf ihre sexistischen Anmachsprüche reagieren; stolpern als Herrenmannschafts-Spieler nach dem Handballtraining der Frauen-A-Jugendmannschaft "aus Versehen" in deren Duschkabine; machen als Fahrlehrer explizite Bemerkungen über Schülerinnen und legen ihnen ihre Hand aufs Knie; wollen nicht, dass ihre Freundinnen, Schwestern und Frauen mit anderen Männern befreundet sind, weil sie von sich auf andere Männer schließen; halten als Politiker Vergewaltigung in der Ehe für nix, das bestraft werden müsste; setzen sich als Mario Basler in reichweitenstarke Medienformate und erzählen im Jahr 2026, dass Fußball kein Frauensport sei, weil "unsexy"; oder sie schwärmen beim Weizenbier vor anderen Männer als 29-jährige CDU-Politiker von den "braunen Haaren" und "rehbraunen Augen" einer Realschülerin namens Eva. Ganz normal.
Daran ändert auch nichts, dass Manuel Hagel, CDU-Spitzenkandidat zur Landtagswahl in Baden-Württemberg, diese Worte im Jahr 2018 sagte. Denn offenbar sieht Hagel auch jetzt im Landtagswahlkampf 2026 nicht, wo genau der Pumps drückt – obwohl ihm seine Frau noch "am selben Abend", an dem er seine weirde Eva-Geschichte im Weizenbier-Talk "Auf ein Bier mit" bei "Regio TV" erzählte, "ordentlich den Kopf gewaschen" hätte. Gebracht hat es offenbar nichts. Denn Hagel hat keinerlei Bewusstsein für das Problem, das die grüne Bundestagsabgeordnete Zoe Mayer als "verbale Entgleisung" beschrieb. Ich würde sogar behaupten, dass Hagel die Geschichte komplett erfunden hat und das der eigentliche Skandal ist: Hagel hat die Eva-mit-den-Rehaugen-Story erfunden, weil er wusste, dass es gut ankommt, wenn er von Mann zu Mann beim Bierchen vor laufender Kamera von den physischen Eigenschaften einer Minderjährigen schwärmt. Weil das eben normal ist unter Männern. Auch 2026 sieht er kein grundlegendes Problem darin, auch, wenn er jüngst erklärte, dass "dieser Satz" den er im Weizenbier-Interview 2018 sagte "Mist" gewesen sei. In keiner Form ging er selbständig darauf ein oder nutzte die Steilvorlage, um sich als geläuterten Mann seiner Zeit und Umstände zu inszenieren, der jetzt aber ein Bewusstsein für den Missstand entwickelt hätte. Könnte man ja im Zweifel auch erfinden. Will Hagel aber nicht. Und braucht er auch nicht. Warum auch? Wenn selbst Cem Özdemir von den Grünen, sein direkter Konkurrent um die Ministerpräsidentenvilla, helfend ans Mikro springt und sich sicher ist, "dass Hagel dies heute nicht mehr so formulieren würde". Ganz der Gentleman-Konkurrent. Fair play. Wie man das halt so macht unter Männern. "Stutenbissigkeit" ist bekanntlich Weiberkram.
Grün-schwarzes Gentleman-Agreement
Der "Skandal" um Hagel ist kein Skandal. Denn jetzt schon juckt es keine Sau mehr, was Hagel geplappert hat. Nächste Woche ist er vielleicht designierter Ministerpräsident von Baden-Württemberg und dann geht’s wieder um das, was wirklich zählt: die Wirtschaft. Und selbst wenn Özdemir sich mit seinem Gentleman-Agreement über den ganz normalen Alltagssexismus nach oben geschwäbelt hat: Ein grüner Ministerpräsident wird auch nichts daran ändern. Denn auch Özdemir hat kein Problembewusstsein für Sexismus. Er fühlt die Gründe für die Aggressionen von Frauen nicht, die sich tagtäglich anstauen und sich an vermeintlichen Lappalien Bahn brechen. Das Problem ist nicht die einzelne Aussage. Es ist die Struktur und ihr elendiger Filz aus Netzwerken, Loyalitäten und impliziten Übereinkünften – die auch noch von Frauen verteidigt werden.
Dabei tragen sie die Konsequenzen patriarchaler Vetterleswirtschaft. Dass es Gruppen gibt, die den diesjährigen Internationalen Frauentag nicht am 8. März, sondern am 9. März mit einem bundesweiten Frauenstreik begehen wollen, weil der 8. März ein Sonntag ist, wird daran sehr wahrscheinlich auch nichts ändern, obwohl ein generalisierter Frauenstreik an einem Arbeitstag ein scharfes Schwert im Männerfilz wäre. Es ist wirklich zum Schießen: Im Internet kursieren bereits Texte VON FRAUEN in Zeitungen, die darüber informieren, dass es "nicht legal" sei, während der Arbeitszeit auf eine Demo für Frauenrechte zu gehen, wenn sie nicht gewerkschaftlich organisiert ist. Denn wie wir bereits wissen, kaufen sich auch deutsche Frauen erst mal eine Bahnsteigkarte, wenn sie einen Bahnhof besetzen wollen.




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