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Mobilität und Erotik

Radfahren ist geil

Mobilität und Erotik: Radfahren ist geil
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Autoaufkleber darf man nicht ernst nehmen. Eigentlich eine goldene Regel. Leider nicht beherzigt von unserem Kolumnisten. Der hatte auf dem Fahrrad zu viel Zeit, sich Gedanken über einen dummen Spruch zu machen.

Das Fahrrad hat zahlreiche Vorzüge. Leider verschwinden sie in der alltäglichen Debatte um zeitgemäße Mobilität unter einem riesigen Regencape des Schweigens. Zu den großen Vorteilen des edelsten aller Gefährte zählt unter anderem die Unmöglichkeit, weithin lesbare Aufkleber an den Rahmen zu kleben. Beim Auto geht das. Als ich neulich an der Ampel stand, wurde ich vom Hinterteil eines Fords angesprochen: "Du bist vielleicht schneller", sprach der Ford, "aber ich fahr vor dir." So ist das eben als Radfahrer. Du bist im Straßenverkehr der Schwächere. Und du kannst dich nicht dagegen wehren, auf offener Straße vom Arsch eines Autos angelabert zu werden. Zugegeben, die meisten Kleber sind harmlos. Leider nicht alle. Letzten Sommer ist mir einer in den falschen Hals gerutscht. 

"FUCK YOU GRETA" stand in wuchtigen Buchstaben auf dem gut gespoilerten Porsche, der in der Mitte der Straße stand. Der Motor der neonfarbenen Flunder röhrte aus achteinhalb Auspuffrohren. Welch Memme! Angst hatte er, der kleine Raketenwissenschaftler. Mit seinen Spoilern traute er sich nicht über diese Plastik-Maulwurfshügel, die weitsichtige Verkehrsplaner in gepflegten Innenstädten anbringen. Verkehrsberuhigte Zonen nennt man das. Nur ich wollte mich nicht beruhigen, eben wegen des Spruches. Die Temposchwellen übersprang ich zwar locker, vorbei am stehenden Boliden, auf dessen tiefergelegte Insassen ich locker herabsah. Natürlich in der Hoffnung, der eitle Poser möge von meinem mitleidigen Blick Notiz nehmen. Typischer Fall von Pyrrhussieg.

Populärer Irrtum

Ich radelte zwar weiter. Aber mein Puls war nicht mehr der sportlichen Fahrweise geschuldet. Die fetten Buchstaben wurde ich nicht los. Zumal ich im Greta-Hass keine Einmischung in den Nahostkonflikt erkennen wollte. Es handelt sich hier zweifellos um einen Frontalangriff auf Anstand, unsere Gesellschaft und meine persönliche Art der ökologisch-dynamischen Fortbewegung. Was bildet sich dieser Möchtegern-Fittipaldi eigentlich ein? Glaubt der im Ernst, sein schlichter Achtziger-Style würde seinen Penis verlängern? Fataler Irrtum. Denn es ist andersrum. Bei potenzfördernder Fortbewegung ist das Fahrrad unschlagbar. Absolut top. Mit weitem Abstand! Radfahren ist das absolut endgeile Ding! Und es besteht heutzutage kein Zweifel daran, dass Studien, die zu anderen Ergebnissen kommen, vom autofahrenden Teil der Wissenschaft verfasst wurden – oder aus Amerika stammen. Wahrscheinlich mit freundlicher Unterstützung aus dem US-Gesundheitsministerium.

"Es gibt zwei Sorten männlicher Radfahrer. Die einen sind impotent, die anderen werden es." Der Satz stammt wohl vom amerikanischen Sexualmediziner Irwin Goldstein. Ihm zufolge wären vier Prozent aller Radfahrer impotent. Norwegische Forscher kamen zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Häufigkeit von Impotenz und Penis-Taubheit im Radsport wäre größer als angenommen, sekundierten sie. Irgendwann am Ausgang des letzten Jahrhunderts.

Konditionsvorteile

Das kommt halt raus, wenn Forscher, die permanent unter Männergrippe leiden, sich um die Männergesundheit sorgen. Wenn du jetzt aus eigener Erfahrung sagst, Moment mal, bei mir wird's aber auch taub, würde ich dir unbedingt raten, deinen Sattel besser einzustellen. Und falls du selbst zum Thema forschen willst, bitteschön. Du wirst vielleicht auf einzelne Alt-Quellen stoßen, die die Impotenzthese belegen, aber so ist das halt: Radfahrerinnen und Radfahrern Erregungsprobleme zu bescheinigen, klickt eben gut. Die Schlagzeile "Radfahrende sind ganz normale Leute" klickt eher schlecht.

Wer's wissenschaftlich will, bitteschön. Eine britische Studie mit 4.000 Männern und eine saudi-arabische mit über 5.000 Männern liefert die Beweise: Nichts dran an der Impotenz-These. Die Barmer Ersatzkasse – und die muss es schließlich wissen – zieht einen Strich unter die Studienlage und stellt klar: garantiert geschwurbelt. Im Ersatzkassenwortlaut: "Trotz hartnäckiger Gerüchte: Auch regelmäßiges Rennradfahren schadet der Fruchtbarkeit nicht, wie aktuelle Daten zeigen. Auch kommt es durch das Radfahren normalerweise nicht zu Erektionsproblemen." Natürlich kannst du Leuten, die mit dem Gasfuß denken, nicht mit Nachhaltigkeit oder wissenschaftlichen Erkenntnissen daherkommen. Drum brech' ich das mal runter auf eine simple Erkenntnis. Sie lautet: Radfahrerinnen und Radfahrer sind im Bett spürbar besser als jeder Recarositzpupser. Aus so vielen Gründen – unter anderem wegen Kondition, Durchblutung, Top-Herzrhythmus und jeder Menge anderer Nebenwirkungen der Fitness. 

Body Positivity

Auch in punkto Charakterstärke sind Radfahrende im Vorteil. Überleg mal, was die für hässliche Trikots anziehen. Quietschbunt, um gesehen zu werden. Knalleng wegen der Aerodynamik. Ganz zu schweigen vom Eimer auf dem Kopf. Den zieht ja auch keiner auf, weil er attraktiver macht. Alles in allem kannst du ruhig zugeben: Wer sich traut, sich dermaßen exzentrisch gekleidet in den Straßenverkehr zur Schau zu stellen, muss schon ein gutes Verhältnis zu seinem Körper haben. Und jetzt kommt's: Diese Schamlosigkeit hilft beim guten Sex. Nichts Neues. Gesundes Selbstbewusstsein hilft eben in so vielen Lebenslagen. Hast du zufällig den Kultfilm "Mädchen, Mädchen" in Erinnerung? Als Inken mit ihrem Freund Schluss macht und dann nach Hause fährt. Und plötzlich spürt sie den ersten Orgasmus ihres Lebens, den lang ersehnten. Legendäre Szene, natürlich auf dem Fahrrad!

Jetzt kannst du natürlich nicht alle Leute zu ihrem Glück zwingen, schon gar nicht in der Mobilität. Nur zum Beispiel: Beim Weichei mit dem hässlichen Aufkleber wäre sicherlich jedes Argument vergeudet. Ihm würde ich allerdings gerne den freundschaftlichen Rat geben, seine Sitzheizung auf maximale Stufe zu stellen. Bei diesen grob unsportlichen Sitzschalen soll das ja gut funktionieren. Der soll sich bitte anständig einheizen. Schließlich ist wissenschaftlich bewiesen, dass Spermien langsamer und unbeweglicher werden, wenn's untenrum kuschelig wird.

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