Erst als Kinder starben, etwa ein achtjähriges Mädchen ohne Vorerkrankung, erklärte der JFK-Neffe öffentlich, was die Wissenschaft bereits vor Jahrzehnten geklärt hatte: "Impfstoffe schützen nicht nur einzelne Kinder vor Masern, sondern tragen auch zur Immunität der Gemeinschaft bei und schützen diejenigen, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können." Dass auch die Ernährungstipps von Dr. Frankenstein dem wissenschaftlichen Sachstand widersprechen, verwundert demnach nicht und ich habe mich daher auch nicht en détail damit befasst. Vermutlich soll in den USA fortan statt zwei Liter Cola am Tag nur noch ein Liter Sprite getrunken und zu jedem dritten Hamburger eine Ladung Ozempic gespritzt werden.
Obendrein hat Kennedy die deutsche Regierung in einem vierminütigen Video attackiert und einen Brief an Gesundheitsministerin Warken geschrieben. (Genie Kennedy adressierte den Brief an Miss "Nina Workin".) Er behauptet darin fälschlicherweise, in Deutschland würden Tausende Ärzte politisch verfolgt, weil sie während der Pandemie "den Status Quo" hinterfragt hätten. Käme das aus Russland, würde man es Desinformation nennen.
Ohne Weltkrieg ist es kein Faschismus?
Denn natürlich sind das Fake News. Wenn Ärzte in Deutschland vor Gericht stehen, dann nicht wegen abweichender Meinung, sondern etwa wegen knallharter Dokumentenfälschung. Der "Spiegel" schildert beispielsweise den Fall einer Ärztin, die auf "Corona-Partys" Hunderten Leuten falsche Atteste ausgehändigt hatte, ohne die Menschen zu untersuchen. 25 bis 50 Euro pro Falschattest blechten die Kunden und bekamen dafür eine Bescheinigung, der zufolge sie weder Maske tragen noch eine Impfung erhalten könnten. Die Ärztin kassierte mehrere tausend Euro pro Abend. Dafür erhielt sie eine Freiheitsstrafe in Höhe von zwei Jahren und acht Monaten, die jüngst vom Bundesgerichtshof bestätigt wurde.
Selbstredend geht es Kennedy auch gar nicht um Gesundheitspolitik, sondern darum, einen weiteren Pflock in die deutsche Gesellschaft zu schlagen. Er folgt damit Elon Musk, der offen eine rechtsextreme Partei in Deutschland unterstützt; er folgt JD Vance, der das Erodieren der Meinungsfreiheit in Deutschland halluziniert; und er folgt Donald Trump, der bereits erwägt, deutsche Verfassungsschutzvertreter zu sanktionieren, weil die AfD als gesichert rechtsextrem eingestuft wurde. Notabene: Diese Demokratiekritik erreicht uns aus einem Land, in dem am helllichten Tag maskierte Staatsbeamte Zivilisten auf offener Straße erschießen.
Aber selbst das ICE-Morden scheint weder hüben noch drüben auszureichen, um öffentlich vom Faschismus zu sprechen. Zumindest für die deutsche Presse liegt die Faschismuslatte vielleicht auch einfach zu hoch: Alles unter sechs Millionen Juden und einem Weltkrieg bewegt sich für den Deutschen irgendwo zwischen "rechtspopulistisch" und "rechtskonservativ".
Unbemerkt von der Medienlandschaft hat sich so der Wahnsinn 2026 endgültig Bahn gebrochen und regiert ganz offiziell die Welt. Und glauben Sie mir, ich kenne den Wahnsinn, ich habe letzten Samstag "Die Schlagerchampions" in der ARD gesehen. Häufig denke ich dieser Tage an einen Satz aus Chuck Palahniuks "Fight Club". Der Roman wie auch die von der Geschichte leicht abweichende Verfilmung von 1999 erzählen von moderner Gesellschaftsablehnung, die heute vielleicht noch nicht vollständig zum Mainstream avanciert ist, aber weite Kreise gezogen hat. An einer Stelle heißt es: "Unter und hinter und in allem, was der Mann für selbstverständlich gehalten hatte, war etwas Grauenvolles gewuchert."
Besagter Mann, Manager eines Luxushotels, blickt im Roman entsetzt auf seinen Angestellten: ein Kellner, der ihm justament offenbart, jahrelang in die Suppen gepisst und ins Crème brûlée gefurzt zu haben, und der nun anbietet, auf ein reuiges Zeitungsinterview mit tränenreichem Geständnis zu verzichten, sofern er im Gegenzug nicht mehr zur Arbeit erscheinen muss, aber weiterhin bezahlt wird. Im Film sehen wir den Angestellten, wie er sich selbst mit voller Wucht die Faust ins eigene Gesicht rammt, um seinem Boss einen gewaltsamen Angriff in die Schuhe zu schieben und ihn damit zu erpressen. Unter und hinter und in allem, was der Mann für selbstverständlich gehalten hatte, war etwas Grauenvolles gewuchert.
Donalds Schoßhündchen
Mir geht es wie dem Chef. Dass die Regierung jenes Landes, das vor 80 Jahren Hitler besiegt hat, bei uns nun eine rechtsextreme Partei installieren will, hielt ich für unvorstellbar. Aber unter und hinter und in allem, was ich für selbstverständlich gehalten hatte, ist etwas Grauenvolles gewuchert. Der US-Präsident pisst und furzt eben nicht nur in die amerikanische Demokratie, sondern auf den ganzen Globus. Und allerorten finden sich Speichellecker, die begierig den Mund öffnen. Hierzulande etwa Beatrix von Storch, die bei Markus Lanz ganz offen Landesverrat gestand und erklärte, sie gebe selbstverständlich und in aller Regelmäßigkeit Namen und Informationen an das Trump-Regime preis, wenn dieses danach frage. So lässt sich auch leicht erahnen, welche Seuchenvögel Krankheitsminister Kennedy seine irrigen Annahmen über Deutschland gezwitschert haben.
Folglich schweigen auch die Parteichefs Weidel und Chrupalla zum Eingriff in Venezuela. Einerseits geriert man sich zwar als Friedenspartei und hat sich ins eigene Parteiprogramm geschrieben, "dass sich kein Land in die inneren Angelegenheiten eines anderen einmischen darf". Andererseits ist man halt Donalds Schoßhündchen. Wenn deutsche Politiker etwa mit Symbolen wie einer Regenbogenbinde auf Menschenrechte in Katar hinweisen, dann gilt das bei der AfD als übergriffige Einmischung, aber wenn ein US-Präsident einen Staatschef entführt, dann ist das Großraumordnung nach Carl Schmitt.
Hoffnung macht hingegen Björn Höcke – ein Satz, von dem ich auch nicht gedacht hätte, ihn jemals zu schreiben. Sein Hardcore-Hitler-Lager hält nach wie vor wenig von der Siegermacht USA. Der neurechte Denkerimitator Benedikt Kaiser, der als Assistent des Höcke-Vertrauten Robert Teske im Bundestag arbeitet, kritisierte etwa das "devote, würdelose und pauschal unkritische Trump-Abfeiern". So könnte sich in der AfD womöglich abermals eine Kluft auftun entlang der traditionellen Trennlinie zwischen Höcke-Flügel und Parteispitze, in der diese Nonsens-Partei dann hoffentlich versinkt. Und wer weiß: Vielleicht wachen sogar die deutschen Wähler noch auf, wenn ihnen dämmert, welche Partei die trottolöse Trump-Politik nach Deutschland tragen will. Ja, Sie lesen richtig: Ich habe noch Träume! Und in denen ist die letzte Glatze im Land die FDP-Generalsekretärin.
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