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Männerfußball

Boykott dem WM-Boykott!

Männerfußball: Boykott dem WM-Boykott!
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In Deutschland mehren sich die Rufe nach einem Boykott der Fußballweltmeisterschaft in den USA (und Kanada und Mexiko). Richtig wäre das Gegenteil: Wir Deutschen sollten mit einem Sommermärchen in Red, White and Blue zeigen, dass wir die größten Trump-Fans auf Erden sind, meint unser Kolumnist.

"Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt", heißt es in einer alten Weise des bedeutendsten deutschen Komponisten Jack White. Zu Ruhm gelangte die liebliche Melodei durch die Interpretation der westdeutschen Gesangself um Liberosopranist Franz Anton Beckenbauer und Nationalchorhüter Sepp Maier. Der musikalischen Brillanz zum Trotz offenbart die auch heute noch beliebte Symphonie die politische Unbedarftheit des deutschen Volkes: Nicht König Fußball regiert die Welt, sondern König Trump.

Kein Wunder also, dass derzeit in völliger Fehleinschätzung der Weltlage verwirrte Stimmen in Deutschland zu einem Boykott der Fußballweltmeisterschaft aufrufen. Die Debatte aufgeworfen hatten DFB-Vizepräsident Oke Göttlich, hauptberuflich Präsident des Kommunistenklubs St. Pauli, sowie CDU-Außenpolitiker Jürgen Hardt. Letzterer war gar der Meinung, angesichts der angedachten Annexion Grönlands könne man in den USA kein fröhliches Fußballfest feiern. Dabei muss es natürlich heißen: Jetzt erst recht!

Richtigerweise hat der DFB den Boykottforderungen bereits eine Absage erteilt: "Wir glauben an die verbindende Kraft des Sports und an die weltweite Wirkung, die eine Fußball-Weltmeisterschaft entfalten kann." Da gibt uns der Erfolg Recht: In Russland feierten wir anno 2018, vier Jahre nach der Krim-Annexion, ein fröhliches Fußballfest, zumindest in der Vorrunde. Die Wirkung, die diese WM danach entfaltet hat, ist bekannt und spricht für sich. "Die beste WM aller Zeiten", befand der integre FIFA-Vorzeigefunktionär Gianni Infantino völlig zu Recht.

Ein ebenso fröhliches Vorrundenfest feierten wir in Katar ("Schlicht und einfach die beste FIFA-WM aller Zeiten", Gianni Infantino), nachdem der katarische WM-Botschafter Khalid Salman im ZDF-Interview Homosexualität als "geistigen Schaden" bezeichnet hatte. Und jetzt sollen uns das geringfügige Grönlandgegriffel und ein paar ärgerliche ICE-Zwischenfälle abhalten?

Bayern-Trump Söder zeigt Weitsicht

Das Gegenteil eines Boykotts ist daher angezeigt: Wir sollten uns bei unserem Gastspiel in den USA als jenes Land hervortun, das die mit Abstand größte Sympathie für den großgeistigen US-Imperator hegt. Als Politiker mit Weitsicht zeigt sich hierbei einmal mehr Bayern-Trump Markus Söder, der die Rufe der Boykott-Boys als "völligen Quatsch" abgetan hat: "Was soll denn das sein, mal abgesehen davon, dass die Fußball-WM nicht nur in den USA stattfindet, sondern auch in Kanada und in Mexiko." Auf dieser beckmesserischen Differenzierung sollten wir gegenüber Trump allerdings nicht beharren.

Vielmehr wäre es an DFB-Präsident Bernd Neuendorf, bereits im Vorfeld des Turniers klarzustellen, dass Kanada aus deutscher Sicht ohnehin schon immer zu den USA gehört hat. Mexiko auch. Ebenso die USA-Gruppengegner Paraguay und Australien, die zudem darauf zu achten haben, mit hohen zweistelligen Niederlagen für einen gelungenen Auftakt der Amerikaner zu sorgen. Wer Trumps Truppe in der Vorrunde bezwingt, riskiert den Dritten Weltkrieg.

Doch nicht nur die unmittelbaren Gegner der US-Mannschaft können ihren Beitrag zur Deeskalation leisten. Um Trump zu imponieren, sollten die deutschen Nationalspieler auf ihren Trikots eine anglisierte Version ihrer Namen tragen: Im Tor Oliver Buildman, auf dem Feld David Room, Nico Shiverbeck und Niclas Fillpitcher. Coach: Julian Nailsman. Mit gutem Beispiel vorangegangen ist bereits DFB-Talent Nathaniel Brown.

"Soccer is coming home"

Ich persönlich habe mir zur Einstimmung ein Trikot der amerikanischen Nationalmannschaft mit der Beflockung "Trump" und der Rückennummer 1 bestellt. So tragen auch wir Fans zum Appeasement bei. Nicht nur gilt es, die WM in den USA und ihren zwei substaatlichen Verwaltungseinheiten Kanada und Mexiko abzufeiern, als ob es kein Morgen gäbe. Wir Deutschen sollten darüber hinaus den Support für die Nationalelf ausnahmsweise einstellen und stattdessen die US-Kicker unterstützen. Gelingt uns 2026 in Deutschland ein Sommermärchen in Red, White and Blue, so müssen wir Putin nicht länger fürchten. Je tiefer wir in den Potentatenpopo kriechen, desto sicherer. (Kontext-Ko-Kolumnist und Sportfachmann Bernd Sautter schrieb an dieser Stelle jüngst, er drücke Norwegen die Daumen. Nette Idee, aber wenn wir schon fremde Ölmächte unterstützen, dann bitte die mit den Atomraketen.)

Aus Respekt vor dem Gastgeber sollten wir zudem nicht länger über "Fußball" oder "Football" fachsimpeln, sondern den historisch korrekten, althergebrachten Namen der Sportart verwenden: "Soccer". Hiesige Soccer-Vereine könnten über eine Namensänderung nachdenken, etwa "Soccer-Club Bavaria Munich" oder "Soccer 04". Nicht vergessen, auch die Fangesänge sind anzupassen: Soccer is coming home!

Im krassen Gegensatz zu meiner klugen Strategie verhalten sich hingegen gewisse Teile der deutschen Öffentlichkeit. Ohne jede Not erzeugen sie Spannungen: Gregor Peter Schmitz, der Chefredakteur vom sleepy "Stern", schießt in seinem Leitartikel gegen das kerngesunde stabile Genie und verunglimpft Trump als "kranken, womöglich mittlerweile gar geisteskranken Mann". Fortuna sei Dank hat unser geistig gesunder Bundeskanzler bereits widersprochen: "Ich habe den Eindruck, dass Trump in vollem Umfang seinem Amt gewachsen ist. Ich habe keinerlei Anzeichen dafür, dass das anders sein sollte", verlautbarte Friedrich Merz, bei dem wiederum ich keinerlei Anzeichen dafür habe, dass er seinem Amt nicht gewachsen sein könnte.

So sad: Auswärtiges Amt linksgrünversifft

Noch schlimmer als der "Stern" treibt es unser Auswärtiges Amt, das USA-Reisenden rät, "wachsam" zu sein und sich fernzuhalten "von Menschenansammlungen, in deren Umfeld es möglicherweise zu Gewalt kommen könnte". Befolgte ich derart weicheiige Verhaltenstipps, könnte ich ja nicht mal meine Stammkneipe besuchen, geschweige denn ein deutsches Fußballstadion. Mr. Trump, sanktionieren Sie dieses linksgrünversiffte Auswärtige Amt!

Ebenso unbegreiflich die Reaktionen europäischer Politiker auf den gütigen Vorschlag des weisen amerikanischen Gottkaisers, erfahrene und gutausgebildete ICE-Mitarbeiter nach Italien zu den Olympischen Winterspielen zu schicken. Anstatt dankbar dafür zu sein, dass auch Europa von deren Sicherheitsexpertise profitieren darf, nörgelt der Bürgermeister Mailands: "Als Bürgermeister von Mailand und als Italiener möchte ich auf keinen Fall, dass diese private Polizeitruppe nach Mailand kommt. Es handelt sich um eine Polizei, die völlig illegal agiert und tötet." Wie wenig politisches Fingerspitzengefühl kann man an den Tag legen? Die Zufriedenheit des Großen Bruders sollte uns schon ein, zwei im Affekt niedergeschossene Mitbürger wert sein.

Ein Hoch auf Palantir

Besser macht es die brillante Bundesregierung: "Entscheidungen über Teilnahme oder Boykott von Sportgroßveranstaltungen liegen ausschließlich bei den zuständigen Sportverbänden, nicht bei der Politik", erklärte Christiane Schenderlein (CDU), Staatsministerin für Sport und Ehrenamt und berücksichtigte dabei die goldenen drei W der Diplomatie: Weghören, wegschauen, wegducken – bravo!

Niemals wieder wegschauen wird hingegen der amerikanische Überwachungsstaat: Wie im Zuge des "bedauerlichen Vorfalls" (Trump) um "Unruhestifter" (auch Trump) Alex Pretti aufs Tapet kam, filmt das ICE-Personal nicht nur sämtliche Einsätze mit Smartphone und Smartbrille, sondern legt mit diesem Material auch Datenbanken für "inländische Terroristen" an. Selbst Mitarbeiter von Palantir, jener ubiquitär involvierten allwissenden Datenkrake, fragten öffentlich, ob sie mit ihrer ICE-Kooperation auf der guten Seite der Macht agieren. Als zweifelten Stasi-Mitarbeiter beim Spachteln der Mauer plötzlich an ihrer Rechtschaffenheit.

Uns Fußballfans gereicht der Überwachungsapparat jedoch zum Vorteil: Einem knackigen Halbzeitwerbespot wie "Dieser Videobeweis wird Ihnen präsentiert von Palantir" fiebere ich jetzt schon entgegen. Und dank der präventiven Gefahrenabwehr der Spionagesoftware, die mittels statistischer Analyse Verbrechen verhindern soll, bevor sie begangen werden, kann der mit Smartglasses ausgestattete Schiedsrichter gegnerische Angriffe bereits frühzeitig abpfeifen, weil er schon vorher weiß, dass der nicht-US-amerikanische Stürmer später sowieso im Abseits gestanden hätte.

Auch als technologisch interessierter Mensch sollte man die WM im Trump-Reich also nicht verpassen. Denn Gianni Infantino und ich sind gewiss: Es wird mal wieder die beste WM aller Zeiten. Natürlich nur bis zur WM 2034 in Saudi-Arabien.

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