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Debatte um Arbeitszeit

Hände hoch, Umverteilung!

Debatte um Arbeitszeit: Hände hoch, Umverteilung!
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Die öffentliche Debatte um das Recht auf Teilzeit ist eine Farce. Statt offensiv mehr Leben vom Leben zu fordern, wird Teilzeit als entschuldbare Ausnahme verhandelt. Genau darin steckt bereits die Akzeptanz der Idee, Vollzeitarbeit sei der einzig legitime Normalzustand.

Linker Schreiberling zu sein, ist aktuell einerseits die Hölle – aber andererseits auf eine masochistische Art ganz geil. Denn klar fühlt es sich beschissen an, alles schon hundertmal gesagt und geschrieben zu haben, während sich die Schrauben der kapitalistischen Menschenmühle immer tiefer in die Seele drillen; aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es mir nicht eine Genugtuung gibt, recht dabei zu haben. Haha. Heul. Zum Beispiel damit, dass Lohnarbeit die Geißel der Menschheit ist. Mit dieser Einsicht bin ich selbstverständlich nicht allein. Viele schlaue Menschen vor mir hatten sie bereits. John Lennon zum Beispiel, wenn er den "Working Class Hero" besang; oder die Punkband "Mülheim Asozial", wenn sie sich aus dem letzten Loch pfeifend über "Yuppieschweine" auslässt. Auch auf Internetplattformen wie "Quora" oder "Gutefrage" beschäftigen sich Geknechtete seit jeher mit existenzialistischen Überlegungen wie "I really don't want to work. Is there something wrong with me?" (Übersetzt: "Ich will echt nicht arbeiten. Stimmt was nicht mit mir?") Meistgelikte Antwort: "My friend, there is absolutely nothing wrong with you." – ("Mein Freund, es ist nichts falsch an dir."). Sogar Spotify mit seinen rund 9.000 Angestellten hostet nicht nur hunderte Anti-Lohnarbeits-Playlisten wie "I hate My Job and My Coworkers" und "work sucks", sondern hat ironischerweise selbst eine Playlist namens "I Hate My Job" erstellt, die helfen soll, das Schicksal Lohnarbeit besser zu copen.

Lohnarbeit gehört abgeschafft. Jedes Kind weiß das, bevor es seine Unschuld über der Aufklärung verliert, dass Geld nicht einfach so aus dem Geldautomaten kommt, sondern nur ausgespuckt wird, wenn Vati 40 Stunden die Woche Scheiße schaufeln geht – oder andere um einen Teil ihres Lohns beraubt. Doch all die besungenen und verschriftlichten Einsichten haben Lohnabhängige nicht davon abgehalten, selbst auf den billigsten Taschenspielertrick der herrschenden Klasse hereinzufallen: Arbeiterinnen und Arbeiter glauben zu machen, dass ihre Knechtung alternativlos, natürlich, ja göttliches Prinzip sei und eine fundamentale Kritik an ihr so lächerlich wie ein Beschwerdefax an Petrus, wenn es am Geburtstag regnet. Ora et labora. Brainrot des modernen Menschen. Punkbands, Ex-Beatles und schwäbische Hassprediger:innen in linken Wochenzeitschriften können noch so viel singen und schreiben: Dem Großteil der lohnabhängig Beschäftigten in der ach so aufgeklärten westlichen "Wertegemeinschaft" ist die Natürlichkeit ihrer eigenen Ausbeutung so ins Knochenmark graviert, dass er sich ein Leben ohne Ausbeutung überhaupt nicht vorstellen kann.

Nicht anders ist die öffentliche Debatte um den neusten Streich der CDU durch Gitta Connemann zu erklären, die das Recht auf Teilzeitarbeit abschaffen und auf dem Bundesparteitag der Christdemokraten Ende Februar einen entsprechenden Antrag mit dem Titel "Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit" beschließen will. Nur mit Sondergenehmigungen – wegen Erziehung von Kindern, Pflege von Angehörigen oder beruflicher Weiterbildung – soll es so möglich sein, in Teilzeit zu arbeiten. Bekanntlich haben die Deutschen zu viel Life in ihrem Style und der muss ihnen nun mit aller Gewalt wieder ausgetrieben werden, da ja etwa milliardenschwere Sonderausgaben für militärische Aufrüstung gestemmt werden wollen. Anstatt jedoch selbstbewusst für mehr Leben vom Leben jenseits der Erwerbsarbeit einzustehen, wird Teilzeitarbeit durch die Bank – selbst von Linksliberalen und Sozialdemokraten – als bedauerliche Notlösung verteidigt. 

Burnout bitte im Privatleben abholen

Zwar empört sich die SPD über den Wahnsinn der CDU, Menschen gesetzlich zur Vollzeitknechtung zwingen zu wollen. Doch nicht, weil sie glaubt, dass der Mensch ein Recht auf ein gechilltes Leben jenseits der Mühle hätte. Sondern weil das Wording "Lifestyle-Teilzeit" laut Sebastian Roloff, dem wirtschaftspolitischen Sprecher der SPD im Bundestag, "eine Verhöhnung von Millionen Beschäftigten – überwiegend Frauen –" sei, die in Teilzeit arbeiten würden, "weil die Rahmenbedingungen für Vollzeit schlicht nicht stimmen". Würden sie stimmen, würden sie natürlich in Vollzeit arbeiten, so die Suggestion. Selbst in der Linkspartei begründet Ines Schwerdtner ihre Empörung darüber, dass die CDU das Recht auf Teilzeit als "Lifestyle" "diffamiere", damit, dass das "respektlos gegenüber Millionen" sei, "die Kinder großziehen, Angehörige pflegen oder schlichtweg versuchten, Arbeit und Leben unter einen Hut zu bringen". Und auch die IG-Metall-Chefin Christiane Benner erzählt, dass es zahlreiche Untersuchungen gebe, die zeigen würden, dass viele Menschen gerne länger arbeiten würden, wenn man sie doch nur ließe und es mehr Kita- und Pflegeplätze gäbe.

Klingt für Linksliberale ohne intervenierende Commie-Freunde vielleicht erstmal gar nicht so falsch. Doch in dieser Argumentation für die Teilzeit steckt bereits die Kapitulation. Denn sie übernimmt die Prämisse der Sklaventreiber: Vollzeit ist der Normalzustand. Wer davon abweicht, steht unter Rechtfertigungsdruck. Wer wie Roloff, Schwerdtner oder Benner argumentiert, meint es vermutlich gut, verklärt Teilzeit aber zu einem moralischen Regelbruch, der nur durch besondere Umstände entschuldigt werden kann. Durch unbezahlte Care-Arbeit etwa – mit der aber nicht gegen die Herrschaftslogik argumentiert wird, sondern lediglich die Ausnahmegenehmigungen innerhalb derselben moralisch beglaubigt werden. Wenn das Recht auf Teilzeit vor allem damit verargumentiert wird, dass Menschen Kinder betreuen oder Angehörige pflegen, tritt der doppelte Ausbeutungscharakter zum Vorschein, mit dem Lohnabhängige gegaslightet werden: Nicht nur wird die systemimmanente Abwälzung von Sorgearbeit ins Private nicht grundsätzlich angegriffen, on top wird ihnen noch eingeredet, dass es nur okay ist, nicht "voll" zur Volkswirtschaft beizutragen, wenn sie sich ihren Burnout im Privatbereich abholen.

Und als wäre das nicht asozial genug, wird (nicht erst) seit der Gerhard-Schröder-SPD das Märchen von der Schuld der lohnarbeitenden Bevölkerung kolportiert: “Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft.” Wenn's dem Land schlecht geht, dann wegen ein paar Faulenzern. Derselbe Rotz jetzt in christdemokratisch von Friedrich Merz: "Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können." Und weil CDU-Bullshit bekanntlich immer wahrer wird, wenn CSU-nahe Volksschauspielerinnen wie Uschi Glas die letzten Gehirnzellen in Polit-Talkshows tanzen lassen, darf diese Säulenheilige des ganz normalen Menschenverstandes bei "Maischberger" kräftig mit einpeitschen, "den Gürtel enger" zu schnallen für "unser Land". Kann ja wohl nicht angehen, dass Uschis Glas' Putzfrau auf die Idee kommt, Margaritas zu sippen, während reiche Erbinnen und Besitzer von Produktionsmitteln noch reicher werden wollen. Abgesehen von der ideologischen Verblödung widersprechen sogar blanke Zahlen den Stimmen im Kopf von Uschi Glas: Noch nie waren in Deutschland so viele Menschen erwerbstätig wie heute – rund 46 Millionen. Die Beschäftigung befindet sich seit Jahren auf Rekordniveau. Gleichzeitig dokumentieren Arbeitszeitstudien regelmäßig ein immenses Überstundenvolumen, ein erheblicher Teil davon unbezahlt.

"Freizeit" – ein perverser Begriff 

Aber selbst wenn die Zahlen anders aussähen. Der Punkt ist folgender: Es ist das Gesündeste und Normalste der Welt, mehr Life als Work zu wollen! Warum zur Hölle sollten sich Menschen rechtfertigen, viel Zeit für Lesen, Bildung, Freundschaften, Kreativität, Musik, politisches Engagement, Reisen, Fahrradfahren oder schlicht Nichtstun haben zu wollen? Warum sollte es nicht okay sein, Lohnarbeit zu vermeiden, wo es nur geht? Warum sollen sich Menschen in "Lifestyle-Teilzeit" schlecht fühlen, wenn sie "Lifestyle-Vollzeit" ablehnen und sich nach dem erknechteten Geld für Dach und Brot und Zigaretten den ganzen Tag den Gürtel von Uschi Glas da durchziehen, wo die Sonne nicht hinscheint? Wen das triggert, der sollte sich ehrlich die Frage stellen: warum? Weil man sich selbst keine Teilzeitstelle leisten kann? Wäre das aber nicht ein Grund dafür, sich dafür stark zu machen, dass alle weniger lohnarbeiten gehen müssten?

Die moralisch-religiöse Verklärung der Vollzeitarbeit dient nicht der Produktion von gesellschaftlichem Mehrwert. Sie diszipliniert. Sie macht aus Bürgerinnen und Bürgern Arbeitssklaven, die ihren Wert über Auslastung definieren. Der CDU-Vorstoß ist deshalb mehr als der Ausdruck arbeitspolitischer Sorgen. Er ist ein Test. Wie weit lassen sich die Schrauben der Menschenmühle noch drehen? Wie viel Lebenszeit kann man noch in ökonomische Verwertbarkeit überführen, ohne dass es knallt? In Zeiten gigantischer Aufrüstungsprogramme und fiskalischer Prioritätenverschiebungen wird jede Stunde, die nicht in Erwerbsarbeit fließt, zum Wirtschaftsfaktor. "Freizeit" – ein perverser Begriff, der es erst 1929 in den Duden schaffte und den es ohne den Zwang Lohnarbeit gar nicht geben würde – wird zur Ressource, die Deutschlands wirtschaftliche und politische Elite mobilisieren will, um sich selbst die Taschen vollzustopfen. Schulen, Pflegeeinrichtungen und Kitas werden deshalb nicht ausgebaut und renoviert. Vor ein paar Tagen setzte die CDU sogar noch einen drauf: Zahnbehandlungen sollen selbst bezahlt werden. Kein Zweifel: Diese Regierung will wissen, wie tief sie bohren kann.

Deshalb muss das emanzipatorische Argument gegen die Verachtung von Lohnabhängigen viel radikaler sein. Es muss die Frage stellen, warum eine hochproduktive Volkswirtschaft nicht in der Lage ist, ihren Mitgliedern seit der Einführung der 40-Stunden-Woche in den 1950er-Jahren mehr freie Zeit und Versorgung zu garantieren. Technologischer Fortschritt wurde historisch stets mit dem Versprechen verbunden, Arbeit zu erleichtern, mehr "Freizeit" zu ermöglichen. Tatsächlich aber wird die gewonnene Produktivität vor allem in einen Wachstumsfetisch übersetzt, nicht in kollektive Entlastung. Diese Regierung schuldet mir mehr Life im Style. Nicht weniger. Allen Lohnknechten. Wir haben keine Bitten zu stellen. Wir haben Forderung zu stellen: Geld her, oder wir schießen! Teilzeit mit vollem Lohnausgleich, oder wir zünden den Laden an! Umverteilung oder Stress! Das muss die Antwort sein. Denn offenbar haben die Connemanns dieser Regierung vergessen, wer die Sessel bezahlt, in die sie furzen.

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